Futterqualität

Mäßig im Eiweiß, aber zuckersüß

Miclhvieh-Silage_MR
Dr. Hubert Schuster, Jennifer Brandl, LfL Tierernährung, Grub; Maria Schindler, LKV-Futtermittellabor, Grub
am Donnerstag, 15.10.2020 - 14:37

2800 Grassilage-Proben wurden bislang auf ihre Nährstoffe untersucht. Dabei sind die Energiegehalte auf Vorjahresniveau, die Eiweißgehalte fallen jedoch vor allem bei den Folgeschnitten 2020 niedriger aus. Was bedeutet das für die Rationsgestaltung?

Die Trockenheit im Frühjahr bremste das Wachstum vom ersten Aufwuchs in diesem Jahr stark. Gleichzeitig verzögerte die kühlere Witterung im Mai den Alterungsprozess der Grasbestände. Die durchschnittlichen Trockenmassegehalte (TM) von 372 g/kg Frischmasse (FM) bewegen sich allerdings im Bereich des Orientierungswertes (300 – 400 g/kg TM).

Das Gras kam sauber ins Silo

Die Bedingungen für eine „saubere“ Ernte waren optimal. Deutlich zu sehen ist dies an dem unter dem Zielwert liegenden Rohaschegehalt von 88 g/kg TM und dem erfreulich niedrigen Eisengehalt (371 mg/kg TM). Im Mittel wurde in diesem Jahr drei Tage früher gemäht als 2019. Die richtige Wahl des Schnittzeitpunkts zeigt der ADFom-Gehalt, der neben der Cellulose auch die unverdauliche Gerüstsub- stanz Lignin enthält. Damit ist dieser Wert ein Zeiger für die Alterung der Gräser und für die Verdaulichkeit des Futters. Im Mittel liegt der diesjährige ADFom-Gehalt mit 262 g/kg TM auf demselben Niveau wie 2019 (264 g/kg TM) und damit nahe am Orientierungswert von unter 260 g/kg TM.

Heuer liegen acht Tage (2019: 10 Tage) zwischen der Ernte des unteren Viertels und des oberen Viertels. Dies spiegelt sich im Anstieg des ADFom-Gehalts von 232 g/kg TM im oberen Viertel (durchschnittlich am 6. 5. geerntet) auf 300 g/kg TM im unteren Viertel (14. 5. geerntet) wieder. Häufig erfolgt in niederschlagsärmeren Gebieten eine im Verhältnis zur Grasalterung zu späte Ernte des ers-ten Schnitts. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass das Warten beim ersten Schnitt kaum Mehrertrag, jedoch bedeutend schlechtere Futterqualitäten mit sich bringt. Dadurch verschiebt sich auch der Erntetermin für die Folgeschnitte nach hinten. Die Tage werden länger und der Bestand verholzt noch schneller, vor allem bei fehlenden Niederschlägen. Würde in diesen Gebieten jedoch der erste Schnitt nur wenige Tage früher erfolgen, so würde der Folgeschnitt schneller in Schwung kommen.

Zucker hat sich angereichert

Ähnlich wie 2019 wurde durch die kühlen Mainächte 2020 viel Zucker in den Pflanzen angereichert, das heißt wenig Zucker in Gerüstsubstanzen umgebaut. Daher sind in den Silagen des ersten Schnitts hohe Restzuckergehalte von durchschnittliche 107 g/kg TM zu finden. Der durchschnittliche Zuckergehalt sank 2020 vom oberen zum unteren Viertel von 135 auf 80 g/kg TM, 2019 von 128 auf 70 g/kg TM (Mittelwert 99 g/kg TM). Je später also die Ernte erfolgt bzw. je wärmer die Witterung im Frühjahr ist, desto mehr Zucker wird in Gerüstsubstanzen umgebaut, da die Graspflanze mit zunehmender Tageslichtlänge versucht, ihren Samenstand zu schieben. Gleichzeitig verschlechtert sich die Verdaulichkeit der Kohlenhydrate im Gras. Im Gegensatz dazu führen hohe Zucker- und niedrige ADFom-Gehalte zu einem hohen Gasbildungswert, der in die Berechnung des Energiegehalts der Grassilage eingeht. Die Grassilagen des oberen Viertels erreichen dadurch eine Gasbildung von 52,8 ml/200 mg TM, ADFom-Gehalte zu einem hohen Gasbildungswert, der in die Berechnung des Energiegehalts der Grassilage eingeht. Die Grassilagen des oberen Viertels erreichen dadurch eine Gasbildung von 52,8 ml/200 mg TM, dagegen im unteren Viertel nur 44,5 ml/200 mg TM. Im Durchschnitt liegt diese mit 48,9 ml/200 mg TM sogar noch etwas über dem Wert von 2019 (47,7 ml/200 mg TM) und erreicht knapp den Orientierungswert von mindestens 49 ml/200 mg TM.

