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Update: World-Dairy-Expo in Wisconsin

Rinderzucht: Unser Braunvieh-Experte berichtet direkt aus Amerika

World Dairy Expo
Josef Berchtold
Josef Berchtold
am Dienstag, 18.10.2022 - 10:00

In den USA finden vom 1. bis 7. Oktober der Brown Swiss Kongress und die World Dairy Expo statt. Wochenblatt-Redakteur Josef Berchtold ist vor Ort und hält in seinem Tagebuch die Highlights fest.

Freitag, 7. Oktober: Holstein wird Supreme Champion

Gewinnerkuh

Der letzte Tag an der World Dairy Expo steht ganz im Zeichen der Holsteinschau und schließlich der Supreme-Championwahl. Traditionell ziehen zum Finale der Expo die Championkühe der sieben Rassen, die in den Tagen zuvor an der größten Tierschau Nordamerikas ausgestellt waren, in den Ring. Die Preisrichter der Expowoche geben ihre Punkte ab und wählen die schönste Kuh Nordamerikas.  

Diese Wahl spannend und spektakulär zu inszenieren, das verstehen die Macher an der World Dairy Expo. Die Halle ist komplett abgedunkelt und alle Kühe, die sich in ihrer Rasse durchgesetzt haben, ziehen einzeln und unter Scheinwerferlicht in den Ring und werden vorgestellt. Nach dieser Zeremonie schreitet Alice in Dairyland, die Milchkönigin des Landes, mit Abendkleid und ebenfalls im Scheinwerferlicht zu den Moderatoren, um ihnen den Umschlag mit den Namen der Supremesieger zu überreichen.  

Dann werden die Supreme-Champions in dem abgedunkelten Coliseum bekannt gegeben und unter großem Applaus richten sich die Scheinwerfer auf die jeweilige Kuh. Nachdem in den Jahren 2018 und 2019 die Brown-Swiss-Kuh Delilah Supreme Champion wurde und die Schau 2020 ausfiel, konnte dieses Jahr wie schon im Vorjahr die Holsteinsiegerin die Auszeichnung als schönste Kuh Amerikas entgegennehmen: Oakfield Solom Footloose-ET EX-94 ist keine geringere als die Enkeltochter von Harvue Roy Frosty EX-97, die in 2010 und 2011 ebenfalls zur Supreme gewählt wurde. Footlose, die vergangenes Jahr am Ducket Summer Sale für 355000 Dollar verkauft wurde, setzte sich bei der Supreme-Wahl vor der Jersey-Championkuh, Rivendale VIP Eloise, im Besitz von der Vierra Dairy Farm aus Hilmar in Kalifornien durch.  
 
Footloose, die Duckett Holsteins, Vierra Dairy und Tim & Sharyn Abbott aus Rudolph in Wisconsin gehört, wurde gut eine Stunde vor der Supreme-Wahl von Richter Pierre Boulet, zur Grand Champion bei den Holsteins gewählt. Hier ging der Reservetitel an die rote Holsteinkuh Blondin Unstopable Maple Red und Gesamt-Dritte wurde Ok Ridge K Gold Chip Turbo.  

Mit der Supreme-Championwahl ging die letzte Entscheidung des diesjährigen World Dairy Expo zu Ende. Teils noch am gleichen Tag oder auch am Tag danach traten dann die Aussteller die Heimreise an. Und die ist of weit: Eine Anreise über 1000 Kilometer nichts besonderes und die Aussteller zum Beispiel aus Kalifornien reisen rund 3000 Kilometer an.  

Donnerstag, 6. Oktober: Niedrigste Zellzahlen bei 380 Kühen

USA Tag 6: Farmtour in Minnesota und Wisconsin 

On the Road again heißt es am 6. Tag im mittleren Westen der USA. Am Red Holsteintag auf der World Dairy Expo machen wir dort eine Pause und besuchen dafür drei Farmen, eine größere mit 380 Kühen genauso wie eine kleine mit 70 Kühen im Anbindestall.  „70 Kühe und klein?“, wird sich mancher fragen. Tatsächlich hören wir selbst von Farmern mit 100 Kühen häufig, dass sie nur eine kleine Farm besitzen. 

