Stallbau

Mehr Tierwohl im alten Stall

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Wilfried Brede
am Donnerstag, 24.09.2020 - 12:10

Wer die Haltung seiner Tiere verbessern und für Tierwohl-Label produzieren will, muss nicht gleich neu bauen. Auch für bestehende Ställe gibt es Lösungen.

Auf einen Blick

  • In der Diskussion um mehr Tierwohl und die körperliche Unversehrtheit der Nutztiere wird gefordert, die Haltungssysteme besser an die Bedürfnisse der Nutztiere anzupassen.
  • Dabei ist es sinnvoll, auch Umbaumaßnahmen für bestehende Haltungssysteme aufzuzeigen.
  • Eine Möglichkeit der Strukturierung sind erhöhte Ebenen (Balkone) oder Mikroklimabereiche.
  • Beim Einsatz von Raufutter müssen die Faktoren Hygiene, Arbeitswirtschaft und Entmistung berücksichtigt werden.

Bislang zählten Effizienz und Effektivität

organisches Beschäftigungsmaterial

Die derzeitigen Haltungsverfahren in der Schweinehaltung sind das Ergebnis von Effizienz und Effektivität. Die Produktivität der Arbeitskraft und die biologischen Leistungen der Schweineproduktion stehen dabei im Vordergrund. In den letzten Jahren wird dies jedoch zunehmend kritisiert. Angestrebt wird ein Umbau der Haltungssysteme zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung.

In der Diskussion um ein „Mehr“ an Tierwohl und die körperliche Unversehrtheit der Nutztiere wird gefordert, die Haltungssysteme besser an die Bedürfnisse der Nutztiere anzupassen. Kritisiert wird ein zu geringes Platzangebot, eine reizarme Umgebung mit einem zu hohen Anteil an Vollspaltenböden sowie fehlendes Beschäftigungsmaterial und fehlende Außenklimareize.

ausgeprägter Kotbereich

Daher wurde ein Tierwohllabel kreiert, dessen Kriterien vom Bundeslandwirtschaftsministerium vorgestellt wurden. Unterschieden wird dabei zwischen drei Stufen. In Stufe 1 wird in Abhängigkeit vom Tiergewicht zwischen 14 und 33 % mehr Fläche für das Tier nötig. In der Stufe 2 erhöht sich der Platzbedarf um 70 bis 100 %. In Stufe 3 wird zusätzlich ein Auslauf gefordert. In allen Stufen sind Raufutter und organisches Beschäftigungsmaterial sowie eine verbesserte Buchtenstruktur notwendig.

Viele Planer und Arbeitsgruppen denken meist intensiv über Neubaulösungen nach. Wesentlich sinnvoller ist es jedoch, Möglichkeiten für bestehende Haltungssysteme aufzuzeigen, um vorrangig diesen Schweinehaltern Perspektiven für eine zukünftige Produktion zu bieten. Betriebsindividuelle Lösungen werden dabei immer im Vordergrund stehen.

Strukturierte Buchten

Einfach ist eine Anpassung der geforderten Flächen je Tier. Entsprechend der Stufe im Tierwohllabel werden weniger Tiere in die Bucht eingestallt. Allein hierdurch kommt es unterschiedlich stark ausgeprägt zur Einteilung der Bucht in verschiedene Funktionsbereiche. Daher muss man parallel dazu die Buchtenstruktur diskutieren. Am besten gelingt dies mit rechteckigen Buchten. Allerdings muss eine ausreichende funktionale Größe der Bucht gegeben sein. Der Gruppengröße in diesen Buchten beträgt daher meist mehr als 20 Tiere. Die drei wesentlichen Bereiche einer optimalen Buchtenstruktur gliedern sich in den Kot-, den Fress- und den Liegebereich.

Der Kerngedanke ist, das Abkotverhalten der Tiere so zu beeinflussen, dass die „Toilette“ mit einem erhöhten Schlitzanteil versehen werden kann. Zudem sollte durch eine offene Trennwandgestaltung (z.B. Gitter) zur Nachbarbucht das Revierverhalten gefördert werden. Ein Teil der Wasserversorgung kann hier mit untergebracht sein. Am Übergang zum Fressbereich kann zudem versucht werden, eine Suhle oder Abkühleinrichtung einzurichten. Der Liegebereich sollte eher in einem dunkleren Bereich am Ende der Bucht sein. Hier haben die Tiere eine intensivere Ruhe durch weniger Störungen. Ein Kontakt zur Nachbarbucht sollte hier nicht möglich sein. Besonders bei sehr großen Gruppen sind zusätzliche Abliegewände von Vorteil.