Das Rohprotein bewegt sich mit durchschnittlich 150 g/kg TM knapp unter dem Niveau von 2019 (154 g/kg TM) und erreicht nicht die hohen Gehalte von 2018 (175 g/kg TM), wobei die Werte zwischen 142 g XP/kg TM im unteren Viertel und 155 g XP/kg TM im oberem Viertel streuen. Auch zwischen den Erzeugerringen bestehen mit 145 bzw. 155 g/kg TM große Unterschiede (siehe Tab. 2).

Der Stickstoff kam nicht in die Pflanze

Für die Stickstoffmobilisierung im Boden sind Wärme und Wasser gleichzeitig notwendig. Eines von beiden war in diesem Frühling immer knapp, was sich hemmend auf die Stickstoffaufnahme durch die Pflanze auswirkte und dadurch zu einem niedrigen Rohproteingehalt führte. Das nutzbare Rohprotein liegt mit durchschnittlich 138 g/kg TM in etwa im Bereich von 2019. Durch die etwas niedrigeren Rohproteingehalte liegt der erste Schnitt im Energiegehalt aber mit durchschnittlich 6,3 MJNEL/kg TM auf demselben Niveau wie im Vorjahr (6,3 MJ NEL).

Analog zu den Rohproteingehalten lagen auch die bei 41 Proben gemessenen Nitratwerte mit durchschnittlich 464 mg/kg TM deutlich unter den überaus hohen Werten von 2018 (898 mg/kg TM bei 148 Proben), wobei der Nitratgehalt von 95 % der Proben zwischen 264 und 1053 mg/kg TM liegt. Kritisch sind Werte über 5000 mg/kg TM. Der Anteil des Ammoniak-Stickstoffs am Gesamt-Stickstoff ist ein Parameter für den Eiweißabbau während der Silierung. Ziel sind weniger als 8 % Ammoniak-N am Gesamt-N, höhere Gehalte (bis jetzt acht von 36 Proben) sind Anzeichen für einen zu starken Eiweißabbau und damit Verluste in der Proteinqualität.

Den Ammoniakgehalt untersuchen lassen

Im Durchschnitt lag der Gehalt bei 6,0 %, jedoch ist die Streuung der Werte hoch (zwischen 2,9 und 9,0 %). Der Durchschnitt kann jedoch nicht auf die eigene Silage übertragen werden. Eine Untersuchung des Ammoniakgehaltes ist deswegen empfehlenswert und kostet lediglich 13 € netto. Buttersäure ist ebenfalls ein Indikator für schlechte Silierung und die Aktivität von Clostridien. Sie tritt verstärkt bei nassem und stark verschmutztem Siliergut auf. Buttersäure führt zu Energieverlusten bei der Silierung und wirkt sich negativ auf die Futteraufnahme aus. Gute Silagen haben einen Buttersäuregehalt von < 3 g/kg TM. Die bis jetzt auf Gärqualität untersuchten 120 Proben weisen durchschnittlich 3,9 g But-tersäure/kg TM auf. Ein Drittel liegt über dem Orientierungswert von 3 g Buttersäure/kg TM. Ein höherer Buttersäuregehalt kann auch durch einen geringeren natürlichen Besatz mit Milchsäurebakterien auf den Gräsern verursacht werden.
Trockenheit, Frost und eine hohe Sonneneinstrahlung wirken sich mindernd auf den Besatz aus. Die Milchsäuregehalte der bisher untersuchten 120 Proben lagen mit 48 g/kg TM unter dem Orientierungswert von über 50 mg/kg TM. Der vorsorgliche Einsatz von Silierhilfsmitteln der Wirkungsrichtung 1 (Verbesserung des Gärverlaufs) und ggf. 5 (Vermeidung von Clostridienvermehrung) ist daher neben einer sauberen Ernte zu empfehlen, um Fehlgärungen und eine schnelle pH-Wert Absenkung im Siliergut sicherzustellen.

