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Weidebeginn

Klimawandel: Am Berg geht’s früher los

Siegfried Steinberger, LfL Grub
am Montag, 02.05.2022 - 11:29

Damit der Gras auf den Almen und Alpen bei guter Qualität genutzt wird, muss das Vieh schon beim Ergrünen der Gunstlagen auftrieben werden.

MR_Almauftrieb-Frühjahr

Historische Fotografien sowie Erzählungen von verbliebenen Zeitzeugen belegen, dass der Auftrieb auf die Alm-/Alpweiden in früheren Jahrzehnten zum Vegetationsstart erfolgte. Zum Teil geschah dies aus Futternot am Heimbetrieb. Andererseits war den damaligen Weidehirten das Phänomen durchaus bekannt, dass ein verspäteter Weidebeginn zu einer unzureichenden Weideausnutzung über den Sommer hinweg führt. Erfolgte der Auftrieb zu spät, schafften es die Tiere nicht, den Aufwuchs bei guter Futterqualität in gegebener Zeit abzugrasen. Teilbereiche der Weiden wurden überständig und somit von den Rindern nicht mehr gefressen.

In der Grafik sind die Zusammenhänge schematisch dargestellt. Seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist eine stete Klimaerwärmung dokumentiert. Während die Temperatur global um ca. 0,8 °C gestiegen ist, sind es im Berggebiet 1,6 bis 2,0 °C. In der Folge werden die schneebedeckten (und somit kühlenden) Perioden kürzer und eine Spirale setzt sich in Gang. Dies bedingt eine Verfrühung des Vegetationsbeginns von zwei bis drei Wochen, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) dokumentiert hat.

Frühzeitig auftreiben

Für die Alm- und Alpweidewirtschaft bedeutet dies, dass auch auf den Hochlagen die Vegetation um diesen Zeitraum früher startet. In früherer Zeit wurden die Rinder zu Vegetationsbeginn aufgetrieben, d. h. die Gunstlagen waren ergrünt und boten den Tieren das erste hochverdauliche und nährstoffreiche Futter. Während die Gunstlagen abgeweidet wurden, ergrünten allmählich die übrigen Weideflächen und boten wieder frisches Weidegras. Die Tiere wurden so auf das wachsende Gras getrieben und gehütet. Da die durchschnittlichen Temperaturen entsprechend tiefer lagen, erfolgte das Graswachstum zudem deutlich verhaltener als aktuell. Die Rinder konnten dem Futterzuwachs wesentlich leichter folgen.

Leider wird dieser Tatsache im praktischen Alm-/Alpbetrieb sowie in der Beratung zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Vielfach sind die Auftriebszeiten durch traditionelle Termine bzw. durch Weiderechte (Berechtigungsalmen) festgelegt und entsprechen nicht mehr den fachlichen Anforderungen.

Viele Almbauern befürchten, ihr Vieh würde „verhungern“. Da dieser junge Aufwuchs eine Verdaulichkeit von über ca. 85 % und somit Energiegehalte von bis zu 7,0 MJ NEL/kg TM aufweist, ist eine mengenmäßig 100-prozentige Futteraufnahme für entsprechende Zuwachsleistungen nicht erforderlich. Jungrinder würden bei Stallfütterung eine Ration mit ca. 5,5 MJ NEL/TM erhalten. Die Empfehlung, erst bei fausthohem Futter aufzutreiben, ist nicht sachgerecht!

Es werden dann zunächst die Gunstlagen abgeweidet, welche dadurch mit einem verstärktem Wiederaustrieb reagieren. So steht den Tieren zu Beginn der Weidezeit auf geringer Fläche ausreichend Futter zur Verfügung. Die gestiegenen Temperaturen sorgen zudem für einen deutlich höheren Futterzuwachs im Verlauf der Weidezeit. Gleichzeitig schreitet auf ungünstigeren Flächen die Pflanzenreife voran. Die Gräser, Unkräuter und auch Sträucher werden überständig und von den Rindern nicht mehr abgefressen. Diese Teilflächen fallen letztlich brach. Dies zeigt sich zunächst in einer zunehmenden Vergrasung – meist mit Bürstling (Borstgras). Parallel erfolgt eine Verstrauchung (z. B. Blaubeeren) bzw. Verheidung (z.B. Besenheide). In tieferen Lagen setzt sehr rasch eine beginnende Verwaldung ein.

