Nahrung für Vögel

Schwalbenfutter - wo sind all die Fliegen hin?

Fliege
Johannes Urban
am Freitag, 06.09.2019 - 09:37

Die Biene war das Aushängeschild des Volksbegehrens zur Artenvielfalt. Biomasse als Grundfutter für alle Insektenfresser bieten aber andere: Fliegen, Mücken oder Blattläuse. Die werden in der Diskussion jedoch kaum beachtet.

Durch gute Umgebungsbedingungen sind bis zu 15 Stubenfliegengenerationen im Jahr möglich. Das macht theoretisch 80 000 t Biomasse pro Fliegenpärchen.

Auf einem Kuhfladen können sich 200 bis 300 g Insektenmasse bilden.

Das Höfesterben geht weiter: Geht die letzte Kuh, sind die Schwalben fort

  • Die Stubenfliege ist Teil eines sensiblen Ökosystems, das zunehmend aus dem Ruder läuft.
  • Mit dem stetigen Strukturwandel in der Landwirtschaft und der Aufgabe der Tierhaltung, vor allem der Weidewirtschaft verschwinden immer mehr Insekten und damit auch diejenigen Spezies, die davon leben.
  • Es muss darum gehen, Maßnahmen zu ergreifen, um eine ausreichende Insektenbiomasse als Grundlage der Nahrungskette und damit die Artenvielfalt zu erhalten.

Attraktiv ist sie wirklich nicht, keiner will sie haben: die Stubenfliege, Musca domestica. Ihr Ruf ist denkbar schlecht: ein Krankheitsüberträger ersten Ranges, lebt von Fäkalien und totem organischen Material. Wer die Fliegenplage früherer Jahrzehnte in Haus und Hof noch kennt, reagiert meist eindeutig: „Die brauchen wir wirklich nicht!“ Doch das könnte ein Irrtum sein.

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Georg Brunner, Hopfenbauer in Rudelzhausen, im nördlichen Landkreis Freising, früher Schweinezüchter, kann sich auch noch an die „gute, alte Zeit“ erinnern, als von Frühjahr bis in den Herbst Türen und Fenster geschlossen bleiben muss- ten, man im Haus stets mit einer Fliegenklatsche unterwegs war und alle möglichen Fliegenfänger in Haus und Hof aufgestellt waren. „Seit wir die Schweinehaltung aufgegeben haben, können wir sogar im Hof grillen, ohne dass uns die Fliegen auffressen.“ Das sei die erfreuliche Seite, so Brunner.

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Allerdings ist ihm auch aufgefallen, dass im gleichen Zeitraum die Schwalben am Hof weniger wurden und das nicht nur bei ihm. Er sieht da einen eindeutigen Zusammenhang. Und so hat er sich näher mit der Stubenfliege beschäftigt. Die ist nämlich, mal ohne Vorurteil gesehen, ein richtiger Kracher in Sachen Biomasse. Eine weibliche Stubenfliege legt in den Sommermonaten mit einem Intervall von 3 bis 4 Tagen 150 bis 200 Eier. Durch gute Umgebungsbedingungen wie etwa in Warmställen, sind bis zu 15 Generationen pro Jahr möglich. Alle 10 bis 20 Tage nach Eiablage entwickelt sich ein fortpflanzungsfähiges Vollinsekt. Macht theoretisch 80 000 t Biomasse pro Fliegenpärchen pro Jahr. Gut, dass sie ein wichtiges Glied in der Nahrungskette sind, wichtig etwa für Spinnen, Reptilien oder Singvögel.

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Ihre Überwinterungstaktik ist auch nicht schlecht. Von den ausgewachsenen Fliegen überleben zwar nur wenige in Kellern und Dachböden, wenn sie Fliegenschimmel und Frost entkommen. Steigen im Frühjahr die Temperaturen über 10 Grad, sind die Überlebenden wieder aktiv. Vor allem aber ihre Puppen, die in Kompost- oder Misthaufen überwintert haben, brechen jetzt auf und weiter geht’s in die nächste Fliegengeneration. Das heißt, in Warmställen gibt es bereits Ende Februar jede Menge Fliegen. Wenn die Zugvögel aus ihren Winterquartieren zurückkommen, ist der Tisch somit reichlich gedeckt. Schwalben brauchen sehr viele Fliegen, 80 Prozent ihrer Nahrung sind Fliegen. Rauchschwalben vertilgen während einer Brut 120 000 Insekten, das heißt, eine Brut, zwei Elternvögel macht 1,2 kg Insektenmasse pro Brut.

