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Tierwohl

Sauenhalter: Viele werden abstocken müssen

Gruppenhaltung für sechs Sauen im Deckzentrum, zehn Sauen wurden in den Selbstfang-Besamungsständen gehalten.
Prof. Steffen Hoy, Anna-Lena Schäfer, Universität Gießen
am Dienstag, 20.09.2022 - 09:49

Die Sauenhalter müssen künftig das Deckzentrum so umbauen, dass eine Gruppenhaltung möglich wird. Die Folge wird ein großer Strukturwandel in der Schweinehaltung sein, so das Ergebnis von Untersuchungen.

Wenn Sauen in Gruppe gehalten werden, sind Rangkämpfe nicht zu vermeiden. Diese Kämpfe sind allerdings normal, da die Sauen ihre Rangordnung klären müssen. Diese wiederum verhindert ständig neue Auseinandersetzungen. Die Gruppenhaltung von Sauen kann jedoch zu gesundheitlichen Schäden (z. B. Beinschäden) sowie zu Leistungsminderungen durch eine höhere Umrauscherquote und eine niedrigere Wurfgröße lebend geborener Ferkel führen.

Die geänderte Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) vom 29. Januar 2021 verlangt nun, dass Sauen zukünftig nach dem Absetzen bis zur Besamung auf einer uneingeschränkt nutzbaren Bodenfläche von 5 m2 je Sau gehalten werden müssen. Die Sauen benötigen darüber hinaus Rückzugsmöglichkeiten. Fress-/Liegebuchten oder sonstige Fressplätze werden für diesen Zweck nicht anerkannt.

Auswirkungen auf Verhalten und Gesundheit

Angriffe wurden mit einer Videokamera aufgezeichnet. Aus der Anzahl der Siege und Niederlagen wurde der Rangindex berechnet.

Mit den Untersuchungen von Wissenschaftlern der Universität Gießen wurden die Konsequenzen dieser Haltung für Verhalten, Gesundheit und Fruchtbarkeitsleistung nachgewiesen und mögliche Wege der Umsetzung der Verordnung beschrieben. Die Untersuchungen fanden in einem Deckabteil auf dem Oberen Hardthof (OH) statt. Im Abteil befinden sich 18 Selbstfang-Besamungsstände in zweireihiger Aufstallung. Der Gang dazwischen ist mit Betonspaltenboden ausgelegt und etwa 2,50 m breit.

Wenn die Eberbucht einbezogen wird, entsteht eine Fläche von 30 m2, auf der sechs Sauen in Gruppe gehalten werden können. Nach dem Absetzen der Ferkel wurden 16 Sauen der jeweiligen Wochengruppe in das Deckabteil eingestallt: zehn Sauen in die (verschlossenen) Einzelstände und sechs Sauen in Gruppenhaltung. Die hintere Tür der Stände blieb für sechs Stände unverriegelt, sodass die Tiere zwischen Gruppen- und Einzelbereich wechseln und im Stand gefüttert und getränkt werden konnten.

Vor den Besamungsständen befindet sich zu beiden Seiten des Abteils ein Eberlaufgang, auf dem die Eber – getrennt durch Türen – zur Duldungskontrolle und Besamung „vor die Köpfe der Sauen“ gestellt werden können. Während der Besamungen (KB) waren alle Sauen im Stand fixiert. Nach der KB wurde für die Gruppen-Sauen die Fixierung wieder aufgehoben und die Sauen konnten sich wieder in Gruppe bewegen.

Am Tag des Absetzens wurden die Sauen einzeln gewogen. Mit zwei Kameras wurden sämtliche Angriffe, Rangordnungskämpfe „jede gegen jede“ sowie Aufsprünge und Duldungen in der Gruppe registriert. Dazu erhielten die Sauen eine Markierung auf dem Rücken. Aus der Zahl der „Siege“ und „Niederlagen“ wurden für jede Sau ein Rangindex und die entsprechende Rangposition berechnet.

Pro Gruppe gab es je drei ranghohe und rangniedere Sauen. Für die Untersuchung des Verhaltens wurden vier, für die Gesundheits- und Fruchtbarkeitsparameter acht Wochengruppen ausgewertet. Vier Tage nach dem Absetzen wurde das Auftreten von Verletzungen bonitiert. Als Fruchtbarkeitsparameter wurden bei 106 Altsauen das Absetz-Beleg-Intervall sowie die Wurfgröße lebend geborener Ferkel bestimmt. Jungsauen wurden bei dieser Analyse nicht berücksichtigt.

Viele Rangkämpfe am Absetztag

Ranghohe Sauen waren beim Absetzen nach 25 Säugetagen mit 250 kg etwas schwerer als rangniedere Tiere (242 kg). Die Sauen verließen nach dem Einstallen unterschiedlich schnell den Selbstfang-Fressstand. Die erste Sau trat bereits nach einer Minute aus dem Stand. Im anderen Extrem dauerte es zwei Stunden, bis die Sau den Einzelstand verließ. Im Mittel verging eine Dreiviertelstunde bis zum erstmaligen Verlassen der Einzelhaltung. Rangniedere Sauen traten im Mittel nach 40 Minuten, ranghohe Sauen nach 54 Minuten aus dem Stand.

Am Absetztag war die Anzahl der Rangkämpfe mit insgesamt 172 Angriffen und Kämpfen am höchsten – fast 30 Kämpfe pro Sau. Anschließend ging diese Zahl deutlich zurück und lag am Tag drei bei 52 Kämpfen – also weniger als zehn je Sau.