Konsequente Weidepflege

Für eine nachhaltige Alm- und Alpbewirtschaftung ist es aber alleine mit dem rechtzeitigen Auftrieb nicht getan. Auch die stets hervorgehobene „Weidepflege“ durch frühen Verbiss tritt nur ein, wenn eine konsequente Umsetzung des „Magischen Dreiecks der Almbewirtschaftung“ erfolgt. Dies besagt:

  • rechtzeitiger Auftrieb zu Vegetationsbeginn,
  • dem Futterangebot angepasste Tierzahlen,
  • gelenkte Weideführung.

Stimmt die Anzahl an Tieren nicht mit dem Futterangebot einer Alm-/Alpweide überein, werden die Tiere trotz rechtzeitigem Auftrieb – wegen des zu hohen Futterangebots – selektiv fressen. Wird der Auftriebstermin angepasst und die Tierzahl aufgrund des gestiegenen Futterangebots erhöht, gleichzeitig aber auf eine gelenkte Weideführung (Koppelung) verzichtet, wird sich der nachhaltige Erfolg nicht einstellen.

Das liegt in der unterschiedlichen Intensität des Graszuwachses während der Almsaison. In der ersten Hälfte der Weideperiode – etwa bis Ende Juli – ist ein sehr intensives Graswachstum zu verzeichnen. Nach dem Abweiden des Aufwuchses erfolgt in dieser Zeit ein intensiver Wiederaustrieb. Da Rinder keine Stängel fressen wollen, werden sie stets den Neuaustrieb auf den abgeweideten Flächen abweiden. Ab der zweiten Hälfte der Weidezeit ist der tägliche Zuwachs rückläufig, sodass der Wiederaustrieb auf den ständig beweideten Flächen nicht mehr ausreicht, um die Tiere angepasst zu ernähren.

Mehr Tiere erforderlich

Jetzt beginnt die Futtersuche in den bisher zu wenig beweideten Flächen. Der dortige Aufwuchs hat aber inzwischen enorm an Verdaulichkeit verloren und weist nur noch mindere Futterqualität auf (unter 4,5 MJ NEL/kg TM). Dieses Futter ist für angemessene Leistungen in Milch und Zuwachs nicht mehr geeignet und wird meist auch nicht mehr gefressen.

Untersuchungen der LfL auf Projektalmen ergaben, dass aufgrund des Klimawandels mittlerweile ein Futterangebot vorliegt, welches eine Erhöhung der aufgetriebenen Tiere um ca. 30 – 50 % erfordert. Nur so lassen sich die vorhandenen Weideflächen offenhalten. Das ständige Schwenden dient also meist nicht dem Erhalt von Futterfläche, sondern nur der „Offenhaltung“ der Landschaft. Gerade mit der aktuellen Kostenexplosion bei Futter, Energie und Dünger könnte das Verbringen der Jungrinder ins Berggebiet die Situation am Betrieb entlasten und die Kulturlandschaft „Alm/Alp“ erhalten.

Eine gelenkte Weideführung mittels großflächiger Koppelung der Weiden führt zu einem gleichmäßigen Weidegang der Tiere und zu guter Futterqualität während der gesamten Weidezeit. Dabei werden die Ausscheidungen der Tiere gleichmäßig auf den Flächen abgesetzt und sorgen für eine ausgeglichene Düngerverteilung. Die mittlerweile typischen Lägerflächen mit entsprechender Überdüngung reduzieren sich.

Eine ordnungsgemäße Alm- bzw. Alpwirtschaft nach den Regeln des „Magischen Dreiecks der Almbewirtschaftung“ sorgt für eine grüne Alm bis in den Herbst hinein. Die Almen/Alpen werden ordentlich abgeweidet, unerwünschte Pflanzen halten sich somit in Grenzen und aufwendige Schwendarbeiten werden auf ein Minimum reduziert. Nur so können die ökologischen Vorteile dieses Kulturraumes für spätere Generationen nachhaltig erhalten werden.

LfL Tierernährung, Grub