Schweinehaltung

Schwanzbeissen: Die Vorzeichen erkennen

Bucht-in-Bucht (3)
Franziska Plank, LfL Tierhaltung, Grub
am Freitag, 21.08.2020 - 10:59

Das Risiko von Schwanzbeißen ist bei unkupierten Tieren erhöht. Durch intensive Tierbeobachtung und geeigneten Gegenmaßnahmen kann Schwanzbeißen reduziert werden. Manchmal müssen Einzeltiere separiert werden.

Auf einen Blick

  • Betriebe, die über längere Zeit keine Probleme mit Bissverletzungen an Ohren und Schwänzen hatten, können sich langsam an den Ringelschwanz herantasten und erste Erfahrungen mit einer kleinen Gruppe sammeln.
  • Tierbeobachtung ist bei unkupierten Tieren besonders wichtig. Dazu gehört das sorgfältige Beachten des Tierverhaltens.
  • Schnelle Gegenmaßnahmen am LVFZ Schwarzenau konnten schwerere Schwanzverletzungen um 25 % senken.

Aktionsplan Kupierverzicht

Notfallkoffer_Seil

Der Verzicht auf das routinemäßige Kupieren der Schwänze von neugeborenen Ferkeln ist – spätestens seit dem „Aktionsplan Kupierverzicht“ – in aller Munde. Erste Betriebe tasten sich bereits mit kleinen Tiergruppen an das Halten von unkupierten Tieren in konventionellen Ställen heran. Mit unterschiedlichem Erfolg.

Um das Risiko von Schwanzbeißen zu reduzieren, wurden in Schwarzenau, im Versuchszentrum für Schweinehaltung der Bayerischen Staatsgüter, seit 2011 bis jetzt Versuche mit mehr als 3300 unkupierten Ferkeln von der LfL durchgeführt. Alle Versuche fanden in einem konventionellen, strohlosen Haltungssystem statt. Neben vorbeugenden Maßnahmen sollten insbesondere auch Warnsignale erkannt werden, um frühzeitig geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Nach dem Absetzen der unkupierten Ferkel lag der Fokus zunächst auf der zwei- bis dreimal täglichen Beobachtung der Tiere (zusätzlich zum Kontrollgang), um etwaige Verhaltensänderungen zu erkennen. Häufig waren bereits einige Tage vor dem tatsächlichen Beißausbruch erste Anzeichen zu erkennen.

Worauf ist zu achten?

Belly-nosing

Tierbeobachtung ist beim Halten von unkupierten Tieren besonders wichtig. Dazu gehört die sorgfältige Beobachtung des Tierverhaltens. Ein sicheres Anzeichen für ein beginnendes Beißgeschehen sind eingezogene Schwänze. Sobald die Tiere zunehmend ihre Umgebung oder andere Buchtengenossen (z. B. „Belly- nosing“) bearbeiten, sollte den betroffenen Buchten bei den folgenden Kontrollgängen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Belly-nosing ist besonders häufig bei frisch abgesetzten Ferkeln zu beobachten. Ebenso sollten Buchten, in denen zunehmend Unruhe und aggressives Verhalten gegenüber begrenzten Ressourcen (bsw. Futter oder Wasser), Buchtengenossen oder auch dem Betreuer erkennbar sind, in den Fokus der weiteren Beobachtungen rücken.

Notfallkoffer_Jutesack

Es gibt auch Studien, in denen vor dem Beißausbruch eine geringe Aktivität der Tiere zu erkennen war. Verantwortlich für diese Ruhe konnte das Auftreten verschiedener Krankheiten gemacht werden. Generell ist das Verhalten stark von der Tageszeit und vom Alter der Tiere abhängig. Deswegen ist besonders darauf zu achten, die Tiere während einer „Aktiv-Phase“ zu beobachten. Gut geeignet sind die Nachmittagsstunden. Es ist aber nicht immer möglich, etwaige Verhaltensänderungen sofort zu erkennen und richtig zu interpretieren.

Spätestens muss dann reagiert werden, wenn das erste Ferkel den Schwanz aktiv zum Körper zieht und zwischen den hinteren Beinen einklemmt. Dieses Tier wurde bereits gebissen und hat schon schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Ist eine solche Schwanzhaltung erkennbar, sind unverzüglich Gegenmaßnahmen einzuleiten. Zu diesem Zeitpunkt müssen noch keine blutigen Verletzungen erkennbar sein.

Notfallkoffer_Heukorb

Schnelle, wedelnde (schlagende) Bewegungen mit dem unkupierten Schwanz sind ebenfalls ein Alarmsignal für schmerzhafte Bisse. Auch in diesem Fall muss umgehend entgegengewirkt werden.

Forscher vom dänischen Forschungszentrum für Schweine („SEGES“) haben die Schwanzhaltung vor einem Beißausbruch genauer unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse verdeutlichen auch in diesen Studien, dass in den betroffenen Buchten bereits einige Tage vor einem Beißausbruch (erste blutige Verletzungen) deutlich weniger Tiere mit geringelten Schwänzen vorzufinden waren. Der Anteil der Tiere mit hängenden oder eingezogenen Schwänzen nahm bis zum Tag des tatsächlichen Beißausbruchs zu.

