Produktionsprozess

QM-Milch: Neue Regeln

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Hans-Jürgen Seufferlein, Verband der Milcherzeuger Bayern e.V. als Regionalstelle Bayern
am Donnerstag, 21.11.2019 - 15:36

Seit August liegt nun der neue QM-Milch-Standard 2020 vor. Dieser wird ab 1. Januar 2020 gültig und löst ohne Übergangszeitraum ab diesem Zeitpunkt den bisherigen Standard 2.0 ab.

Ebenso wie die beiden Vorgängerversionen aus 2012 und 2016 ist der neue QM-Milch-Standard 2020 von der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS) anerkannt und stellt die Zertifizierungsgrundlage für unabhängige, strenge Kontrollen des Milchproduktionsprozesses im Rahmen des bundesweit gültigen Qualitätsmanagementsystems QM-Milch dar. 

Um es auch an dieser Stelle nochmals anzubringen: QM-Milch bewertet und dokumentiert nicht die Qualität der Milch, sondern den nicht minder wichtigen Produktionsprozess Milch. In Bayern wurde QM-Milch anfangs sehr zögerlich und kritisch gesehen. Sogar von „Schikane“ war seitens vieler Milcherzeuger lange Zeit die Rede, es bildeten sich Schutzgemeinschaften gegen die Einführung von QM-Milch. Seitdem der bayerische Staat in den Jahren 2015 bis 2017 ein bestandenes Erstaudit finanziell unterstützt hat, konnte auch eine stärkere Durchdringung in Bayern erzielt werden – und auch eine breitere Akzeptanz.
 

Neun von zehn sind in Bayern dabei

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt nehmen auch in Bayern etwa 90 % der Milcherzeuger an diesem rein wirtschaftsgetragenen QM-Milch-System teil – mit weiter steigender Tendenz. Mit dem neuen QM-Milch-Standard 2020 setzt die Milchwirtschaft ein Zeichen für noch mehr Sicherheit, Qualität und Tierwohl in den Milchviehställen.

Die Vorgaben bei QM-Milch gehen über gesetzliche Anforderungen hinaus und berücksichtigen zunehmend auch Wünsche von Verbrauchern, Gesellschaft  und Marktpartnern. Federführend für die Weiterentwicklung der Kontrollvorgaben nach QM-Milch ist der 12-köpfige QM-Fachbeirat, der sich aus Vertretern sowohl der Landwirtschaft, als auch der Molkereiwirtschaft und weiteren Vertretern der Lebensmittelkette zusammensetzt. Seit April 2018 wurde dem Lebensmitteleinzelhandel ein Gaststatus in diesem Gremien zuerkannt.

Was ist nun neu imQM-Milch-Standard 2020?

Nicht überraschend wurden vor allem neue Kriterien im Bereich des Tierwohls und der Tiergesundheit neu aufgenommen: Zukünftig wird verstärkt kontrolliert, dass keine Technopathien oder haltungsbedingte Mängel bei den Kühen vorliegen, die z. B. aus baulichen Mängeln oder Managementfehlern resultieren können. Der Fokus liegt hier auf der Kontrolle, ob Verletzungen oder Gelenkdeformationen vorliegen. 

Zudem wird verstärkt auf eine effiziente, antibiotikareduzierte Behandlung geachtet. Ziel ist eine Einsparung von Antibiotika und eine gute Zusammenarbeit zwischen Milchviehhalter und Tierarzt. Zudem gibt es Vorgaben für die Lagerung von Tierarzneimitteln. Es werden weiterhin Maßnahmen zur Ermittlung des Trächtigkeitsstatus der Kühe vorgeschrieben.

Ein weiteres neues Kriterium befasst sich mit einem ordentlichen Erscheinungsbild des Betriebes. Dies war deswegen unumgänglich, weil Betriebe mit bester Milchqualität und einem oft sogar gut bestandenem QM-Milch-Audit nicht mehr vermittelbar sind, seitdem der Fokus „externer Experten“ noch stärker auf die Milcherzeugung gerichtet ist. Aber um es an dieser Stelle festzuhalten: Hier geht es um das positive Gesamtbild, das ein milcherzeugender Betrieb vermittelt. Und ein längere Zeit „extrem unaufgeräumter Betrieb“ tut dies eben nicht.

