Lebenslinien

Lebenstraum Bauernhof

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Helga Gebendorfer
am Montag, 17.09.2018 - 12:31

Von einem Bauernhof zur Selbstversorgung träumten Brigitte und Jakob Wiesheu. Mittlerweile ist der gelernte Kfz-Mechaniker Schäfermeister, hält 140 Mutterschafe auf einem Grünlandbetrieb und bildet Hütehunde aus.

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Jakob Wiesheu aus Riedering im Landkreis Rosenheim kam auf Umwegen zur Schafhaltung. Der gelernte Kfz-Mechaniker und Maschinenbauer übernahm erst einmal die Kiesgrube der Eltern in Kragling. In dieser Zeit schaffte er sich zur Pflege des Obstgartens drei Schwarzköpfige Fleischschafe an – für jede seiner Töchter ein Lamm. „Statt sie jedoch wie vorgesehen zu schlachten, kaufte ich einen Bock dazu“, erzählt der 62-jährige. Die Herde wuchs allmählich, ein Stall wurde gebaut und vom Nachbarn zwei Tagwerk Wiese hinzugepachtet, wo schließlich 20 Mutterschafe plus Nachzucht weideten.

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„Mit der Zeit wuchs das Interesse an den Schafen immer mehr und über Schafhalterkollegen erfuhr Wiesheu viel Wissenswertes über diesen landwirtschaftlichen Betriebszweig. „Allmählich reifte in mir der Gedanke, Landwirtschaft mit Schafhaltung zu betreiben“, blickt Wiesheu zurück. Letztendlich meldete sich der Familienvater in Grub bei einem Schäferlehrgang an und absolvierte als Quereinsteiger nachfolgend gleich die Gehilfenprüfung. 2002 wurde er Schäfermeister.

Übers Fernsehen zu den Brillenschafen

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Über mehrere Hürden sowie mit starkem Willen und Durchhaltevermögen gelang ihm und seiner Familie, das gesteckte Ziel zu erreichen. Bereits vor 25 Jahren wurde ein Grundstück in Söllhuben gekauft und nachfolgend zuerst eine Scheune, dann ein Stall und schließlich ein Wohnhaus gebaut. Bereits seit 30 Jahren gehört Jakob Wiesheu dem Bioland-Verband an und seit fast genauso langer Zeit hat es ihm das Brillenschaf angetan. „Wir sahen im Fernsehen einen Beitrag über diese gefährdete Rasse, die uns auf Anhieb sehr gut gefiel“, gibt er Auskunft. Deshalb entschied sich die Familie, auf diese Rasse zurückzugreifen und gleichzeitig in die Herdbuchzucht einzusteigen, was mit Unterstützung durch den damaligen Fachberater für Oberbayern Georg Palme im Berchtesgadener Land in die Tat umgesetzt wurde.
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Heute bewirtschaften Brigitte und Jakob Wiesheu einen knapp 12 ha großen Grünlandbetrieb mit 2 ha Wald. Es werden 140 Mutterschafe gehalten – davon 130 Brillenschafe. Der Rest verteilt sich auf Lacaune und Schwarze Bergschafe. 126 Mutterschafe sind ins Herdbuch eingetragen. Der Stall ist für 250 Mutterschafe ausgelegt.

Das Brillenschaf begeistert die Züchter

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Das Brillenschaf hat seinen züchterischen Ursprung in den Karnischen Alpen im heutigen Slowenien. Wenige, unbeirrte Züchter sorgten nach dem zweiten Weltkrieg für das Überleben, so dass diese Schafrasse nach dem absoluten Tiefpunkt der deutschen Schafhaltung in den 60er Jahren wieder etwas Aufschwung nahm und 1989 in Bayern die Wiederanerkennung als eigenständige Rasse erfolgte. Heute erfreut es sich steigender Bestandszahlen, so dass derzeit in Bayern 24 Züchter mit knapp 600 Tieren im Herdbuch eingetragen sind und der Gesamtbestand auf rund 1000 Tiere geschätzt wird – neben einzelnen Zuchten in Berlin, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Aufgrund seiner hohen Leistungsbereitschaft und attraktiven Erscheinung konnte das Brillenschaf in den letzten Jahren neue engagierte Züchter begeistern. Durch die hohe Milchleistung der Mutterschafe wachsen die Lämmer schnell.
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Jakob Wiesheu war schon immer ein Pionier und für revolutionäre Maßnahmen zu haben. So denkt er noch gerne an die ehemalige Almbewirtschaftung von Anfang Juni bis Anfang September zurück. „Die Sommerweide auf der Alm in Kaprun mit 120 Mutterschafen war für mich fünf Jahre lang ein Privileg“, denkt er zurück. Später folgte die Landschaftspflege in der Eggstätter Seenplatte – ein völlig neues Projekt auf einer Moorfläche. „Das war im Endeffekt der Startschuss für die Landschaftspflege in unserer Region und die angebotenen Flächen wurden immer mehr, so dass sogar der Bestand bis zu 300 Mutterschafen anwuchs“, berichtet er.

Ohne Förderung gibt’s weniger Mutterschafe

Doch dann wurde die Förderung für Mutterschafe eingestellt und die Tierzahlen dementsprechend langsam wieder soweit zurückgefahren, dass ausschließlich die eigenen Pachtflächen bewirtschaftet werden. Auf diese Weise entwickelte sich der ehemalige Hütebetrieb zur Koppelschafhaltung.
Nur im Winter geht Wiesheu mit seiner Herde noch auf Wanderschaft über Bio-Flächen im Umkreis von 10 km – mit Pferchflächen auf den eigenen Wiesen. Je nach Witterung stehen die Tiere von Mitte bis Ende Januar im Stall.

