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Ferkelzucht

Kastration: Ist Tri-Solfen die Lösung?

Stroh
Karl Bauer
am Mittwoch, 18.12.2019 - 11:07

Nur noch ein Jahr dürfen Ferkelerzeuger ohne Betäubung kastrieren. Die bisher genehmigten Alternativen haben Nachteile. Licht am Horizont könnte ein Mittel aus Australien bieten. Noch aber hat es die EU nicht zugelassen.

Dass Schweinefleisch, das von männlichen Tieren erschlachtet wird, von Kastraten kommen muss, steht in Deutschland weitgehend außer Diskussion. Gegenüber Eberfleisch haben sehr viele Verbraucher und die Fleischwirtschaft Vorbehalte: Es könnte unter Umständen ebertypisch riechen. Dazu kommt: Eber können sehr aggressiv sein. Bei Raufereien untereinander kann es zu beachtlichen Verletzungen kommen. Auch das Betreuungspersonal muss sich schützen.

Um dem vorzubeugen, hat es sich seit Jahrhunderten im deutschsprachigen Raum bewährt, die männlichen Ferkel vor der Mast zu kastrieren. Mit dem Entfernen der Hoden lässt sich mit zu nahezu 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine geschlechtsbedingte Geruchs­abweichung des Fleisches ausschließen. Kastraten sind auch ruhiger und weniger rauflustig.

Seit Jahren suchen in Deutschland Schweinehalter, Tierärzte und Wissenschaftler nach einer tauglichen Kastrationsmethode, bei der das Ferkel den Schmerz, den es bei der Amputation der Hoden zwangsläufig ertragen muss, in möglichst geringer Intensität wahrnimmt. Die Entwicklung eines tauglichen Schmerzmanagements ist längst angesagt.

Tierärztliche Einrichtungen prüfen seit langem unterschiedliche Kastrationsverfahren auf ihre Tauglichkeit. Bei den Schweinehaltern fand auch der vom Tiergesundheitsdienst (TGD) Bayern entwickelte 4. Weg durchaus beachtliche Zustimmung. Die Narkose (Wirkstoff: Procain) wirkt nur lokal in dem Bereich, in dem operiert wird. Auch lässt sich der gesamte Eingriff beim 4. Weg sehr gut organisieren.

Die Bundesregierung lehnt den 4. Weg ab

Kastration

Die Bundesregierung lehnte allerdings den „4. Weg“ ab: Er bringe nicht den Nachweis der Schmerzausschaltung über Blutparameter, wobei die Garantie einer totalen Schmerzausschaltung bei einem operativen Eingriff ohnehin eher utopisch erscheint.

Im Gegensatz dazu setzt die Bundesregierung ausschließlich auf Isofuran als Anästhetikum für Ferkel vor der Kastration. Dass dieses die Gesundheit des Anwendungspersonals beeinträchtigen kann, bleibt bei der Beurteilung der Tauglichkeit außen vor. Auf andere Vorbehalte gegenüber diesen Kastrationsverfahren soll hier nicht weiter eingegangen werden. Obwohl der Termin 1. Januar 2021 für den Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration näher rückt, steht den Ferkelerzeugern in Deutschland immer noch kein ausreichend erprobtes und zugelassenes Verfahren zur Verfügung. 

 

Millionenfach in Australien im Einsatz

Da kommt ein Angebot aus Australien gerade recht. Mit Tri-Solfen wurde dort ein lokalwirkendes Anästhetikum entwickelt. Dieses ist auf dem fünften Kontinent millionenfach vornehmlich bei Schafen und Rindern im Einsatz und hat sich auch in der Ferkelerzeugung als sehr wirksam und gut zu handhaben erwiesen. Der Tierhalter erwirbt es vom Tierarzt, wendet es aber selbst an.

Tri-Solfen ist bei der europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zur Zulassung angemeldet. Falls die EMA Tri-Solfen für einwandfrei befindet und sich für die Zulassung ausspricht, dann sind die EU-Mitglieder an der Reihe: Ihre Zulassungsbehörden nehmen erneut eine wissenschaftliche Prüfung der eingereichten Unterlagen vor. Erfahrungsgemäß dürfte es deshalb gerade in Deutschland noch dauern, bis die Ferkelerzeuger Tri-Solfen nutzen können.

Entwickelt hat Tri-Solfen die australische Kinderärztin und Herzforscherin Dr. Meredith Sheil. Sie suchte nach einem wirksamen Mittel, das bei kleinsten Kindern während der Operation und Wundschmerzbehandlung wirklich hilft. 

