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Schweinehaltung

Der Komfort zieht ein

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Andrea Tölle
Andrea Tölle
am Dienstag, 01.09.2020 - 11:09

Stroh und Auslauf für die Schweine und ein gekonntes Management brachten Familie Naß den Tierwohlpreis. Interessant ist auch, dass die vier Stallungen von einer Arbeitskraft bewirtschaftet werden können und die Vermarktung passt.

Auf einen Blick

  • Mit einem stimmigen Gesamtkonzept zur Verbesserung des Tierwohls im Stall hat Familie Naß den Tierwohlpreis des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums errungen.
  • Den Mastschweinen steht jeweils ein Liege-, ein Fress- und Aktivitätsbereich sowie ein Kotbereich zu Verfügung.
  • Forschungsbedarf sieht Roland Naß noch darin, wie die Trennung der Bereiche besser funktioniert.
  • Eine Herausforderung beim Stallbau war die Entwicklung eines Entmistungsschiebers.
  • Das Stroh vom Liegebereich bringen die Tiere durch ihre Aktivität nach unten in den Mistbereich.

Stimmiges Gesamtkonzept

Für sein stimmiges Gesamtkonzept zur Verbesserung des Tierwohls im Stall mit viel Platz je Einzeltier, Stroheinstreu und einem durchdachten Auslaufbereich mit Schieberentmistung hat Roland Naß den Tierwohlpreis des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums erhalten. Der 41-Jährige mästet auf der Pflegermühle im Landkreis Donau-Ries 1000 Schweine in vier Stallungen.

Den Tieren steht jeweils ein Liege-, ein Fress- und Aktivitäts- und ein Kotbereich zur Verfügung. Um sich abzukühlen, wird den Schweinen im Sommer eine Suhle angeboten, die sich zwischen Kot- und Fressbereich befindet. Außerdem gibt es eine Wassersprühanlage mit Zeitsteuerung zur Temperaturregelung.

Schweinestall

Eine große Herausforderung beim Stallbau war die Entwicklung eines Entmistungsschiebers. Denn Schweine weichen nicht wie Kühe dem Entmistungsschieber aus, sondern sind neugierig und wollen erforschen, ob sie da etwas finden. Auf dem Betrieb Naß wurde ein Entmistungsschieber der Firma Schauer installiert. Mittlerweile arbeiten eine Handvoll dieser Entmistungsschieber in Schweineställen.

Der 2,5 m breite Mistgang wird ca. alle zwei Stunden mit einem Oberflurschieber abgeschoben. Der anfallende Mist gelangt aktuell noch mittels eines 500 mm Rohrs in einen ca. 10 m³ fassenden Vorbehälter. Um das Gemisch aus Kot, Harn und Stroh problemlos mit gesetzeskonformer Technik ausbringen zu können, wird das Ganze über einer Güllemühle gehäckselt. Dann erst wird es in einen von zwei angrenzenden Lagerbehälter mit jeweils ca. 450m³ gepumpt.

Der anfallende Wirtschaftsdünger wird im Sinne der Kreislaufwirtschaft bodennah mit modernster Schleppschuhtechnik auf den betriebseigenen Flächen ausgebracht. Hierfür stehen 75 ha Ackerbau zur Verfügung, auf denen auch das Futter selbst erzeugt wird.

Das Stroh im Liegebereich wird von den Tieren durch die Bewegung nach unten in den Mistbereich gebracht. In einem nächsten Schritt ist geplant, den anfallenden Kot und Harn nicht mehr gemischt wie bisher, sondern getrennt abzuleiten und zu lagern. Durch die strikte Trennung von Kot und Harn wäre es möglich, die Ausgasung von Ammoniak schon im Stall um bis zu 70 % zu reduzieren, denn das Schieberentmistungssystem wurde gleich mit integrierter Harnrinne verbaut.

Der Liegebereich muss dunkel und kühl sein

Auf ihr Stallsystem kam Familie Naß vor etwa vier Jahren. Damals hatten sich Roland Naß und seine Frau Simone überlegt, wohin ihre Zukunft führen soll. Zum bestehenden Maststall sollte ein weiterer 1000er Maststall gebaut werden. Er war auch schon genehmigt, doch dann stieß Roland Naß auf das Konzept von Hofglück, einem Schweinefleischlabel der Edeka Südwestfleisch GmbH. Die Kriterien entsprechen dem Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes. Hier wurde ein Festpreis und eine feste Abnahme mit einem Zehn-Jahres-Vertrag zugesagt.
„Wichtig ist, dass der Liegebereich etwas dunkler und kühler ist. Deshalb ist der Liegebereich nach Norden ausgerichtet“, berichtet der Agrarbetriebswirt, der vor knapp 20 Jahren den Betrieb seiner Eltern übernommen hat. Zudem ist der Liegebereich mit einer Fußbodenheizung ausgestattet, die man zuschalten könnte. Hierdurch kann man den Ferkeln, wenn sie mit ca. 25 bis 30 kg eingestallt werden, an sehr kalten Wintertagen eine Wärmequelle bieten.
Stallbau

Im November 2016 begann der Bau der vier Offenfrontstallungen. Die Gebäude sind alle baugleich nach Süden ausgerichtet, 12 x 42 m groß, mit einem Pultdach und beherbergen 256 Tiere in 16 Buchten je Stall. Jedes Mastschwein hat von Beginn an 1,5 m² Platz zur Verfügung.

