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Unfälle vermeiden

Rinderhaltung: Fünf Minuten können Leben retten

Max Riesberg
Max Riesberg
am Dienstag, 05.07.2022 - 10:00

Zeitdruck, Nachlässigkeit oder Stress im Umgang mit Rindern enden für den Menschen immer wieder in Gefahr. Tipps für mehr Sicherheit.

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Routine im Stall ist für die Tiere gut. Damit bringt man Ruhe rein, in den Alltag bzw. in die Mensch-Tier-Beziehung. Und Rinder als Gewohnheitstiere schätzen diese „bekannten, sicheren Abläufe, von denen keine Gefahr für sie ausgeht, ganz besonders“, sagt Peter Wametsberger überzeugt. „Für den Menschen kann diese Routine allerdings gefährlich werden, nämlich genau dann, wenn er nicht mehr aufpasst bei dem, was er tut und sich der Gefahrenquellen nicht mehr bewusst ist“, fährt der Berater von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) fort.

„Wir empfehlen unseren Landwirten immer: Gehen Sie mit derselben Vorsicht in den Stall, wie am ersten Tag“, ergänzt sein Kollege und „Trainer“ Georg Lang. Auch wenn das in der Praxis zugegebenermaßen oft schnell in Vergessenheit gerät, angesichts der vielen Unfälle, die jährlich im Zusammenhang mit der Rinderhaltung passieren, lohnt es sich, sich dies immer wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Doch wie kann man seine Antennen für das Verhalten der Tiere ebenso wie für die brenzlige Situationen wieder schärfen?

Vom Kalb bis zur Kuh

Der Werkzeugkasten für die Sensibilisierung ist groß, wie die beiden Experten von der SVLFG bei einer Inspektion im modernen Milchviehlaufstall gemeinsam mit dem Wochenblatt eindrucksvoll unter Beweis stellen.

„Los geht’s eigentlich schon beim ersten Kontakt mit dem Tier und zwar als Kalb. Hier beginnt bereits die Prägung auf Menschen und Herdengenossen, das Antrainieren von Gewohnheiten sowie das Erlernen eines Tagesrhythmus mit all seinen Akteuren, Interaktionen, Geräuschen, Gerüchen und positiven Reizen“, erklärt Lang. Und alles was das Tier aus dieser Gewohnheit rausreißt, bedeutet Stress und kann letztlich auch in einer gefährlichen Situation für den Menschen enden. Der Kuh-Experte von der SVLFG gibt als Beispiele das Treiben oder Separieren von Tieren, die Abkalbung oder Brunst bzw. sonstige Ausnahmesituationen an.

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In solchen Ausnahmesituationen dürfe man nie vergessen, dass die Wahrnehmung von Mensch und Rind schlichtweg grundverschieden sind (siehe Wochenblatt 13/S. 23). „Oft kann man es gut meinen, aber für das Tier vollkommen falsch rüberbringen. Daher lohnt es sich, dass man sich eher fünf Minuten mehr Zeit nimmt, um etwas zu erreichen, als es mit Nachdruck oder gar Gewalt zu erzwingen. Diese fünf Minuten länger fallen im Endeffekt häufig gar nicht ins Gewicht, im Gegenteil – und unter Umständen können sie sogar lebensrettend sein“, mahnt Lang. Dabei gilt: Alles was man baulich in Sachen Unfallverhütung von vornherein schon unternommen hat, hilft effektiv, Unfälle zu verhindern und muss natürlich aber auch hergenommen werden.

„Schwenktore zum Abtrennen, aber auch sogenannte Texasgitter, bieten nicht nur eine wesentliche Arbeitserleichterung, sie geben den Tieren Orientierung und steuern diese. Außerdem können sie im Ernstfall eine Lebensversicherung sein“, fordert Peter Wametsberger und betont: „Vorbereitung und eine gute Absprache unter den Akteuren ist das A und O, bei der gemeinsamen Arbeit im Stall.“

Dass heutzutage viele Landwirtinnen und Landwirte allein im Stall arbeiten, birgt eine zusätzliche Gefahrenquelle für schwerwiegende Unfälle, gerade in Laufställen. Fixierte Tiere seien natürlich eingeschränkter und können den Menschen nicht so frontal angehen, wie Freilaufende. Doch auf einen kurzen Stock zum Lenken der Tiere und im „Zweifelsfall“ zur Verteidigung, möchte keiner der beiden Fachleute in Sachen Unfallverhütung in der Rinderhaltung verzichten. „Aber keinesfalls wild damit rumfuchteln oder schlagen. Kühe sind so sensibel, die bemerken eine Fliege auf ihrem Fell. Die Gewaltspirale macht die Umstände für Mensch und Tier nur noch prekärer.“

Auch die Technik muss passen. Peter Wametsberger schildert ein Beispiel: „Passt die Rampe des Viehanhängers beim Verladen der Tiere? Oder ist sie zu steil, rutschig, gibt der Boden nach oder scheppert es irgendwo? Die Kuh muss auch sehen können, wo sie hin soll, denn prinzipiell weiß sie das zunächst ja nicht. Der Bereich, den sie scharf erkennt, liegt etwa 1,5 m vor ihr. Da erscheint eine dunkle Klappe auf heller Wiese wie ein riesiger Graben und es kommt häufig zum panikartigen Sprung aus dem Hänger, weil das Tier auf die Schnelle keinen anderen Ausweg sieht.“ Daher heißt es auch hier: „Zeit lassen“ und am besten ist es immer noch, wenn die Tiere von selbst gehen. Denn „Druck erzeugt Gegendruck! Und Zug erzeugt Zug!“ wie Wamtsberger ergänzt.

