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Tiergesundheit

Mit sauberem Tränkwasser den Antibiotikaeinsatz reduzieren

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Pia Münster
am Freitag, 12.08.2022 - 09:33

Die Gesundheit von Nutztieren hängt maßgeblich von der Tränkwasserhygiene ab. Da gibt es noch Verbesserungspotenzial.

Bei der Optimierung des Hygienestandards in den Nutztierbeständen ist die hygienische Qualität des Tränkwassers oft ein vernachlässigter Bereich. Dabei wird die Gesundheit von Nutztieren maßgeblich durch die Tränkwasserhygiene bestimmt. Gerade in Hinblick auf das Konzept „Europäischer Deal“ (Europäisches grünes Abkommen), welches Ende 2019 vorgestellt wurde, soll der Einsatz von Antibiotika weiterhin um 50 % gesenkt werden. Ein Baustein zur Antibiotikareduzierung ist dabei ein sauberes Tränkwasser.

Ein schlechtes Tränkwasser führt außerdem zu ökonomischen Einbußen durch:

  • vermehrte Gesundheitsprobleme,
  • verminderte Wasseraufnahme,
  • reduzierte Futteraufnahme,
  • höhere Verluste,
  • weniger Zunahmen und gesenkte Futterverwertung sowie
  • steigende Kosten.

Bisherige Erfahrungen mit einem umfassenden Tränkwasserhygienekonzept zeigen, dass eine deutliche Antibiotikaeinsparung möglich ist. Dazu gehören nicht nur das Tränkwasser an sich, sondern auch der Einsatz von effektiven und geeigneten Sanierungsverfahren sowie die Optimierung von Tränkwasserinstallationen.

Welche Regelungen und Verordnungen gibt es?

Die Rolle von Biofilmen im Tränkeleitungssystem darf keinesfalls unterschätzt werden, sonst stecken sich neue Tiere an.

Gerade im Hinblick auf die Umsetzung des Leitfadens (Mai 2014) zur „Oralen Anwendung von Tierarzneimitteln im Nutztierbereich über das Futter oder das Wasser“ wird verstärkt ein praxistaugliches Tränkwassermanagement gefordert.

Zurzeit unterliegt Tränkwasser der Futtermittelhygiene-Verordnung (183/2005) und wird nicht wie bei Trinkwasser, welches für den menschlichen Gebrauch vorgesehen ist, einer eigenen Verordnung zugeordnet. In der Futtermittelhygiene-Verordnung stehen lediglich zwei Sätze. Tränkwasser muss „so beschaffen sein, dass es für die betreffenden Tiere geeignet ist. Bei begründeten Bedenken hinsichtlich einer Kontamination von Tieren oder tierischen Erzeugnissen durch das Wasser sind Maßnahmen zur Bewertung und Minimierung der Risiken zu treffen.“ Um Maßnahmen zielorientiert durchzuführen sollten potenzielle Risiken natürlich bekannt sein. Zu den hygienischen Risiken gehören neben den chemischen und mikrobiologischen Risikofaktoren auch technische Risikofaktoren.

Für chemische und mikrobiologische Parameter gibt es sogenannte Grenz- bzw. Orientierungswerte, welche vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV, 2007) veröffentlicht wurden. Für Nutztiere sind diese angegeben Werte nicht verpflichtend, sondern sollten als Orientierung dienen. Grundsätzlich sollte für Nutztiere Trinkwasserqualität angestrebt werden.

Welche chemischen Risikofaktoren gibt es?

Bei Stadtwasser kann davon ausgegangen werden, dass alle chemischen Parameter in einem Bereich liegen, welche für Tier und Material unbedenklich sind. Hingegen können bei Brunnenwasser chemische Risikofaktoren auftreten.

Bei starken Ablagerungen (Inkrustierungen) ist die hydraulische Leistung nicht mehr gewährleistet. Die Menge an Wasser, die benötigt wird, kann unter Umständen gar nicht mehr durch das Leitungssystem fließen. Auch der dadurch ausgelöste Materialverschleiß ist nicht zu unterschätzen. Starke Ablagerungen durch Metalle im Wasser können oft nicht mehr entfernt werden und ein Austausch von Leitungsabschnitten ist unabwendbar.