Der seit Mai 2017 belegte Stall kann vom Kontrollgang her im Liegebereich flächendeckend mit Langstroh eingestreut werden. An den Nord- und Südseiten befinden sich Curtains, um die Tiere im Winter vor Zugluft zu schützen und dennoch im Sommer den Stall offen zu betreiben. Das komplette Stallgebäude ist als Kaltstallsystem aufgebaut. Für ausreichend Wärme sorgt im Winter eine isolierte Abdeckung im Liegebereich, die damit ein Mikroklima erzeugt.

Während die davor gehaltenen 1100 Mastschweine, die in geschlossenen, klimatisierten Vollspaltenstallungen aufgestallt waren, mittels Sensortechnik mehrmals am Tag gefüttert wurden, erhalten die jetzt unkupierten Tiere selbst erzeugtes Trockenfutter. Dadurch müssen die Schweine das Futter besser einspeicheln und sind länger beschäftigt. Außerdem müssen sie zum Saufen zur Tränke in den Außenbereich laufen und zum Fressen wieder reinlaufen. Dadurch haben die Schweine mehr Bewegung. Der Kontakt zu den Schweinen anderer Gruppen ist nur im Außenbereich möglich. Das unterstützt, dass die Schweine nur im Außenbereich harnen und koten.

Die Trennung der Bereiche funktioniert manchmal sehr gut, manchmal nicht. Hier sieht Roland Naß noch Forschungsbedarf. Der Auslauf ist für Edeka Hofglück ab 30 kg vorgeschrieben. Für die Haltung im Auslauf wäre besser, wenn die Ferkel diesen von Anfang an kennen würden. Je früher die Tiere mit den unterschiedlichen Klimazonen konfrontiert werden, desto besser werden die Funktionsbereiche (draußen koten, innen liegen) eingehalten. Naß arbeitet mit seinem Ferkelerzeuger seit zwei Jahren zusammen. Dieser ist ihm fest zugeteilt.

Kompletter Neubau ohne Fördermittel erstellt

Die komplette Maßnahme (Neubau der Stallungen, Abdeckung der bestehenden Güllebehälter mit einer Betondecke sowie Umbau der alten Stallgebäude zu Strohlager und Futterzentrale) wurde ohne jegliche öffentliche Gelder umgesetzt. Zum Zeitpunkt der Planung und Umsetzung war eine solche Baumaßnahme in keiner Weise förderfähig. Die gesamten Investitionskosten belaufen sich auf ca. 950 000€.
Vor dem Neubau besuchte Familie Naß zahlreiche Betriebe mit alternativen Haltungsformen im In- und Ausland. Sie fotografierten, redeten mit Betriebsleitern, schauten sich die Tiere an und überlegten, ob sie ihren Stall genauso machen würden. So entstand innerhalb weniger Monate ein Sammelsurium an Ideen für den eigenen Stall.
Neben dem Komfort für das Schwein war eines der Kriterien für den Stall, dass es für eine Arbeitskraft möglich sein muss, den Stall zu bewirtschaften. Nun werden seit etwa drei Jahren Schweine gemästet.
Auch wenn die Tiere hier Stroh und einen Auslauf haben, verursacht der Ringelschwanz immer mal wieder Probleme. „Das dachte ich nicht. Ich war immer davon überzeugt, dass der Ringelschwanz ja auch bei Biobetrieben funktioniert. Aber auch da gibt es Tage und Wochen, in denen es zum Schwanzbeißen kommt“, erklärt Naß. Auch hier sieht er deshalb noch dringenden Forschungsbedarf.

Garantiert 2,15 €/kg bei Hofglück

Die Marke für Fleisch der Premiumstufe ist mit zwei von zwei möglichen Sternen des Labels des Deutschen Tierschutzbundes zertifiziert. Die Kriterien des Programmes beinhalten beispielsweise Langschwänze, ein doppeltes Platzangebot, gvo-freie Fütterung, das Vorhandensein eines Auslaufs sowie Langstroh als Beschäftigungsmaterial. Die Ferkel müssen ebenfalls von Hofglück-zugelassenen Betrieben stammen.

Bei den langjährigen Verträgen gilt ein Mindestpreis von 2,15 €/kg Schlachtgewicht. Wenn der Notierungspreis über 1,85€/kg Schlachtgewicht liegt, passt sich der Preis mit einem Zuschlag von 0,35 €/kg Schlachtgewicht an.

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