Warnsignale erkennen

„Der Mensch meine nur, dass es mit Stress schneller geht, weil er beschäftigt ist. Die Tiere sehen das ganz anders, wie die SVLFG-Mitarbeiter auch ihren Teilnehmern in verschiedenen Workshops ausdrücklich mit auf den Weg geben. Rinder zeigen uns mit ihrer Körpersprache schon sehr früh, wenn etwas für sie nicht passt bzw. wenn sich Stress aufbaut. Die Tiere werden dann unruhig, die Haut an der Schulter beginnt zu zucken und sie tippeln auf der Stelle. „Das sind die ersten Anzeichen, die wir unbedingt auf dem Schirm haben sollten. Die Lage spitzt sich dann zu, wenn wir weiter Druck aufbauen und die Kuh keinen Ausweg sieht. Denn Kühe wollen dahin zurück, wo sie sich schon auskennen“, schildert Georg Lang.

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Oft bleibe dann eben nur die sprichwörtliche „Flucht nach vorne“ oder eben dorthin zurück, wo sich die Tiere auskennen, erklärt Lang und fährt fort: „Ein Rind akzeptiert eine Barriere nur, solange der Stress nicht zu hoch ist. Je stärker dieser auf das Tier einwirkt, desto kleiner kann die Lücke zur Flucht sein und der Masse der Vierbeiner haben wir Menschen in der Regel nichts entgegenzubringen.“ Senkt ein Tier den Kopf und geht auf Angriff über, heißt es allerdings nicht mehr „rumzuprobieren“, sondern sich schnellstens in Sicherheit zu bringen.

Das Vertrauen zwischen Mensch und Tier muss passen, aber letztlich gibt es kein Patentrezept und jede Situation ist anders. Genauso wie der Mensch nicht immer gleich gelaunt ist, so ist es auch das einzelne Tier oder gar der Herdenverband nicht. Daher nehmen sich die Experten der SVLFG immer ein paar Minuten Zeit, die Herde vom Futtertisch aus zu inspizieren, bevor sie zu den Tieren gehen und mit ihnen arbeiten. Das empfehlen sie auch den Landwirten, denn die Tiere müssen die erste Neugier befriedigen und erkennen, dass jetzt jemand mit ihnen in Interaktion tritt.

Außerdem sei das Tierverhalten von Betrieb zu Betrieb, von Stall zu Stall und von System zu System laut den Erfahrungen der Experten unter Umständen sehr unterschiedlich. „In einem vollautomatisierten Stall ist die Distanz der Tiere zum Menschen meist größer. Generell kommt es aber immer darauf an, wie viel sich die Personen sich mit den Tieren beschäftigen, sei es beim Melken, Füttern oder sonstigen Behandlungen. Wenn nur noch der Roboter den Kontakt zu ihnen hat, reagieren alle Nutztiere natürlich umso sensibler auf den Menschen.

Leider macht sich auch kaum jemand Gedanken, wie es mit dem Tierkontakt weitergeht, wenn man von einem Anbinde- in einen Laufstall umzieht“, erklärt Wametsberger. Die „Gefahr einer Entfremdung“ sei durchaus gegeben, mit all ihren möglichen Konsequenzen. Denn dann tritt der Mensch oft nur noch in Zusammenhang mit Stresssituationen in Erscheinung, beispielsweise beim Einziehen der Ohrmarken, bei medizinischen Behandlungen sowie der Klauenpflege oder bei der Abkalbung. Aber auch hier lohne es sich im Zuge der Unfallverhütung, gezielt mit den Tieren zu arbeiten bzw. zu trainieren, „Gewohnheit“ für sie reinzubringen und Vorbereitungen zu treffen.

Mensch-Tier-Beziehung

Eine gute Mensch-Tier-Beziehung sei aber keinesfalls gleichzustellen mit „blödgestreichelten Tieren“, wie es die Experten auf den Punkt bringen. „Das Tier soll keine einfordernde Stellung einnehmen, denn das kann schnell gefährlich werden, schon allein wegen des Größenunterschieds“, mahnt Georg Lang.

Die Grundbausteine für eben diese gute Mensch-Tier-Beziehung sind Respekt und Vertrauen. Da lohne es sich auch züchterisch, den Charakter der Tiere als Zuchtziel im Auge zu behalten und „gnadenlos auszuselektieren, wenn es nötig ist“, fordert der SVLFG-Berater klar. Dabei sei es wichtig, vor allem auf die Personen zu hören, die tagtäglich mit den Tieren arbeiten und Auffälligkeiten direkt mitbekommen.

