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Robustrinderrassen

Rinder sind Schottlands wertvollste Ressource

Sheila MacGregor (l.) und ihre Schwester Ann sind vom Luingrind begeistert, die Tiere haben ein ruhiges Wesen und sind einfach handzuhaben.
Petra Jacob Sachs
am Montag, 14.11.2022 - 15:54

Zu Besuch in Schottland bei Highland Cattle, Luing, Angus und Galloway – Rinderrassen mit Zukunft.

Angus Mackay ist begeisterter Highland Cattle-Züchter und arbeitet seit vielen Jahren mit deutschen Züchtern zusammen.

Es ist ein Schottland wie aus dem Bilderbuch. Der Nebel hängt in den Bergen und über dem Wasser und verleiht der Landschaft eine launische Stimmung. Ein stattlicher Mann in Wachsjacke und mit Hirtenstab stapft die bucklige Wiese hinauf. Im hohen Gras stehen Highland Cattle – zottelhaarig und mit imposanten Hörnern.

Angus Mackay war jahrelang ein wichtiger Mann, wenn es um Züchtung von Highland Cattle ging. Eigentlich wollte der heute 72-Jährige in Rente gehen, dann fehlte ihm doch etwas, wie er gesteht. Unweit des Nationalparks „Loch Lomond and the Trossachs“ nordwestlich von Glasgow hat er jetzt wieder eine kleine Herde stehen: 14 Kühe mit Kälbern und ein Bulle. Letzteren stellt Mackay persönlich vor: „Das ist Carpenter Ruadh.“ Einjährig hat er ihn 2011 aus Deutschland eingekauft. „Von Gisela Klosner, einer bekannten deutschen Züchterin aus Nordrhein-Westfalen“, erzählt er. Überhaupt hätte man in der Highland-Cattle-Züchtung den Deutschen viel zu verdanken. Einst kauften sie in Schottland ein, heute liefern sie selbst erstklassige Qualität.

Hochlandrinder haben einen ruhigen Charakte

Andrew Hunter Blair aus Galloway bekam schon viele Auszeichnungen für seine Zucht von Gallowayrindern.

Die Tiere kommen neugierig heran. „Hochlandrinder haben einen ruhigen Charakter, sind intelligent, aufmerksam und sehr menschenfreundlich“, schwärmt Angus Mackay. Außerdem sind sie äußerst genügsam und robust. Sie brauchen keinen Stall oder Hilfe bei der Geburt und verwerten selbst das kargste Futterangebot. „Siebzehn Jahre lang jedes Jahr ein Kalb ist normal bei dieser Rasse.“ Wie Rotwild verstecken sie in den ersten Tagen ihre Kälber, „bloß nicht auf die Suche nach ihnen machen“, rät er.

„Highland Cattle sind die wertvollste Ressource, die Schottland zu bieten hat“, findet Angus Mackay. In seinem Haus zeigt sich seine Passion für die Rasse. Die Tiere sind als Statuen, Schnitzereien und Briefmarken oder in vielen Büchern verewigt. Über der Tür zum Wohnzimmer hängt ein Prachtexemplar von Kuhhörnern: „Proisag Dhubh, geboren 1877“, steht daneben.

Export lief gut

Die Rinderrasse Galloway kommen aus dem Westen Schottlands, sie gelten als widerstandsfähig und friedfertig.

Über 40 Jahre, bis zur BSE-Krise wurden Tausende von schottischen Hochlandrindern ins Ausland verkauft. In den 1980er-Jahren begann es mit Skandinavien, dann kam die große Nachfrage aus Deutschland. In den 1980er- und 1990er-Jahren war Angus Mackay viel unterwegs, in den USA, Australien, in Österreich, Schweiz, sehr viel in Deutschland. Er hielt Workshops für Tierhalter, agierte auch als Richter bei Zuchtshows. Fünf Jahre arbeitete er mit Dr. Stephan Janz am Buch „Highland Cattle – Ikone des Schottischen Hochlands“, heute das Standardwerk für Hochlandrindzüchter im deutschsprachigen Raum.

Er empfindet es als großes Glück, dass ihm als Teenager, der nicht aus der Landwirtschaft stammte, während eines Jobs auf einem Landgut die ersten Highland Cattle zur Betreuung übergeben wurden. „Das hat mein Leben verändert“, sagt er. Später bekommt er die Möglichkeit, auf dem gleichen Betrieb eine Farm mit Flächen zu pachten und er beginnt eine eigene Highland Cattle-Herde zu etablieren. Die ersten beiden Kühe kaufte er sich von Sir William, wie er erzählt, „das beste Geld, was ich jemals in meinem Leben ausgegeben habe.“

Dann kam die BSE-Krise

Beim Native Angusrind hat das Fleisch bereits beim jungen Tier eine ausgeprägte Marmorierung.

