Offenlaufställe

Jedem Pferd sein Futter

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Sven und Peggy Morell
am Mittwoch, 02.06.2021 - 10:49

Offenstallhaltung gilt als besonders artgerecht für Pferde. Allerdings stellt diese Haltungsform Stallbetreiber vor die Herausforderung, dem individuellen Futterbedarf eines jeden Vierbeiners auch wirklich gerecht zu werden.

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Die Haltung im Offenstall liegt im Trend – bietet sie doch den Pferden genau das, was sie brauchen: Reichlich Bewegungsmöglichkeiten, frische Luft und den Kontakt zu Artgenossen. Doch nicht immer ist es einfach, die unterschiedlichen Fütterungsansprüche aller Pferde unter einen Hut zu bekommen. Diese können nämlich sehr stark variieren – je nach Größe, Rasse, Alter oder Futterverwertung. Leben ungleiche „Fütterungstypen“ gemeinsam in einem Offenstall, bringt das Stallbesitzer in eine Zwickmühle: Soll sich die Futtermenge nun an dem Pferd mit viel oder an dem mit wenig Bedarf orientieren?

Denn sowohl Unter- als auch Überversorgung sind der Pferdegesundheit nicht zuträglich. Es gibt aber durchaus Möglichkeiten, Pferde auch im Offenstall nach ihren individuellen Bedürfnissen zu füttern.

Trennen der Pferde per Hand ist zeitaufwendig

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Eine Methode ist das Separieren der Pferde „von Hand“. Dazu werden die unterschiedlichen Futtertypen voneinander getrennt und erhalten ihre Portion. Mitunter werden die Vierbeiner so lange in den Fressstand eingesperrt, bis alle aufgefressen haben. Diese Methode ist nicht zu empfehlen, denn die Pferde müssten dann zwei- bis dreimal täglich über Stunden in den Fressständen ausharren.

Andere Option: Die Pferde mit hohem Futterbedarf werden von der Person, die die Fütterung übernimmt, zeitweise von den anderen räumlich separiert und erhalten eine Extraportion – in einem abgetrennten Bereich oder in Einzelboxen. Beide Varianten bedeuten einen hohen Zeitaufwand, denn jedes Mal zur Fütterung müssen die Tiere getrennt – und danach auch wieder zusammengelassen werden. Das mag bei kleinen Pferdehaltungen noch machbar sein, in großen Betrieben lässt sich dies aber oft kaum in den Betriebsablauf integrieren. Eventuell könnten die Pferde auch je nach Futterbedarf in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt werden – doch nicht jeder Betrieb ist in der Lage, mehrere Offenställe anzubieten.

Unterstützung vom Computer

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Um Pferde mit unterschiedlichem Futterbedarf im Offenstall individuell zu füttern, gibt es mittlerweile diverse technische Helferlein. Bei der Computerfütterung wird grundsätzlich unterschieden zwischen der Abruf- und der zeitgesteuerten Fütterung.

Bei der Abruffütterung wird das Pferd mittels eines Transponders erkannt und bekommt seine festgelegte Ration zugeteilt. Man kann das Pferd hierfür vom Tierarzt chippen lassen, den Transponder in die Mähne einflechten oder an einem Halfter bzw. Halsring befestigen. Je nach Modell können Rau- und/oder verschiedene Kraft- und Mineralfuttersorten ausgegeben werden.

Um eine ungestörte Futteraufnahme sicherzustellen, sollte der Zugang für andere Herdenmitglieder erst möglich sein, wenn die Station wieder frei ist. Ist das Verlassen nur in eine Richtung möglich, kann durch geschickt angelegte Laufgänge („Einbahnstraßen“) ein zusätzlicher Bewegungsanreiz für die Vierbeiner geschaffen werden. Ein zentraler Fütterungscomputer steuert alle Futterautomaten eines Betriebs, je nach Modell ist auch eine Bedienung aus der Ferne möglich. Als Nachteil dieser Abrufstationen wird oft genannt, dass die Pferde einzeln – und nicht gemeinsam mit ihren Artgenossen – fressen, was für das Herdentier Pferd aber sehr wichtig ist.