Welche mikrobiologischen Risikofaktoren gibt es?

Die Leitungen müssen nach jedem Durchgang gereinigt werden, damit neue Tiere sich nicht mit den Keimen der vorigen anstecken.

Keime im Tränkwasser können zur Beeinträchtigung der Tiergesundheit führen und somit den Medikamentenverbrauch sowie die Leistungseinbußen signifikant erhöhen. Von seiner Herkunft her kann das Wasser selbst schon kontaminiert sein; dies kann besonders bei der Nutzung von Brunnenwasser oder direkt von Oberflächenwasser der Fall sein. Das Hauptproblem in der Nutztierhaltung ist allerdings der rückwärtige Keimeintrag von der Tränke ausgehend in das Tränkwasserleitungssystem. Die Rolle dieser Biofilme darf im hygienischen Kontext nicht unterschätzt werden. Damit neue Tiere sich nicht mit den Keimen vom Durchgang vorher auseinandersetzen müssen, ist es unbedingt erforderlich den Biofilm ordnungsgemäß zu entfernen. Neben vorbeugenden Maßnahmen zur Vermeidung eines Eintrags gibt es Maßnahmen zur Beseitigung von Verunreinigung durch Spülen, Reinigen und Desinfizieren.

Welche technischen Risikofaktoren gibt es?

Bei Stagnation des Tränkwassers kann die Wasserqualität durch ein Bakteriumwachstum stark beeinträchtigt werden. Schlecht, selten oder nicht durchflossene Bereiche, die auch von Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen nicht erfasst werden, stellen eine stetige Kontaminationsquelle dar. Daher sind tote Leitungsenden im Stall immer zu vermeiden. Aus Gründen der Hygiene ist es erforderlich, nach Stagnationszeiten Spülungen des Leitungssystems vorzunehmen. Auch sind Leitungen, die nicht mehr benutzt werden, unbedingt vom verwendeten Tränkwasserleitungssystem abzutrennen. Die Intensität der Beeinträchtigung der Wasserqualität hängt zudem von verwendeten Materialien, Wasserbeschaffenheit, der Temperatur und der Dauer der Stagnation ab.

Ein zusätzlicher Einbau von Spulmöglichkeiten ermöglicht es, den Tieren vor Neubelegung oder mehrmals täglich frisches und kühles Wasser zur Verfügung zu stellen. Ferner lassen sich die Durchflussrate erhöhen und Partikel inklusive des gelösten Biofilms entfernen. Mit Hilfe einer strategisch designten Bauweise kann das gesamte Wasserleitungssystem bis hin zum Tränkenippel erreicht werden und eine effektive Reinigung wird somit ermöglicht. Auch im Leitfaden zur „Oralen Anwendung von Tierarzneimitteln im Nutztierbereich über das Futter oder das Wasser“ wird verlangt, dass die Wasserleitungen so dimensioniert und installiert sein sollten, dass durch eine ausreichende Fließgeschwindigkeit und dementsprechend verlegte Rohre keine Ablagerungen entstehen.

Filter, welche eine Kontaminationsquelle darstellen können, sollten regelmäßig gewechselt oder gespült werden. Gegebenenfalls müssen sie gereinigt und desinfiziert werden. Es empfiehlt sich bei der routinemäßigen Reinigung und Desinfektion der Fläche im Leerstand die Filter immer standardmäßig mit sauber zu machen.

Die Temperatur hat einen wesentlichen Einfluss auf das Biofilm-Wachstum im Leitungssystem. Leitungen vor Heizungsrohren oder Wärmeschleifen, welche oft in der Geflügelhaltung vorzufinden sind, stellen durch „Brutschrankverhältnisse“ eine nicht zu unterschätzende Kontaminationsquelle dar.

