Schweinehaltung

Schwanzbeißen: Nicht nur durch Stress

Prof. Dr. Dr. habil. Gerald Reiner, Universität Gießen
am Montag, 16.11.2020 - 09:43

Langfristig soll bei Schweinen auf das Schwanzkupieren verzichtet werden. Leider gibt es noch nicht den „Stein der Weisen“, wie Schwanzbeißen sicher verhindert werden kann. Ursache können auch Stoffwechselstörungen sein.

Auf einen Blick

  • Nicht nur Stress kann zu Schwanzbeißen führen. Auch Stoffwechselstörungen kommen als Ursache infrage.
  • Untersuchungen der Uni Gießen zeigten, dass Entzündungen und Nekrosen an Schwänzen, Ohren und Klauen bereits bei Saugferkeln vorlagen.
  • Das Krankheitsbild wird als „Entzündungs- und Nekrosesyndrom des Schweins“ (SINS) bezeichnet.
  • Dass bereits neugeborene Ferkel SINS-Auffälligkeiten zeigen, muss von einer Belastung der Sauen herrühren.
  • Faktoren, die bei der Sau zu MMA führen, lösen bei den Ferkeln SINS aus.

Bessere Haltungsbedingungen nicht immer erfolgreich

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Bei den aktuellen Diskussionen zur Ursache von Schwanz- und Ohrenbeißen wird in erster Linie Stress genannt. Stress durch ein ungünstiges Stallklima, Stress durch Mängel bei Fütterung und/oder Wasserversorgung, Stress durch Langeweile, Stress durch eine Erkrankung etc. sorgen dafür, dass die genannten Verhaltensanomalien zum Ausbruch kommen.

Das Problem: Auch die Berücksichtigung aller Haltungsbedingungen im Schweinestall ist nach wie vor keine Garantie, dass Schwanzbeißen verhindert werden kann. Vor diesem Hintergrund sehen nicht nur Landwirte das Kupierverbot mit Sorge. Feldbeobachtungen und wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass ohne Kupieren unter den vorhandenen Haltungsbedingungen mit einer Zunahme der Schwanzläsionen von etwa 3 % auf bis zu 70 % gerechnet werden muss. Aber selbst bei Freilandhaltung der Schweine wurden in der Schweiz Schwanzbeißprävalenzen zwischen 14 und 20 % nachgewiesen.

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In verschiedenen Untersuchungen und Studien wurde am Klinikum Veterinärmedizin der Universität Gießen der Nachweis erbracht, dass Schwanz- und Ohrverletzungen ihre Ursache auch in Entzündungen und darauf folgenden Nekrosen haben können, also quasi von innen kommen. Diese Vorgänge im Tierkörper selbst haben ursächlich nichts mit dem „Fehlverhalten“ von Buchtengenossen zu tun.

In einer Kooperation mit Thüringen wurden 4700 Saugferkel aus 19 Betrieben untersucht. Bei über 50 % der Würfe wurden Entzündungen und Nekrosen der Schwänze, bei 3 % Entzündungen der Ohrbasis und bei fast 100 % der Würfe Entzündungen im Bereich des Kronsaums und der Ballen festgestellt. Die Läsionen traten bereits ab dem ersten Lebenstag auf. Schwanzbeißen oder Bissspuren am Schwanz der Ferkel wurden während der Säugezeit aber nicht beobachtet.

Die Studie spiegelt den Zustand in der Praxis wieder, wo sich die aufgezeigten Entzündungen und Nekrosen wie ein roter Faden vom Schwanz über die Ohren, den Kronsaum, den Ballen, die Sohle, die Zitzen, den Nabel und das Gesicht betroffener Tiere hinziehen. Dieses Krankheitsbild wird als „Entzündungs- und Nekrosesyndrom des Schweins“ (Swine Inflammation and Necrosis Syndrome=SINS) bezeichnet. Eine ganze Reihe von bislang nur in Teilen veröffentlichten Untersuchungsergebnissen können zur Bestätigung von SINS herangezogen werden.