Margit Zeitler-Feicht vom Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt der TU München rät daher, Stroh nach Belieben für alle Herdenmitglieder in Raufen bereitzustellen. Allerdings gilt es hier, die Pferde genau zu beobachten: Insbesondere Pferde, die aufgrund ihres niedrigen Futterbedarfs eher knapp gehalten werden, verschlingen oft reichlich Stroh, das kann zu gefährlichen Verstopfungskoliken führen. Als Obergrenze gilt ein halbes Kilogramm Stroh pro 100 kg Körpergewicht täglich. Steht Stroh zur freien Verfügung, ist das aber kaum überprüfbar.
Verhaltensforscherin Zeitler-Feicht beobachtete in einer Studie, dass je Pferd und Tag doppelt so viele Drohgesten und Verdrängungen bei Abrufstationen im Vergleich zu Fressständern stattfanden. Um diese Problematik abzumildern, empfiehlt sie unter anderem einen Schutz über die ganze Körperlänge, Trennwände mit Sichtkontakt, Durchlaufstationen mit Eingangssperre und Ausgang mit Rücklaufsperre, Trennung von Kraft- und Heu-Automaten sowie maximal zehn Rationen je Tier und Tag.

Zeitgesteuert gemeinsam in der Herde fressen

Die zeitgesteuerte Fütterung funktioniert ohne Transponder, hier wird das Raufutter nur zu bestimmten Zeiten für eine festgelegte Zeit freigegeben. So gibt es zum Beispiel Heuraufen, die mit einer Art „Rollladen“ verschlossen sind, welcher sich zu vorgegebenen Zeiten öffnet und wieder schließt. Bei anderen Modellen werden die Einzelportionen in Fächern gelagert und fallen zu einer gewissen Zeit runter, sodass die Pferde rankommen. Laut Hersteller ist hier auch die Vorlage von Kraft-, Mineral- und Saftfutter möglich.
Ein großer Vorteil der zeitgesteuerten Systeme ist das gemeinsame Fressen der Pferde. Allerdings: Verpasst ein Pferd eine Mahlzeit – etwa weil es geritten wird – fehlt ihm diese Ration. Zeitler-Feicht zufolge zeichnen sich Probleme bei den Individualdistanzen ab, da sich viele Pferde zum Fressen nicht oder nur ungern direkt neben einen Artgenossen stellen. Deshalb dürfe ein Futterdurchlass nicht mit einem Fressplatz gleichgesetzt werden. Die Firma HIT Hinrichs Innovation + Technik mit Sitz im schleswig-holsteinischen Weddingstedt (www.aktivstall.de) plant beispielsweise mit mindestens 30 bis 40 % mehr Fressplätzen als Pferde im Offenstall stehen. Weiteres Kriterium: Die Einzelmahlzeiten dürfen nicht zu kurz sein, Zeitler-Feicht empfiehlt „nicht unter 30 Minuten“.
Sowohl die Abruffütterung als auch die zeitgesteuerte Fütterung punkten durch die Möglichkeit, viele Mahlzeiten über den Tag verteilt anzubieten, was dem Verdauungssystem des Dauerfressers Pferd sehr entgegenkommt. Das Füttern „von Hand“ hingegen ist meist auf zwei- bis dreimal täglich ausgelegt, wodurch oft lange Fresspausen entstehen, die zu Magengeschwüren und Koliken führen können.