Niedrigste Zellen in Minnesota  

Der bekannteste Betrieb an diesem Tag ist die Hendel-Farm in Caledonia, Minnesota. In der Holstein-, wie in der Brown-Swiss-Zucht mischt Matt Hendel vorne mit und verkauft viele Besamungsstiere. In den Ställen stehen 380 Kühe, davon 40 braune mit 10250 kg Milch bei 4,6% Fett und 3,4% Reineiweiß. Bei Brown Swiss sind fünf genomische Stiere an den Stationen, alle aus der Kuhfamilie von HF Cadence Dream. Ein genomisch sehr hohes Rind wird bis zu fünfmal, im Einzelfall noch öfters über ET oder IFV genutzt.   

Duron Bratland

Es gibt drei Rationen für die Laktierenden plus eine für die Tockensteher, erklärt Herdsman Luke. Auf den 900 Acres, rund 360 Hektar, baut Hendel Mais und Luzerne an. Andere Futtermittel wie Sojaschrot, heile Baumwollsaat oder 

Trockenschlempe kauft Hendel zu. Etwa 10 Voll-AK arbeiten auf dem Betrieb. Das ist recht viel, allerdings werden alle Arbeiten enorm sorgfältig ausgeführt und der Erfolg gibt dem Betrieb recht. Beispielsweise wird jede Woche reichlich Sand  in die Liegeboxen nachgefüllt. Schon die Jungrinder liegen auf viel Sand und nicht etwa auf Stroh oder gar auf Gummimatten. Der feine Sand ist für die Kühe perfekt. Und er ist anorganisch und sehr hygienisch. „Wir lagen letztes Jahr bei durchschnittlich 40000 Zellgehalt, damit waren wir der beste Betrieb in Minnesota“, erklärt Luke stolz.   

Brünstige Kühe werden sofort aus der Herde entfernt und in einen eigenen Strohbereich gebracht, das bewahrt die Ruhe und schont die Klauen. 

Im Tal der Wikinger 

Ganz in der Nähe von Hendel liegt in Spring Grove, Minnesota, die Viking-Valley-Farm, also der Hof im Tal der Wikinger. Dass der reine Brown-Swiss-Betrieb in einem Talkessel liegt, ist unverkennbar. Und warum Wikinger? „Unsere Vorfahren stammen aus Norwegen“, erklärt Besitzer Duron Bratland. 

Eine Kuhfamilie ist bei Viking-Valley vertreten wie auf keiner anderen anderen Farm. Und es ist nicht irgendeine Familie, sondern schlechthin die Kuhlinie in den frühen Brown-Swiss-Jahren: Jane of Vernon. Diese Kuh gilt als die Stammkuh des Brown Swiss. Auf Viking-Valley  gehen etwa 50 der 115 Kühe in der Mutterlinie auf Jane of Vernon zurück, sagt Duron.  

Bratlands halten ihre Kühe im älteren Anbindestall. Vom Frühjahr bis zum Herbst allerdings sind sie Tag und Nacht auf der Weide und werden zusätzlich auf dem Laufhof in einfachen, nicht überdachten Trögen, mit TMR gefüttert. 

Hoffnung auf ein Comeback  

Nach zwei Stunden Autofahrt zurück nach Madison und vorbei an unzähligen Mais- und Luzernefeldern erreichen wir den dritten Betrieb. Als es mit der Genomik vor gut 10 Jahren losging, war die Switzertal-Farm von Tom Accola aus Prairie Du Sac, Wisconsin, der große Gewinner. Von dem Betrieb, der bis dahin weitgehend unbekannt war, hatten viele Stiere hervorragende genomische Werte. Switzertal wurde über Nacht in der Szene berühmt und zur Quelle der weltweiten Bown-Swiss-Zucht. Das ganze endete vor etwa fünf Jahen mit dem Stier Doboy. Er war der letzte KB-Stier, der in den Einsatz ging.

Jetzt wartet Tom Accola auf ein Comeback, und es sieht gut aus. Erst vor wenigen Wochen wurde mit dem Jonmar-Sohn Dubai der erste Stier seit fünf Jahren angekauft. Er ist jetzt acht Monate alt und Tom hofft, dass er auch in Einsatz kommen wird.  

