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Rinderzucht

Ruhig Blut beim Melken

Dieter Krogmeier/Eduardo Pimentel/Bernd Luntz, LfL Tierzucht/Grub
am Donnerstag, 07.10.2021 - 11:14

Das Melkverhalten der Tiere ist bei der täglichen Melkarbeit ein wichtiger Erfolgsfaktor. Seit August gibt es einen neuen Zuchtwert.

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Schlagende Kühe im Melkstand kann kein Milchviehhalter gebrauchen. Zugegeben: Die Gründe dafür können vielfältiger Natur sein, doch gerade in der züchterischen Praxis wird dem Tier- und Melkverhalten (MVH) aktuell eine immer größere Bedeutung zugemessen. Denn neben dem Aspekt der Unfallverhütung beeinträchtigen nervöse, teilweise auch aggressive Tiere den Betriebsablauf, speziell den Melkvorgang erheblich.

Diese zusätzliche Belastung bei ohnehin angespannten Arbeitsverhältnissen auf vielen Betrieben kann sich auf Dauer kein Betriebsleiter leisten.

Bisher wurde das Melkverhalten über die Nachzuchtbewertung erfasst und als Mangel „nervös“ gekennzeichnet. Ein Zuchtwert und somit Informationen für genomische Jungvererber lagen bislang nicht vor. Mit der Einführung der neuen Single-Step-Zuchtwertschätzung und der Nutzung der Informationen aus den Kuhlernstichproben hat sich dies nun geändert. Umfangreiche Studien zeigen eine ausreichende Sicherheit für die züchterische Nutzung. Seit August gibt es einen offiziellen Zuchtwert für das Melkverhalten. Dieser Zuchtwert wird für geprüfte Bullen, für Kandidaten und Genomische Jungvererber sowie ab einer gewissen Mindestsicherheit auch für Kühe veröffentlicht.

Datengrundlage für den Zuchtwert Melkverhalten

Das Erfassen des Melkverhaltens im Rahmen der Nachzuchtbewertung beruht auf der Befragung des Melkpersonals. Während in früheren Jahren das allgemeine Tierverhalten, d. h. das Verhalten in der Herde, abgefragt wurde, steht heute das Melkverhalten im Mittelpunkt. Eine Untersuchung an mehr als 20 000 Fleckvieh- und Brown Swiss-Kühen, in der sowohl das Herden- als auch das Melkverhalten abgefragt wurden, zeigte höhere Anteile nervöser und sehr nervöser aber auch sehr ruhiger Kühe, speziell beim Merkmal Melkverhalten. Bei der täglichen Arbeit mit dem Tier beim Melken oder bei der Tierbeobachtung beim Melken im Roboter bleiben problematische Kühe offenbar deutlich stärker im Gedächtnis als bei Routinearbeiten im Stall.
Während die Erblichkeit für beide Merkmale ähnlich war, zeigte eine hohe genetische Korrelation (rg = 0,82) auch, dass es sich bei Herden- und Melkverhalten zwar um sehr ähnliche, aber nicht um das gleiche Merkmal, handelt. In der Herde friedliche Tiere können also durchaus beim Melken problematisch sein. Erfreulich ist aber, dass bei einer züchterischen Verbesserung des Melkverhaltens die Kühe auch umgänglicher in der Herde werden.
Tabelle 1

Die Datenerfassung erfolgt anhand einer 4-teiligen Skala (siehe Tabelle1). Um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse über Ländergrenzen hinweg zu erreichen, wurden die Ausprägungen der einzelnen Stufen der Skala exakt definiert. So gilt als Definition für den Normalfall „unauffälliges Melkverhalten“ die ganz normale Kuh in der Herde, die der Bauer beim Melken und in der Herde als unauffällig bezeichnet oder gar nicht bewusst wahrnimmt.

