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Stallbau

Luft von oben im Schweinestall

Lorenz Märtl
am Sonntag, 15.05.2022 - 09:00

Der Auslauf im, statt vor dem Stall: Ein ungewöhnlicher Offenstall bietet mehr Platz und Spaß, verlangt aber auch mehr Handarbeit.

on_Offenstall-gesamt

Timo Jürgens bewirtschaftet einen Betrieb mit 260 Sauen sowie 1800 konventionellen Mastplätzen und hat vor eineinhalb Jahren einen neu gebauten Offenstall mit 800 Mastplätzen in Betrieb genommen. Jürgens‘ Hof liegt im Landkreis Osnabrück in Niedersachsen. Bei einer bundesweiten Online-Veranstaltung des Netzwerks Fokus Tierwohl schilderte der Praktiker seine Erfahrungen.

„Offenstallhaltung macht Spaß, ist aber mit Handarbeit verbunden“, klärt Jürgens gleich auf. Da sein Vorhaben auch für die beteiligten Unternehmen Neuland war, erforderte die Bauphase viel Begleitung seinerseits, denn es konnten im Vergleich zum Vollspaltenstall mehr Bausünden begangen werden.

Stroh im Liegebereich

„Nach Schema F geht nichts“, resümiert der Schweinemäster, der sich in der Planungsphase viel Zeit gelassen hat. Wichtig waren ihm weniger als 50 % Spaltenboden, Raufutter- und Ringelschwanztauglichkeit, Stroheinstreu in den Liegekisten und 100 % mehr Platz. Eine Herausforderung für Betonbauer und Stalleinrichter war die gewünschte Schräge des Bodens in den Fressbereichen und Liegekisten, die zudem zugluftfrei und ohne Sichtkontakt zur Nachbarbucht sein sollten.

Clou des Offenstalls ist der Auslauf auf Spaltenboden. Er befindet sich am Schnittpunkt zweier aneinander geschobener Pultdachhallen in Holzbauweise, deren Dach in der Mitte oben offenen ist. Damit wird gleichzeitig die in Niedersachsen gültige Vorschrift erfüllt, dass 50 % des Auslaufs nicht überdacht sein dürfen. Mit ausschlaggebend war auch das Thema Zugluft sowie im Hinblick auf ASP ein nach außen komplett abgeschlossener Bereich. In den Stall selbst gelangt man nur durch eine Hygieneschleuse.

An den beidseitigen Kontrollgang schließen sich die Liegekisten mit hochfahrbaren Deckeln an, die ebenso planbefestigt und leicht abgeschrägt sind wie der Fressbereich. Er ist durch eine kleine Stufe vom Spaltenboden des Auslaufs getrennt.

Im Betrieb hat sich gezeigt, dass bereits bei einer nächtlichen Temperatur von 5 °C Endmastschweine draußen liegen. Liegen sehr viele Tiere den ganzen Tag im minimal kühleren Außenbereich, dann wird die eingestreute Liegekiste nicht mehr von allen Tieren als Liegebereich anerkannt und verkotet.

on_Offenstall-Bucht

Im Sommer kühlt der Stall zumindest nachts ab und die Tiere fressen bei Hitze deutlich besser. Das war auch Anlass, die Zusammensetzung des Futters umzustellen. Nun erhalten die Duroctiere im Offenstall ein weniger energiereiches Endmastfutter. Die Tiergesundheit bezeichnet Jürgens als „super“. Nicht nur die Tierverluste liegen deutlich unter einem Prozent, auch der Ringelschwanz ist besser als im konventionellen Stall.

Der zusätzlichen Arbeitsanfall ist jedoch nicht unerheblich: die dreifache Arbeit im Sommer, die doppelte im Winter, vor allem durch händisches Misten. Das Einstreuen geht verhältnismäßig schnell und ist bei den 880 Plätzen in rund 20 Minuten erledigt.

Viel Zeit beansprucht das Waschen und Desinfizieren, das abschnittsweise nach jedem Durchgang erledigt wird – auch im Winter. Ein weiterer Punkt sind die langen Wege: Der Stall misst in der Länge 70 m und die einzelnen Buchten sind 10 m tief. Das erschwert nicht nur die Tierkontrolle, sondern sorgt beim Ausstallen mitunter für ein ganz schönes Rodeo, weil die Schweine kräftiger und agiler sind.

Liegeplätze beheizbar

Auch im Winter funktioniert der Stall gut. Bei Minusgraden wird mit einem Warmwasserkreislauf die Wasserversorgung aufrecht erhalten. Zudem muss alles frostsicher sein. Die Liegeflächen können im Bedarfsfall geheizt werden, was bisher nur einmal notwendig war. Übergefrorene Spalten wären für ein bis zwei Wochen tolerabel, die speziell angebrachten Windnetze werden automatisch von einer Wetterstation gesteuert.

Da sich der Stall nicht direkt an der Hofstelle befindet und die Nachfrage nach Besichtigungen sehr groß ist, hat man einen eigenen Besucherraum angebaut. „Die Bereitschaft, nach außen zu kommunizieren, muss da sein“, sagt Jürgens, „auch wenn das viel Zeit in Anspruch nimmt.“ An den Frischfleischtheken, die sein Fleisch verkaufen, läuft auf Flachbildschirmen ein Lifestream aus zwei Buchten des Offenstalls. Das sei zwar aufwendig, aber man bekomme Rückmeldungen von den Abnehmern.

Dabei hatte er zum Zeitpunkt des Stallbaus noch keine gesicherte Vermarktung. „Wir haben den Stall einfach gebaut, aber bereits bei der Fertigstellung hatten wir mehrere potenzielle Abnehmer.“ Wöchentlich liefert er jetzt 50 bis 60 Schweine an den Schlachthof Brand und Rewe-Märkte im Sauerland.

Doppelte Kosten

Angesichts der doppelten Fläche pro Tier sind die angefallenen Baukosten fast doppelt so hoch, die Arbeitskosten taxiert Jürgens zwei bis dreimal so hoch, wobei viele Arbeiten einfach sind. Bei Zuschlägen sei zu beachten, dass auch konventionelle Tiere drei bis fünf Cent Zuschlag bekommen, Initiative-Tierwohl-Zuschlag bei der Sondervermarktung unwahrscheinlich ist, GVO-freies Futter fünf bis acht Cent pro kg Schlachtgewicht mehr kostet, Ringelschwanz sowie weitere Anforderungen an Sauenhaltung und Ferkelaufzucht die Kosten erheblich steigern.