Im Nutztierbereich werden häufig technisch geeignete, aber mikrobiologisch ungeeignete Materialien eingesetzt. Diese Werkstoffe der Leitungen entsprechen selten den Anforderungen für Trinkwasser. Je nach Material kann das Wachstum von Biofilmen begünstigt werden. Generell sollten nur DVGW (Deutscher Verein des Gas- und Wasserfachs) geprüfte Materialien verwendet werden.

Wie werden Leitungen richtig gereinigt?

Mittels eines Endoskops kann der Ist-Zustand im Tränkewassermanagement festfestellt werden.

Eine Reinigung bedeutet immer eine „Fläche frei machen von Schmutz“. Für Tränkwasserleitungen heißt das, den im Durchgang aufgebauten Schmutz in Form eines Biofilms aus dem Tränkwassersystem vollständig zu entfernen. Ohne die Entfernung des Biofilms in Tränkwasser-Systemen gibt es keine Verhinderung potenzieller Übertragungen von pathogenen/resistenten Mikroorganismen und Verschleppungen von Wirkstoffen wie zum Beispiel Antibiotika. Um die organische Masse aus dem Tränkwasserleitungssystem zu bekommen sollte eine alkalische Grundreinigung durchgeführt werden.

Eine regelmäßige Reinigung der Tränkeleitungen ist entscheidend für die Versorgung der Tiere mit einem hygienisch einwandfreien Tränkwasser. Bei mineralischen Ablagerungen sollten immer abwechselnd alkalische und saure Produkte zur Reinigung des Tränkwasserleitungssystems verwendet werden. Ein alkalischer Reiniger entfernt Fette und Eiweiße, wobei ein saurer Reiniger Kalzium und Eisenablagerungen entfernt.

Wie werden Leitungen richtig desinfiziert?

Eine Desinfektion verhindert die Übertragung von Krankheitserregern durch Inaktivierung oder Abtötung. Zur Desinfektion von Tränkwasserleitungssystemen stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Für eine Desinfektion von Wasser gibt es thermische, physikalische, mechanische, chemische und technische Verfahren.

Chemische Desinfektionsmaßnahmen sind für die Nutztierhaltung am einfachsten und effektivsten umzusetzen. Nach der Trinkwasserverordnung (TrinkwV) können zur Trinkwasseraufbereitung Chlor, Chlordioxid, Natriumhypochlorit und Ozon verwendet werden. Chlor ist immer noch ein altbewährtes Produkt zur Wasserdesinfektion und wird oft als Chlorbleichlauge (Natriumhypochlorit) zur Tränkwasserdesinfektion eingesetzt. Allerdings ist Chlor stark pH-abhängig und kann bestimmte Materialien angreifen. Chlordioxid ist hingegen pH-unabhängiger und ist im Vergleich zu Chlor weniger korrosiv. Zu beachten ist jedoch, dass die Wirkung von Chlordioxid bei Anwesenheit von zehrenden organischen Stoffen oder Eisen- und Mangan-Ionen beeinflusst wird. Ausschlaggebend bei der Wahl des Desinfektionsmittels für Tränkwasser sind die Art und Eigenschaften des verwendeten Wassers, die Einsatzbereiche und die Anwendungszwecke.

Heutzutage gibt es eine Vielzahl an Produkten zur Tränkwasserdesinfektion. Alle Präparate haben ihre Vor- und Nachteile. In der Praxis müssen daher bestimmte Faktoren überprüft werden, um das richtige Mittel für ihren individuellen Betrieb herauszufinden. Grundsätzlich ist eine Desinfektion nur dann möglich, wenn vorher eine ordnungsgemäße Reinigung durchgeführt wurde. Bei einer Grunddesinfektion im leeren Stall kann die Dosierung erhöht werden. Ansonsten muss je nach Produkt auf die richtige Konzentration im belegten Stall geachtet werden.

Ein technisches Verfahren ist zum Beispiel die bauliche Entfernung von Stichleitungen, wobei Stagnationen entfernt und potenzielle Brutstätten von Mikroorganismen beseitigt werden. Speziell bei chemischen Desinfektionsverfahren werden Totstränge nicht erreicht und können ein saniertes System in kürzester Zeit wieder vollständig kontaminieren.