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Stehen keine Fliegen zur Verfügung greifen die Vögel auf andere Insekten zurück, die normalerweise nicht auf ihrem Speiseplan stehen. Es geht sogar so weit, dass in kalten Regenperioden im Sommer die Schwalbenbrut verhungert und die entkräfteten Vogeleltern vom Himmel fallen.

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Georg Brunner sieht in der fehlenden Fliegenbiomasse einen wenig beachteten, aber sehr wichtigen Aspekt des Themas Insektensterben. Er ist der Sache auf den Grund gegangen und hat sich kundig gemacht. Vor etwa 50 Jahren gab es auf einem Teilbereich seiner Heimatgemeinde von etwa 800 ha rund 100 Viehhaltungen mit Misthaufen. Heute sind es nur noch zwei bei anhaltendem Strukturwandel. Brunner hat diese Entwicklung auf zwei Landkarten dargestellt. Die Betriebe früher und heute jeweils mit roten Kreisen markiert. Wenn man dieses Höfesterben quasi im Zeitraffer sieht, wird deutlich, was für gewaltige Umwälzungen stattgefunden haben.

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1968 hatte der damalige EWG-Agrarkommissar Sicco Mansholt die höchst umstrittene Parole vom „Wachsen oder Weichen“ ausgegeben. Eine fatale Marschrichtung, die aufgrund massivster Proteste „beerdigt“ wurde, allerdings kann der Mansholtplan durchaus als Vorläufer späterer Reformen, wie etwa die Agenda 2000 verstanden werden, die definitiv das marktwirtschaftliche Element in der europäischen Agrarpolitik stärken. Zwar gibt es Ansätze, das zu ändern, aber sie sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Höfesterben hört nicht auf. Und geht die letzte Kuh, sind die Schwalben fort.
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Zum gleichen Ergebnis wie Brunner in seiner Heimatgemeinde kam Herwig Scholz, Agraringenieur und bei der Landwirtschaftskammer in NRW für Naturschutz tätig, im Zusammenhang mit der Krefelder Insektenstudie, die im Naturschutzgebiet Orbroich durchgeführt wurde. Hier wurden von den Krefelder Entomologen in den Jahren 1989 und 2013 Messungen der Insektenbiomasse vorgenommen und es wurde ein erheblicher Rückgang festgestellt. So fanden sich 1989 1,4 kg Insektenmasse in den Fallen, 2013 aber nur noch 290 g! Die Ergebnisse wurden 2017 veröffentlicht und verursachten mächtigen Wirbel, vor allem weil der deutliche Rückgang der Biomasse der Fluginsekten vorwiegend auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zurückgeführt wurde und die Bauern am Pranger standen.
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Scholz hat sich daraufhin mit der Entwicklung rund um das Naturschutzgebiet beschäftigt. Zwischen 1983 und 2013 haben rund 85 % der Betriebe in dessen Umfeld aufgehört. Von 66 ha Grünland wird heute nur noch ein Hektar beweidet. Das heißt, alle Insekten, die auf Kuhfladen angewiesen sind, fallen aus. Weiter: Im Umfeld der Insektenfallen konnten sich somit in dieser Zeit 30 bis 54 t Insektenmasse nicht mehr entwickeln.
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Das Höfesterben, verharmlosend Strukturwandel genannt, ist natürlich nicht auf Orbroich oder Rudelzhausen beschränkt: Von 1969 bis 2018 ist bundesweit z. B. die Zahl der Milchviehhalter von 837 746 auf 62 813 zurückgegangen! Einhergehen damit das Verschwinden der Misthaufen, verschärfte Hygienekonzepte, Umwandlung von Weiden in Mähwiesen. Das fördert die Wirtschaftlichkeit, ist ökologisch aber ein Keulenschlag.
