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Krankheitserreger

Schafe: Krank durch Weidehaltung

Schafe verbringen die meiste Zeit auf der Weide und können sich dort Erkrankungen einfangen.
Helga Gebendorfer
am Donnerstag, 29.09.2022 - 14:00

Der Weidegang gilt als Tierwohlmaßnahme schlechthin. Dennoch geht es Schafen auf der Weide nicht automatisch gut. Denn Pflanzen, Insekten und Mikroorganismen können schwere Erkrankungen auslösen.

Viele Schafe sind zwischen 200 und 365 Tage im Jahr auf der Weide. Welche Erkrankungen hier auftreten, beleuchtete Dr. Karl-Heinz Kaulfuß von der Fachpraxis für kleine Wiederkäuer in Heimburg bei einem Online-Seminar. Wir stellen bedeutende weidebezogene Erkrankungen der Schafe vor:

  • Weidedurchfall: Beim Weidedurchfall kommt es vor allem auf die Diagnose an, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Es gilt abzuklären, wer betroffen ist und ob es sich um Durchfall mit oder ohne Konditionsverlust handelt. Dabei gibt es eine Reihe von möglichen Ursachen:
    • Futterumstellung auf eiweißreich und strukturarm (alle Tiere betroffen, in ersten Wochen),
    • Nematodirus battus und/oder Kokzidien (Lämmer, erste zwei Wochen),
    • Bandwürmer (ab 4. Woche, Lämmer, Zutreter),
    • weitere Magen-Darm-Würmer (alle, ab 4. bis 6. Woche).
      „Ganz wichtig ist, nicht wahllos behandeln, sondern erst über Kotproben die Diagnose stellen“, empfahl der Tierarzt.
  • Hypomagnesämie / Weidetetanie: Die Hypomagnesämie oder Weidetetanie ist typisch für das Frühjahr mit frischem ersten Aufwuchs. Denn je höher der Eiweiß- und Kaliumgehalt ist, desto niedriger die Magnesium-Verdaulichkeit. Bei Magnesium-Mangel zeigen die Tiere oft lange latentes Zähneknirschen, unsicheren Gang, Muskelzittern, Übererregbarkeit, Krämpfe und keine Futteraufnahme. Man sollte sie schonend behandeln, Stress vermeiden, die Tiere aufstallen und zurück zur Fütterung von Heu oder Trockenschnitzeln gehen.
    Als Prophylaxe empfiehlt es sich, Mineralfutter und Salzstein anzubieten und auch bei Weide Heu und Stroh zuzufüttern.
  • Tympanie / Bläh-, Trommelsucht: Durch oberflächenaktive Substanzen in Klee, Luzerne, jungem ligninarmem Grünfutter sowie Tau am Gras bildet sich im Pansen ein stabiler Schaum, der nicht durch den Ruktus abgegeben werden kann. Zu vorbeugenden Maßnahmen zählen Verabreichung von Raufutter (1 bis 1,5 kg), Wechselweide, Hüte- statt Koppelhaltung, Anregung des Speichelflusses sowie eine Wasser- und Öl-Eingabe.
  • Akute Pansenazidose: Die überstürzte Milchsäurebildung im Pansen kann eine akut verlaufende Herden- oder Einzeltiererkrankung sein und binnen Stunden ein tödliches Schockgeschehen herausbilden. Ursachen sind in der Regel die Aufnahme großer Mengen leicht verdaulicher Kohlenhydrate, das heißt „Kraftfutter“, wie Eicheln, Kastanien, Fallobst, Brot, Getreide oder gewollte oder ungewollte Beweidung von Ackerfutter, wie Getreide, Mais, Luzerne.
    Die Tiere zeigen Apathie, Festliegen, Zähneknirschen, steifen, taumeligen Gang, wässrigen, schaumigen Durchfall, hohe Atemfrequenz, keine Futteraufnahme, keine Pansentätigkeit, schmerzhaftes Blöken und sauren Geruch aus dem Maul. Der Tierhalter muss sofort eingreifen: wenn die Tiere noch laufen können kann intensive Bewegung helfen. Man sollte jedem Tier über fünf Liter Wasser zwangsverabreichen, basisch wirksame Stoffen, wie Schlemmkreide, oral geben und die Speichelproduktion stimulieren. Ohne Therapie endet die akute Azidose tödlich.
