Marktdynamik

Pferdehaltung: Neue Angebote entwickeln

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Dr. Christina Münch, HorseFuturePanel, Schlieben
am Freitag, 29.05.2020 - 14:10

Die Pferdehaltung scheint aktuell ihren Sättigungspunkt erreicht zu haben. Bis zum Jahr 2030 ist mit rückläufigen Entwicklungen zu rechnen. Stallbetreibern bieten sich durchaus Chancen, wenn sie sich auf neue Zielgruppen spezialisieren.

Auf einen Blick

  • Seit einigen Jahren findet ein Wandel in der Pferdehaltung hin zur Gruppenhaltung statt.
  • Organisierte Pferdesportler üben eher die klassischen Disziplinen aus, nicht organisierte Pferdesportler reiten aus, machen Bodenarbeit oder wenden Horsemanship-Methoden an.
  • Während die Gruppe der organisierten Pferdesportler kleiner wird, wächst die Gruppe der nichtorganisierten anteilig.
  • Besonders wichtig sind Pferdebesitzern bei der Stallwahl das Angebot von Auslauf und Weidegang, die Fütterung und die Verfügbarkeit eines Außenplatzes.
  • Aktuell scheint die Pferdewirtschaft einen Sättigungspunkt erreicht zu haben.

Demografische Entwicklung der Bevölkerung

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Die Pferdewirtschaft befindet sich in einem kontinuierlichen Veränderungsprozess, der die Branchenakteure schon vor der Coronakrise vor strategische Herausforderungen gestellt hat. Schlagworte sind hier die Urbanisierung, demografische Veränderungen, ein verändertes Freizeitverhalten, der Wunsch nach Flexibilität und die Ablehnung von Verantwortungsübernahme sowie ein völlig verändertes Kommunikationsverhalten.

So führt beispielsweise die Urbanisierung zu einer Abwanderung der Menschen aus dem ländlichen Raum und damit zu einer größeren Distanz zu Pferd und Natur. Durch die Überalterung beginnen immer weniger junge Menschen mit dem Pferdesport. Die älter werdenden Pferdesportler suchen eher Entspannung und keinen sportlichen Wettbewerb.

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Wagt man mit Hilfe der Demografie-Forschung einen Blick in das Jahr 2030, ist die deutsche Bevölkerung wie folgt charakterisiert: Die Menschen sind im Mittel 48 Jahre alt, 79 % leben in Städten und stadtnahen Regionen. Außerdem sind sieben Prozent weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 67 Jahren (52,7 Mio. Menschen, 63 %) als derzeit. Kurzum: Schwierige Voraussetzungen für den Pferdesport, der im ländlichen Raum stattfindet, zeit- und kostenintensiv ist und mit einer großen Verantwortung verbunden ist.

Haupterlöse aus der Pensionspferdehaltung

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In Bayern sind rund 140 000 Pferde in 20 100 Pferdehaltungen untergebracht, das entspricht sieben Pferden pro Pferdehalter (Bundesdurchschnitt: fünf Pferde/Pferdehalter). Dabei hat die landwirtschaftliche Pferdehaltung die größte Bedeutung, gefolgt von der privaten Pferdehaltung, der gewerblichen und der vereinsgeführten Pferdehaltung.

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Wichtigste Einnahmequelle ist für die pferdehaltenden landwirtschaftlichen Betriebe mit großem Abstand die Pensionspferdehaltung, gefolgt von der Zucht und der Ausbildung von Pferden. Um die Pferdebesitzer zufrieden zu stellen, halten die bayerischen Pensionspferdebetriebe eine gute Infrastruktur vor. So verfügen mehr als Dreiviertel der Betriebe über (mindestens) einen Außenreitplatz, mehr als die Hälfte über eine Reithalle. Futter- und Sattelkammer zählen zur Basisausstattung fast aller Betriebe. Waschplätze, Sanitäranlagen und Reiterstübchen finden sich immerhin in rund 80 % der Betriebe.

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Dem bundesweiten Trend folgend findet in Bayern seit einigen Jahren ein Wandel in der Pferdehaltung statt. So steigt der Anteil der Pferdebesitzer, die ihr Pferd in Gruppenhaltungssystemen unterbringen, wenngleich die Einzelaufstallung mit Zugang zu Auslauf und Weide noch überwiegt. Außerdem findet man die ganzjährige oder saisonale Weidehaltung mit Unterstand.

