Schweinehaltung

Dem Langschwanz annähern

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Dr. Georg Dhom, Dr. Dorian Patzkéwitsch, LGL/Aktionsplan Kupierverzicht
am Dienstag, 29.12.2020 - 10:24

Schritt für Schritt zu unkupierten Schweinen – doch Schwanzbeißen lässt sich nicht zu 100 % ausschließen, auch nicht bei Kontrollgruppen mit wenigen Tieren. Darum: Sauber dokumentieren, was getan wird. Auch für den eigenen Schutz.

Auf einen Blick

  • Kommt es in einer Kontrollgruppe durch Beißgeschehen zu Verletzungen ist von entscheidender Bedeutung, dass der Tierhalter einen Notfallplan hat, erforderliche Maßnahmen ergreift und diese dokumentiert.
  • Ein Beißgeschehen kann nach derzeitigem Kenntnisstand auch bei sorgfältigem Vorgehen nicht ganz ausgeschlossen werden, der Tierhalter ist aber verpflichtet, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, z. B. Tiere separieren, behandeln, gegebenenfalls einem Tierarzt vorstellen sowie die Ursachen suchen.

 

Nationale Aktionsplan Kupierverzicht

Schrittweise sollen die Schweinehalter in den Kupierverzicht einsteigen. Das sieht der nationale Aktionsplan Kupierverzicht so vor. Sowohl die Wissenschaft als auch die Praxis sind sich einig, dass das gegenseitige Schwanzbeißen der Tiere meist multifaktoriell bedingt ist, also dass es viele Ursachen dafür gibt. Jeder Betrieb wird also diese selbst identifizieren und dann eigene Lösungen finden müssen.

Es ist daher das Ziel des Aktionsplans, dass Tierhalter nach und nach Erfahrungen mit unkupierten Schweinen („Kontrollgruppe“) sammeln und sich so an das Thema „Langschwanz“ herantasten. Betriebe, in denen weniger als 2 % der Tiere Bissverletzungen aufweisen und die eine Unerlässlichkeit für den Eingriff auch nicht im vor- oder im nachgelagerten Bereich vorweisen können, müssen nachweislich zumindest eine Gruppe unkupierter Tiere halten (Kontrollgruppe).

Was tun bei Beißern in den Kontrollgruppen?

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Nach jetzigem Kenntnisstand lässt sich auch bei sorgfältigem Vorgehen ein Beißgeschehen nicht ganz ausschließen. Der Tierhalter ist jedoch verpflichtet, die erforderlichen Maßnahmen wie Tiere separieren, behandeln, gegebenenfalls einem Tierarzt vorstellen sowie Ursachensuche zu ergreifen, um Schmerzen, Leiden und Schäden an den Tieren so gering wie möglich zu halten. Gegebenenfalls muss der Landwirt der Behörde plausibel nachweisen können, dass er diese Maßnahmen ergriffen hat.

In der praktischen Umsetzung stehen die Tierhalter jedoch teilweise vor großen Herausforderungen. Denn das Risiko für Schwanzbeißen ist bei unkupierten Tieren natürlich erhöht. Es wurden Bedenken geäußert, dass es in solchen Kontrollgruppen trotz aller vorsorgenden Bemühungen zu Beißgeschehen kommen kann, dessen Folgen (Verletzungen bei den Tieren) dem Tierhalter bei Betriebskontrollen oder bei der Schlachtung als Verstoß gegen das Tierschutzrecht zur Last gelegt werden werden können.

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Wenn es trotz aller vorbeugender Bemühungen zu einem Beißgeschehen kommt, steht nicht das Beißgeschehen an sich im tierschutzrechtlichen Fokus. Vielmehr ist es dann von entscheidender Bedeutung, dass der Tierhalter einen Notfallplan vorlegen kann und die erforderlichen Maßnahmen ergreift, zum Beispiel Tiere separieren und ablenken, Konsultieren eines Tierarztes sowie Ursachensuche. Zudem ist es wichtig, dass diese Maßnahmen dokumentiert werden.