Der Fress- oder auch Bewegungsbereich sollte in der Mitte der Bucht platziert werden. Hier kann man das Beschäftigungsmaterial oder Raufutter anbieten. Neben dem Kotbereich muss hier zudem für ausreichend Tränkewasser gesorgt sein. Während im Bereich der „Toilette“ aus hygienischen Gründen nur Nippeltränken verwendet werden, sind hier Tränkebecken möglich.

Mit Balkonen mehr Platz in den Buchten schaffen

Eine weitere Möglichkeit Buchten zu strukturieren, ergibt sich durch erhöhte Ebenen („Balkone“) oder Mikroklimabereiche. Die Fläche dieses Bereichs wird nicht auf die rechtlich vorgeschriebene Mindestfläche der Bucht angerechnet. In Verbindung mit dem erhöhten Flächenbedarf des Tierwohllabels können zusätzliche Ebenen in der Bucht eine Alternative zur Tierzahlreduzierung bieten.
Aber nicht alle Tiere besuchen die erhöhte Ebene. Daher müssen die Mindestanforderungen des Labels zur Versorgung mit Futter, Wasser und Beschäftigungsmaterial auf der ebenerdigen Fläche gewährleistet sein. Zugleich sollten die Balkone und besonders die Rampe hinsichtlich der Bodenbeschaffenheit die rechtlichen Vorgaben erfüllen. Mögliche Risiken für die Tiergesundheit gehen von der erhöhten Ebene selbst, im Wesentlichen aber von der Rampe aus. Die erhöhte Ebene sollte durch ein Trenngitter gesichert sein, um ein Fallen der Tiere zu verhindern.

Optimierte Rohfaserversorgung

Neben einer optimierten Rohfaserversorgung werden künftig höhere Anteile an Raufutter oder organischem Beschäftigungsmaterial eingesetzt. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass durch eine verbesserte Rohfaserversorgung die Darmgesundheit der Tiere positiv beeinflusst wird. In der Folge sind höhere Futteraufnahmen und dadurch bessere Zunahmen möglich. Dies hat jedoch nur wenig mit der eigentlichen Forderung nach mehr Raufutter und/oder organischem Beschäftigungsmaterial zu tun. Beim Einsatz dieser Produkte müssen die Faktoren Hygiene, Arbeitswirtschaft sowie die eventuell veränderte oder sogar gestörte Funktion des Entmistungssystems berücksichtigt werden.

Um arbeitswirtschaftliche Nachteile zu kompensieren, sollte das Beschäftigungsmaterial bzw. Raufutter möglichst maschinell oder gar automatisiert in die Bucht transportiert werden. Um die Neugier der Tiere zu befriedigen und das Erkundungsverhalten zu fördern, ist ein Materialwechsel vorteilhaft. Mit Hilfe eines Zufallsgenerators kann zu unterschiedlichsten Zeiten am Tag ein entsprechendes Ventil in der Bucht geöffnet werden. Die Gabe in einer Trogschale fördert zudem das Wühlverhalten der Tiere.

