Tierwohl

"Massentierhaltung" - was ist darunter zu verstehen?

Wur haben es satt
Ulrich Graf Portrait 2019
Ulrich Graf
am Montag, 27.01.2020 - 16:40

Das Reizwort prägt viele Debatten. Wissenschaftlich ist es aber weder definiert noch besteht ein Zusammenhang zum Tierwohl.

Die Nutztierhaltung steht massiv in der Kritik. Häufig fokussiert sich die Diskussion dabei auf vermeintlichen Auswüchsen in der Landwirtschaft mit überdimensionierten Betrieben. In diesem Zusammenhang wird nicht selten der Begriff "Massentierhaltung" verwendet.

Aber was verbirgt sich hinter dem Begriff überhaupt und wie steht es tatsächlich um die Behauptung, große Tierhaltungsbetriebe seien weniger tiergerecht? Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, eine Institution unter dem Dach der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, ist dieser Frage nachgegangen. Eine Erkenntnis: Tierwohl ist keine Frage der Betriebsgröße.

Begriff ist wissenschaftlich nicht definiert

Der Begriff "Massentierhaltung" taucht in Deutschland erstmals 1975 auf – und zwar mit Inkrafttreten der "Verordnung zum Schutz gegen die Gefährdung durch Viehseuchen bei der Haltung von Schweinebeständen". Diese Verordnung wurde auch als  "Massentierhaltungsverordnung" bezeichnet. Sie galt für Bestände ab 1.250 Schweine. Solche Betriebe mussten besondere Hygiene-Anforderungen erfüllen .

Seit 1999 trägt diese Verordnung den Namen "Schweinehaltungshygieneverordnung", der Begriff "Massentierhaltung" hat sich jedoch gehalten. Heute wird er vor allem von Tierschützerinnen und -schützern, Politikerinnen und Politikern sowie den Medien verwendet, um auf die – aus ihrer Sicht – Missstände moderner Produktionssysteme mit intensiver Tierhaltung hinzuweisen.

Häufig werden die Begriffe "Massentierhaltung", "Intensivtierhaltung" und "Industrielle Tierhaltung" dabei synonym verwendet. Wissenschaftlich ist der Begriff "Massentierhaltung" wenig behandelt. Ab welcher Betriebsgröße bzw. ab wie vielen Tieren je Bestand oder Betrieb von "Massentierhaltung" gesprochen werden kann, ist nirgendwo definiert.

Was Verbraucher denken

Ein Wissenschaftlerteam rund um Prof. Achim Spiller von der Universität Göttingen hat vor einigen Jahren Verbraucherinnen und Verbraucher im Rahmen einer Studie dazu befragt, was sie unter "Massentierhaltung" verstehen: Danach beginnt für 90 Prozent aller Verbraucher "Massentierhaltung" ab ca. 500 Rindern, 1.000 Schweinen und 5.000 Hähnchen.

Um die diese Zahlen besser einordnen zu können, im Folgenden einige aktuelle Zahlen zur Bestandsgröße von Nutztierhaltungen in Deutschland. Hierzulande werden durchschnittlich

  • 64 Milchkühe je Betrieb gehalten. 55 Prozent aller Kühe stehen in Beständen mit mehr als 100 Tieren.
  • 627 Mastschweine pro Betrieb gehalten. 72 Prozent aller Schweine stehen in Beständen mit mehr als 1.000 Tieren.
  • 23.000 Legehennen pro Betrieb gehalten. Rund 36 Prozent aller Legehennen befinden sich in Beständen mit mehr als 100.000 Tieren.
  • 28.000 Masthähnchen pro Betrieb gehalten. Rund 79 Prozent aller Masthähnchen befinden sich in Beständen mit mehr als 50.000 Tieren.

Management ist wichtiger als Größe

In der öffentlichen Diskussion um das Tierwohl wird häufig mit der Betriebsgröße bzw. mit der Anzahl Tiere argumentiert: Danach werden große Tierhaltungsbetriebe allein wegen ihrer Größe bzw. wegen der vielen Tiere, die sie halten, als wenig tiergerecht eingestuft.

Nach Meinung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ist ein solcher Zusammenhang wissenschaftlich jedoch nicht belegbar. Nicht die Betriebsgröße sei ausschlaggebend für die Tiergerechtigkeit der Produktionsweise, sondern vor allem das Können und das Engagement der Tierhalter, so das BMEL.

In etwa zum gleichen Fazit kommt der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) der Bundesregierung in seinem Gutachten "Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung".

Allerdings Einfluss auf Haltungsform möglich

Der WBAE räumt allerdings ein, dass es bislang nur sehr wenige wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema gibt. Die vorliegenden Studien, so der WBAE, würden jedoch nahe legen, dass Faktoren wie das Management und auch die Zucht einen sehr viel größeren Einfluss auf das Tierwohl haben als die Bestandsgröße.

Der WBAE schließt allerdings auch nicht aus, dass es bei einzelnen Aspekten des Tierwohls einen Einfluss der Bestandsgröße geben kann. So hätten beispielsweise Kühe in kleinen bis mittleren Beständen mehr Weidegang als solche in großen Beständen ab 200 Tieren.

Das liegt daran, dass in den Betrieben ab 200 Kühen zu wenig erreichbare Weidefläche für die Kühe rund um dem Stall zur Verfügung gestellt werden kann. Weiterhin, so der WBAE, gäbe es auch belegte Zusammenhänge dafür, dass sich mit zunehmender Bestandsgröße, die Freilandnutzung bei Legehennen verringert oder Schweine auf Spalten statt auf Stroh gehalten werden.

Kleinere Betriebe bieten Kühen zwar häufiger Weidegang. Hier ist aber auch die Anbindehaltung noch eher verbreitet. Laut der letzten Landwirtschaftszählung wurden 2010 noch 27 Prozent aller Kühe angebunden gehalten. Ein Wert, der inzwischen weiter zurückgegangen ist.

Umgekehrt seien aber auch kleine Tierbestände keine Garanten für Tierwohl, so die Expertinnen und Experten des Beirats. Denn auch in kleinen und mittleren Tierbeständen gebe es nachweislich Probleme mit dem Tierwohl. So treten zum Beispiel die vieldiskutierten Verhaltensstörungen wie Schwanzbeißen bei Schweinen oder Federpicken bei Hühnern auch in kleinen Tierbeständen auf.

Gründe für solche Verhaltensstörungen sind also nicht die Bestandgröße, sondern es sind Faktoren wie Belegdichte – das heißt, wie viele Tiere werden pro Quadratmeter Fläche gehalten –, Stallklima und Stalleinteilung, Fütterung sowie Beschäftigungsmöglichkeiten. Diese gelte es in großen wie kleinen Betrieben zu verbessern.

Das Auge des Herrn mästet das Vieh

Auch der Tierbeobachtung kommt eine bedeutende Rolle zu: Landwirtinnen und Landwirte sollten durch genaues Beobachten am Verhalten der Tiere sehen können, ob sie sich wohlfühlen. Treten Probleme auf, müssen sie dafür sorgen, dass diese behoben werden.

Zum Wohlbefinden der Tiere trägt aber auch eine gute Ernährung und eine ausreichende Wasserversorgung bei. Nur wenn die Tiere stressfrei fressen können und kein Futterneid entsteht, sind sie zufrieden.
Nicht zuletzt ist die Frage, in welchem Umfang und in welcher Weise auf den Betrieben sogenannte "nicht-kurative Eingriffe" an den Tieren vorgenommen werden, von Bedeutung für das Tierwohl. Damit ist beispielsweise das Kürzen der Schwänze und das Kastrieren bei Schweinen gemeint.