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Alois Glück, Moderator des Runden Tisches zum Volksbegehren “Rettet die Bienen“ hat im Wochenblatt-Interview genau diese übertriebene deutsche Gründlichkeit angeprangert, nach der alles „sauber“ aufgeräumt sein muss. Er fordert neue Leitbilder, damit nicht einer, der einen Steinhaufen oder Totholz liegen lässt, als Schlamper gilt.
Keine Weidehaltung, keine Kuhfladen – da werden die meisten sagen: Na und? Wer genauer hinsieht, erkennt die katastrophalen Auswirkungen. Auf einem Kuhfladen können sich 200 - 300 g Insektenmasse bilden. Bei drei Vieheinheiten pro Hektar, zehn Fladen je Kuh und Tag, macht das bei 200 Weidetagen 1,2 bis 1,8 t Insektenmasse.
Was da alles verloren geht, weiß Johannes Burmeister, Agrarökologe an der LfL Freising-Weihenstephan: „Landet ein Kuhfladen auf der Weide, kommen als erstes Fliegen wie Stubenfliege, Schmeiß- oder Dungfliege und legen ihre Eier in den frischen Kot. Da Wiederkäuer nicht alles verdauen, sind im Kuhfladen genügend Nährstoffe, von denen sich die Fliegenbrut ernähren kann. Nach den Fliegen kommen die Käfer, die es, auch wenn der Fladen an der Oberfläche schon trocken und hart ist, schaffen, diesen Deckel zu durchbohren und so in das weiche Innere zu gelangen.
Weiter kommt z. B. der Mistkäfer, der unter dem Fladen bis zu 40 cm tiefe Gänge anlegt, in denen er Kotkugeln ablegt, in die die Weibchen ihre Eier ablegen. Weiter machen sich Pilze und Mikroorganismen über den Kuhfladen her. Von unten greifen Tausendfüßler, Asseln, Milben, Springschwänze und Regenwürmer den Fladen an. Jede Art ist auf einen Nährstoff spezialisiert, verdaut ihn und so wird aus Mist Erde.
Dieses rege Insektenleben ist im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen für Vögel wie Stare und Schwalben und andere Insektenjäger, wie Reptilien, Igel oder Fledermäuse. Nach zwei bis drei Monaten ist so ein Fladen einfach verschwunden, aufgebraucht, in der Natur gibt es keinen Abfall“, erklärt Burmeister.
Fatalerweise ist Gülle kein Ersatz für Kuhfladen, auch die Gärreste von Biogasanlagen nicht. „Im Prinzip ist es so,“ erklärt Burmeister, „wir bräuchten wieder Höfe mit Weidewirtschaft, Laufhöfe bringen da nichts. Kleinere Strukturen mit Kreislaufwirtschaft bringen mehr als Biotopflächen oder Hecken.“
Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Abläufe ist die Rettung der Fledermausart Große Hufeisennase, von der 1986 in der letzten deutschen Kolonie in der Oberpfalz nur noch 11 Tiere gezählt wurden. Neben Sicherung der Winterquartiere und dem Nahrungsangebot des FFH-Gebietes Lauterachtal und des nördlichen Teils des Truppenübungsplatzes Hohenfels hat man zusätzlich den Speiseplan dieser Fledermäuse untersucht. Es stellte sich heraus, dass sie im Herbst von Dungkäfern leben. Um dieses Angebot, das bisher auf den Ausscheidungen von Rothirschen und Schafen basierte, zu erweitern, hat man 65 ha Hutweide geschaffen, und beweidet diese mit der vom Untergang bedrohten Rinderrasse „Rotes Höhenvieh“ aus der Oberpfalz. Ganz entscheidend: das Rotvieh muss nicht mit Antibiotika behandelt werden, die noch im Kot die Käfer töten würden. Ergebnis: 2018 konnte man bereits wieder 196 Große Hufeisennasen zählen, im Sommer kamen noch 76 Jungtiere dazu.