Konflikt zwischen Tierwohl und Umwelt

Außenklimareize sind für die Stufe 3 des Tierwohllabels verpflichtend umzusetzen. Allerdings entsteht hier eine Konfliktsituation zwischen Umweltaspekten und einem geforderten Tierwohlgedanken. Kontrollierte Abluftführungen, eventuellen mit einem Einsatz von Abluftreinigungsanlagen, sind bislang in Verbindung mit einem Außenklimastall nicht realisierbar. Dies hat zur Folge, dass an einer Reihe von Standorten die Möglichkeit den Tieren Außenklimareize anzubieten aus genehmigungsrechtlicher Sicht nicht möglich ist. Chancen bieten sich hier Betrieben, die neu investieren wollen und gleichzeitig Standorte vorhalten können, die unkritisch im Genehmigungsrecht sind.
Kombinationen von gedämmten Ställen mit einer Zwangslüftung und zusätzlichen Ausläufen sind grundsätzlich möglich, ziehen aber einen erhöhten Aufwand für die Umsetzung nach sich. Bei den vorherrschenden Unterdrucksystemen müssen Fehlluftströmungen, soweit möglich, verhindert werden. Die betrifft vornehmlich die Türen in den Ausgangsbereich. Hier sind Innovationen gefragt, um eventuelle Zuglufterscheinungen zu minimieren. Alternativ wird derzeit über Gleichdruck- oder Überdrucksysteme nachgedacht. Negativ im Gleichdruckbetrieb sind die deutlich höheren Energiekosten, während bei Überdrucksystemen der Luftaustausch im Tierbereich kompliziert zu bewerkstelligen ist.
Vor einer Investition muss die jeweilige Maßnahme im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Analyse geprüft werden. So ist ein Mehr an Platz grundsätzlich immer machbar. Allerdings verändert sich die ökonomische Situation des Betriebszweiges deutlich. Wenn, ausgehend vom gesetzlichen Standard, dem Tier zwischen 10 und 40 % mehr Fläche gegeben wird, verringert sich die direktkostenfreie Leistung im Betrieb von 119 775,21 € auf 85 664,79 €.

Den geringeren Gewinn mit Boni ausgleichen

Schwein

Die Festkosten sind in allen Varianten gleich, da keine Einsparungen vorgenommen werden können. Der Lohnansatz verringert sich durch einen niedrigeren Betreuungsaufwand für weniger Tiere von 21 000 € auf 15 000 € im Betrieb. Unterm Strich sind somit 28 110,42 € weniger Gewinn aus dem Betriebszweig realisierbar. Um für den Betrieb eine Kostenneutralität zu bekommen, müssen – je nach Variante – bis zu 0,09 € je kg höherer Erlös durch entsprechende Boni ausgeglichen werden.

Auch beim Einsatz von hygienisch unbedenklichem Raufutter oder organischem Beschäftigungsmaterial fallen Kosten an, die durch einen Bonus bzw. einen Aufschlag auf den Auszahlungspreis honoriert werden sollten. Je nachdem wie das Raufutter oder das organisches Beschäftigungsmaterial den Tieren zur Verfügung gestellt wird, sind unterschiedlich hohe Investitionskosten zu berücksichtigen. Zudem muss die Art und Weise der Befüllung bzw. des Transportes bei einer Kostenrechnung berücksichtigt werden.
Der überwiegende Teil der vorgestellten Alternativen führt letztendlich zu höheren Kosten. Diese ergeben sich durch zum Teil erheblich höhere Festkosten, da für die gleiche Anzahl an Tieren mehr umbauter Raum geschaffen werden muss. Gleichzeitig wird der technische Aufwand höher, da die Stalleinrichtung aufwändiger wird. Auch der höhere Arbeitsaufwand darf nicht vergessen werden.

Umbauten sollten gefördert werden

Sollte die Politik und die Gesellschaft schnelle Ergebnisse in Sachen Tierwohl erzielen wollen, muss zunächst das Kosten-Nutzen-Verhältnis für den Produzenten stimmen. Dies gilt vor allem für ein höheres Platzangebot für die Tiere. Parallel dazu sollte dringend darüber nachgedacht werden, nicht nur Neubauprojekte zu fördern. Vielmehr ist es angebracht, eine Investitionsförderung für bestehende individuelle Haltungssysteme mit einem innovativen Charakter für ein höheres Tierwohl entsprechend finanziell zu unterstützen.

Optimale Buchtenstruktur

Funktionsbereiche schaffen:

  • Liegebereich,
  • Aktivitätsbereich,
  • Kotbereich (Toilette).

Rückzugsmöglichkeiten schaffen:

  • Anordnung der Einrichtung: Tränken, Trog bzw. Futterautomat Beschäftigungsmaterial, weiche Liegefläche, Kotbereich.

Die Größe der Bucht ist dabei entscheidend:

  • mehr Platz und größere Gruppen,
  • strukturierende Elemente einbauen,
  • Trennwände, Gitter zum Kotbereich etc.,
  • erhöhte Ebene,