Die Tiere wurden sein Leben, es lief gut, – dann kam die BSE-Krise und der Markt brach ein. 1999 eröffnete der erste Farmers Market im schottischen Perth. „Aus jeder Krise entsteht etwas Gutes“ lernte er damals. „Die Farmers Market-Bewegung war das Beste, was uns hätte passieren können. Es gab der schottischen Landwirtschaft ein Gesicht.“

Zu seinen besten Zeiten hatte er über 300 Tiere auf dem Betrieb stehen. Für Angus Mackay gehören die Highland Cattle zur Landwirtschaft der Zukunft. Selbst auf kargen Flächen produzieren sie ein vorzügliches Fleisch, fein- und kurzfaserig, mit wenig Fett. Die Tiere eignen sich nicht zur Mast, sie nehmen nur langsam zu, deshalb hat das Fleisch seinen Preis, betont er. „Die Menschen werden in Zukunft weniger Fleisch essen“, davon ist er überzeugt.

Luingrind ist eine Kreuzung aus Beef Shorthorn und Hochlandrind

Die Luingrinder auf der Insel Kerrera leben das ganz Jahr über im Freien, sie sind robust und trotzen dem wechselhaften Wetter.

Eine ebenfalls genügsame Rinderrasse entstand auf der Insel Luing, 35 km Luftlinie Richtung Westen. Das Luingrind ist eine Kreuzung aus Beef Shorthorn und Hochlandrind der 1940er-Jahre. Auf der Nachbarinsel Kerrera hat sich Sheila MacGregor für die Rasse entschieden. In nur fünf Minuten ist die Fähre vom Festland übergesetzt. Mit Platz für „vier Färsen, 70 Schafe oder 100 Lämmer“, lacht Sheila. Sie muss es wissen, denn wenn sie Tiere verkauft, müssen sie mit der Fähre von der Insel. Sie führt einen der drei landwirtschaftlichen Betriebe auf der kleinen Insel mit nur 60 Einwohner. 2008 hat die 41-Jährige den Betrieb vom Vater übernommen. Sie war sechs, als die Familie auf die Insel kam und der Vater die ersten Luingrinder kaufte. Schon damals wusste sie, sie wollte einmal Landwirtin werden, erzählt sie.

Zum Betrieb gehören 15 Rinder mit Nachzucht, 230 Cheviot-Schafe, eine Imkerei, ein Friedhof für Haustiere und ein Hobbyraum, wo die 41-Jährige Tiere nach Auftrag malt und Filzspielzeug aus eigener Schafwolle herstellt. Schafe und Rinder stehen das ganze Jahr über im Freien. Das Weideland (1600 Acres, ca. 647 ha) ist gepachtet und besteht „vor allem aus Hügeln und ist nicht besonders gut“, wie Sheila MacGregor zugibt. Doch ihre Luingrinder, „das sind ganz besondere Tiere,“ schwärmt sie. „Sie sind sehr robust, haben ein ruhiges Wesen, sind einfach handzuhaben und kommen gut mit dem wechselhaften Westküstenwetter zurecht. Ein bisschen Trockenfutter, zwei Ballen Heu für sechs Pfund das Stück, mehr brauchen sie nicht.“ Außerdem haben sie eine kräftige Knochenstruktur, sind trittsicher und bringen gesunde Kälber zur Welt.

Gegend des Angusrind

Geordie Soutar bewahrte das Native Angusrind vom Aussterben und hat dafür eine Medaille vom britischen Königshaus bekommen.

Am anderen Ende Schottlands, 200 km Richtung Osten im Regierungsbezirk Angus, sind die Flächen groß und flach, die Weiden saftig und fett. Mittendrin am Ortsrand von Forfar oberhalb der Hafenstadt Dundee das beeindruckende Landgut Kingston Farm. Hier bitten Geordie Soutar und Frau Julia auf die Veranda zu Erdbeeren und Earl Grey-Tee.

Es ist die Gegend, aus der das Angusrind seinen Siegeszug in die Welt angetreten hat. Es wurde jedoch über die Jahre viel mit anderen Rassen eingekreuzt, wie Geordie Soutar berichtet. Sein Herz schlägt für das „native“, das ursprüngliche Angusrind, „die Ur-Rasse“, die es ab den 1800er-Jahren gegeben hat. Geordie Soutar wollte sie vor dem Aussterben bewahren. 1995 begann er, er brauchte zehn Jahre, bis die einzigen noch in Großbritannien existierenden Tiere in seinen Besitz kamen.

