Milchviehhaltung

Jungvieh auf der Weide füttern

Kälber-Vollweide-Kurzrasenweide_MR
Siegfried Steinberger, Prof. Dr. Hubert Spiekers, LfL Tierernährung, Grub
am Donnerstag, 01.04.2021 - 12:03

Familie Dillinger hat auf Vollweide mit saisonaler Abkalbung umgestellt. Auch die Jungviehaufzucht ist ins Grüne verlagert. Das neue Konzept bringt viele Vorteile mit sich.

  • Das Beispiel des Betriebs Dillinger zeigt, wie eine dem Remontierungsbedarf angepasste Anzahl an Nachzucht günstig organisiert werden kann.
  • Die Rinder befinden sich nur während der Kälberaufzucht und im darauffolgenden Winter für etwa vier Monate im Stall.
  • Eine Verbringung der Rinder ins Berggebiet kann die Pachtkonkurrenz deutlich entschärfen. Gleichzeitig wird die Nährstoffbilanz des Betriebes merklich entlastet.
Herbstweide_MR

Familie Dillinger aus Einmuß im Landkreis Kelheim hat in den vergangenen zwei Jahren ihren Milchviehbetrieb in einer Ackerbauregion grundlegend umgekrempelt. Das Wochenblatt begleitete sie dabei in regelmäßigen Abständen. Bereits im Jahr 2010 wurde die Jungviehaufzucht auf eine Vollweidehaltung unter Einbeziehung von Pensionstieren auf Almflächen umgestellt. Mittlerweile ist auch dieses Aufzuchtkonzept weiter optimiert worden. Der hohe Pachtflächenanteil von 70 % sowie die stetig steigende Flächenkonkurrenz ermutigten Markus Dillinger, auch in der Jungviehaufzucht neue Wege zu gehen.

„Ich muss hier mit Biogas-, Schweine- und Sonderkulturbetrieben um die Fläche konkurrieren, da muss man bei der Aufzucht der Rinder andere Wege gehen, um erfolgreich zu sein“, ist er überzeugt. Da die (Pacht-) Fläche der begrenzende Faktor ist, wird im Wesentlichen nur noch so viel Nachzucht aufgezogen, wie zur Remontierung gebraucht wird. Auf Grund der Unsicherheit, wie die vorhandene Hochleistungsherde für eine straff saisonale Abkalbung geeignet ist, wurde dieses Ziel noch leicht überschritten. Für 65 Kühe erfolgt aktuell die Aufzucht von etwa 20 Kälbern je Jahr. Überzählige Jungkühe werden über den Zuchtviehmarkt in Osterhofen vermarket.

Die Verlängerung der Nutzungsdauer der Milchkühe, die Reduzierung der Jungviehaufzucht auf das Notwendigste und die Senkung des Erstkalbealters (EKA) auf 24 Monate setzte Stallplatzkapazitäten frei, welche für die Ausweitung des Kuhbestandes genutzt werden konnten. Hierzu war keine zusätzliche Investition nötig, da die Boxenmaße für die Altersgruppe 24 bis 30 Monate – welche es jetzt am Betrieb nicht mehr gibt – bereits den Maßen für Kuhliegeboxen entsprachen.

Erstkalbealter und Einsatzleistung

Joghurttränke-Kälber-Dillinger_MR

Zahlreiche nationale und internationale Auswertungen belegen, dass eine Reduzierung des EKA bei passender Körperentwicklung keine nachteiligen Auswirkungen hinsichtlich Nutzungsdauer und Leistungsbereitschaft der Tiere zur Folge hat. In der Grafik ist die Einsatzleistung der aktuell am Betrieb stehenden Kühe dargestellt. Um vergleichbare Tierzahlen zu erhalten, wurden die EKA-Monate 23/24 sowie 27/28 zusammengefasst. Auch hier konnte die anfängliche Skepsis in Befürwortung umgewandelt werden. Die Einsatzleistung der am Betrieb stehenden Kühe ist unabhängig vom EKA auf sehr hohem Niveau.

Die Kalbungen erfolgen in zwei Abkalbeboxen. Aufgrund der saisonalen Abkalbung ist der Keimdruck sehr gering. Die Kälberaufzucht ist wenig spektakulär. Nach der Kalbung erfolgt zeitnah die Biestmilchversorgung ad libitum. Die Kälber werden in der ersten Lebenswoche in einem Einzeliglu untergebracht. Anschließend wechseln sie in die Gruppenhaltung. In den ersten 8 Wochen erhalten die Kälber die Tränke ad libitum. Als Tränkeverfahren findet die bewährte Joghurttränke Anwendung. „Die Joghurttränke hat den Vorteil, dass immer fertige Tränke vorhanden ist, kalt vertränkt werden kann und fütterungsbedingte Durchfälle der Vergangenheit angehören. Virusbedingte Durchfallgeschehen werden in wenigen Tagen überwunden. „Die Zunahmen der Kälber sind hervorragend“, so die Erfahrung von Markus Dillinger. Anstatt Tränkeeimer werden Sammeltränken verwendet. Das vereinfacht das dreimal tägliche Tränken und durch die Joghurttränke entfällt die tägliche Reinigung der Tränken.