Auch Accola milkt seine 70 Brown Swiss im Anbindestall. Viele starke Kühe stehen im Stall und zu Beginn der Melkzeit erwartet uns ein hervorragendes Lineup. Die Herdenleistung liegt bei 11200 kg mit 4,5% Fett und 3,4% Eiweiß, das in den USA stets als Reineiweiß, und nicht wie in Deutschland als Gesamteiweiß angegeben wird, das etwa zwei Zehntel höher liegt.  

Auf dem Rückweg nach Madison darf  

ein Besuch in einem großen Farmersmarkt nicht fehlen. Dort gibt es zum einen viele Produkte, die man auch bei uns in einem Lagerhaus oder einem Baumarkt findet, etwa Werkzeug, Arbeitskleidung, Futtermittel oder Baumaterialen. Zum anderen werden hier aber auch Schusswaffen angeboten und Tierarzneimittel, die es bei uns nur vom Tierarzt gibt, sind frei verkäuflich.  

Einen attraktiven Programmpunkt an der World Dairy Expo verpassen wir nach dem langen Tagesprogramm an der World Dairy Expo: Am Holsteinsale im Rahmen der World Dairy Expo werden mehrere Katalognummern für über 100000 $ zugeschlagen. Allerdings sind das oft nicht Rinder oder gar Besamungsstiere, sondern das Anrecht, ein genomisch sehr hohes Tier über IVF nutzen und hierbei mindestens acht Embryonen gewinnen zu können. Ein weiterer interessanter Tag ist zu Ende. 

Mittwoch, 5. Oktober: Die World Dairy Expo in Madison

USA Tag 5: In Amerika ist alles etwas größer

Die World Dairy Expo in Madison: Sie ist die bekannteste Tierschau in Nordamerika, vermutlich weltweit. Und sie ist eine beliebte Agrarmesse, zu der 60.000 Gäste aus 100 Nationen reisen. Zur Tierschau kamen dieses Jahr rund 2600 Kühe und Rinder der in Nordamerika verbreiteten Rinderrassen Holstein, Red Holstein, Jersey, Brown Swiss, Aysrhire, Guernsey und Milking Shorton.

Normal sind es rund 2300, in diesem Jahr wurden die Tierzahlen vom Veranstalter mehrmals nach oben korrigiert. Das Preisrichten dauert fünf Tage und endet mit der Supreme Championwahl. Dazu ziehen die Siegerkühe der sieben Rassen gleichzeitig in den Ring und es kommt zur Wahl der schönsten Kuh in Nordamerika.

Mittwoch, 5. Oktober: Viehschau mit 2500 Tieren

World Dairy Expo

USA Tag 5: Von scharfen Kühen und einem herrlichen Steak

Um 7 Uhr morgens geht es los im riesigen Schauring an der World Dairy Expo, in einem Eishockeystadion, das über 10000 Besicher fasst. Es ist der Brown-Swiss-Tag, nach dem Warmup mit den Rindern am Vorabend sind endlich die Kühe dran, es ist ein Highlight auch für die zahlreichen Braunviehzüchter aus Europa, die in diesem Jahr wegen des Weltkongresses nach Madison gereist sind.  

In den meisten Gruppen laufen zwischen  15 und 25 Kühen, am größten ist die Abteilung der vierjährigen Kühe mit 26 Tieren. Das sind weniger als bei den Rindern mit bis zu 44 Tieren, aber  immer noch deutlich mehr als auf den Schauen in Deutschland. Eine Besonderheit: In diesem Jahr durfte Regina Dilger aus Baden-Württemberg als Whrendame im Ring fungieren.  

Die Kühe auf der Schau sind schärfer als die, die wir auf den Betrieben gesehen haben. Das liegt zum einen an der speziellen Fütterung auf vielen Schaubetrieben mit weniger Energie und mehr Struktur, eben damit die Kühe feiner und schärfer werden. Zum anderen setzen Betriebe, die große Schauen beschicken, zumindest bei einem Teil ihrer Herde andere Stiere ein als die „commercial farmers, die sich für das Schauwesen nicht interessieren. Die Trennung zwischen Show und kommerzieller Milchproduktion ist in den USA viel stärker als zum Beispiel beim Braunvieh oder gar beim Fleckvieh in Deutschland.  