Nit Cowboyhut und Cowboystiefeln

Sheila MacGregor (l.) und ihre Schwester Ann sind vom Luingrind begeistert, die Tiere haben ein ruhiges Wesen und sind einfach handzuhaben.

Wichtig war ihm auch eine „rein britische Bullengenetik, die mindestens 50 Jahre zurückging.“ Seit 2018 ist „Native Angus“ eine eingetragene Marke. Im Oktober letzten Jahres wurde Geordie Soutar für seinen Einsatz die Rasse vor dem Aussterben zu schützen und sie zu verbreiten vom britischen Königshaus sogar eine Medaille überreicht!

Landwirt Soutar schnappt sich den Cowboyhut, dazu trägt er Cowboystiefel, die er sich aus dem amerikanischen Midwest mitgebracht hat, wie er erzählt. Mit Stolz stiefelt er über seine „Ranch“ hinaus auf die Weiden, die jedoch sind noch von fast 200 Jahre alten Feldsteinmauern eingefasst. Vorbei geht es an einer Ansammlung von Zäunen. Hier gab es 2017 ein großes Fest mit einer Auktion, wie es die Aberdeen-Angus-Welt 50 Jahre nicht mehr gesehen hatte, blickt Soutar zurück. Über 700 Besucher kamen aus aller Welt, mit dabei das World Angus Forum. Lebendtiere und Embryos der Rasse „Native Angus“ gingen in die Welt hinaus. „Für einen unserer Embryos boten sie umgerechnet etwa 7500 Euro, das hat es vorher noch nie gegeben.“

„Unser Kunden berichten, wie gut sich unsere Tiere machen, von Argentinien, Brasilien, USA bis nach Europa, selbst im trockenen Australien“, weiß Geordie Soutar zu berichten. „Keine Frage, diese Rasse passt zur Klimaveränderung.“ Die Tiere fressen ausschließlich Gras, was bei Angusrindern kaum mehr zu finden ist, wie er sagt. Geordie Soutar zählt auf, was sonst noch für die Rasse spricht: Sie sind kleinrahmig und erstklassige Futterverwerter, sie nehmen schnell zu und bereits nach einem Gewicht von ca. 300 kg können sie geschlachtet werden. Und bereits beim jungen Tier hat das Fleisch eine ausgeprägte Marmorierung.

Nach der Region Galloway ist eine wichtige schottische Rinderrasse benannt

Zurück im Westen Schottlands. Nördlich von Glasgow befindet sich die Region Galloway, nach ihr ist eine weitere wichtige schottische Rinderrasse benannt. Am Rande des Galloway Forest Park in den Hügeln über St John‘s Town of Dalry lebt Galloway-Züchter Andrew Hunter Blair. Von der kleinen Farm hat man einen herrlichen Blick auf einen tiefdunklen See, dahinter grüne, karge Berge. Auf einer abfallenden Wiese stehen die Rinder. Im Moment sind es 15 Kühe, die Kälber werden verkauft, berichtet der 27-Jährige.

„Friedfertig, genügsam, widerstandsfähig, ausgeglichener Charakter, ruhiges Temperament“, zählt er die Vorzüge der Rasse auf. Außerdem seien Galloways leichtkalbig, man kann sie sich selbst überlassen, sie können das ganze Jahr im Freien bleiben und brauchen nicht viel Futter. Er selbst füttert etwas Silage und Gerste zu. „Das Fleisch schmeckt einmalig, sie können richtig fett werden, doch die Kunden mögen das wieder.“

Wer in die Rumpelkammer neben dem Wohnhaus eintritt, wird überrascht: Wände und sogar die Decke sind mit bunten Rosetten und Auszeichnungen dekoriert. Seit vierzig Jahren nimmt Familie Hunter Blair an Tierschauen teil und „es ist wohl kein Jahr vergangen, an dem wir nicht einen Platz belegt haben“, so Andrew Hunter Blair. Die Galloway-Zucht ist sein Hobby, sein Geld verdient er als Viehauktionator in der Kleinstadt Newton Stewart. Doch wer sich für Galloways interessiert, muss zu den Spring Sales nach Castle Douglas, knapp 20 Meilen von hier, wie er sagt. Der dortige Viehverkauf wird seit Jahren auch von vielen europäischen Züchtern besucht.

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