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Stallbau

Pferdestall: Eine ganz runde Sache

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Sven und Peggy Morrell
am Montag, 20.06.2022 - 09:25

Ein Stall ist eckig – normalerweise. Es geht aber auch rund. Rundställe sind zwar (noch) selten in den Reitanlagen, sie bieten jedoch für Pferde und Menschen einige Vorteile gegenüber den klassischen, eckigen Bauten.

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Runde Gebäude auf Pferdehöfen sind nicht neu, Longierhallen oder Führanlagen (oder Kombinationen aus beidem) sind weit verbreitet. Werden in diese Grundkonstruktionen Boxen eingebaut, dann entsteht ein Rundstall für Pferde.

Zum Beispiel verwandelt die Firma Uwe Kraft Reitsportgeräte & Metallbau GmbH (www.kraft-fuehranlagen.de) eine 12-Eck-Stahlkonstruktion in einen Rundstall mit maximal elf Boxen. In der Mitte bleibt ein Innenkreis übrig, der als Putzplatz, Lager- oder Arbeitsraum genutzt werden kann. Ansonsten würden die Boxen zum Kreismittelpunkt hin spitz zulaufen. Optional können an den Rundstall der Firma ausFrankenhardt-Honhardt (Lks. Schwäbisch-Hall) außen an die Boxen Paddocks angebaut werden. Dadurch entsteht neben zusätzlichem Raumangebot ein luft- und lichtdurchfluteter Stall. Innen haben die Vierbeiner alle Stallkameraden im Blick – nicht wie in einem gewöhnlichen Stall nur das Gegenüber und die Nachbarpferde. Wichtiges Plus eines Rundstalles: Die Arbeitswege zwischen den Boxen sind kurz, lange Stallgassen gibt es nicht.

Varianten mit Führanlage

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Das runde Gebäude kann zur alleinigen Nutzung als Stall konzipiert (mit Nutzung des Innenzirkels zum Beispiel als Putzplatz) werden. Möglich ist auch eine Kombination von Führanlage und Boxen. Hierfür gibt es zwei Varianten:

  • Die Führanlage liegt außen, die Antriebseinheit ist im Dach oder umlaufend in der Lauffläche angebracht. Innerhalb der Führanlage ist Platz für die Boxen. Vorteil: Die Führanlage ist großzügig bemessen. Nachteil: Es sind nur reine Innenboxen möglich, was den heutigen Ansprüchen an eine moderne Pferdehaltung nicht mehr gerecht wird.
  • Die Führanlage liegt innen, die Boxen sind außen herum angeordnet. Bei dieser Variante können auf kleinstem Raum sowohl Bewegungsmöglichkeiten (Führanlage, optional Longierzirkel) als auch Stellplätze für die Pferde realisiert werden. Im Idealfall schließen sich an die Boxen Außenpaddocks an. Der Innenraum der Führanlage wiederum kann zusätzlich als Lagerplatz oder je nach Größe sogar als Longierzirkel genutzt werden. So hat man das Raumangebot optimal genutzt und verschiedene Funktionen unter einem Dach.

Vorteile im Arbeitsalltag

Im bayerischen Möttingen steht seit dem Jahr 2018 solch ein Rundstall. Unterteilt in 15 Aktivstallplätze, 14 Paddockboxen und einen separaten Aufzuchtstall mit 10 Plätzen leben somit insgesamt etwa 40 Pferde im Gestüt Wiedmann (www.aktivstallimries.de). Davon sind sechs Pferde im Rundstall untergebracht.

Der Grund für den Bau des besonderen Stalles war eher pragmatisch: „Die Entscheidung für einen Stall in der Form (innen Führanlage, außen Boxen mit Paddock) fiel aufgrund dessen, weil wir eine Führanlage für unsere Zucht und Nachwuchspferde und zum Teil für unsere Einsteller bauen wollten und die Nachfrage nach Boxenplätzen hoch war“, erklärt Betriebsleiter Thomas Wiedmann. „Ein klassischer Warmstall kam nicht in Frage, da es einen typischen Boxengassenstall bei uns nicht gibt.“ Seine Überzeugung ist: „Alle Pferde sollen mit den Umweltreizen in Berührung kommen, nach dem Motto Licht, Luft und Bewegung.“