Strukturen des Pferdebestandes

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Von den rund 140 000 in Bayern gehaltenen Pferden sind etwa 40 % Reit-, Fahr-, oder Voltigierpferde, rund ein Drittel gehören zur Gruppe der alten Pferde, die 18 Jahre oder älter sind, etwa 25 % sind Zucht und Aufzuchtpferde und vier Prozent sind Schul- und Therapiepferde. Es gibt also mittlerweile in der Pferdepopulation mehr alte Pferde als junge. Diese werden von ihren Besitzern so lange gepflegt, bis sie eines natürlichen Todes sterben oder aufgrund gesundheitlicher Beschwerden erlöst werden. Und, diese Pferde werden nur noch teilweise ersetzt. Daher wird sich der Pferdebestand in den nächsten Jahren rückläufig entwickeln. Experten gehen von einer Abnahme um 20 bis 25 % bis zum Jahr 2030 aus.

Die mit Abstand wichtigste Rassegruppe im bayerischen Pferdebestand ist nach wie vor das Warmblut. Ponys- und Kleinpferde, Spezialpferderassen, Araber, Vollblüter, Kaltblüter und Schwere Warmblüter folgen. Verschiedene Studien sowie die Zahl der bei den Zuchtverbänden betreuten Rassen belegen die wachsende Bedeutung „alternativer“ Pferderassen. Im Kontext eines mittelfristigen Rückgangs des Pferdebestandes findet dieses Wachstum also zu Lasten der Warmblutpopulationen statt.

Diverse Ansprüche der einzelnen Zielgruppen

Bei der Gruppe von Pferdebesitzern, die ihr Pferd in einem landwirtschaftlichen Pensionspferdebetrieb unterbringen, handelt es sich um eine Zielgruppe mit unterschiedlichen Ansprüchen. Gemeinsam ist den meisten Einstellern, dass diese weiblich sind, Pferde lieben, über ein hohes Bildungsniveau verfügen und ein höheres Einkommen haben als der durchschnittliche Bürger. Sie sind dem Pferd meist seit mehr als 20 Jahren verbunden, verbringen sechs Tage die Woche im Stall und das insgesamt rund 20 Stunden pro Woche. Unterschiede ergeben sich aus Organisationsgrad, Turnierorientierung, Reitweise oder Motiven.
Unterscheidet man Einsteller danach, ob sie in einem Reitverein organisiert sind, lassen sich folgende Unterschiede feststellen: Organisierte Pferdesportler, insbesondere mit Turnierorientierung, verfolgen eher leistungs- und wettkampfbezogene Motive, nicht organisierte Pferdesportler dagegen Motive wie Naturnähe und Entschleunigung.
Dies schlägt sich auch in den ausgeübten Reitweisen und Disziplinen nieder. So üben organisierte Pferdesportler eher die klassischen Disziplinen entsprechend der Reitlehre aus, nicht organisierte Pferdesportler reiten aus und machen Bodenarbeit, sie üben verschiedenen Reitweisen aus oder wenden Horsemanship-Methoden an. Nicht organisierte Pferdesportler haben kaum noch eine Verbindung zur Pferdezucht. Sie besitzen durchschnittlich „nur“ zwei Pferde, während organisierte Pferdesportler durchschnittlich drei Pferde besitzen. Organisierte Pferdesportler besitzen Reitpferde, nicht organisierte Pferdesportler bevorzugen zunehmend Ponys und Kleinpferde, Araber und Vollblüter sowie Schwere Warmblüter oder Kaltblüter. Während die Gruppe der organisierten Pferdebesitzer kleiner wird, wächst die Gruppe der nicht organisierten anteilig.
Landläufig hört man immer wieder von den Nomaden in Pensionspferdebetrieben, unzufriedenen Einstellern, aber auch von frustrierten Betriebsleitern. Dabei ist die Zufriedenheit der Pferdebesitzer mit dem Pensionspferdebetrieb, in dem das eigene Pferd untergebracht ist, insgesamt hoch – das belegen verschiedene Studien. Besonders wichtig sind den Pferdebesitzern dabei das Angebot von Auslauf und Weidegang, die eigentliche Unterbringung des Pferdes, die Fütterung und die Verfügbarkeit eines Außenplatzes – mit diesen Aspekten sind die meisten Pferdebesitzer in ihrem Pensionspferdebetrieb überdurchschnittlich zufrieden. Weitere wichtige Aspekte sind Ordnung und Sauberkeit: hier besteht hinsichtlich der Umsetzung durch die Betriebe nach Einschätzung der befragten Einsteller noch „Luft nach oben“.