Probleme runterzuspielen nach dem Motto „das geht schon noch irgendwie“, können mitunter ein böses Erwachen bedeuten. „Auch wenn Tiere früher immer brav waren oder es sich sogar um die vermeintliche Lieblingskuh handelt, auch diese können ihr Wesen verändern, dann gilt es trotz allem konsequent in der Entscheidung zu bleiben“, schildert Wametsberger und denkt an unzählige Unfälle, bei denen es eben leider „nicht mehr gut gegangen ist“.

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Natürlich spielen bei Arbeitsunfällen immer mehrere Faktoren zusammen und: „Die meisten Tiere sind ja nicht von sich aus bösartig.“ Aber wenn die Wucht von einer Tonne Stier auf einen Menschen einwirkt, hat man im Regelfall schlichtweg verloren. „Heute wird leider viel zu viel in Zusammenhang mit der Tierhaltung vermenschlicht oder verharmlost. Es gibt immer weniger Menschen, die sich im Umgang mit den Tieren auskennen. Und man kennt in den meisten Fällen auch die Vorgeschichte der Tiere nicht“, sagt Wametsberger auch im Hinblick auf unzählige Unfälle, die zudem im Zusammenhang mit der Weidehaltung passieren.

Praktiker sensibilisieren

Den beiden SVLFG-Experten ist es vor allem ein Anliegen, die Landwirte aus ihrer Routine herauszulocken und die Arbeitsabläufe zu überdenken, den eigenen Umgang mit den Tieren zu hinterfragen und die Sensoren für die Tiere zu schärfen – im Sinne des Tierwohls und der eigenen Sicherheit.

„Wir wollen keine Besserwisser sein. Wir wollen wertvolle Erfahrungen weitergeben und die Menschen auf den Betrieben vor Schlimmerem bewahren“, sagt Peter Wametsberger. Bei über der Hälfte der tödlichen Arbeitsunfälle sind die Betroffenen über 55 Jahre – Betriebsleiter, die sich auskennen und ein Leben lang mit Tieren arbeiten. Und dann kann es ihn eben doch geben, den Tag X. Dabei müsse man sich im Klaren sein, dass es sich nicht nur um Einzelschicksale handle, sondern meist Familien dahinterstehen, die nicht nur mit dem Schicksalsschlag zurechtkommen müssen, sondern auch eine weitere Arbeitskraft für die Pflege oder im Betriebsablauf nötig ist.

„Ein Junger fällt langsam und steht schnell wieder auf. Ein Alter fällt schnell und steht langsam wieder auf. Doch Vorsicht ist schlichtweg für jeden geboten“, betont Georg Lang und wiederholt nochmals seine Maxime: „Gehen Sie immer so in den Stall, als sei es das erste Mal, nicht mit Angst, aber mit Respekt und realistischer Selbsteinschätzung.“

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Der Deckbulle ist ein Risikofaktor

Für freilaufende Deckstiere in der Milchviehherde haben die beiden SVLFG-Experten Georg Lang und Peter Wametberger wenig Verständnis – sowohl aus Sicht der Sicherheit, als auch der Zucht.

Mit der künstlichen Besamung habe man viel mehr Möglichkeiten, züchterisch nach vorne zu kommen. Ein einziger Bulle könne niemals optimal auf alle Milchkühe einer Herde passen, wenn es um die Vererbung in Puncto Fundament, Leichtkalbigkeit, Fitness, aber auch Charakter geht.

Eine extra Deckbullenbucht im Laufstall mit Zuchtbullen ist in der VSG 4.1 geregelt. Dies ist der einzig akzeptable Kompromiss, wenn ein Betriebsleiter auf den Natursprung-Bullen nicht verzichten will (siehe Wochenblatt 04/2022, S.41).

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Tipps zum Umgang mit Rindern

  • Lieber fünf Minuten mehr Zeit nehmen, um etwas zu erreichen, als es mit Nachdruck oder gar Gewalt zu erzwingen. Druck erzeugt Gegendruck. Und Zug erzeugt Zug.

  • Schwenktore und Texasgitter bieten Arbeitserleichterung, geben den Tieren Orientierung und steuern diese. Außerdem können sie im Ernstfall eine Lebensversicherung sein.

  • Keinesfalls wild mit Stöcken fuchteln oder schlagen. Kühe sind so sensibel, die bemerken eine Fliege auf ihrem Fell. Die Gewaltspirale macht die Umstände nur prekärer.

  • Sich aufbauenden Stress erkennt man bei der Kuh, wenn die Haut an der Schulter zu zucken beginnt und sie auf der Stelle tippelt.

  • Es lohnt sich, den Charakter der Tiere als Zuchtziel im Auge zu behalten und – wenn nötig – gnadenlos zu selektieren.

  • Gehen Sie immer so in den Stall, als sei es das erste Mal, nicht mit Angst, aber mit Respekt und realistischer Selbsteinschätzung.