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Schweinhaltung

Jungsauen eingliedern: Kein Einlass für Erreger

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Externer Autor
am Mittwoch, 11.03.2020 - 16:43

Die Eingliederung von Jungsauen ist ein entscheidender Faktor für die Gesamtfruchtbarkeit einer Sauenherde. Die Isolationsphase sollte daher mindestens drei Wochen betragen und eine Einbahnstraße bleiben.

Auf einen Blick

  • Steigende Remontierungsraten und wachsende Betriebe erfordern eine immer größere Anzahl von Jungsauen.
  • Ein ineffizientes Management im Jungsauenpool ist für bis zu 30 % der nicht-produktiven Tage verantwortlich.
  • Die Fehlerquellen lassen sich der Arbeitsorganisation und der Bestandshygiene zuordnen.
  • Deshalb stellt der Eingliederungsprozess der Jungsauen eine nicht mehr wegzudenkende Institution dar.
  • Die Isolationsphase hat zum Ziel, die Einschleppung von bestimmten Krankheitserregern in die Altsauenherde zu verhindern.
  • Der Isolationsstall muss vor einer neuen Jungsauen-Lieferung komplett frei und gereinigt sein.

Eingliederung ist entscheidende Phase

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Die Jungsauen einzugliedern ist einer der entscheidenden Prozesse für Sauenhalter. Denn davon hängt die Gesamtfruchtbarkeitsleistung einer Herde ab. Das nimmt an Bedeutung zu: Denn steigende Remontierungsraten und wachsende Betriebsgrößen erfordern mehr Jungsauen. Ein ineffizientes Management im Jungsauenpool ist in vielen Herden für bis zu 30 % der nicht-produktiven Tage verantwortlich.

Die Hintergründe sind oft vielfältig und miteinander verwoben. Die Fehlerquellen lassen sich den Bereichen der Arbeitsorganisation und der Bestandshygiene zuordnen. Denn eine konsequente Bestandshygiene kostet Arbeitszeit. Bei ineffizienter Arbeitsorganisation bleibt oft nicht die nötige Zeit – selbst wenn das nur subjektiv so empfunden wird.
Gesundheit

Allerdings verursachen Mängel in der Bestandshygiene durch Gesundheitsprobleme, z. B. während der Belegung, höhere Umrauschraten. Die niedrigen Trächtigkeitsraten erhöhen nicht nur die Zahl von Leertagen, sondern auch den Belegungsaufwand – Zeit, die dann wieder zur Verbesserung der Bestandshygiene fehlt. Der Sauenhalter findet sich schnell in einem Teufelskreis, an dessen Ende niedrige Abferkelraten und Wurfgrößen die Ökonomie empfindlich beeinflussen.