Zusammen mit Allan Giffard von Medical Ethics, dem Hersteller von Tri-Solfen, arbeitete Dr. Sheil, die selbst mit einem Schafhalter verheiratet ist, an dem Produkt, um es für die Anforderungen in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung tauglich zu machen. Giffard berichtet, dass in Australien Tierschutzorganisationen mächtigen Druck auf die Nutztierhalter, vor allem auf die Schafhalter ausgeübt haben. In der Schafhaltung ist es der Schwanz und Gewebeteile in diesem Bereich, wo bei den Tieren ohne vorherige Narkose operativ eingegriffen wird. Der Eingriff wird als Mulesing bezeichnet.

Vor einigen Jahren forderten die Tierschützer ultimativ, dass dieser Eingriff unter Narkose abzulaufen habe. Erhebliche wirtschaftliche Einbußen drohten. Deshalb überlegte Dr. Sheil, wie sich Erfahrungen aus der Humanmedizin bei einem operativen Eingriff auf die Tiermedizin übertragen lassen. 

Vier Wirkstoffe sind in ein Gel verpackt

Ferkel

Dr. Sheil entwickelte Tri-Solfen, das dort auf der Haut aufgetragen wird, wo der operative Eingriff vorgesehen ist. Es deckt vier zentrale Aspekte ab:

  • Der Wirkstoff Lidocain ist ein schnell wirkendes Anästhetikum. Bereits 20 Sekunden nach seiner Anwendung sorgt es dafür, dass das Tier den Schmerz des Gewebeschnitts kaum noch wahrnimmt.
  • Der zweite Wirkstoff Bupivacain wirkt ebenfalls betäubend. Seine Wirkung läuft langsamer an, dafür wirkt es rund 24 Stunden.
    Mit diesen beiden Wirkstoffen lässt sich der Kastrationsschmerz der Ferkel gut im Griff halten.
  • Adrenalin ist die dritte Komponente von Tri-Solfen. Dieser Wirkstoff verengt die Blutgefäße und hemmt den Blutverlust bei der Operation.
  • Ein Antisepticum schützt zudem vor Infektionen, also vor Gefahren, mit denen Tiere im Stall konfrontiert sind. Eine vorbeugende Antibiotika-Gabe wird durch die Behandlung mit Tri-Solfen überflüssig.

Die vier Wirkstoffe werden nicht etwa einzeln mit Spritzen in flüssiger Form appliziert. Sie sind alle in einem Gel gleichsam verpackt. Das sichert, dass die Wirkstoffe in vollem Umfang dem behandelten Tier zur Verfügung stehen. Verlusten, die sich durch Ausfließen oder andere Fehler bei der Applikation ergeben könnten, ist ausreichend vorgebeugt.

So läuft die Kastration eines männlichen Ferkels unter Tri-Solfen-Narkose ab

Ferkel

Das wenige Tage alte Eberferkel wird zusammen mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen in der Kastrationsvorrichtung fixiert. Ein Eisspray kühlt die Haut im Bereich des Eingriffes auf 8 bis 10 °C herunter. Das macht sie weitgehend gefühllos und taub. 

Ein gezielter Schnitt mit dem Skalpell öffnet den Zugang zu den Hoden. In und um den Hodensack wird jetzt das Tri-Solfen-Gel aufgetragen. Innerhalb von 20 Sekunden verliert das Ferkel im gesamten Bereich um den Hoden sein Schmerz­empfinden. Die Samenstränge werden schmerzfrei gekappt und die Hoden herausgenommen.

Nach der Entnahme der Hoden  wird Tri-Solfen-Gel in einer dünnen Schicht in den Hodensack appliziert. Dazu wird ein Instrument genutzt, das einer kleinen Kuchenspritze ähnelt und das Gel ohne Verletzungsrisiko aufträgt.

Jetzt ist die Kastrationswunde mit einer schützenden Gelschicht überzogen. Diese wehrt Krankheitserreger ab und fördert den Heilungsprozess. Der Eingriff nimmt in etwa die Zeitspanne einer betäubungslosen Kastration in Anspruch.

Die kastrierten Ferkel sind vital

Ferkel

Das kastrierte Ferkel wird in die Bucht zurückgesetzt. Es ist vital und kann sofort am Gesäuge der Sau mit der Mahlzeit beginnen.

Mit etwa 1 € Materialkosten ist der Eingriff vergleichsweise preiswert. Der Behälter, in dem Tri-Solfen ausgeliefert wird, sowie die zur Applikation notwendige Ausrüstung sind im Kaufpreis von Tri-Solfen enthalten. Sobald die Zulassung vorliegt, ist es über Tierärzte verfügbar und kann vom Ferkelerzeuger angewandt werden.

Übrigens, mit der Narkose vor der Ferkelkastration sind die Einsatzmöglichkeiten von Tri-Solfen nicht erschöpft. In Australien und Neuseeland kommt das Tri-Solfen auch vor dem Kupieren der Schwänze von Ferkeln und beim Enthornen von Rindern zum Einsatz.