Geländegängig und leichtlammig

Der Schäfermeister ist begeisterter Brillenschafzüchter. „Mit gefällt einfach der Typ von Schaf“, schwärmt er. Darüber hinaus zählt er jede Menge Vorteile auf. So sind die Tiere robust, widerstandsfähig und geeignet für die Region mit 1000 bis 1200 mm Niederschlag. Außerdem punktet die Rasse mit ihrer Geländegängigkeit, Anspruchslosigkeit, Leichtlammigkeit, Fruchtbarkeit und guten Muttereigenschaften. Schließlich ist das Fleisch feinfasrig und relativ mager. In der Zucht verfolgt der 62-Jährige klare Prinzipien. „Ich kaufe alle zwei Jahre ausschließlich bayerische Zuchtböcke bei den Versteigerungen der Bayerischen Herdbuchgesellschaft in Miesbach und Weilheim“, betont er.
Auf dem Wiesheu-Hof gibt es zwei Lammzeiten im Jahr: Mitte Dezember bis Ende Januar und im September. Auf diese Weise stehen ganzjährig Lämmer zur Vermarktung zur Verfügung. Jährlich werden pro Muttertier eineinhalb Lämmer verkauft. Rund 150 Schlachtlämmer im Alter von fünf bis zehn Monaten gehen an die Hermannsdorfer Landwerkstätten und Simseer Weidefleisch. Zehn Prozent der Lämmer werden direkt ab Hof vermarktet.
Früher wurde selbst geschlachtet, doch nach der Verschärfung der Auflagen erledigt das inzwischen ein benachbarter Metzger. Abgegeben werden ganze Schlachtkörper, die 15 bis 20 kg auf die Waage bringen. Darüber hinaus erfolgt die Abgabe von Zuchtböcken an Zuchtbetriebe in ganz Deutschland.
Brillenschafe werden zweimal jährlich geschoren. Früher ließ Jakob Wiesheu die Wolle waschen und kardieren. Anschließend verkaufte er sie als Filzwolle. Doch das ist dem Schafhalter mittlerweile ein zu großer Aufwand. Zum einen sind dafür mindestens 50 kg Wolle erforderlich und zum anderen kostet es zu viel Zeit und erfordert einen passenden Lagerplatz und aufwändigen Mottenschutz.

Die Lammfelle sind jedes Jahr ausverkauft

Stattdessen floriert jetzt das Geschäft mit den Lammfellen, die ab Hof und auf vier Märkten im Jahr verkauft werden. „Es herrscht eine große Nachfrage dafür und das nimmt auch noch zu“, informiert der Schafhalter. Deshalb wird im Moment so viel wie möglich zu einer 20 km entfernten Gerberei gefahren und gegerbt. „Denn egal ob kurz- oder langhaarig, weiß, schwarz oder gescheckt – es geht alles“, verrät Wiesheu und berichtet, dass die Ware von Oktober bis Ende Februar restlos ausverkauft ist. Je nach Größe kostet ein Fell zwischen 70 und 100 €. Die Kunden für Lammfleisch kommen aus einem Umkreis von 60 km, die für Felle von 20 bis 30 km.
Von Anfang an widmete sich Wiesheu der Ausbildung für den Berufsnachwuchs. Nach seiner Überzeugung hängt davon die Zukunft der Schäferei ab. „Ohne Nachwuchs stirbt unser Beruf aus“, meint er. Aktuell bietet der 62-jährige dem afghanischen Flüchtling Mehdi Amiri einen Ausbildungsplatz an. Der 21-jährige startete im September mit dem ersten Lehrjahr bei Familie Wiesheu. Das zweite Lehrjahr will er dann bei den landwirtschaftlichen Lehranstalten in Triesdorf absolvieren, die für ihre Schafhaltung bekannt sind.

Wiesheu bildet Hütehunde aus

Ehrenamtlich engagiert sich Jakob Wiesheu als Mitglied im Prüfungsausschuss für Gehilfen und Meister sowie in der Arbeitsgemeinschaft Brillenschafe. Daneben sieht er es als seine Aufgabe an, Hütehunde auszubilden. So verwundert es nicht, dass auf dem Schafzuchtbetrieb gleich vier Hunde zu Hause sind: ein Deutscher Schäferhund, eine Kreuzung zwischen Deutschem Schäferhund und Harzer Fuchs, der gemeinsame Sohn sowie ein Border-Collie-Mischling. „Sie sind meine besten Freunde und unentbehrlichen Helfer bei der Arbeit mit der Schafherde“, beschreibt der Schäfermeister deren Bedeutung.
„Ein Bauernhof zur Selbstversorgung war unser Lebenstraum. Es war ein großes Stück Arbeit, das zu verwirklichen“, stellen Brigitte und Jakob Wiesheu fest. Doch im Nachhinein sind sie froh, dass sie dran geblieben sind und hartnäckig ihr Ziel verfolgten. „Es hat sich gelohnt und wir würden es immer wieder so machen“, bekräftigen sie. Für die Zukunft strebt die Schäferei eine Almbewirtschaftung an, wobei sie eine baldige, positive Nachricht von der Regierung von Oberbayern erhofft.