Auch in der Vorbereitung der Kühe auf der Schau sind in Nordamerika Methoden üblich, die in Deutschland schon lange verboten sind.  

Unabhängig davon darf man sagen: Die Kuhqualität auf der Expo ist sehr gut, und das fanden auch die Schweizer Züchter, die sich mit exterieurstarken Tieren wahrlich gut auskennen. Vor allem die alten Klassen konnten bis weit nach hinten überzeugen. Der Championtitel ging wie schon im Vorjahr an die Kuh Cutting Edge Thunder Faye. Sie hat genau das, was die Preisrichter in den USA auf den Schauen bei allen Milchrassen suchen, egal, ob bei Holstein, Jersey oder Brown Swiss: scharfe Kühe mit einem aufgesetzten Widerrist, die nach vorne deutlich ansteigen, also Uphill sind. Der Knochenbau muss fein sein und die Nacheuter extrem hoch und breit. Und genau das hat Faye. Während „dicke“ Kühe hier im Schauring bestraft werden, wird anderen Merkmalen wie der Beckenneigung weniger Beachtung geschenkt. Viele europäischen Braunviehrichter hätten deshalb Faye, die scharf, enorm uphill ist und ein prima Euter hat, vermutlich nicht zur Siegerin gewählt, eben, weil sie im Becken „nicht ganz sauber ist.

World Dairy Expo

Mit Kühen aus Californien

Der erfolgreichste Vater der Schaukühe war Carter vor Daredevil. Hervorragend schnitt auch der Schweizer Stier Norwin ab, von dem unter anderem die Intermedium Championkuh Bermuda stammt. Diese Kuh gehört einem Betrieb in Texas, der schlappe 1750 Kilometer von Madison entfernt ist. Championkuh Faye stammt aus Copake im US-Staat New York, ihre Besitzer reisten mit rund 20 Tieren etwa genauso weit an. Die wohl weiteste Anreise aller Aussteller hatte die Maddox-Farm aus Riverdale in Californien, von hier sind es über 3300 Kilometer nach Madison.

Auch das ist Amerika: Viele Aussteller scheuen keine Kosten und Mühen für diese Ausstellung, sie reisen gefühlt mit ihrem halben Hausstand und einem großen Team an und richten sich neben den Kühen einen gemütlichen Stand an. Madison das ist für sie wie Urlaub, wo sie unter Gleichgesinnten eine gute Ueit verbringen. Am Stand der Cutting-Edge-Farm etwa sprachen wir mit einer Frau, die eigens als Köchin für das Team mitgereist war. Auch der Tierkomfort auf der Schau ist top.

World Dairy Expo

Typisch amerikanisch

Während es auf der Tierschau sehr ruhig zuging und die Vorführer meist nur wenig Emotionen zeigten, war auf dem World Premium Brown Swiss Sale, der Eliteauktiion, die Hölle los. Es war sehr laut und schnell und hektisch, so wie es die meisten vermutlich schon einmal im Fernseher von irgendeiner Auktion in den Staaten gesehen haben. That’s America. Mehr dazu im eigenen Beitrag mit Film unter diesem Link.  

Nach jeder Menge Fastfood gönnten wir uns an diesem Abend ein herrliches Steak. Das Steakhouse in Madison serviert Steak vom Black Angus-Rind für knapp 40 bis 75 $ inclusive einer Beilage. Dazu kommt „tip“, also Trinkgeld, von dem auf der Rechnung 20 Prozent empfohlen werden.  

Und auch wenn man sich an die pappsüßen Backwaren sowie an Fastfood an jeder Straßenecke kaum gewöhnen kann, so muss man ihnen eines zugestehen: Traumhafte Steaks zubereiten, das können sie, die Amis.

