Afrikanische Schweinepest (ASP)

Naturschutzbehörde legt massenhaft Schlachtabfälle aus

Aasfresser
Reinhard Schneider, jagderleben
am Mittwoch, 25.08.2021 - 09:00

Die untere Naturschutzbehörde Greiz (Thüringen) betreibt auf einer Deponie einen riesigen Futterplatz für Greifvögel, auf den jährlich tonnenweise Schlachtabfälle gekippt werden. Auch Schweinekadaver sind – trotz drohender Afrikanischer Schweinepest – dabei. Die Kollegen von "unsere Jagd" haben den Vorgang aufgedeckt.

Wiederkäuer

Lange haben Bewohner in Gommla (Ostthüringen, Landkreis Greiz) über die ständige Zunahme von Rabenvögeln in der Nähe ihrer Ortschaft gerätselt. Die Gründe für das massive Auftreten der Aaskrähen lassen sich jetzt aus einer Veröffentlichung im Mitteilungsblatt des Naturschutzbund Thüringen (Ausgabe 1/2021) erahnen. Unter der Schlagzeile "Schlachtabfälle als Lebensspender" wird dort über die Anlage eines großflächigen Luderplatzes (Futterstelle für Beutegreifer) auf der eingezäunten stillgelegten Deponie am Ortsrand von Gommla berichtet. Demnach ist der Luderplatz Kernstück eines Naturschutzprojekts der Unteren Naturschutzbehörde Greiz *.

Ziel des Auslegens von Schlachtabfällen soll es sein, die Bestände vom Rotmilan und anderen Greifvögel zu stützen, berichtet der Nabu. Mit der Fütterung wurde bereits im April 2018 begonnen.

Tonnenweise Schlachtabfälle

Anfänglich wurden die Schlachtabfälle noch fast zögerlich mit großen Eimern auf den Platz ausgelegt, so schreibt der Verfasser des Beitrages im Mitteilungsblatt, Jürgen Erhardt, Pressesprecher des Nabu Thüringen.

"Im ersten Jahr beförderte man auf diese Weise zwei Tonnen auf die Fläche. Im zweiten Jahr wurden es schon fünf und im dritten Jahr 13,7 Tonnen! Zurzeit sind es nach Angaben von Andreas Martius ungefähr 500 Kilogramm pro Woche."

Die Schlachtabfälle sollen von einem regionalen Hofladen mit eigenem Schlachtbetrieb stammen, in dem – so der Nabu – keine Tiere aus industrieller Haltung vermarktet werden.

Schlachtabfall-Fütterung ist kein Einzelfall

Luderplatz

Das Greizer Futterprojekt ist kein Einzelfall. Ein ähnlicher "Versuch von Naturfreunden" sei im Altenburger Land gelaufen und habe als Anregung für den Gommlaer Futterplatz gedient. Eigentümer der Deponiefläche in Gommla, auf der auch eine große Solaranlage steht, ist der Abfall-Wirtschaftszweckverband Ostthüringen. Eine Zustimmung für einen Luderplatzes sei erteilt worden, sagte ein dortiger Mitarbeiter.

Nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt befindet sich eine große Ferkelerzeugeranlage mit 4.000 Sauen. Eine Anfrage an den Betreiber, inwieweit er Kenntnis von der Schlachtabfall-Fütterung hat, blieb unbeantwortet.

Fliegen und Vögel auf Schweinekadavern

Der Futterplatz wird nicht nur mit Nebenprodukten von Geflügel, Fisch und Wild beschickt, wie im Nabu-Artikel zu lesen, sondern – trotz drohender Afrikanischer Schweinepest – auch mit Kadavern kompletter Haus- und Wildschweine. Auf den verwesten Kadavern, den herumliegenden Gedärmen und Knochen tummeln sich Tausende Fliegen. Überall krabbeln fette Maden. Der ätzende Gestank nimmt einem den Atem und kriecht tief in die Kleidung.

Der riesige Aashaufen zieht Greife, Kolkraben, Krähen und Elstern aus der ganzen Umgebung an. Wie groß der Sog auf die gefiederten Beutegreifer ist, beobachtete ein Jäger bei einem Ansitz. Er zählte auf 50 Strohballen je einen Greifvogel. Diese massive Konzentration von Prädatoren hat – neben dem seuchentechnischen Aspekt – spürbare ökologische Folgen. Nach Feststellungen von Jägern in der Region nahmen vor allem der Hasenbesatz und der Singvogelbestand spürbar ab.