Hoher Gesundheitsstatus ersetzt keine Isolation

Deshalb ist der Eingliederungsprozess der Jungsauen eine zentrale Institution. Funktionell und daher am besten auch stallbaulich, teilt er sich in eine Isolations- und eine Akklimatisationsphase. Durch die Isolationsphase soll das Einschleppen von bestimmten Pathogenen in die Altsauenherde zu verhindert werden. Sie sollte mindestens drei Wochen betragen. Während dieser Zeit zeigen sich „mitgebrachte“ Erreger anhand klinischer Erkrankungen. Es ist es aber auch möglich, durch Serumpaar-Untersuchungen subklinsch verlaufende Infektionen aufzudecken. Dazu werden zwei Blutproben im Abstand von 14 Tagen genommen. Die erste Probe, gleich nach Anlieferung, zeigt bereits vorhandene Antikörper gegenüber Infektionen, die während der Aufzuchtperiode durchgemacht wurden. Darüber hinaus kann aus der selben Probe auf ein ganzes Panel verschiedener Antikörper untersucht werden. Zu berücksichtigen sind natürlich auch Impf-Antikörper.
Mit der zweiten Untersuchung der selben Tiere lässt sich die Aktualität einer Infektion bestimmen. Eine einzelne Probe gibt in der Regel keinen Aufschluss darüber und führt oft zu Fehlinterpretationen. Für den Infektionsstatus von Anlieferungstieren entscheidend ist der Vergleich der Ergebnisse aus der ersten und zweiten Blutprobe. Kommt es zwischen den beiden Entnahmen zu einem Antikörperanstieg, zeigt dies, dass kurz vor der ersten Entnahme der betreffende Erreger das Tier infiziert hatte.
Im Isolationsstall können bereits beim Jungsauen-Vermehrer begonnene Impfschemata durch Boosterungen (Nachimpfungen) abgeschlossen oder auch neue, für den speziellen Ferkelerzeuger notwendige Impfschemata begonnen werden. Zunächst sollten die Jungsauen in den ersten ein bis zwei Wochen aber die Gelegenheit zur Eingewöhnung bekommen. Wichtig ist, dass der Isolierstall eine Einbahnstraße bleibt. Jungsauen, die diesen Betriebsbereich verlassen, kehren nicht wieder hierhin zurück. Dies gilt auch für Schlachttiere, die aus der Altsauenherde kommend aus Platzgründen nicht im Isolierstall „Zwischenstation“ machen dürfen. Sollten solche Tiere betriebsspezifische Erreger in die Isolation einschleppen, ist die Eingangskontrolle von Jungsauenzugängen nicht mehr interpretierbar.
Der Isolierstall muss vor einer neuen Jungsauen-Lieferung auch wieder komplett frei sein (Partien-Trennung) sowie gereinigt und desinfiziert werden. Anderenfalls kann man sich nicht sicher sein, vielleicht nur die Erreger oder die Antikörper auf die Erreger der letzten Jungsauengruppe bei der Serumpaar-Untersuchung nachzuweisen.

Akklimatisationsphase:
Je länger, desto besser

Nach Abschluss der Isolationsphase sollte eine geschlossene Übernahme aller Jungsauen einer Partie in den Akklimatisationsstall erfolgen. Hier ist die kontrollierte Konfrontation der später einzugliedernden Jungsauen mit der herdenspezifischen Keimflora gewünscht. Die Akklimatisationsphase beträgt ebenfalls wenigstens drei Wochen. Aus immunologischer Sicht kann sie nicht lang genug sein. Es kommt nicht auf die Stärke der Keimkonfrontation (viel hilft nicht viel), sondern auf die Dauer (lange hilft viel) an.

Schematische Darstellung der Infektionsausbreitung

Untersuchungen zeigten, dass Jungsauen, die bereits ab dem fünften Lebensmonat angeliefert wurden, also eine um einen Monat längere Akklimatisationsphase hatten, deutlich höhere Erstwurfleistungen brachten, als Jungsauen, die erst ab dem sechsten Lebensmonat beim Ferkelerzeuger aufgestallt wurden. Dieser Effekt betraf nicht nur den 1. Wurf, sondern schlug sich sogar in einer höheren Lebensleistung nieder.
Während der Akklimatisationsphase ist die Altsauenherde die Gefahrenquelle. Von den Jungsauen geht nach erfolgter Isolationsphase keine Gefahr mehr aus. Daher kann sich dieser Stallbereich in direkter Nähe der Altsauenherden befinden. Er sollte aber dennoch organisatorisch von ihm abgetrennt sein. Denn die Gefahrenquelle für Jungsauen-Infektionen und dadurch für Gesamtbestandsprobleme lauert jetzt in der Altsauenherde. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass eine Hoch-Gesundheitsstatus-Altsauenherde frei von Pathogenen (krankmachenden Erregern) oder gar eine „keimfreie Zone“ sei.