Zuchtwertschätzung bei Fleckvieh und Braunvieh

Datengrundlage für die neue ZWS Melkverhalten sind bei Brown Swiss insgesamt fast 195 000 Datensätze aus der bayerischen und baden-württembergischen Nachzuchtbewertung und aus der Erfassung durch das Kontrollorgan in Österreich. Bei Fleckvieh fließen mehr als 1,4 Millionen Datensätze aus der deutschen, österreichischen und tschechischen Nachzuchtbewertung und aus der Erfassung durch das Kontrollorgan in Österreich ein.
Von diesen Kühen mit Melkverhalten sind bei Brown Swiss mehr als 13 000 Kühe und beim Fleckvieh mehr als 70 000 Kühe typisiert. In der Single-Step-Zuchtwertschätzung tragen neben den typisierten Kühen mit Daten bei Brown Swiss 3163 und beim Fleckvieh 13 530 genotypisierte Bullen mit Töchterleistungen, davon 2389 bzw. 11 019 Bullen mit mehr als 19 Töchtern, zur Sicherheit der ZWS bei. Durch einen stetigen Zuwachs an typisierten Kühen wird die Sicherheit fortlaufend verbessert. Allein zwischen Dezember 2020 und August 2021 kam es zu einem Zuwachs von 1769 typisierten Brown-Swiss und 18 570 typisierten Fleckvieh-Kühen mit Melkverhalten. Die Mehrzahl dieser Kühe stammt aus den Kuhlernstichproben-Projekten Braunvieh-Vision sowie FleQS (Bayern), FoKUHs (Österreich) und FLECKfficient (Baden-Württemberg).

Single-Step-Schätzung für das Melkverhalten

Für das MVH wurde bei Fleckvieh eine Erblichkeit von 5,3 % und bei Brown Swiss von 5,0 % geschätzt. Diese liegen somit niedriger als bei den sonstigen Exterieurmerkmalen, die zwischen 47 % (Kreuzhöhe) und 8 % (Trachtenhöhe) liegen. Aufgrund der niedrigen Heritabilität wird der Zuchtwert in beiden Rassen erst ab einer Sicherheit von 40 % veröffentlicht. Dies gilt sowohl für männliche als auch für weibliche Tiere.
Beim Fleckvieh wird eine Sicherheit von 40 % bei fast allen genomischen Jungvererbern und Kandidaten erreicht, bei den weiblichen Tieren schaffen über 98 % der genotypisierten Kühe die Veröffentlichungssicherheit. Bei Brown Swiss liegen besonders Kandidaten mit ausländischer Abstammung teilweise unter 40 % und erhalten keinen Zuchtwert. Durch die Zunahme typisierter Kühe aus Braunvieh-Vision nimmt die Sicherheit der Zuchtwerte allerdings kontinuierlich zu, sodass der Anteil von Bullen ohne Zuchtwert stetig abnimmt. Bei den weiblichen Tieren erreichen annähernd 87 % der genotypisierten Kühe die Veröffentlichungssicherheit. Bullen mit mindestens 20 Töchtern weisen im Durchschnitt eine Sicherheit von 73 % (Fleckvieh) bzw. knapp 65 % (Brown Swiss) auf, wobei es auch zahlreiche Bullen mit Sicherheiten zwischen 95 % und 99 % gibt.
Tabelle2

In den Tabellen 2 und 3 finden sich Beispiele für geprüfte Bullen unterschiedlicher Jahrgänge mit hohen bzw. niedrigen Zuchtwerten für das Melkverhalten. Neben dem Zuchtwert mit Sicherheit findet sich der Anteil an leicht und stark nervösen Kühen in einer Bullennachzucht.

Häufig wird die Frage gestellt, ob eine Zucht auf ruhigere Tiere im Melkverhalten nicht zu nachteiligen Entwicklungen in anderen Bereichen, z. B. der Milchleistung, führen könnte. Dies hat sich glücklicherweise nicht gezeigt.

Tabelle 3

Bei Fleckvieh und Brown Swiss deutet sich ein positiver Einfluss des Melkverhaltens auf die Melkbarkeit an. Ruhigere Tiere sind bei Brown Swiss außerdem tendenziell etwas stärker bemuskelt und haben tendenziell etwas höhere Zuchtwerte im maternalen Kalbeverhalten und der Nutzungsdauer.

Beim Fleckvieh tendieren sehr ruhige Bullen zu höheren Zuchtwerten Nettozunahme. Hier sind die Zuchtwertkorrelationen zum Fitnesswert zwar negativ, aber bisher sehr niedrig und nicht signifikant. Die Ausweisung eines Optimalbereichs für das Merkmal MVH wird deshalb aktuell als nicht notwendig erachtet, die weitere Entwicklung wird aber im Auge behalten.