Dienstag 4. Oktober: Auf zur World Dairy Expo

World Dairy Expo

USA Tag 4: World Dairy Expo - 40 Tiere in einer Abteilung  

Am vierten Tag heißt es auch für die Teilnehmer der Braunviehkonferenz: Auf zur World Dairy Expo, der bekanntesten Tierschau in Nordamerika und einer beliebten Agrarmesse, zu der jedes Jahr Anfang Oktober 60000 Gäste aus 100 Nationen kommen.  

Am Dienstag, 4. Oktober fand die Rinderschau bei Brown Swiss statt. Was für ein Marathon: Los ging es um 15 Uhr und um 22 Uhr war die Championwahl beendet, so dass wir um 23 Uhr zurück im Hotel waren. Am nächsten Tag, am Mittwoch, wird die erste Abteilung mit den Brown-Swiss-Kühen dann schon um 7 Uhr morgens in den Ring ziehen.  

Zurück zur Rinderschau am Dienstag: Die meisten Abteilungen sind sehr groß, in der größten Rindergruppe waren es 44 Tiere, die Richter Gerrit DeBruin mit einer Seelenruhe richtet. Eine halbe Stunde pro Abteilung dauert es dann locker, bis die Siegerin feststeht. Alles ist ruhig und läuft sehr entspannt ab. Dass Rinder hier nicht gut am Halfter gehen, das gibt es nicht. Auch bei über 40 Tieren in einer Abteilung ist nicht ein Tier dabei, das zu springen anfängt und ausbüxt, alle sind gut trainiert.  

Mit 233 Brown-Swiss-Rindern war auch richtig was los. Ganz groß geschrieben werden die Jungzüchter. So werden in allen Klassen Juniorsieger und am Ende auch die „Champions of the Junior-Show“ gewählt, neben der Open-Show, an der junge und ältere Züchter gemeinsam gelistet sind. Beide Championtitel, für die Junior- und die Openshow gingen am Ende an die Katalognummer 2638, an die Sunnyisle-Total-Tochter „Random Luck Total Perfection“ von Jacob Harbaugh and Matthew Thompson aus Marion, Wisconsin.  

Vor den Brown Swiss waren am Dienstag schon die Jerseykühe sowie Guernsey im Ring.  

Im Coliseum sind neben dem großen Schauring auch viele Messestände untergebracht, ebenso in den benachbarten Hallen und Zelten. Für jeden ist etwas dabei.

Montag, 3. Oktober: Die Tierzucht im Umbruch

Ausstellungstiere

USA Tag 3

Das Tempo in der Tierzucht nimmt zu, und das besonders in Amerika. Das wurde am 3. Tag der World Brown Swiss-Konferenz deutlich, als elf Fachvorträge und ein runder Tisch mit fünf Praktikern auf dem Programm standen.  

Mehrere Vorträge beschäftigen sich mit Zuchtprogrammen und hier vor allem mit der Genomik, die weltweit eine große Rolle spielt. Die Genomik hat die Zucht in den letzten gut 110 Jahren verändert, und sie wird es weiter tun. “Genomics works“, also sie funktioniert, war eine oft genannte Aussage. Die genomischen Zuchtwerte liefern den Zuchtorganisationen und den Landwirten wichtige Informationen zur Selektion, der gezielteren Anpaarung und dem Management und sie hilft bei allen Rassen beim Erkennen genetischer Besonderheiten, zum Beispiel Hornlosigkeit oder Beta-Kaseinstatus, sowie von Erbfehlern.  

Allerdings gibt es große Herausforderungen, vor allem hinsichtlich der weiteren Verbesserung in den Fitnessmerkmalen sowie der internationalen Vergleichbarkeit der Zuchtwerte. Die Notwendigkeit, deutlich mehr weibliche Tiere als bisher zu genotypisieren sowie die Erfassung von Gesundheitsmerkmalen auszubauen, war dabei aus allen Nationen zu hören. „Wir müssen schneller werden“, sagte etwa Dave Kendall von STgenetics aus den USA.

Tierzucht im Labor?

