Kupierverzicht bei Schweinen

Schwanzbeißen: Maßnahmen dagegen planen

Schwanzhaltung
Dr. Stephanie Blodow, Sarah Kalitowitsch, Isabel Jaspersen, LGL
am Freitag, 12.03.2021 - 09:13

Am 1. Juli 2021 müssen Schweinehalter die dritte Tierhaltererklärung im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Kupierverzicht ausfüllen. Gleichzeitig kommt es zur nächsten Stufe des Aktionsplans: dem Erstellen eines Maßnahmenplans.

Auf einen Blick

  • Bedingt durch den Nationalen Aktionsplan Kupierverzicht müssen Schweinehalter einen Plan über Maßnahmen zur Risikominimierung erstellen und der zuständigen Behörde vorlegen.
  • Dieser Maßnahmenplan sollte mit einem Berater oder dem zuständigen Tierarzt erstellt werden.
  • Schweinehalter sollten sich dem Kupierverzicht nähern, indem sie Erfahrungen mit kleinen unkupierten Schweinegruppen sammeln.
  • Eine andere Möglichkeit ist, langsam die Kupierlänge zu ändern, also immer ein kleines Stück mehr vom Schwanz stehen zu lassen.
  • Alle Stresssituationen, denen Tiere ausgesetzt sind, können Schwanzbeißen auslösen.

Tierhalter müssen Kupieren begründen

Beschäftigungsmaterial

Seit eineinhalb Jahren müssen Schweinehalter, die kupierte Schweine halten, anhand der Tierhaltererklärung belegen, dass das Kupieren der Schwänze für ihren Betrieb unerlässlich ist. Am 1. Juli 2021 muss die dritte Tierhaltererklärung ausgefüllt werden. Neu in diesem Jahr ist, dass Betriebe, bei denen immer wieder Schwanzbeißen auftritt, zusätzlich einen schriftlichen Plan mit weitergehenden Maßnahmen zur Risikominimierung erstellen und der zuständigen Behörde vorlegen müssen.

Dieser Maßnahmenplan soll bestenfalls zusammen mit einem Berater oder dem betreuenden Tierarzt erstellt werden. Die Maßnahmenpläne stellen den nächsten Schritt des Nationalen Aktionsplans Kupierverzicht dar. Derzeit befassen sich die Bundesländer mit Fragen zur Erstellung der Maßnahmenpläne, zum Beispiel um Mindestinhalte festzulegen.

Die Devise lautet weiterhin: Erfahrungen mit einer kleinen Gruppe an unkupierten Tieren im eigenen Betrieb sammeln. Die betriebsindividuelle Risikoanalyse kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die sechs wichtigsten Einflussbereiche der Schweinehaltung auf Schwanz- und Ohrbeißen zu analysieren und Schwachstellen aufzudecken, sodass diese beseitigt oder zumindest optimiert werden können.

Falls Sie noch nicht in den Kupierverzicht eingestiegen sind, woran liegt das?

Ich habe noch Bedenken, unkupierte Tiere zu halten aus Angst vor Schwanzbeißen
7% (1 Stimme)
Ich habe hinsichtlich Schwanzbeißens schlechte Erfahrungen mit unkupierten Tieren gemacht
64% (9 Stimmen)
Die Kosten inklusive dem zeitlichen Aufwand für das Halten unkupierter Tiere sind mir zu hoch
29% (4 Stimmen)
Total votes: 14

Management hat Einfluss

Der große Einfluss des Managements und der Stressvermeidung spielt eine wichtige Rolle auf dem Weg zum intakten Ringelschwanz. Alle Stresssituationen, denen die Tiere ausgesetzt sind, können Schwanzbeißen auslösen. Daher ist es äußerst wichtig, Stressoren zu identifizieren, zu reduzieren und so ein Schwanzbeißgeschehen zu vermeiden. Dies beginnt bereits im Mutterleib: Stressfreier Umgang, optimale Fütterung sowie artgerechte Haltung der trächtigen Sauen und eine gut vorbereitete Geburt fördern robustere Ferkel. Weiterhin helfen eine komplikationslose Säugephase, das Absetzen möglichst erst nach dem 28. Lebenstag, das Zusammenbleiben der Wurfgeschwister sowie das Vermeiden von Futter- und Wasserstress direkt nach dem Absetzen dabei, Belastungen bei den Ferkeln zu reduzieren und somit Schwanzbeißen zu vermeiden.

Schweinehalter, die den Schritt in den Kupierverzicht wagen wollen, sollten daher folgende Punkte bei der Auswahl einer geeigneten unkupierten Kontrollgruppe beachten:
  • Keine MMA- oder Jungsauenwürfe für die Kontrollgruppe verwenden, sondern Ferkel, die weder Geburts- noch Säugestress hatten.
  • Keine Würfe mit Anzeichen von Schwanzspitzennekrosen verwenden.
  • Das Anfüttern bereits während der Säugephase und das Bereitstellen von leicht zugänglichen und auffindbaren Wasserquellen minimieren Futter- und Wasserstress nach dem Absetzen.
  • Die Würfe möglichst zusammenlassen und Umgruppierungen vermeiden.
  • Unterschiedliches Strukturfutter (möglichst als Bodenfütterung) wie Luzerneheu, Heu, Heulage oder Maissilage bietet abwechslungsreiche Beschäftigung, befriedigt das stark ausgeprägte Futtersuchbedürfnis und beugt somit Verhaltensauffälligkeiten und Stress vor.