Große Differenzen bei den Mineralstoffen

Bei den Mineralstoffen ist die Spannweite von 95% der untersuchten Proben angegeben. Hier zeigen sich bei Mengen- und Spurenelementen große Differenzen, was bei der Ergänzung der Ration mit Mineralstoffen berücksichtigt werden muss. Insbesondere die Kationen-Anionen-Bilanz (DCAB) weist eine enorme Spannweite auf: 95 % der Proben liegen zwischen 162 und 619 meq (durchschnittlich 405 meq). In Rationen für Laktierende werden mindestens 150 meq pro kg TM empfohlen. Rationen für Trockensteher sollten maximal eine DCAB von 100 bis 200 meq/kg TM aufweisen. Bei hohen Grassilageanteilen in der Ration kann dieser Zielwert leicht überschritten werden.
Die Folgeschnitte sind in Tabelle 3 sowohl als Mittelwert über alle Folgeschnitte, als auch getrennt nach jeweiligem Schnitt angegeben. Grafisch werden über alle Schnitte die Parameter Energie in MJ NEL, ADFom und Rohprotein in der Abbildung dargestellt. Die Folgeschnitte konnten mit durchschnittlichen TM-Gehalten von 377 g/kg Frischmasse eingebracht werden. Die Rohaschegehalte lagen mit 99 – 105 g/kg TM nur knapp über dem Orientierungswert. Ein sauberes Einbringen (Rohasche < 100 g/kg TM) beugt Fehlgärungen wie Buttersäurebildung und verringerter Futteraufnahme vor.

In Nordbayern fehlte das Wasser für ein gemächliches Wachstum

Die anhaltenden geringeren Niederschläge in Nordbayern führten zu einem langsameren Ertragszuwachs und ließen die dortigen Bestände gleichzeitig schneller altern. Insgesamt kam der zweite Schnitt mit einem ADFom-Gehalt von 291 g/kg TM im Durchschnitt auch dieses Jahr zu spät (2. Schnitt 2019: 304 g/kg TM; Orientierungswert < 270 g/kg TM).

Der Drang der Graspflanze einen Samenstand zu bilden, ist beim zweiten Schnitt immer noch sehr hoch, besonders bei fehlenden Wasser und warmen Temperaturen, da die Samenbildung bereits durch den ersten Schnitt verhindert wurde und die Tageslänge weiterhin zunimmt. Daher sollte der zweite Schnitt in geringerem Abstand zum ersten Schnitt als bisher erfolgen, auch wenn der Ertrag noch zu wünschen übrig lässt.
Die Zuckergehalte aller Folgeschnitte liegen mit durchschnittlich 76 g/kg TM deutlich unter dem Niveau des ersten Schnitts. Demzufolge erreichen auch die mittleren Gasbildungswerte mit 44,0 ml/200 mg TM nicht den Orientierungswert für Folgeschnitte von mindestens 45 ml/200 mg TM. Im Energiegehalt liegen die Folgeschnitte in diesem Jahr mit durchschnittlich 5,9 MJ NEL/kg TM etwas über dem Mittelwert des Vorjahres (5,8 MJ NEL/kg TM).
Wider Erwarten liegt der durchschnittliche Rohproteingehalt aller Folgeschnitte mit 155 g/kg TM nur leicht über dem des ersten Schnitts: Der zweite und dritte Schnitt weisen mit 151 und 157 g/kg TM einen nur mäßigen Rohproteingehalt auf (Orientierungswert: 160-170 g XP/kg TM). Erst der vierte Schnitt liegt bei durchschnittlich 171 g/kg TM, wobei der Gehalt an nutzbarem Rohprotein lediglich von 131 auf 134 g/kg TM steigt. Von den bislang 1161 eingesandten Folgeschnitten wurden rund 18 % auch auf Mineralstoffe untersucht: Die Folgeschnitte weisen wie schon der erste Schnitt etwas weniger Kalzium als im Vorjahr auf. Die Eisengehalte aller Folgeschnitte (604 mg/kg TM) und vor allem ab dem vierten Schnitt (767 mg/kg TM) liegen deutlich über dem Niveau des ersten Schnitts. Mögliche Ursachen können die Pflanzenzusammensetzung, der Geräteabrieb oder die Gehalte im Boden sein, die über Verschmutzung in das Futter gelangen. Zu hohe Eisengehalte können die Aufnahme von Kupfer, Zink und Mangan beeinträchtigen, vor allem wenn das Tränkewasser viel Eisen enthält. In solchen Fällen können organisch gebundenes Cu, Zn und Mn einem Mangel entgegenwirken.