Ab den Umzug in die Gruppenhaltung wird den Kälbern zur Joghurttränke eine Kälber-TMR angeboten. Dies hat sich sehr gut bewährt, da die Kälber frühzeitig mit der Aufnahme von Festfutter beginnen. Ab der achten Lebenswoche beginnt das Abtränken der Kälber. Mit etwa 12 Wochen sind die Kälber abgetränkt. Mit dieser Tränkestrategie erreichen die weiblichen Kälber etwa 1000 bis 1200 g tägliche Zunahmen. Zur Nachzucht werden ausschließlich Kälber verwendet, welche „im alten Jahr“ geboren wurden, also etwa bis Dezember. Diese Kälber sind bei Weideaustrieb entsprechend gut entwickelt und gleichzeitig ist dies eine indirekte Selektion auf Fruchtbarkeit: Nur Nachkommen von Kühen, die schnell wieder trächtig werden, gelangen in die Aufzucht.

Kälberaufzucht mit Kurzrasenweide

Milchvieh

Aufgrund der saisonalen Abkalbung sind die Kälber zu Weidebeginn Anfang April zwischen knapp vier und sechs Monate alt. Die Kälber werden ab Ende März auf einer hofnahen Fläche an die Weide und den Weidezaun gewöhnt und in den ersten Aprilwochen auf einen Weidebetrieb im Landkreis Miesbach verbracht. Dort werden sie auf einer Kurzrasenweide unter Vollweidebedingungen aufgezogen. Es erfolgt keinerlei Zu-fütterung von Kraftfutter und Heu. „Das Kraftfutter liegt ja auf der Weide und die Kälber müssen zum Fressen trainiert werden“, ist Markus Dillinger überzeugt.

Bei nachlassendem Weidegraszuwachs werden die Kälber von September bis November wieder auf den heimischen Betrieb zurückgeholt. Kälber, welche in der Entwicklung leichte Rückstände zeigen, werden sofort aufgestallt und mit der Anfütterungsration der abkalbenden Kühe gefüttert. Aufgrund der enormen Futteraufnahmen darf diese Phase nicht länger als vier bis sechs Wochen dauern, da die Kälber sonst verfetten und es nachfolgend in der Fruchtbarkeit Probleme geben würde. Die restlichen Kälber beweiden die freiwerdenden Kuhweiden meist bis Anfang Dezember. Während der Winterperiode erhalten die Kälber – nun sind es bereits Rinder – eine Ration für Trockensteher. Am 15. Dezember beginnt am Betrieb Dillinger die Besamungssaison. Die Rinder werden bei ab den 14. Lebensmonat besamt.

Sommerweide im Tal und auf der Alm

Kalbinnen-Frühjahrsweide_MR

Markus Dillinger nutzt im Frühjahr nach Getreide gesätes Welsches Weidegras zur Jungviehweide. Auch Wiesen, welche in der Grasnarbe Lücken aufweisen, werden mit Jungvieh beweidet. „Der frühe Verbiss regt die Bestockung der Gräser an und die Grasnarbe wird wieder dichter“ so die Erfahrung des Betriebsleiters. Für die Sommerweidehaltung werden die Kalbinnen aufgeteilt. Ein Teil der Tiere bleibt am Heimbetrieb und beweidet eine relativ feuchte Weide. Ein weiterer Teil wird mit den Kälbern Anfang April zum Aufzuchtbetrieb verbracht. Rinder, welche ab November abkalben, verbringen ab Mitte Mai bis Mitte September den Sommer auf der Hemmersuppenalm in Reit im Winkl. Diese Almzeit wird von der Familie während der Viehkontrolle dort mehrmals im Jahr als Kurzurlaub genutzt.

Im Herbst, wenn die trächtigen Rinder zurückkommen, wechseln die Tiere, die im Oktober kalben, sofort in die Kuhherde. Die restlichen Kalbinnen beweiden Ackerflächen. So wird nach Getreide eine Mischung aus Welschen Weidelgras und Alexandrinerklee in die Stoppeln gesät. Mit dem Ausfallgetreide (2020 Hagelschlag kurz vor dem Drusch) ergibt diese Ansaat eine hervorragende Herbstweide.

Auch von den Kleegrasbeständen wird der Herbstaufwuchs bis Ende November beweidet. Trittschäden stellen kein Problem dar, da die Flächen nach nochmaliger Frühjahrsbeweidung zur Hauptfrucht umgebrochen werden. Zur Aufstallung wechseln auch die letzten Kalbinnen mit rund 24 Monaten in die Milchviehherde bzw. zu den Trockenstehern.