  • Plötzliche Todesfälle: Nach Erfahrung des Fachtierarztes verendet ein „vermeintlich gesundes Tier“ ohne eine sichtbare Phase einer Krankheitsentstehung scheinbar spontan in kürzester Zeit durch Bodenbakterien Clostridiosen, Hämonchose oder Vergiftungen.
    Gründe für die zunehmende Bedeutung von Clostridiosen sind leistungsbetonte Fütterung, sporenbelastete Futtermittel, abgestorbene Pflanzenteile (Mulchen), Belastung mit Mykotoxinen und Einsatz clostridienhaltiger Dünger, wie Gülle, Gärreste, Geflügelkot, durchgewachsenes Gras, auch nach Überflutung.
    Die toten Schafe gasen schnell auf und zeigen früh Verwesungsanzeichen. Zur Vorbeuge können Muttertiere und Lämmer vor der Weideperiode geimpft werden.
    Die Folgen einer Hämonchose (Befall mit dem Roten Magenwurm) sind reduzierte Futteraufnahme und Blutverlust. Bei Kombination von Blutarmut und Stresssituationen tritt dann ein plötzlicher Tod auf.
    Vergiftungen werden oft durch den Tierhalter überschätzt. Schafe und Ziegen scheinen bei ausreichendem Futterangebot Giftpflanzen zu meiden und es gibt eine hohe natürliche Toleranz. Vergiftungen ereignen sich in natürlicher Umgebung eigentlich nur bei geringer Artenvielfalt, Überbeweidung und fehlendem Lerneffekt des Jungtieres von der Mutter. Die üblichen Giftpflanzen sind Kirschlorbeer, Eibe und Rhododendron. Sie führen zu Kreisbewegungen, Zittern, Torkeln, Krämpfen und Koma.
  • Photodermatitis (Lichtkrankheit): Buchweizen und Johanniskraut enthalten direkt wirksame Pflanzeninhaltsstoffe. Beim Schaf führt die Aufnahme von 0,5 bis 0,6 % des Körpergewichtes (frische Pflanze) zur Vergiftung. Die Hautzellen reagieren nach Sonneneinstrahlung wie bei Sonnenbrand. Nach ein bis zwei Tagen treten Rötungen, Schwellungen und schwarze Krusten an unpigmentierten und dünnbehaarten Körperstellen, wie Augenlidern, Flotzmaul, Euter, auf. Man sollte die Schafe in den Schatten stellen, mit desinfizierenden Mitteln waschen und entzündungshemmende Arzneimittel oder Salben anwenden.
  • Hyperkalzämie / Kalzinose: Die Hyperkalzämie oder Kalzinose ist eine chronische Erkrankung, die nach Goldhaferbeweidung mit mehr als 20 bis 40 % der Ration auftritt und zu steifem Gang und Zusammenbrechen führt.
  • Fliegenmadenbefall: Gold- und Schmeißfliegen legen ihre Eier vorzugsweise in Kadavern bzw. Nachgeburten, aber auch am lebenden Schaf in Wunden oder in eine verschmutzte Analregion ab. Andere Lokalisationsstellen sind die Penisöffnung, Hautfalten, die Hornbasis, der Zwischenklauenspalt, bei Zeckenbefall. Aus den Eiern schlüpfen Maden, die sich von der Haut und dem Unterhautfettgewebe sowie dem Fleisch des Schafes ernähren und diese dabei hochgradig zerstören. Bei Fliegenmadenbefall sind die betroffenen Hautbezirke freizulegen, die sichtbaren Maden zu entfernen und die Wunde mit milden Desinfektionsmitteln zu reinigen. Eine einmalige Injektionsbehandlung der Schafe zur Abtötung der Maden mit Antibiotika zur Verhinderung von Wundinfektionen erwies sich als vorteilhaft.
  • Schmallenberginfektion: Gnitzen und andere stechende Insekten übertragen Orthobunya-Viren. Symptome sind embryonaler Frühtod, Missbildungen, lebensschwache Lämmer, kein/kaum Saugreflex, blind, zielloses umherlaufen, Bewegungsstörungen und schneller Befall mit Sekundärinfektionen. Vorbeugend hilft in der Bedeckung, Frühträchtigkeit Gnitzenbiotope zu meiden, nachts aufzustallen sowie Repellentien und Impfstoffe anzuwenden.