Vier bis fünf Tage nach dem Absetzen kamen die Sauen in die Rausche. Das war an der steigenden Zahl an Aufsprüngen zu erkennen. Diese erhöhte Aktivität mit „Belästigungen“ anderer Sauen führte gleichzeitig wieder zu einer Zunahme an Rangkämpfen (etwa 100 pro Tag und Gruppe). Das Niveau des Absetztages wurde allerdings nicht erreicht.

Für das Brunstverhalten wurden die Aufsprünge brünstiger Sauen erfasst. Dabei wurden Duldungen und Fluchten unterschieden, also ob eine Sau den Aufsprung einer anderen Sau duldete oder ob die besprungene Sau die Flucht ergriff.

Ranghohe Sauen ritten während der Brunst im Mittel fast 15-mal auf, während rangniedere Sauen durchschnittlich etwa elfmal aufsprangen. Zwei Drittel der Aufsprünge ranghoher Sauen wurden geduldet und bei einem Drittel reagierte die jeweilige Sau mit einer Flucht. Demgegenüber wurden 77 % der Aufsprünge von rangniederen Sauen geduldet und bei 23 % der Aufsprünge floh die besprungene Sau.

Weniger Verletzungen bei ranghöheren Sauen

Eine Sau aus der Gruppenhaltung verletzte sich schon innerhalb der ersten Stunden nach der Einstallung während eines Rangkampfes schwer. In der Folge musste sie aus der Gruppe genommen werden. Das war die einzige schwere Verletzung. Es ist aber ein Hinweis, dass in der Gruppenhaltung ein höheres Verletzungsrisiko besteht. So ist auf eine hohe Qualität des Fußbodens bei Spaltenböden zu achten (Entgraten der Kanten, keine ausgebrochenen Balken).

Die Sauen in Gruppenhaltung wurden am vierten Tag nach dem Einstallen in das Deckzentrum auf äußerlich erkennbare Kratzer oder Bisswunden bonitiert. Rangniedere hatten im Vergleich zu ranghohen Sauen häufiger Schürfwunden (64 %). Von den ranghohen Sauen hatten 25 % Hautverletzungen. Die meisten Hautläsionen waren nur leicht.

Die Sauen in Einzelhaltung hatten mit 5,1 Tagen ein etwas längeres Absetz-Beleg-Intervall als die in Gruppenhaltung (4,8 Tage). In der Gruppenhaltung betrug die Wurfgröße lebend geborener Ferkel 17,0, in der Einzelhaltung 16,1. Wahrscheinlich sind die große Fläche je Sau und die Rückzugsmöglichkeit im Fressstand die Gründe, warum es keine Auswirkungen auf die Fruchtbarkeitsleistung gab.

Mit der veränderten TierSchNutztV wird ein großer Strukturwandel in der Schweinehaltung Deutschlands stattfinden. Vor allem größere Betriebe mit geschlossenen Anlagen, die mit einem hohen Maß an Biosicherheit bewirtschaftet werden (Schwarz-Weiß-Prinzip), haben kaum Platz innerhalb des Stallgebäudes für die 5 m2 je Sau in der Gruppierungsphase.

Künftig nur noch halb so viele Sauen?

Aus Gründen der Seuchenprophylaxe (Stichwort: ASP, aber auch Leptospirose) können diese Betriebe ihre Sauen nicht im Außenbereich gruppieren. Das betrifft auch den Oberen Hardthof. Hier gibt es neben dem Stallgebäude keinen Platz für eine Arena im Freien.

Die Sauenanlage wurde 2014 nach den damals gültigen gesetzlichen Vorgaben errichtet. Im Stall ist kaum Platz für zusätzliche Laufflächen im Deckzentrum für alle Sauen der jeweiligen Gruppe. Somit wird es schwer, eine Abstockung des Sauenbestandes zu vermeiden. Im Extremfall könnte die Bestandsabstockung die Hälfte der Sauen betreffen.

In kleineren Betrieben mit geringeren Anforderungen an die Biosicherheit ist die Nutzung einer stallnahen Arena im Freien oder – wenn vorhanden – in einem Altgebäude denkbar. Die Sauen können dort in Gruppe gehalten und nur zur Besamung in den Deckständen aufgestallt werden. Aus hygienischen Gründen sollten Vögel fern gehalten werden (Vogelnetze). Die Flächen sollten befestigt (Desinfektion!) und ggf. eingestreut sein. Regelmäßig muss die Bekämpfung von Schadnagern erfolgen. Die Arena kann mit einfachster Fütterungs- und Tränktechnik ausgestattet sein – sofern nicht die Einzelstände dafür genutzt werden können.

Die Besamung in der Gruppe ist dagegen nicht zu empfehlen. Untersuchungen auf Haus Düsse in NRW mussten nach drei Monaten aus folgenden Gründen abgebrochen werden:

  • Arbeitsschutz: Es ist für besamende Personen gefährlich, wenn 250 bis 300 kg schwere, brünstige Sauen (bei der KB) aufeinander aufspringen und die Arbeitsabläufe sind gestört.
  • Tierschutz: Es besteht ein Verletzungsrisiko für (Jung-)Sauen, die als „Sprungpartner“ dienen.
  • Fruchtbarkeitsleistung: Die Umrauscherrate hatte sich mit ca. 12 % im Vergleich zu vorher (6 %) etwa verdoppelt.