Belastung der Sauen als Ursache

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Die Tatsache, dass bereits neugeborene Ferkel SINS-Auffälligkeiten zeigen, muss somit von einer Belastung der Sauen herrühren. Den Untersuchungen zufolge lösen genau die Faktoren, die bei der Sau zu MMA (Mastitis-Metritis-Agalaktie-Komplex) führen, bei den Ferkeln SINS aus. Es sind zu viele bakterielle Abbauprodukte im Körperkreislauf, die nicht eliminiert werden können. Mykotoxine wie Desoxynivalenon (DON) können ebenfalls über die Sauenmilch übertragen werden und potenzieren das Problem. Nach der Geburt bestimmen die Haltungsbedingungen mit darüber, wie stark die SINS-Symptomatik ausgebildet wird. Zum Beispiel reagiert entzündetes Gewebe in jedem Fall empfindlicher auf unsachgemäßem Boden als intaktes Gewebe.

Laut einer weiteren Studie aus Gießen unterschieden sich neugeborene Ferkel ohne und mit moderaten SINS-Veränderungen deutlich in ihrem Leberstoffwechsel. Bei den äußeren Symptomen von SINS handelt es sich also lediglich um die Spitze eines Eisbergs, der in der Tiefe mit massiven Stoffwechselentgleisungen einhergeht.

Eine Untersuchung an der baden-württembergischen Landesanstalt für Schweinezucht Boxberg kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass bei Ferkeln manche Organe bereits bei niedrigem SINS-Grad erste Veränderungen aufweisen. Sie können damit bevorzugt als frühe Tiersignale genutzt werden. Hierzu zählen bei den Saugferkeln insbesondere Symptome der Schwanzbasis, sowie an Sohle und Klauenwand, bei den Aufzuchtferkeln sind es Ballen, Sohle, Ohren, Zitzen und Klauenwand und bei Mastschweinen Ballen, Sohle, Schwanzspitze und Ohren. Schwanzbasis und Zitzen zeigten sich bei Mastschweinen erst betroffen, wenn es schon bei den Ferkeln eine höhere SINS-Ausprägung gab.

Höhere Leistungen machen anfälliger

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In der Boxberger Untersuchung zeigte sich außerdem ein Zusammenhang zwischen Leistung und SINS-Grad. Die Gesamtzunahmen von Mastschweinen in der ungünstigen SINS-Gruppe lagen um 60 g oder 8 % höher. Tendenziell ähnliche Ergebnisse zeigten auch die Saug- und Aufzuchtferkel. Die Befunde nähren den Verdacht, dass höhere Leistungen die Anfälligkeit der Tiere hinsichtlich SINS grundsätzlich steigern können. Des weiteren wurde festgestellt, dass günstige Haltungsbedingungen die Ausprägung von SINS reduzieren können.

Weitere Aspekte zu SINS aus dem Boxberger Tierversuch zeigten massive Stoffwechselveränderungen bei betroffenen Tieren. Die angelaufene Entzündung mit Minderdurchblutung, Blutgerinnung und Nekrosen fand ihre Bestätigung in erhöhter Gerinnungsaktivität mit verminderten Thrombozytenzahlen, erhöhten Monozytenzahlen und gesteigerten Entzündungs- und Akutphasewerten. Die entsprechenden klinisch-chemischen Parameter waren mit dem SINS-Grad assoziiert und könnten zukünftig in der SINS-Diagnostik eingesetzt werden.

Es gibt auch genetische Unterschiede

In der anfangs genannten Untersuchung konnten an über 20 000 Schweinen auf 19 Betrieben erhebliche genetische Einflüsse auf die Ausprägung von SINS nachgewiesen werden. Bei einer von vier Sauenlinien zeigten über 60 % der Mastschweine entzündete Schwänze, während bei den übrigen Linien nur 20 bis 30 % betroffen waren. Der gleiche Effekt zeigte sich bei Entzündungen der Ohren (40 % gegenüber 0–13 %).
Auch die Nachkommen zweier Pietrain-Eberlinien wurden verglichen. Die Nachkommen der stabileren Eberlinie hatten rund ein Drittel weniger SINS-Probleme. Die dargestellten Untersuchungen zeigen, dass das Problem Schwanzbeißen und Kupierverbot nur mit Berücksichtigung der beschriebenen Zusammenhänge im Körper der Tiere erfolgreich angegangen werden kann – zumal es auch noch Wechselwirkungen mit ungünstigen Umweltbedingungen gibt.