Es geht um ein
stabiles Gleichgewicht

Jede Sau verfügt über ein bestimmtes Spektrum von endemischen (= für den Lebensort typischen) Keimen, die das Tier nicht zwangsläufig klinisch krank machen müssen. Bakterien sind, anders als Viren, selbstständig lebensfähig. Für ihre Vermehrung müssen sie nicht in die Zellen des Schweines gelangen (Ausnahme: Mycoplasmen, Chlamydien). Sie parasitieren daher oft nur auf den Oberflächen von Schleimhäuten, auf denen nur Teile der Immunabwehr aktiv werden können. Daher können auch klinisch gesunde Tiere auf ihren Schleimhautoberflächen mit bakteriellen Pathogenen besiedelt sein („stumme Träger“). Auch trotz einer spezifischen Immunität nach Impfung oder Durchseuchung mit dem betreffenden Erreger bleiben die Schleimhäute daher oft besiedelt (Dauerausscheider).
Für die Gesunderhaltung muss sich ein „Kräfte-Gleichgewicht“ („Balance“) zwischen der Abwehrlage und dem Infektionsdruck, der auf das Tier wirkt, über die Zeit ausbilden (siehe Abb. 1). Dieses Gleichgewicht betrifft zunächst jedes Einzeltier und bestimmt in der Summe der Einzeltiere die Gleichgewichtslage der jeweiligen Sauengruppe. Neben der Erregermenge, spielen die Erregereigenschaften oder die seiner Subtypen eine Rolle, ob es zu einer klinisch manifesten Infektionskrankheit kommt.
Erreger oder Subtypen dieser Erreger, die sich sehr schnell im Organismus vermehren können, geben dem Immunsystem oft nicht die notwendige Zeit eine effiziente spezifische Immunabwehr auszubilden. Da ein solches Tier dann innerhalb kurzer Zeit große Mengen des Erregers ausscheidet, erhöht sich der Infektionsdruck für die übrigen Sauen in der Gruppe. Mit jeder Sau, die den Erreger vermehrt, erhöht sich der Infektionsdruck sprunghaft, so dass sogar Sauen mit einer bereits vorhandenen robusten Immunität erkranken können („Pingpong-Effekt“).
Jungsauen, die bisher nicht an die herdenspezifische Keimflora gewöhnt sind („naive“ Jungsauen), können schnell immunologisch überfordert sein. Probleme werden diesbezüglich immer wieder bei Actinobacillus pleuropneumo-niae (APP) beobachtet. APP verbleibt auch bei immunen Tieren sehr oft auf den Schleimhäuten der oberen Atemwege. Die Altsauenherde befindet sich in „Balance“ (siehe Abb. 2). Sie zeigt keinerlei klinische Auffälligkeiten, ist aber Träger des Erregers. Werden die Jungsauen jetzt, weil es im Räusche-Rhythmus gerade „so schön passt“ (Transportrausche) oder weil zu wenig und daher nur kurz eingewöhnte Jungsauen vorhanden sind, direkt in eine Altsauengruppe im Belegungsstall integriert, kommt es nicht selten zu schweren und schwersten klinischen Erkrankungen bis hin zu APP-Totalverlusten. Zudem führt die massenhafte APP-Erregervermehrung und anschließende Ausscheidung durch die Jungsauen zu einem Anstieg des APP-lnfektionsdruckes in der Belegungsgruppe. Selbst „gestandene“ Altsauen, vor allem aber Sauen des 1. und 2. Wurfes, die bisher in „Balance“ waren, erkranken unerwartet an APP.

Die Balance von Abwehr und Infektionsdruck

Innerhalb eines Betriebes schwankt das Niveau der Gleichgewichtslage von Abwehr und Infektionsdruck abhängig vom Produktionszyklus:
  • So ist der Infektionsdruck in einem warmen, oft luftfeuchteren Raumklima eines Abferkelabteils höher als zum Beispiel im großen Luftraum des kühlen Wartestallbereiches.
  • Die Gleichgewichtslage kann aber auch dadurch wechseln, dass bestimmte Erreger trotz konstanter Ausscheidung bei bestimmten Aufstallungsformen erst auf andere Sauen übertragbar werden. Beispielsweise spielen Infektionen mit den ausschließlich über den Harn ausgeschiedenen Leptospiren hauptsächlich im Wartestall eine Rolle. Erst hier in der Gruppenhaltung erhalten die Sauen Gelegenheit mit dem infizierten Harn von Dauerausscheidern direkt in Kontakt zu kommen und sich zu infizieren.
  • Der Chlamydien-Infektionsdruck erhöht sich vor allem dann, wenn die Sauen im Belegungsstall stehen. Der Eintritt der Rausche, die damit verbundene Öffnung der Cervix und die vermehrte Produktion von Uterus- und Vaginalsekreten kurbelt zum einen die Vermehrung der „ruhenden“ Chlamydien in den Schleimhautzellen der dauerhaft infizierten Sauen wieder an, da Chlamydien intrazellulär parasitierende Bakterien sind, die wie Viren die Vermehrungseinrichtungen ihrer Wirtszellen für die eigene Reproduktion nutzen. Zum anderen werden die Chlamydien mit den Sekreten (Ausfluss) in der Sauengruppe leichter verteilt. Auch die Besiedelung der Uterusschleimhaut nach Neuinfektion ist zu diesem Zeitpunkt als aufsteigende Infektion bei geöffneter Cervix einfacher möglich.
Daneben ist es vor allem Stress, der durch Schwächung des Immunsystems Wegbereiter für Infektionen ist, vor allem sozialrangbedingter Stress wirkt immunsuppressiv. Einen ähnlichen Effekt erzeugen ablaufende Virusinfektionen mit PCV-2 und PRRSV. Die Virusvermehrung findet hier in den Immunzellen statt und „lenkt“ diese Zellen der körpereigenen Abwehr von ihrer eigentlichen Funktion ab. Das Ergebnis ist eine Immunsuppression, die Wegbereiter für bakterielle Folgeinfektionen oder das „Aufblühen ruhender Infektionserreger“ ist.