Herdenmanager und Lacto-Corder-Daten

Für alle Landwirte besteht seit einigen Jahren die Möglichkeit, das Melkverhalten ihrer Kühe selbst zu erfassen und in den LKV-Herdenmanager einzugeben. Insgesamt haben bisher aber nur wenige Betriebe diese Möglichkeit genutzt. Auch wurden von den meisten dieser Betriebe nur einmalig oder gelegentlich Daten von einem oder mehreren Tieren erfasst, zumeist dann, wenn diese aktuell das Melkverhalten störten. Das könnte auch erklären, dass der Anteil problematischer oder sehr problematischer Kühe höher ist als in den Erfassungen durch die Nachzuchtbewertung. Für die Zuchtwertschätzung sind aber die Ergebnisse aller Kühe, also auch die Ergebnisse von unauffälligen oder gar phlegmatischen Kühen wichtig.
Allerdings geben Auswertungen an den Daten der Landwirte einige interessante Einblicke in das Melkverhalten der Kühe. Die große praktische Bedeutung des Melkverhaltens für die Landwirte zeigt, dass zwischen 2 % (Brown Swiss) und 4 % (Fleckvieh) der gemeldeten Kühe aufgrund problematischen Melkverhaltens vom Betrieb abgehen mussten. Handelt es sich hierbei um züchterisch interessante Kühe, ist der finanzielle Schaden umso größer.
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Neben den Angaben zum Melkverhalten können im Herdenmanager zusätzliche Angaben zum Kuhcharakter gemacht werden. Dabei kann zwischen der „eher aggressiven Kuh“ und der „eher schreckhaften, nervösen Kuh“ unterschieden werden und es kann angegeben werden, ob es sich um eine Leitkuh handelt. Obwohl die Leitkuh eine dominierende Rolle in der Herde einnimmt, zeigen die Auswertungen, dass diese Kuh nur sehr selten Probleme beim Melken macht. Von den als Leitkühe gemeldeten Tieren waren mehr als dreiviertel sehr ruhig oder unauffällig im Melkverhalten. Dies bedeutet aber auch, dass durch eine Zucht auf ausgeglichenes Melkverhalten nicht entscheidend in die Rangordnung der Herde eingegriffen wird.

Aggressive Kühe stören weniger als nervöse Tiere

Der Anteil schreckhafter, nervöser Kühe ist deutlich höher als der Anteil aggressiver Kühe. Überraschenderweise stellen aggressive Kühe zwar eher eine Gefahr für den Menschen und andere Kühe dar, sie stören den Melkverlauf aber weniger als die nervöse Kuh. Während annähernd 50% der schreckhaften Kühe Probleme beim Melken machten, war dies bei den wenigen aggressiven Kühen nur sehr selten der Fall.
Da die Anzahl von im Herdenmanager erfassten Daten stetig steigt, soll versucht werden, auch diese in die ZWS zu integrieren. Umfangreiche Analysen von LactoCorder-Daten (Abschlagen der Melkzeuge) zeigten sehr niedrige Erblichkeiten auf, so dass dieses Merkmal für eine Zuchtwertschätzung nicht wirklich erfolgversprechend ist. In Zukunft wird allerdings die Nutzung von Daten aus automatischen Melksystemen als Information für das Melkverhalten eine immer größere Rolle spielen. Diese müssen analysiert und wenn möglich integriert werden.

Neuer Zuchtwert: Ein sinnvolles Hilfsmittel

Mit dem neuen Zuchtwert Melkverhalten bekommt der Züchter ein Hilfsmittel an die Hand, um in Richtung einer ruhigen und umgänglichen Herde, vor allem beim Melken, zu züchten. Auch wenn bei der Einführung eines Zuchtwerts die Erwartungen häufig sehr hoch sind, sollten schon aufgrund der niedrigen Erblichkeit, Selektionsentscheidungen mit Bedacht und unter Berücksichtigung aller übrigen Zuchtwerte erfolgen. Das neue Merkmal ist allerdings ein weiterer und auch verantwortungsvoller Schritt in Punkto Nutzungsdauer, denn umgängliche Kühe bleiben bekanntlich auch länger in der Herde bzw. am Betrieb als Tiere mit auffälligem Verhalten.

 

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