Kendall war es auch, der einen Einblick gab, an welchen Methoden bei dem Unternehmen geforscht wird. Stark vereinfacht könnte man sagen, dass nach seiner Überzeugung die Zuchtarbeit mit modernsten Methoden mehr in die Labore verlagert wird und dadurch das Generationsintervall weiter massiv reduziert werden kann. In einer Aussage sprach er von theoretisch bis zu zwei Generationen pro Jahr.  

Solche Aussagen sorgten bei den Züchtern natürlich auch für Unbehagen, wenngleich offen ist, ob, wie schnell und wie stark sie dann auch tatsächlich Einzug in die praktische Zuchtarbeit finden.  

Gentechnik

Hitzetoleranz: Immer wichtiger

Ein ganz andere Thema behandelte Franciska von Fedak aus Kolumbien, die einen Einblick über die Milchwirtschaft in Lateinamerika gab und zeigte, warum mit Brown Swiss auch in tropischen Gebieten erfolgreich und rentabel gearbeitet werden kann. Vor allem die hervorragende Hitzetoleranz spiele dabei eine große Rolle.  

Auch gewinnt das „Silvopasteral-System“ (Hutewald) in Kolumbien und anderen Ländern Südamerikas an Bedeutung. Dabei werden Flächen, die bisher nur Wald waren, auch für die Weide genutzt.  

Die gute Hitzetoleranz des Brown Swiss war auch das Thema von Dr. Enrico Santus aus Italien, der dazu aktuelle Forschungsergebnisse aus seinem Land (Universität Bari) vorstellte. Dabei kam klar zum Ausdruck, dass Brown Swiss höhere Temperaturen besser verträgt als etwa die Holsteins, was sich auf die Leistungsstabilität ebenso auswirkt wie auf die Gesundheit und sogar die Milch- und Käsequalität.  

Sehr praxisnah waren auch die Vorträge der Praktiker. Clement Servin aus Frankreich,  Tanner Mashek aus den USA, Jonny Lochhead aus Schottland, Joe Loehr aus den USA und Josef Müller aus Oberostendorf im Allgäu stellten ihre Betriebe vor und zeigten, warum und wie sie mit Brown Swiss arbeiten.

Vom reinen Familienbetrieb mit 70 Kühen und Tag- und Nachtweide bis zum 450-Kuhbetrieb in bester Futterbauregion und mit Voll-TMR bei 13.000 kg Leistung war hier alles dabei. Wieder einmal war es faszinierend zu sehen, unter welch unterschiedlichen Voraussetzungen auf der Welt Milchwirtschaft betrieben wird. Auch die Anforderungen an die für sie perfekte Kuh ist so bei den Betrieben unterschiedlich. Was allerdings alle wollen, sind unkomplizierte und gesunde Kühe, die mit den gegebenen Voraussetzungen gut zurechtkommen und beste Milch in Top-Qualität liefern. Und was alle fünf Züchter eint, ist ihre Sympathie für die braune Rasse. 

Sonntag, 2. Oktober 2022: Hilltop Acres Farm

Braunvieh

USA Tag 2: Rund 6 Stunden Busfahrt waren es für die Teilnehmer der World Brown Swiss-Konferenz, um von Madison, Wisconsin zur Hilltop Acres-Farm nach Calmar in Iowa und wieder zurück zu kommen. Doch jede Meile hat sich gelohnt.  

Die Zahlen sind beeindruckend: 12.700 kg Herdendurchschnitt bei 450 Kühen gesamt - alles Brown Swiss. Die Erstmelkkühe kalben im Schnitt mit 22 Monate und leisten 38 kg täglich im Mittel, die gesamte Herde liegt bei 42 kg.  

Die Hilltop Acres Farm zeigt, was eine Brown Swiss Herde leisten kann, wenn alles passt: Top Futter, sehr gutes Management und eine starke Genetik.  

Rund 1000 Acres, etwa 400 Hektar werden bewirtschaftet, angebaut werden nur Luzerne und Mais. Soja wird zugekauft und viel mehr braucht es nicht, um Kühe auf höchstem Leistungsniveau und doch gesund zu füttern. Gemeinsam mit dem Jungvieh und den Zuchtbullen sind rund 900 Stück Btown Swiss auf dem Betrieb.  