Wenn mehrere Faktoren zusammenkommen

Das Auftreten sowie der Ausprägungsgrad von Erkrankungen hängen demnach von „Hilfsfaktoren“ ab (= Faktorenkrankheit). Daher können infizierte Betriebe lange Zeit klinisch unauffällig bleiben. Erst dann, wenn verschiedene Faktoren im Bestand zusammenkommen, treten Erkrankungen „wie aus heiterem Himmel“ auf. Beispiele dafür sind Infektionen mit Leptospira bratislava (Umrauscher, Aborte), Chlamydien (Umrauscher), Mycoplasma suis (Eperythrozoonose) aber auch Lawsonia intracellularis (PIA).
Ziel ist es daher mit Hilfe eines straffen Gruppen-Managements die in Balance befindlichen „Gleichgewichtsgruppen“ (epidemiologische Einheiten) möglichst komplett durch die einzelnen Phasen des Produktionszyklogramms zu schleusen.
Das produktionsbedingte Ausscheren einzelner Tiere aus einer solche Gruppe (z. B. Umrauscher oder „leere Sauen“) und das damit notwendig werdende Eingliedern dieser Tiere in eine nachfolgende, sich oft in einem anderen Gleichgewichtsniveau befindlichen Sauengruppe („zurückwerfen“), provoziert zusätzliche Gesundheitsrisiken bei der einzugliedernden Sau und stellt auch immer eine zusätzliche Hygienebelastung für die aufnehmende Sauengruppe dar.
Je größer die ausscherenden Gruppenteile werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass das jeweilige Gleichgewicht auf Sauengruppenebene nachhaltig gestört wird. Ideal wäre ein strenges „all in-all out“ -System, das aber der Notwendigkeit einer kontinuierlichen Ferkelproduktion entgegensteht. Ausweg und zwingende Notwendigkeit ist ein straffes Batch Management.

Es geht um die Tendenz

Infektion

Das Prinzip von Serumpaar-Interpretationen ist hier dargestellt. Unterschiedliche Labore können unterschiedliche quantitative Ergebnisbeurteilungen abgeben, gerade dann, wenn das Testsystem von der subjektiven Beurteilung der Laborkraft abhängt.

Es ist unerheblich, ob das eine Labor eine Probe „++“ und das andere Labor „+++“ zuspricht. Sogar die Situation, dass Labor 1 eine Freiheit „-“ heraus gibt, während das Labor 2 die Probe bereits mit „+“ als „Infektion nachgewiesen“ beurteilt, kommt vor (z.B. bei Leptospiren Antikörper-Bestimmungen). Der Vergleich von Ergebnissen zweier Labore ist oft wenig zweckdienlich. Es geht um die Tendenz zwischen den Proben. Entscheidend ist, ob dasselbe Labor bei den beiden Proben einen Antikörper-Anstieg (Serokonversion) verzeichnen kann. Ideal ist es daher, die Serumpaar-Untersuchungen nur in einem bestimmten Labor durchführen zu lassen und am besten, beide Proben an einem Tag, also in einem Untersuchungsgang, zu analysieren.