Wichtige Konsequenzen für die Fütterung?

Kennzeichnend für die diesjährigen Grassilagen sind hohe Zuckergehalte. Kommt hier noch ein hoher TM-Gehalt hinzu, muss unbedingt auf eine vollständige Silierung und genügend Vorschub geachtet werden. Die Silage muss mindestens 6 – 8 Wochen geschlossen bleiben, um einer Nacherwärmung vorzubeugen. Nach dem Öffnen ist ein Vorschub von mindestens 20 bzw. 40 cm pro Tag im Sommer bzw. Winter notwendig, um einer Erwärmung entgegen zu wirken. Kann dies nicht erreicht werden, könnte man einen hohen Vorschub z. B. durch Umsilieren des Silos erreichen. Hierzu sollte das Silo mindestens zu einem Drittel geleert sein. Die oberste Schicht wird abgetragen und vorne wieder angesetzt, wobei ein chemisches Silierhilfsmittel ( 2 Verbesserung der aeroben Stabilität) zugegeben wird. Das Silo wird danach erneut zugedeckt und frühestens nach drei Wochen wieder geöffnet. Die Silostockhöhe wird dadurch niedriger und der Vorschub höher.
Um Verluste im Vorhinein zu minimieren und die Silage zu stabilisieren, wäre die Zugabe eines Silierhilfsmittels der Wirkungsrichtung 2 bereits beim Einsilieren empfehlenswert. Wenn sich die Silage am Anschnitt erwärmt, kann der Siloanschnitt im Notfall mit Propionsäure (2 – 3 l in 10 l Wasser gelöst) behandelt werden. Bei einer Erwärmung auf dem Futtertisch könnten 400 – 700 g Kaliumsorbat/t im Mischer eingesetzt werden. Besser sind vorbeugende Maßnahmen. Dazu gehören eine ausreichende Verdichtung und eine an den Vorschub angepasste Befüllhöhe des Silos. Eine praktikable Lösung bieten auch Sandwichsilagen.

Wie mit dem hohen Zuckergehalt umgehen?

Zucker bringt Energie. In der Gesamtration dürfen nicht mehr als 7,5 % Zucker und 25 % im Pansen abbaubare Kohlenhydraten enthalten sein. Deswegen müssen Anpassungen vorgenommen werden, z. B. Körnermais oder Trockenschnitzel statt Getreide. Rohprotein ist in den Grassilagen bis einschließlich des dritten Schnitts 2020 knapp. Das Protein aus Grassilage wird im Pansen relativ schnell abgebaut. Sollte im Rahmen der synchronen Bereitstellung von Eiweiß und Energie bei der Rationsberechnung ein Mangel an schnellem Eiweiß bestehen, so kann dieser mit Erbsen oder Ackerbohnen ausgeglichen werden. Fehlendes Kalzium in der Ration kann kostengünstig mit kohlensaurem Futterkalk ergänzt werden. Dr. Hubert Schuster, Jennifer Brandl