Stallwechsel bei Unzufriedenheit

Wie oft hat nun ein durchschnittlicher Einsteller tatsächlich schon den Stall gewechselt? Im Rahmen der HorseFuturePanel-Studie „Pferdehaltung und Stallwechsel 2019“ wurden dazu 1063 Einsteller, private Pferdehalter und Pensionspferdebetriebsleiter befragt.
Drei Viertel der Einsteller haben den Pensionspferdebetrieb mit ihrem Pferd schon einmal gewechselt: im Mittel dreieinhalbmal. Die Hauptgründe für einen Stallwechsel waren ein schlechtes Weide-, Betriebs- oder Fütterungsmanagement, Unzuverlässigkeit des Stallbetreibers oder schlechte Trainingsbedingungen. Von der ersten Überlegung, den Stall zu wechseln bis zur Umsetzung sind durchschnittlich 4,7 Monate vergangen. 38 % der Einsteller ist es eher schwergefallen, die Entscheidung zu treffen. Perspektivisch möchten die Pferdebesitzer bis 2030 ihr Pferd in einem Haltungssystem unterbringen, welches den Bedürfnissen des eigenen Pferdes gerecht wird. Hierbei spielen Auslauf und Weidegang eine große Rolle.
Betriebsleiter von Pensionspferdebetrieben stellen bei ihren Einstellern steigende Ansprüche und ein zunehmendes Tierschutzbewusstsein fest. Dass die Stallwechselbereitschaft der Einsteller zunimmt, sehen nur 20 % der Betriebsleiter so. Allerdings steigt diese, je jünger die Pferdebesitzer sind. Die Betriebsleiter stellen außerdem bei ihren Einstellern eine zunehmende Entfremdung vom Lebewesen Pferd fest, fehlendes Fachwissen sowie fehlende praktische Kompetenzen. 73 % der Betriebsleiter führen Maßnahmen zur Steigerung der Kundenzufriedenheit durch. Diese reichen von der Verbesserung der Haltungsbedingungen im Betrieb über Kundengespräche und verbesserte Serviceleistungen bis zu Kundenbefragungen.
Bis zum Jahr 2030 wollen die Betriebsleiter in Haltungssysteme investieren: hier insbesondere in Gruppenhaltungssysteme, in Weide- und Auslaufmöglichkeiten und in allgemeine Maßnahmen zur Steigerung des Tierwohls. Eine Preiserhöhung der monatlichen Boxenpension wird zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit angestrebt. Betriebsleiter, die die Pensionspferdehaltung in ihrem Betrieb aufgeben wollen, geben hierfür Altersgründe sowie die steigenden Ansprüche seitens der Einsteller und steigende Anforderungen seitens der Gesetzgebung an.
Die strukturellen Veränderungen in Gesellschaft und Pferdewirtschaft sind abhängig vom jeweiligen Standort. Hinsichtlich einer erfolgsversprechenden Ausrichtung und Gewichtung der Betriebszweige eines Pferdebetriebs spielen die Bevölkerungsentwicklung und -zusammensetzung am Betriebsstandort eine große Rolle. Eine intensive Auseinandersetzung mit diesen Faktoren sowie eine genaue Kenntnis der betriebswirtschaftlichen Situation des Betriebes sind die Grundvoraussetzung dafür, strategisch sinnvolle Entscheidungen zu treffen, die eine erfolgreiche Betriebsentwicklung ermöglichen.

Perspektiven für Pensionsbetriebe

Vor diesem Hintergrund sollte geprüft werden, inwiefern Investitionen in pferdegerechte Haltungssysteme getätigt werden sollten oder Angebote auf Schul- und Leihpferden für pferdebegeisterte Menschen betrieblich und personell umsetzbar sind. Damit könnten die Einnahmen einer rückläufigen Pensionspferdehaltung kompensiert werden. Auch Angebote wie die Pension von Zucht- und Aufzuchtpferden oder alten Pferden sollten hinsichtlich eines möglichen Beitrags zur Gewinnsteigerung betriebsindividuell geprüft werden. Bei züchterischen Überlegungen, unabhängig von der Rasse, ist die große Bedeutung des Freizeitpferdesegmentes im Auge zu halten und hier die Möglichkeiten der Ausbildung der Nachzucht, aber auch der (neuen) Besitzer, durch den Betrieb selbst.
Aktuell scheint die Pferdewirtschaft ihren Sättigungspunkt erreicht zu haben, sodass bis zum Jahr 2030 mit rückläufigen Entwicklungen zu rechnen ist. Das Pferd verfügt aber nach wie vor über hohe Sympathiewerte in der Bevölkerung und der Wunsch der Menschen nach Natur, Entschleunigung und Gesundheit birgt große Potenziale für das Pferd und den ländlichen Raum. Gelingt es den Akteuren der Branche die Infrastruktur (Reitbetriebe, Verkehrsanbindung und Erreichbarkeit der Betriebe etc.) weiterzuentwickeln und auch leicht konsumierbare Angebote zu schaffen sowie Wissen in Theorie und Praxis zu vermitteln, kann die Pferdewirtschaft mögliche anstehende Tiefpunkte überwinden.