Eingeklemmter_Schwanz (2)

Allein durch das unverzügliche Einleiten von Gegenmaßnahmen (Ablenkung durch zum Beispiel Seile, Jutesäcke, Raufutter und bei Bedarf Separation der Beißer) konnten am Versuchszentrum in Schwarzenau schwerere Schwanzverletzungen um 25 % reduziert werden.

Das Auftreten von ersten Verletzungen kann sich zwischen einzelnen Buchten, Abteilen oder Durchgängen stark voneinander unterscheiden. Bissverletzungen treten teilweise „von heute auf morgen“ auf, manchmal baut sich das Beißgeschehen aber auch über einen längeren Zeitraum auf. In jedem Fall müssen bei ersten erkennbaren Alarmsignalen sofort geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Nur dann ist es möglich, den Beißausbruch möglichst noch zu stoppen und das Ausmaß der Verletzungen und Teilstückverluste zu reduzieren.

In den Schwarzenauer Versuchen hat sich das Bereitstellen eines „Notfallkoffers“ bewährt. Dieser war sofort einsatzbereit und ständig zur Verfügung. Er enthielt vor allem attraktive Beschäftigungsmaterialien, die für Ablenkung in der Bucht sorgen sollten.

Bei ersten Anzeichen für Ablenkung sorgen

Bei ersten Anzeichen, wie Verhaltensänderungen oder wedelnden Schwänzen wurde zunächst versucht, mit Hilfe von Jutesäcken und Seilen für Ablenkung zu sorgen und einen möglichen anstehenden Beißausbruch abzuwehren. Bei den Seilen erwies sich insbesondere Baumwolle als geeignetes Material, da sich diese Seile durch eine längere Haltbarkeit als beispielsweise Hanf und Sisal auszeichnen.

Sobald vermehrt eingeklemmte Schwänze und erste blutige Verletzungen am Schwanz erkennbar waren, war Raufutter das Mittel der Wahl. Positiven Einfluss auf das Beißgeschehen hatten sowohl Heu, Luzerneheu aber auch Stroh, Äste oder lebensmittelechte Papiersäcke. Ergänzend können auch in einem solchen Stadium Jutesäcke und Seile eingesetzt werden.
Wurde vorbeugend Raufutter (Heu) zusätzlich ad libitum zum Kraftfutter angeboten, konnte der Anteil an unkupierten Tieren, die zum Ende der Ferkelaufzucht keinen Teilverlust am Schwanz aufwiesen, auf 86 % erhöht werden. Ohne Raufutter behielt dagegen nur gut ein Drittel der Ferkel die volle Schwanzlänge. Auch schon geringe Gaben von Heu können in konventionellen Ställen zu einer Überforderung des bestehenden Güllesystems und einer erhöhten Fliegenbelastung führen.

Hartnäckige Beißer

Unabhängig vom verwendeten Material ist die tatsächliche Verfügbarkeit und regelmäßige Abwechslung entscheidend, damit es für die Tiere interessant bleibt. In den Schwarzenauer Versuchen hat sich ein mindestens tägliches Auffüllen und ggf. Aufschütteln (bei Heu/Stroh) des Raufutters bewährt.
Gelingt es trotz aller unternommenen Gegenmaßnahmen nicht, das Beißgeschehen zu beenden, ist es unerlässlich, zumindest den „hartnäckigen“ Beißer aus der Bucht zu nehmen. Gelegentlich ist es auch notwendig, stark verletzte Tiere aus der Bucht zu entfernen, wenn die Wunden in der Bucht nicht ausheilen können. Dafür sind für mind. 3 – 5 % der unkupierten Tiere Separationsbuchten vorzuhalten. Ein solches Ausmaß ist in bestehenden Beständen in der Regel aber nicht vorhanden, zumal separierte Tiere nicht zu anderen Tieren in die Krankenbucht gestallt werden können. Das gilt insbesondere für die Beißer.
In Schwarzenau hat man sich beholfen, indem man bei Bedarf einen Teil einer herkömmlichen Bucht abgetrennt und als Separationsbucht verwendet hat. Das separierte Tier teilt sich weiterhin den Trog mit den bisherigen Buchtengenossen und der Sicht- und Nasenkontakt bleibt über die Gitterstäbe am Trog bestehen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die geschlossenen Trennwände in der Mast etwa 60 cm und in der Ferkelaufzucht etwa 30 bis 40 cm hoch sein sollen (Wochenblatt Nr. 40/2015).

Forschungsbedarf

Das beschriebene Auftreten von Schwanzbeißen wird als aktives Schwanzbeißen bezeichnet. Getrennt davon muss ein sekundäres Beißgeschehen an Schwanz und Ohren betrachtet werden, welches mit einem vorhergehenden Auftreten von Nekrosen in Verbindung steht. Zu beiden Themen müssen noch weitere Erkenntnisse gewonnen werden.
Betriebe, die aktuell die Schwänze kupieren und über eine längere Zeit keine Probleme mit Bissverletzungen an Schwanz und Ohren hatten, können sich langsam an die Thematik herantasten und erste Erfahrungen mit einer kleinen Gruppe (z. B. eine Bucht oder ein Wurf) an unkupierten Tieren sammeln.