Demzufolge erhöht sich auch die Anzahl der Kriterien von 64 auf 69. Einige bereits bestehende Kriterien wurden noch präzisiert bzw. deren Anforderungen erweitert.

So verkürzt sich die Frist für eine eventuelle Nachkontrolle auf einen Monat. Bei Nichterfüllung eines K.O.-Kriteriums im Erstaudit werden zukünftig alle Kriterien bis auf wenige Ausnahmen bei Nachkontrollen erneut kontrolliert.

Es reicht auch nicht mehr, für das Bestehen des Audits die Mindestpunktzahl zu erreichen. Es werden zukünftig auch Grenzen für drei Fokusbereiche eingezogen. Die Bereiche „Tierschutz“, „Milchhygiene“ und „Betriebliches Umfeld“ werden im neuen Standard 2020 stärker gewichtet. Für diese drei neu geschaffenen Fokusbereiche müssen jeweils bestimmte Mindestpunktzahlen erzielt werden, die auch darüber entscheiden, wann dann das nächste Folgeaudit stattfindet. Dieses erfolgt dann wie bisher entweder nach drei Jahren oder bereits schon nach 18 Monaten.

Risikoorientierte Prüfungsintervalle

Den Verantwortlichen von QM-Milch e.V. war es wichtig, für die überwiegende Zahl der Milcherzeuger auch zukünftig das Prüfungsintervall von drei Jahren im neuen Standard verankert zu wissen. Andererseits trägt die Neuerung mit den Fokusbereichen auch dazu bei, Prüfungsintervalle risikoorientiert anzusetzen. 
Im Nachgang nicht als glücklich zu werten ist die Bezeichnung eines der Fokusbereiche mit „Tierschutz“. Tierwohl wäre hier die bessere Lösung gewesen, denn QM-Milch hat bisher nicht und wird auch zukünftig keine Verstöße gegen den Tierschutz ausschließen können. 

Futtermittelhersteller müssen zertifiziert sein

Im Bereich Futtermittel wird die Unbedenklichkeitsbescheinigung abgeschafft. Ab 1. Januar 2020 müssen somit alle Futtermittelunternehmen, die Futtermittel an QM-Milch-teilnehmende Landwirte verkaufen, nach einem Qualitätssicherungssystem wie QS oder GMP+ International zertifiziert sein. Für Bayern ist dieser Wegfall auch mit Nachteilen verbunden, wie sowohl den Verantwortlichen im Zuge der Revision bekannt war und wie auch erste Rückmeldungen bestätigen. Leider war die bisherige Vorgehensweise nicht mehr mehrheitsfähig. 
Für die Milcherzeuger nicht relevant, aber der Vollständigkeit halber: Für die Zertifizierungsstellen wird künftig ein Zulassungsverfahren durch den QM-Milch e.V. als Stand­ardgeber einschließlich vertraglicher Beziehungen verpflichtend sein.

Mehrwert für die gesamte Milchbranche

Auch wenn die Milcherzeuger den zunehmenden Kontroll- und Dokumentationswahn(sinn) manchmal zu Recht kritisieren, bleibt doch festzuhalten, dass mit der Kritik an QM-Milch nicht das wirkliche Problem für diese Entwicklung zu sehen ist. Qualitäts- und Sicherheitsaspekte sowie deutlich höhere Ansprüche beim Tierwohl sind zunehmende Wettbewerbsfaktoren in der Vermarktung von Milch- und Milchprodukten. QM-Milch muss diesen höheren Ansprüchen ebenfalls nachkommen, um den Anforderungen von Marktpartnern und Verbrauchern gerecht zu werden und von den wesentlichen Marktakteuren auch akzeptiert zu werden.

Besonders durch seine dynamische Ausrichtung ist das QM-Milch-System in der Lage, aktuelle Entwicklungen zu berücksichtigen. Milchviehhalter können damit die Umsetzung hoher Anforderungen unter zertifizierten Bedingungen nachweisen. QM-Milch trägt wesentlich dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit der Milchwirtschaft zu sichern, den guten Ruf von Milchprodukten und somit den Milchkonsum zu sichern. Alles keine Selbstverständlichkeit mehr.