Hilltop Acres gehört Dennis & Barb Mashek und ihren Söhnen Joshua, dem Profi bei den Maschinen, und Tanner, dem Kuhmann. Joshua und Tanner sind die 7. Generation der Familie, die seit 1854 in Calmar, Iowa, Landwirtschaft betreibt.  

Braunvieh

Hilltop Acres ist für die Besamungsstationen eine wichtige Quelle. Fast alle weiblichen Kälber und etwa die Hälfte der Stierkälber werden typisiert. Zum Einsatz kommen nur Brown Swiss-Stiere und keine Fleischbullen. Etwa 30 ET-Spülungen und gut 60 IVF-Sitzungen (In Vitro) werden jährlich durchgeführt. Rund 90 Prozent der Besamungen werden mit genomischen Stieren gemacht, schätzt Tanner.  

Aktuelle Genomstiere sind Tesla, Nashville, Trickshot, Turbo oder Perfection und Desperado, die das Hilltop Acres-Präfix tragen.  

Familie Mashek steht voll hinter Brown Swiss. „Als wir 2014 den neuen Stall bauten und dabei von 150 auf 450 Kühe aufstockten, gab es schon die Überlegung, das auch mit Holsteins zu machen“, erklärt Tanner. Letztlich waren sich aber alle einig, dass ihr Herz für Brown Swiss schlägt und sie auf die Stärken dieser Rasse nicht verzichten möchten. Und Tanner ist sich sicher, das es die richtige Entscheidung war.  

Familie Mashek hat den Teilnehmern der World Brown Swiss-Konferenz einen beeindruckenden Betrieb präsentiert. Und einen, der die internationale Brown-Zucht vermutlich weiterhin stark beeinflussen wird.

Samstag, 1. Oktober: Besichtigung auf drei Betrieben von Züchtern

Braunviehzucht-Wisconsin

USA Tag 1: Home of Big Brown Cows

Die 11. Brown-Swiss-Weltkonferenz hat begonnen. Los geht es mit der Tour zu drei bekannten Farmen im mittleren Westen, zu Cozy Nook, Triangle Acres und Voegeli Brown Swiss

Cozy Nook Farm: Twylight & Pumpkins

Die Cozy Nook-Farm in Waukesha, Wisconsin, ist untrennbar mit Pronto Twylight verbunden, dieser bekannten Stiermutter, die es auf 150.000 kg Lebensleistung brachte. Und mit Pumpkins, also Kürbissen, die jedes Jahr im Oktober große Teile der Farm dekorieren und viele Besucher und Käufer anlocken. Von 1$ bis 50$ pro Kürbis ist für jeden etwas dabei.  

Oberhaus

Geführt wird der Betrieb von den Besitzern Tom und Joen Oberhaus sowie Dan und Britney Gerrit, die vor einigen Jahren als Partner eingestiegen sind.  

Derzeit ist Payssli Treacherous eine der bekanntesten Bullenmütter, die Mutter von Tank und Trek, von dem einige frisch abgekalbte Töchter gezeigt wurden. Er ist der aktuelle Hoffnungsstier auf Cozy Nook.

World Diary Expo

Braune Kühe und blonde Kinder

Triangle Acres, Home of Blonded Haired Kids and Big Brown Cows“, das ist ein Leitspruch der Familie Korth aus Freeport in Illinois, zu deutsch: Die Heimat blonder Kinder und großer brauner Kühe. Und tatsächlich zeigten sich die Kinder und Enkel von John und Wendy Korth mit strahlend hellen Haaren.  

Und nun zu den starken Big Brown Cows: „Etwa 75 Prozent unserer Kühe gehen auf Polly zurück“, erklärt Becky Korth. Polly, das ist Triangle Acres Collection Polly, die Mutter von Payoff, PHD, Polo und einigen weiteren, international eingesetzten Stieren.  

Präsentiert wurden die Kühe im Anbindestall, in dem die Kühe im Sommer nur zum Melken hineinkommen, ansonsten sind sie Tag und Nacht auf der Weide oder im Laufhof, in dem sie auch die TMR erhalten.  