Wichtig ist einmal anzufangen!

Der erste Schritt dazu ist die Beschreibung der eigenen Tränkwasserqualität sowie des vorhandenem Tränkwasserleitungssystems (IST-Zustand). Der zweite Schritt liegt darin vorliegende Gegebenheiten mit einem gewünschten Zustand bzw. mit gewünschten Werten (SOLL-Zustand) zu vergleichen. Nur dann kann ein risikobasiertes und prozessorientiertes Tränkwassermanagement erarbeitet werden und die einzuführenden Maßnahmen den Gegebenheiten angepasst werden. Ganz wichtig dabei ist anschließend eine Erfolgskontrolle durchzuführen. Nur durch eine Erfolgskontrolle kann der Erfolg einer Maßnahme bestätigt werden. Mittels eines Endoskops kann nicht nur der Ist-Zustand festgestellt werden, sondern auch die erfolgreiche Entfernung eines Biofilms bestätigt werden. Heutzutage wird es immer wichtiger sich selber zu kontrollieren. Auch nach dem neuen Tierschutzgesetzt ist der Tierhalter angehalten Eigenkontrollen durchzuführen. Die Wasseraufnahme eines Tieres ist zum Beispiel ein einfach und schnell zu erfassender Indikator für das Wohlbefinden des Tieres und den Status der Tiergesundheit. In vielen Betrieben wird bereits die Wasseraufnahme als normaler Parameter regelmäßig erfasst und ausgewertet.

Zu einem erfolgsversprechendem Tränkwassermanagement gehört nicht nur die Grundreinigung und Grunddesinfektion der Tränkwasserleitungen im Leerstand, sondern auch die kontinuierliche Tränkwasserdesinfektion im belegten Stalle sowie die Optimierung bzw. Sanierung der Tränkwasserinstallation. Ziel ist es den rückwertigen Keimeintrag langfristig und effektiv zu verhindern. Mit einer Grundreinigung und Grunddesinfektion des Tränkwasserleitungssystems wird lediglich eine wichtige Basis und somit ein guter Start für die neuen Tiere erschaffen. Im belegten Stall heißt es weiterhin den Keimdruck im Wasser so klein wie möglich zu halten. Dies wird nur damit erreicht, wenn eine Tränkwasserdesinfektion kontinuierlich und zielorientiert erfolgt. Ein Bakterium teilt sich unter guten Bedingungen im Durchschnitt alle 20 min. So kann leicht ausgerechnet werden, wie schnell sich ein hoher Keimgehalt im Wasser aufbauen kann. Für eine kontinuierliche Tränkwasserdesinfektion gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Wichtig ist vorher ein paar Parameter abzuklären bzw. das Wasser mit dem gesamtem Tränkwasserleitungssystem überprüfen zu lassen. Nicht jedes Wasser ist für alle Desinfektionsmittel gleich gut geeignet.

  • Die Gesundheit der Nutztiere wird maßgeblich durch die Tränkewasserhygiene bestimmt.

  • Grundsätzlich soll für Nutztiere Trinkwasserqualität angestrebt werden.

  • Bei starken Ablagerungen (Inkrustierungen) kann unter Umständen die Menge an Wasser nicht mehr durchfließen, die benötigt wird.

  • Das Hauptproblem in der Nutztierhaltung ist der rückwärtige Keimeintrag von der Tränke ausgehend in das Tränkwasserleitungssystem.
  • Damit neue Tiere sich nicht mit den Keimen vom Durchgang vorher auseinandersetzen müssen ist es unbedingt erforderlich den Biofilm vorher zu entfernen.
  • Leitungen, die nicht mehr benutzt werden, sind unbedingt vom verwendeten Tränkwasserleitungssystem abzutrennen.
  • Filter, die eine Kontaminationsquelle darstellen können, sollten regelmäßig gewechselt oder gespült werden.
  • Die Temperatur hat einen wesentlichen Einfluss auf das Biofilm-Wachstum im Leitungssystem.