Die Kupierlänge schrittweise reduzieren

Eine weitere Möglichkeit, sich dem Kupierverzicht langsam anzunähern ist, die Kupierlänge zu ändern. Tierhalter, die noch Bedenken haben, komplett auf das Kupieren zu verzichten, könnten zunächst einmal versuchen, sich von ihrer momentanen Kupierlänge langsam in kleinen Schritten der Schwanzspitze anzunähern, also immer ein kleines Stück mehr vom Schwanz stehen zu lassen. Gelingt die Haltung dieser „minimal kupierten“ Tiere komplikationslos, ist man dem kompletten Kupierverzicht wieder einen Schritt nähergekommen. Solche Tiere stellen jedoch keine Kontrollgruppe im Sinne des Aktionsplans dar.
Eine zentrale Rolle auf dem Weg zum Kupierverzicht spielt das tägliche ausgiebige Beobachten der Tiere. Nur wer das normale Verhalten seiner Tiere gut kennt, kann Abweichungen davon erkennen und sofort Notfallmaßnahmen ergreifen, um ein möglicherweise folgendes Schwanzbeißgeschehen rechtzeitig abzuwenden. Neben der unauffälligen Beobachtung, beispielsweise durch ein Fenster, ist die tägliche manuelle Fütterung von Strukturfutter eine sehr gute Möglichkeit: Tiere, die beim Einwerfen des Futters in die Bucht nicht gleich reagieren und zu wühlen beginnen, sind womöglich krank oder anderweitig gestresst.
Die Fütterung von Strukturfutter per Hand bietet also nicht nur eine Beschäftigungsmöglichkeit und eine gesundheitsfördernde Rohfaserquelle, sondern ist auch eine gute Gelegenheit, seine Tiere in Aktion zu beobachten. Die Stellung des Ringelschwanzes dient als wertvoller Indikator dafür, wie es dem Tier geht. Ein gesundes, nicht gestresstes Schwein hat einen aufgestellten eingeringelten Schwanz, während ein schlaff herabhängender oder gar zwischen die Beine eingeklemmter Schwanz darauf hindeutet, dass etwas nicht passt und es womöglich schon zum Schwanzbeißen gekommen ist.

Beratungsmöglichkeiten wahrnehmen

Durch die vielseitigen Ursachen des Schwanzbeißens gibt es leider kein Patentrezept um dieses zu verhindern. Das Durchführen der Risikoanalyse mit einem Berater oder Tierarzt dient jedoch dazu, betriebsindividuelle Schwachstellen aufzudecken und ist daher auch beim Einstieg in den Kupierverzicht dringend anzuraten. Auch die Durchführung eines externen Klimachecks oder einer Futter- bzw. Wasseranalyse kann dabei helfen, typische Risikofaktoren im eigenen Betrieb zu identifizieren.
Auf der Internetseite des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) www.aktionsplankupierverzicht.bayern.de gibt es ausführliche Informationen zu Kupierverzicht und Schwanzbeißen. Zudem sind dort Arbeitshilfen zum Download sowie Kontaktmöglichkeiten zur Fachstelle Aktionsplan Kupierverzicht zu finden. Auch für einen Newsletter kann man sich dort anmelden. Außerdem werden Demonstrations-Betriebe vorgestellt, die unkupierte Tiere halten und ihre Erfahrungen teilen.

Online-Seminare für Schweinehalter

Wie der Einstieg in den Kupierverzicht gelingen kann, wird in den Veranstaltungen des Nationalen Wissensnetzwerks vermittelt. Landwirte, Berater und Tierärzte referieren über praktische Erfahrungen sowie Erkenntnisse aus der Wissenschaft. Im Anschluss an die Seminare erhalten die Teilnehmer eine Bescheinigung zum Fortbildungsnachweis. Die Veranstaltungen sind kostenfrei, da das Projekt im Rahmen der Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz in der Projektphase Wissen Dialog Praxis gefördert wird.

Thema I: Reduzierung des Schwanzbeißrisikos und Einfluss der Wasserversorgung auf die Gesundheit von Schweinen mit folgenden Vorträgen:

  • Reduzierung des Schwanzbeißrisikos – Schwachstellen finden und abstellen.
  • Halten von unkupierten Schweinen – Erfahrungen und Tipps eines Schweinehalters.

Termine: 11., 16. oder 23.3.2021, jeweils 17 – 19.30 Uhr.

Thema II: SINS und Stallklima-Check mit folgenden Vorträgen:

  • Entzündungs- und Nekrosesyndrom beim Schwein - Erkenntnisse aus der Wissenschaft.
  • Das richtige Stallklima.
  • Halten von unkupierten Schweinen – Erfahrungen und Tipps eines Schweinehalters.

Termine: 17., 18. oder 25.3.2021, jeweils 17 – 19.30 Uhr.

Thema III: Tiersignale und praktische Beispiele aus dem KoVeSch Projekt mit folgenden Vorträgen:

  • Tiersignale erkennen und einordnen – Schwanzbeißen verhindern und Gegenmaßnahmen einleiten.
  • Digitaler Stallrundgang.
  • Verzicht auf das Schwanzkupieren beim Schwein – praktische Beispiele aus dem KoVeSch Projekt.

Termine: 30.3., 6. oder 8.4.2021, jeweils 17 – 19.30 Uhr.

Thema IV: Kupierverzicht in Schweden und Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Schwanzbeißen mit den Vorträgen:

  • Kupierverzicht in Schweden – ein Erfahrungsbericht.
  • Erste-Hilfe bei Schwanzbeißen.
  • Halten von unkupierten Schweinen – Erfahrungen und Tipps eines Schweinehalters.