Das Veterinäramt hat die Ausbringung genehmigt

Die Redaktion unsere Jagd (uJ) fragte beim Landkreis Greiz nach, ob der Luderplatz durch das Veterinäramt genehmigt wurde und ob es wirklich erlaubt sei, dort tonnenweise Schlachtabfälle abzukippen.

"Ja, die Genehmigung besteht seit dem 13. 3. 2018", erklärt Ilona Roth, Pressesprecherin des Landkreises. "Sie betrifft die Verwendung von Schlachtabfällen der Kategorie 3 der Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 des Europäischen Parlamentes und des Rates sowie Nebenprodukte von Geflügel."

Gemeint sind damit Schlachtkörper oder ganze Körper und Teile von Tieren, die genussuntauglich sind, jedoch keine Anzeichen von auf Mensch oder Tier übertragbaren Krankheiten aufweisen. Eine Kontrolle der Beschickung erfolge durch Mitarbeiter der Behörde und zwei Überwachungs- bzw. Wildkameras.

Greifvogelexpertin warnt

Marika Schuchardt, die jahrelang ein Rotmilan-Projekt betreute, erklärt: "Der Rotmilan ist ein Nahrungsgeneralist. Zu seinem Nahrungsspektrum gehören vor allem Mäuse, Vögel, Fische, Aas aber auch Amphibien und Käfer. Von daher findet er in einer einigermaßen strukturierten Landschaft ausreichend Nahrung. Eine Fütterung ist in keinster Weise erforderlich. Erst recht nicht eine Fütterung an einem zentralen Ort und in dieser Größenordnung. Das ist nicht nur aus tierseuchenrechtlicher, sondern auch aus ökologischer Sicht äußerst problematisch."

Der Landkreis sieht trotz der um sich greifenden Afrikanischen Schweinepest in Deutschland keinen Handlungsbedarf, über die Genehmigung des Luderplatzes neu zu entscheiden. Auf eine entsprechende uJ-Anfrage heißt es lapidar, die Voraussetzung für die Sicherheit des Platzes gegen Unbefugte und Wildschweine sei durch die Umzäunung der Deponie gegeben. Von daher bestehe keine Gefahr.

Thüringer Bauernverband "vertraut" auf ASP-Kontrollen

Eine wilddichte Umzäunung? Da scheint die Behörde nicht auf dem Laufenden zu sein. Jäger haben häufig Rehwild und Füchse auf der Deponiefläche gesichtet. Und für Waschbären und Marder stellt der Zaun ebenfalls kein Hindernis dar.

Sehr wortkarg fällt auch die Position des Thüringer Bauernverbandes aus. "Wir vertrauen auf die Rechtmäßigkeit der Genehmigung durch das Veterinäramt und deren ständige Kontrolle, dass von der Fütterung mit Schlachtabfällen keine ASP-Gefahr ausgeht", erklärt Daniel Küssner vom Bauernverband.

Ob so viel Gottvertrauen von den Landwirten in Thüringen mitgetragen wird, darf stark bezweifelt werden. 

Der Luderplatz liegt in einem Revier mit hoher Wildschweindichte

Für Wolfgang Schmeissner, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Greiz und Vorstandsmitglied im Landesjagdverband Thüringen, ist das Projekt mit dem Luderplatz in Zeiten des akuten ASP-Seuchengeschehens ein Spiel mit dem Feuer.

Seiner Ansicht nach haben die Behörden bei ihrer Entscheidung die hohe Wildschweindichte im Landkreis anscheinend völlig ausgeblendet. So wurden allein in dem Revier, in dem die Deponie als befriedeter Bezirk liegt, auf 600 Hektar 30 bis 40 Wildschweine pro Jahr geschossen.

Fragwürdiges Experiment im Freiland

Das Projekt bedürfe dringend weiterer Forschung, heißt es im Mitteilungsblatt des Nabu Thüringen. Man müsse dabei diversen Fragen nachgehen: "Was passiert an den Nahrungsdepots, die die Kolkraben im Umfeld vergraben? Welche Tierarten verteilen die ausgebrachten Schlachtabfälle noch auf der Fläche?"

Jäger Wolfgang Schmeissner warnt empört: "Solche Freilandversuche in der gegenwärtigen, hochbrisanten Seuchensituation sind unverantwortbar." Sollte auch nur ein Stück ASP-Viren-belastetes Schwein auf dem Kadaverplatz landen, wären die Folgen für Wild- und Hausschweinepopulation katastrophal.