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Enthornen

Ruhig und ohne Schmerzen

Max Riesberg
Max Riesberg
am Montag, 23.05.2022 - 09:00

Das Veröden der Hornanlagen mit fachgerechtem Ruhigstellen und Schmerzmittel schonend gestalten.

Enthornen

Schon seit dem Sommer 2013 beschäftigt sich Ulrike Bauer vom Institut für Landtechnik und Tierhaltung der LfL damit, den Kälbern das sogenannte „Enthornen“, so erträglich wie möglich zu machen. Es geht dabei um das Zerstören der Hornanlage bis zum 42. Lebenstag, aus Gründen der Arbeitssicherheit und des Tierschutzes. Dies ist inzwischen in der Rinderhaltung zur Routine geworden, doch eine einheitliche und fachgerechte Durchführung bundesweit ist ein wichtiges Ziel im Rahmen des Tierwohls und der Akzeptanz in der Gesellschaft.

Um den Rinderhaltern wissenschaftlich fundierte Praxisempfehlungen an die Hand geben zu können, untersuchte Bauer gemeinsam mit den Kollegen Dr. Daniel Mehne und Dr. Andreas Randt vom TGD Bayern „verschiedene Varianten des Schmerzmanagements im Hinblick auf ein möglichst tiergerechtes Veröden der Hornanlage und der praktischen Umsetzbarkeit“, wie der Forschungsauftrag offiziell lautete.

Im Rahmen eines Infotags der LfL in Grub Ende 2014 wurden erste Ergebnisse vorgestellt. Um Aussagen über das Schmerzempfinden treffen zu können, wurde der Gehalt des Stresshormons Cortisol gemessen. Dazu wurden bei 500 Kälbern in sechs verschiedenen Gruppen Speichelproben genommen.

Anhand der Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass die sedierten, also ruhiggestellten Kälber deutlich weniger Stress hatten (geringere Cortisol-Konzentration, siehe Grafik) als Tiere ohne Sedation. In den Gruppen, in denen Beruhigungs- und Schmerzmittel verabreicht wurden, konnte man vergleichbare Werte messen wie bei Kälbern, die zusätzlich noch eine Lokalanästhesie erhalten haben.

Gemeinsam mit Patrick Schwarz vom LVFZ Achselschwang, der als Techniker dort vor allem jungen Landwirten das fachgerechte Veröden der Hornanlagen beibringt, geht es Bauer nun darum, möglichst vielen Praktikern „ihre“ Methode näherzubringen, die seit diesem Jahr verpflichtend vorgeschrieben ist.

Acht Schritte, die sitzen müssen

Geräte
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Schwarz, dem die Arbeitsschritte aufgrund seiner Erfahrung in Fleisch und Blut übergegangen sind, hat dazu einige Tipps parat: „Das A und O ist ein ruhiger Umgang mit den Tieren. Wenn sie schon im Vorfeld wenig Stress haben und an den Menschen gewöhnt sind, dann wirken auch die Spritzen besser“, erklärt er. Außerdem sollte man das Veröden nicht unmittelbar nach dem Tränken oder direkt vor der nächsten Mahlzeit durchführen. Für Schwarz hat es sich bewährt, die benötigten Geräte schon vorab herzurichten und auf ihre Funktionsfähigkeit zu prüfen.

„In Achselschwang veröden wir die Hornanlagen bei unseren Kälbern, wenn diese etwa zwei Wochen alt sind“, berichtet er und weiter: „So verheilen die Wunden besser und wir haben eine bessere Kontrolle über die Tiere in den Einzeliglus.“ Zudem können die Tiere mit sechs Wochen auf dem Kälbermarkt besser vermarktet werden.

Schwarz führt das Veröden meist bei drei Kälbern gemeinsam durch. „Wenn man aber noch nicht so viel Übung hat, sollte man sich lieber nur Einzeltiere vornehmen“, betont er. In der Zeit, in der das verabreichte Beruhigungs- und Schmerzmittel bei den Kälbern zu wirken beginnt – mindestens 15 Minuten warten –, kann er sich der Dokumentation widmen. „So ist die Wartezeit gleich sinnvoll genutzt“, meint Schwarz, ehe er mit dem Freischeren der Hornknospen beginnen kann.

Hierfür empfiehlt er keinen herkömmlichen Langhaarschneider, wie für Menschen. „Mit dem haben wir schlechte Erfahrungen gemacht, da das Fell der Tiere dichter ist“, so Schwarz, und den zu verödenden Hornansatz müsse man einfach gut erkennen, um sauber arbeiten zu können.

In 20 Sekunden ist alles vorbei

Dann nimmt Schwarz den Gasbrenner, der inzwischen eine Betriebstemperatur von gut 480 °C erreicht hat, und drückt diesen etwa zehn Sekunden und unter leichten Drehbewegungen auf den Rand der Hornknospe. „Die Hornknospe selbst muss nicht mit Gewalt rausgehebelt werden. Wenn das Blut- und Nervengewebe korrekt durchtrennt wurde, fallen die kleinen Hornkrusten mit der Zeit von selbst ab.“

Wichtig sei es, so Schwarz, die Ränder gut zu kontrollieren, ob das Gewebe ganzheitlich zerstört wurde, sonst müsste man evtl. zurückgebliebene Häutchen nochmals kurz nachbrennen.

Im Anschluss bringt Schwarz unverzüglich ein Wundspray auf und legt das Kalb geschützt vor nasskalter Witterung und direkter Sonneneinstrahlung im Iglu in Brustlage ab. „Das unterstützt den Kreislauf und ermöglicht eine unbeschwerte Atmung“, berichtet er. Die Arbeitsschritte sind kurz und bebildert auf der folgenden Seite dargestellt.

Nach einer knappen Stunde ist das Kalb schon wieder munter und lässt sich auch wieder streicheln. „Eigentlich wird es für das Tier nicht schlimmer sein, als wenn wir zu einer etwas größeren Behandlung zum Zahnarzt müssen“, sagt Schwarz scherzhaft. „Das will zwar auch keiner, aber es muss einfach sein.“