Der Rundstall des Gestüts ist ein Unikat, die oben genannte Firma hat ihn nach den Vorgaben von Thomas Wiedmann gebaut: Das Grundgerüst bildet eine 14-Eck-Konstruktion, diese ist nur zur Hälfte mit Boxen bebaut. Diese sechs Boxen bieten inklusive Paddocks ein großzügiges Raumangebot. Inklusive Paddock hat jedes Pferd insgesamt 30 m² Platz. Das Besondere: Box und Paddock gehen direkt ineinander über, es gibt keine Abgrenzung dazwischen – auch wenn das (nachträglich) möglich wäre. Die Vierbeiner haben so den ganzen Tag Licht und frische Luft.

Für Thomas Wiedmann bietet der Rundstall Vorteile bei den täglich anfallenden Arbeiten: „Zur Boxenreinigung kann mit einem Mistkuli oder wenn die Pferde draußen sind, mit dem Hoftrac direkt in Box und Paddock gefahren werden.“ Die individuelle Bauweise „hat sich natürlich auf die Baukosten für diesen Prototyp niedergeschlagen“, erzählt Wiedmann, relativiert aber: „Unser Stall ist schon individuell und ist in unserem Fall vielleicht nicht für einen Vergleich geeignet, da wir aus Platzgründen die Führanlage nur halb rum mit Boxen bebaut haben. Bei genügend Platz kann man um eine Führanlage mit 16 Meter Durchmesser zwölf Boxen bauen, dann rechnet sich die Anlage anders.“

Voll belegt vor Baubeginn

Die Resonanz der Einsteller ist auf jeden Fall überzeugend: „Der Rundstall war voll belegt, bevor ich zu bauen begann. Die Kunden sind Turnier- und Freizeitreiter“, berichtet Thomas Wiedmann.

Ein weiteres gelungenes Beispiel für einen Rundstall gibt es in Baden-Württemberg: Bianca und Bruno Barth, Betreiber der Reitanlage am Hofwald in Spechbach (www.reitanlage-am-hofwald.de) im Rhein-Neckar-Kreis sind von ihrem Rundstall begeistert: „Wir würden uns jeder Zeit wieder für diese Bauform entscheiden.“ Der Rundstall wurde von ihnen selbst entwickelt und konzipiert. Das Besondere: Es ist individuelle Einzel- oder Gruppenhaltung möglich, die einzelnen Abschnitte sind je nach Bedarf miteinander kombinierbar. Verstehen sich beispielsweise zwei Nachbarpferde besonders gut, so kann die Abtrennung des Paddocks entfernt werden und es entsteht ein „Mini-Offenstall“.

Neben viel Luft, Licht, Bewegung und Sozialkontakten biete der Rundstall noch weitere Vorteile für die Pferde: „Die Bauform sorgt für Vertrauen, Ruhe und somit große Ausgeglichenheit bei den Pferden. Zudem wird ein stressfreies „Herdengefüge“ ohne lange gerade Boxengasse ermöglicht, jedes Pferd hat Rückzugsmöglichkeiten. Für die Pferde gibt es Abwechslung durch Blickkontakt in den Innenbereich, und einen nach außen immer größer werdenden Freibereich, teilweise mit direktem Koppelzugang“, erzählen Bianca und Bruno Barth.

Im Herzen des Rundstalles liegt ein Roundpen von 17 m Durchmesser, eingezäunt mit Panels. Durch den Unterbau mit Eco-Rastern ist dieser ganzjährig nutzbar. Weiteres Plus: Vor jeder Box gibt es einen überdachten Putzplatz mit Sattelschrank und ein individuelles Kraftfutterlager.

Bianca und Bruno Barth sind auch von der Wirtschaftlichkeit „ihres Rundstallkonzeptes“ überzeugt, denn zum einen sei der Raum bestmöglich genutzt, zum anderen sei ein rationelles Bestücken der Heuraufen und Ausmisten möglich. Auch in der Reitanlage am Hofwald ist die Akzeptanz der Einsteller hoch: Im Mai 2014 wurde der Rundstall eingeweiht und ist seitdem immer voll belegt.