Zutritt nur für auserwählte Pferde

Ein Nachteil der zeitgesteuerten Fütterung: Alle Pferde fressen immer gleich lang, auf Unterschiede im Futterbedarf kann nicht eingegangen werden. Hinzu kommt, dass die besonders gierigen – und somit oft auch pummeligen Pferde – ihr Futter hinunterschlingen und somit in der gleichen Zeit meist deutlich mehr Heu fressen als genügsamere Herdenmitglieder. Hier gibt es die Möglichkeit, den Pferden mit besonders hohen Raufutterbedarf mittels Selektionstor (gesteuert über einen Transponder) Zugang zu einem abgetrennten „Heuraum“ zu gewähren, in dem Raufutter zur freien Verfügung steht. Für nicht berechtigte Pferde bleibt dieser Bereich verschlossen.
Auch das Betreten der Weide kann so geregelt werden, was beispielsweise bei Hufrehe-gefährdeten Pferden von Vorteil ist. Vorsicht: Es darf kein Pferd allein zurückbleiben, Sichtkontakt sollte immer möglich sein. Doch selbst dann reagieren manche Pferde beinahe panisch, wenn sie nicht mit auf die Weide dürfen. Es ist wichtig, dass der Stallbetreiber hier genau hinschaut, ob durch die Selektion einzelner Tiere nicht zu viel Stress in der Herde entsteht.

Das Fütterungssystem muss zum Betrieb passen

Werden mehrere computergestützte Systeme miteinander gekoppelt, können Schwachstellen der einzelnen Anlagen kompensiert werden. Die Firma HIT nennt als Beispiele die Kombination zeitgesteuerter Heudosierer mit transpondergesteuerter Kraftfutterstation für alle Pferde sowie einem Transponder-gesteuerten Heudosierer für schwerfuttrige Pferde. So können die Pferde gemeinsam die Grundmenge an Heu aufnehmen, ihre individuelle Kraftfutterration erhalten und die Pferde mit Mehrbedarf eine Extraportion Heu abholen.
Mittels Abruffütterung, zeitgesteuerter Fütterung oder Selektionssystemen ist es möglich, Pferde mit ungleichem Futterbedarf gemeinsam im Offenstall zu halten. Ob sich solch technische Hilfen für einen Betrieb eignen – und wenn ja, welche(s) System(e) – muss individuell abgewogen werden. Diese Aspekte sollten dabei berücksichtigt werden:
  • Können Pferde aus organisatorischen Gründen nur zwei- oder dreimal täglich gefüttert werden und entstehen daraus lange Fresspausen, können computergestützte Fütterungssysteme von Vorteil sein.
  • Große Kraftfutterportionen belasten das Verdauungssystem, daher raten Experten, diese auf mehrere Rationen aufzuteilen. Pensionsbetriebe, die vornehmlich Freizeitpferde zu ihren Schützlingen zählen, sollten jedoch genau überdenken, ob die Anschaffung eines Kraftfutterautomaten sinnvoll ist. Zum einen kommen Freizeitpferde meist ganz ohne Kraftfutter aus, und eine kleine Gesamtration täglich auf mehrere Mahlzeiten aufzuteilen, ist nicht unbedingt erforderlich. Auf der anderen Seite kann ein solcher Kraftfutterspender die Bewegung der Pferde anregen. Außerdem kommt das Pferdebesitzern entgegen, die nicht täglich nach ihren Vierbeinern sehen (können), da die Versorgung mit Mineral- und eventuell Kraftfutter dennoch gesichert ist.
  • Bei der Abruffütterung kann am Computer kontrolliert werden, ob das Pferd alle seine Rationen abgeholt hat. Unregelmäßigkeiten deuten auf gesundheitliche Probleme hin. Gleichwohl ist die tägliche Kontrolle des Gesundheits- und Futterzustandes der Pferde trotz Technik unabdingbar. Denn was der Automat nicht erkennt: Frisst das Pferd langsamer oder unwillig, sind die Kaubewegungen ungewöhnlich oder lässt es einen Teil der Ration unangetastet? Zudem erfassen zeitgesteuerte Systeme in der Regel nicht, ob ein Tier weniger frisst.
  • Nicht jedes Futter eignet sich für einen Automaten. Während die Zuteilung von Rau-, Kraft- und Mineralfutter meist problemlos funktioniert, können nur wenige Systeme Saftfutter bereitstellen. Für andere Futtermittel wie Mash, eingeweichte Cobs, Öle und Medikamente ist die computergestützte Fütterung im Offenstall ungeeignet.
  • Durch die Automatisierung lassen sich Arbeitszeit und Personalkosten einsparen, demgegenüber sind die Kosten für Anschaffung sowie Reinigung und Wartung der Anlagen zu stellen.