Auch eine bekannte Schaukuh findet sich auf Triangle Acres, Richard-Tochter Pandora, die wenige Tage vor der Show bereits in Madison war und dort an der World Dairy Expo am Mittwoch, 4. Oktober in den Ring zieht.

Voegeli Familie

Voegeli Brown Swiss:  16 Generationen Excellent

Auf der Voegeli-Farm in Monticello, Wisconsin wird seit 1895 Brown Swiss gezüchtet. Brian Voegeli und sein Sohn Chris sowie Brians Bruder Jimmy sind heute bei den Voegeli Breeders (VB) am Ruder, mit Hilfe weiterer Familienmitglieder und Angestellten.  

Rund 130 Kühe stehen in dem reinen Brown-Swiss-Betrieb, die seit kurzem von zwei Melkrobotern gemolken werden. Die Zucht läuft sehr intensiv, jeden Monat werden zwischen 5 und 7 IVF‘s, also In-Vitro-Sitzungen gemacht.  

Tiefe Kuhfamilien spielen seit jeher eine große Rolle. Voegeli Breeders (VB) sind der einzige BS-Betrieb, der eine Kuhfamilie besitzt, aus der es bereits die 16. Generation Excellent bewerteter Kühe gibt.  

Howard Voegeli, der verstorbene Vater von Brian und Jimmy, ist eine Legende in der US-Zucht und zählte zu den Gründern der World Dairy Expo. Er prägte einst den Satz: „The further you can look back in the past, the further you can look in the future“. Also: Je weiter Du eine Kuhfamilie zurückverfolgen kannst, desto weiter kannst du auch in ihre Zukunft blicken.  

Im früheren Heustadel, der wunderbar dekoriert war, fanden das Abendessen und ein festlicher Abend für die Teilnehmer der World Brown Swiss Conference statt. An jeder Ecke hingen Schärpen und Banner großer Schauerfolge.  

 Als Krönung des Abends spielten „The Jimmys“, eine bekannte Gruppe, die schon mehrmals zur besten Bluesband in Wisconsin gewählt wurde. Sänger und Keyboarder ist Jimmy Voegeli von der Voegeli-Farms, ein begnadeter Musiker und Entertainer.  

Freitag, 30. September

Josef Berchtold

"Ich werde heute Abend US-Zeit in Madison ankommen. Am Samstag beginnt der Brown Swiss Kongress mit Farmtouren und am Sonntag die World Dairy Expo (WDE).

Ich werde Samstag bis Montag vorwiegend auf dem Brown-Swiss-Kongress sein, und Dienstag bis Freitag vorwiegend auf der Word Diary-Expo", mailt Wochenblatt-Redakteur Josef Berchtold am Freitag der Redaktion.

Er wird für die dlv-Rinder-Zeitschriften und das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt vor Ort von den Veranstaltungen berichten. Seine Impressionen fasst er in einem Tagebuch zusammen, das Sie auf dieser Seite lesen können.

Über die World Dairy Expo und die Brown Swiss Weltkonferenz

World Diary Show

Die World Dairy Expo in Madison, Wisconsin, ist die bedeutendste Viehschau Nordamerikas, verbunden mit einer großen Messe für Rinderhalter. Sie findet vom Sonntag, 2. bis Freitag , 7. Oktober statt. Über 60.000 Besucher aus 100 Nationen werden dazu in Madison erwartet und insgesamt sind 2.300 Kühe und Rinder ausgestellt. „Diese Messe ist ein Muss für alle in der globalen Milchindustrie“, schreibt die Expo selbstbewusst auf ihrer Homepage 

Ebenso in Madison, fast zeitgleich und teilweise in die Expo integriert, wird die Brown-Swiss-Weltkonferenz ausgetragen. Rund 240 Braunviehzüchter aus 17  Nationen diskutieren über die Zukunft der braunen Kuh und die neuesten Trends.

Normal sind es rund 2300, in diesem Jahr wurden die Tierzahlen vom Veranstalter mehrmals nach oben korrigiert. Das Preisrichten dauert fünf Tage und endet mit der Supreme Championwahl. Dazu ziehen die Siegerkühe der sieben Rassen gleichzeitig in den Ring und es kommt zur Wahl der schönsten Kuh in Nordamerika.