Die Fachstelle Aktionsplan Kupierverzicht des Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat daher zusammen mit der Facharbeitsgruppe Kupierverzicht eine Dokumentationshilfe für Tierhalter erarbeitet, die in den schrittweisen Kupierverzicht einsteigen und daher eine Kontrollgruppe halten.

Nachweis für richtiges Handeln des Tierhalters

Im Rahmen einer Betriebskontrolle kann diese Dokumentationshilfe als Nachweis für das ordnungsgemäße Handeln des Tierhalters gegenüber der Behörde dienen. Folgende Punkte sollten Landwirte dabei standardisiert erfassen:
  • Ort der Aufstallung der Kontrollgruppe (Stall/Abteil/Bucht),
  • Haltungsform der Kontrollgruppe (getrennt oder gemischt mit unkupierten Tieren),
  • Markierung der Tiere (z. B. farbiger Ohrmarkendorn),
  • Kontrollgruppengröße,
  • Anteil Kontrollgruppe (%) an vorhandenen Tierplätzen (Soll: Mindestens 1 % der Mast),
  • Zeitpunkt der Einstallung und Ausstallung,
  • Aufzeichnung von Auffälligkeiten und Maßnahmen sowie Abgänge in der Kontrollgruppe.
Stellt der Landwirt im Rahmen der täglichen Tierkontrolle erste Warnsignale oder bereits Schwanzbeißverhalten fest, sollte er diese Beobachtungen sofort in die Dokumentationshilfe eintragen. Das Eintragen von Sofortmaßnahmen und ob gegebenenfalls eine Vorstellung beim Tierarzt (inkl. Maßnahmen) erfolgt ist, sind ebenfalls Bestandteil dieser Dokumentation.
Somit kann der Tierhalter sein ordnungsgemäßes Handeln gegenüber der Behörde nachweisen. Die Dokumentationshilfe kann zudem die vorgeschriebenen Aufzeichnungen über das Ergebnis der täglichen Überprüfung des Bestandes sowie alle medizinischen Behandlungen (§4 Abs. 2 Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung) ergänzen.

Die Dokumentationshilfe der Tiersendung beifügen

Kommt es infolge von Beißproblemen in den Kontrollgruppen zur Abgabe von Schweinen mit Schwanz- und/oder Ohrverletzungen an eine Schlachtstätte, kann der Tierhalter die Dokumentationshilfe zusammen mit der Lebensmittelketteninformation der Tiersendung beifügen. Im Rahmen der Schlachttieruntersuchung können so die vorliegenden Informationen bei der Bewertung, ob die Verletzungen als meldewürdiger tierchutzrelevanter Befund einzustufen sind, mit einbezogen werden. Das amtliche Personal an den Schlachthöfen wird über den Zweck der Dokumentationshilfe und die Möglichkeit ihrer Berücksichtigung bei Anlieferung von Schweinen mit Verletzungen aus Kontrollgruppen durch die Kreisverwaltungsbehörden informiert.

Kupieren ist CC-relevant

Hinweis zu Cross Compliance (CC) Kontrollen (Prüfkriterium Eingriffe an Tieren, hier Schwanzkupieren bei Schweinen): Das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen eines Wirbeltieres ist verboten. Ausnahmen sind in §6 Tierschutzgesetz aufgeführt. Bestimmte dieser Eingriffe sind allerdings nur dann zulässig, wenn sie im Einzelfall für die vorgesehene Nutzung des Tieres zu dessen Schutz oder zum Schutz anderer Tiere unerlässlich sind.

Bisher wurde vor allem kontrolliert, dass diese Eingriffe fachkundig und korrekt vorgenommen wurden. Ab diesem Jahr wird nun auch regelmäßig kontrolliert, ob das Kupieren des Schwanzes beim Schwein tatsächlich unerlässlich ist. Weitere Informationen hierzu finden Sie in „Cross Compliance 2020 - Informationsbroschüre über die einzuhaltenden Verpflichtungen“, zu finden unter: www.stmelf.bayern.de.