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Forschung

Dass wir hier die Klimakillerkuh haben, ist lachhaft!

Weidehaltung
Markus Pahlke
am Samstag, 12.11.2022 - 09:52

Prof. Frank Mitloehner lehrt in Davis an der University of California. Anlässlich der Weltklimkonferenz wollten wir von ihm wissen, warum er die Diskussionen um Methan und das Abstocken der Rinderbeständen für fehlgeleitet hält.

Warum stimmt Ihrer Meinung nach das derzeit dargestellte Verhältnis von Methan und CO2 nicht?

Es war 30 Jahre lang Usus, Methan als superstarkes Treibhausgas darzustellen. Im Moment ist der Faktor dafür 28. Das heißt, pro Molekül hat Methan ein 28-mal stärkeres Erwärmungspotential als CO2. Das ist, wie wenn man Korn oder Bier trinkt. Bei gleicher Menge hat man eine unterschiedliche Wirkung. Wenn ein landwirtschaftlicher Betrieb zehn Tonnen Methan ausgestoßen hat, dann sind das umgerechnet 280 t CO2-Äquivalente. So ging das die letzten 30 Jahre. Und damit sah die Landwirtschaft ganz schön alt aus. Denn in der Landwirtschaft ist Methan das Haupttreibhausgas. Und die wichtigste Quelle hierfür sind die Wiederkäuer, die Methan ausrülpsen, aber auch über den Kot ausscheiden. Aber eigentlich ist die hohe Bewertung von Methan irreführend. Zwar werden CO2 und Methan ausgestoßen, aber nur Methan wird oxidiert und damit zu Wasser und CO2 abgebaut. Damit ist ein Methanmolkekül in der Atmosphäre nach rund zehn Jahren zerstört, während CO2 noch nach tausend Jahren in der Atmosphäre verbleibt.

Das heißt, der Verbleib von Methan in der Atmosphäre macht den Unterschied?

Nicht nur! Das CO2, das durch die Rinder frei wird, haben die Tiere vorher über das Futter aufgenommen. Es wurde zum Beispiel vom Futtergras aus der Luft gebunden und in Zellulose, Zucker oder Stärke umgewandelt. Ein Teil dessen wird dann in Methan umgebaut, was dann ausgerülpst wird. Aber der Kohlenstoff, um den es hier geht, kommt ursprünglich aus der Luft und damit aus dem atmosphärischen Kreislauf. Und dieser Kreislauf dauert etwa mit dem Abbau des Methans zehn Jahre. Aber es ist ein Kreislauf! Das steht im krassen Gegensatz zur Einbahnstraße bei den fossilen Energien, bei denen die gesamte Biomasse, die auf der Welt abstarb und fossil wurde, innerhalb der letzten 70 Jahre zur Hälfte gefördert und verbrannt wurde. Dadurch hat sich die große Menge Kohlenstoff in der Luft angesammelt. Das macht das groesste Problem aus, das wir heute haben.

Wie kommt es dann, dass das Methan aus der Landwirtschaft so im Fokus steht?

Erstens, weil es einfach ist. Wenn man sagt, Methan ist 28-mal potenter als CO2, dann kann das jeder multiplizieren, das ist einfach. Aber noch einmal, Methan wird nicht nur produziert, sondern es wird auch zerstört und zwar durch einen Oxidationsprozess. Nimmt man zum Beispiel eine konstante Herde mit 100 Rindern an und geht davon aus, dass diese Herde seit 30 Jahren die gleiche Menge an Methan ausgestoßen hat, dann ist die Menge in der Atmosphäre konstant, weil das Methan der letzten 20 Jahre schon wieder abgebaut ist. Das heißt, eine konstant große Rinderherde bewirkt keine zusätzliche Erderwärmung.

Methan

Ich gebe Ihnen ein Bild: Stellen Sie sich zwei Badewannen vor: Die erste Badewanne hat einen Wasserhahn aber keinen Abfluss und ganz gleich wie stark Wasser in die Wanne fließt, sie wird immer voller werden. So ist es mit dem CO2, das für 1.000 Jahre in der Atmosphäre verbleibt. Bei der Methanbadewanne haben sie einen offenen Abfluss. Weil Wasser einfließt, aber auch wieder abfließt, bleibt der Wasserpegel einigermaßen konstant. Wenn wir das Methan in der Tierhaltung senken können, dann bedeutet das, dass wir die globale Erwärmung sogar verringern. Aber wenn die Wasserhähne bei dieser Badewanne voll aufgedreht werden, dann kann nicht genug abfließen und dann gehen die Methanmengen nach oben. Und das passiert in Teilen der Entwicklungsländer, wo ein zunehmender Bedarf an tierischen Nahrungsmitteln durch größere Tierherden bedient wird. Und dort spielt die Musik. Die spielt nicht in Deutschland oder in den USA, sondern in Indien, in China und in weiten Teilen Afrikas. Und der IPCC hat das schon vor zehn Jahren gesagt, dass 70 bis 80 Prozent der Einflüsse der Tierproduktion aufs Klima durch die Entwicklungsländer verursacht werden. Und dabei geht es nicht darum, mit dem Finger auf andere Orte auf der Welt zu zeigen, sondern es geht darum, ganz nüchtern zu betrachten, wo die größten Verbesserungsmöglichkeiten sind. Und die sind eindeutig in den Entwicklungsländern. Das heißt nicht, dass wir nicht auch Fortschritte machen können. Wir können das und wir machen das auch. Aber dass wir hier die Klimakillerkuh haben, das ist lachhaft.