Wolfsriss

Schäfer legt gerissene Schafe in Fußgängerzone ab

Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Donnerstag, 06.05.2021 - 14:37

Im Norden hat ein Schäfer den Städtern seine bedrückende Lage durch eine drastische Maßnahme vor Augen geführt.

Schafkadaver

Zu drastischen Mitteln griff Schäfer Ingo Stoll nachdem am Wochenende ein Wolf in den Franzburger Hellbergen (Landkreis Vorpommern-Rügen) vier Schafe seiner Herde gerissen und drei Tiere schwer verletzt hatte. Er lud am Dienstag die getöteten Tiere kurzerhand auf ein Auto und fuhr die Kadaver in die Stralsunder Altstadt, um sie hier mitten in der Fußgängerzone den Passanten zu präsentieren, wie der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern berichtet.

„Es ist bereits der vierte Wolfsangriff auf meine Tiere innerhalb kurzer Zeit“, macht Ingo Stoll seinem Ärger Luft. An dem Wochenende hätten die Tiere hinter einem 1.20 Meter hohen Schutzzaun geweidet. Der Schäfer hatte bereits vor zehn Jahren in Festzäune investiert, die ihm die 60.000 Euro kosteten. Sie gelten mit 1 m Höhe aber nicht mehr als wolfssicher. Dazu müssten sie nun mit einem zusätzlichen Elektrozaun versehen werden. Das allein würde ihm erneut 60.000 Euro kosten, weil er unter anderem Gebüsche zurückschneiden müsste.

Niemand hilft uns

Da die Weidefläche am Rande eines beliebten Spazierpfades liegt, konnten vor Ort keine Herdenschutzhunde eingesetzt werden. Diese Chance habe der Wolf genutzt. Ingo Stoll ist frustriert: „Niemand hilft uns“, klagt er, wie der Bauernverband berichtet.

Im Gegenteil. Als es beim jüngsten Wolfsriss darum ging, die schwer verletzten Tiere zu bergen und ärztlich zu versorgen, wurde ihm von Amtswegen signalisiert, dass die Kosten für diese Hilfsaktion der Schäfer allein zu tragen habe. „Das sehe ich nicht ein“, macht Stoll seinem Ärger Luft. Er fordert eine angemessene Entschädigung im Falle eines Wolfsrisses, die auch die Arbeit der Schäfer einschließe.

Noch wenige Tage vor dem vierten Wolfsriss in den Franzburger Hellbergen forderte Ingo Stoll bei einer Demonstration am Rande der Umweltministerkonferenz in Schwerin ein stärkeres Engagement der Politik für die Weidetierhalter im Land. Darin führte er die gegenwärtig widersinnige Situtation aus. Um die Entschädigung für ein Lamm zu erhalten, hatte er einen Aufwand zu betreiben, der nahezu doppelt so hoch war, wie der ausgezahte Betrag.

Verband fordert Handeln, Politik wiegelt ab

"Jetzt ist es höchste Zeit, zu handeln“, fordert Bauernpräsident Detlef Kurreck. „Einerseits muss der Wolfsbestand reguliert werden. Andererseits müssen Aufwand und Kosten des Herdenschutzes finanziell angemessen unterstützt werden.“

Landwirtschaftsminister Till Backhaus wies auf die Grenzen seiner Handlungsfähigkeit hin. "Es ist rechtlich nicht möglich, den Bestand zu regulieren." Der Wolf sei eine streng geschützte Art. Für Präventions- und Akzeptanzmaßnahmen habe das Land seit 2013 rund 1,4 Mio. Euro aufgewendet. Weiter führte er an, dass der Verlust der Tiere ausgeglichen werde, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Dazu gehöre, dass ein Wolf als Verursacher festgestellt werden muss. Und dazu gehöre, dass ein Grundschutz für die Tiere gegeben sein muss. Beides sei in dem aktuellen Fall nicht gegeben. Der Nachweis eines Wolfangriffs sei noch nicht erfolgt, der Zaun sei überaltert, führe keinen Strom und sei an verschiedenen Stellen niedergedrückt.

Klartext: Wenn der Grundschutz nicht gewährleistet ist, gibt es auch kein Geld. Hier droht ein Schäfer auf seinem Wolfsschaden sitzenzubleiben.