Nicht Bienen, nicht Schmetterlinge haben hier weiter geholfen, sondern Dungkäfer. Das würde nahelegen, dass die Lösung des Problems recht einfach ist, nur die Sache hat einen Haken, von den Strukturproblemen der Landwirtschaft mal ganz abgesehen: Die Ekto- und Endoparasiten der Nutztiere. Wer seinen Viehbestand gesund und wirtschaftlich halten will, kann auf den Einsatz von Antiparasitika nicht verzichten. Auf diesem Feld wird es aber recht unübersichtlich, wie in einer Literaturübersicht des Thüneninstituts für ökologischen Landbau, Tübingen, und des Julius-Kühn-Instituts der Bundesforschungsanstalt für Kulturpflanzen in Kleinmachnow festgestellt wird. Der Titel dieser Arbeit sagt deutlich, worum es geht: „Tierarzneimittel (Antiparasitika) im Kuhfladen – ein Risiko für Nicht-Ziel-Organismen“. Da heißt es zusammenfassend: „Bisherige Untersuchungen haben gezeigt, dass Antiparasitika die verschiedenen Dungarthropoden unterschiedlich stark schädigen und dass dies von der Wirkstoffkonzentration im Kot, von der Ontogenese und der Jahreszeit abhängig ist. Der Einfluss auf Artenreichtum und Abundanz hängt auch von der Verfügbarkeit wirkstofffreien Dungs als Ausweichhabitat ab.“
In der Übersicht werden sowohl die Auswirkungen der einzelnen Wirkstoffe wie auch deren unterschiedliche Auswirkungen auf Nicht-Ziel-Organismen und die Wirkung verschiedener Anwendungsformen wie etwa Spot-on oder Boli aufgeführt. Wie genau das alles zusammenwirkt, hier besteht Forschungsbedarf. Nur, Auswirkungen und zum Teil heftige gibt es auf jeden Fall. Ein Ansatz für eine Milderung des Problems scheint eine bestimmte Weideführung in Kombination mit entsprechenden Wirkstoffen zu sein und während der Vermehrungszeiten der Insekten ökologisch sichere Wirkstoffe zu verwenden, sowie Avermectin- und Pyrethroid-behandelte Tiere zeitweise aufzustallen. So könnte das „Insektenhotel“ Kuhfladen seine Funktion teilweise wieder erfüllen.
Aufgrund stetig steigender Hygieneanforderungen, ob sinnvoll oder nicht, wird es um das „Brotinsekt“ Stubenfliege und seine Kompagnons immer enger. Selbst beim Misthaufen gibt es bestimmte Dinge zu beachten, wie Brunner festgestellt hat, damit er als Insektenbrutstätte sinnvoll ist: „Der Misthaufen müsste wie früher auch in einer Jauchelache stehen. Er muss durchfeuchtet sein, sonst entwickelt sich da gar nichts.“ Das hat er bei einem Versuch auf seinem Hof festgestellt. Und weiter: „Auch die Entfernung des Misthaufens zum Stall spielt offenbar eine Rolle. Je größer die Entfernung, umso weniger Fliegen.“ Natürlich gibt es auch in neuen Ställen überall Ecken, wo Fliegen ihre Eier ablegen können, wie in Güllekanälen, aber in Kaltställen, oder Ställen die hermetisch dicht sind, hilft das nicht weiter.
Grundsätzlich geht es darum, möglichst rasch und wirksam politische Weichenstellungen einzuleiten, um eine ausreichende Insektenbiomasse als Grundlage der Nahrungskette und damit die Artenvielfalt zu erhalten. Wir haben schon zu viel verloren. Blühflächen und andere Strukturelemente sind wichtig für die vielen Spezialisten der Schwebfliegen, Wildbienen und Schmetterlinge, aber die Stubenfliege ist ein bedeutendes Grundnahrungsmittel für alle Insektenfresser wie etwa auch Mücken oder Blattläuse, auch nicht gerade jedermanns Liebling. Alois Glück hat sehr deutlich gesagt, worum es geht: „Wir müssen wieder lernen, Natur zu verstehen, dass alles in Zusammenhängen lebt.“