Ferkelkastration

Isofluran-Narkose: Nur ein kurzes Schläfchen?

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Karl Bauer
am Freitag, 06.11.2020 - 16:32

Die Narkose mit Isofluran enthält ein Gefahrenpotenzial für Mensch und Tier. Zur Gesundheitsbeeinträchtigung der Ferkel liegen aber keine Daten vor.

Auf einen Blick

  • Die betäubungslose Kastration wird ab 1. Januar 2021 verboten. Das Bundeslandwirtschaftsministerium favorisiert dann die Betäubung mittels Isoflurannarkose.
  • Die SVLFG warnt vor gesundheitlichen Gefahren für die Schweinehalter durch das Narkosegas.

In zwei Monaten ist es so weit

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Keine Zweifel ließ Bundeslandwirtschaftsministerin (BMEL) Julia Klöckner anlässlich einer Videokonferenz mit Vertretern des Handels und der Landwirtschaft daran, dass die betäubungslose Kastration ab 1. Januar 2021 verboten sein wird. Es werde keine Verlängerung der Übergangsfrist geben, stellte sie unmissverständlich klar und zeigte auch gleich die Alternativen zum traditionellen Kastrationsverfahren auf, die sie für allein tauglich erachtet:

  • Jungebermast,
  • Impfung gegen Ebergeruch (Immunokastration mit Improvac),
  • Kastration unter Vollnarkose (favorisiertes Narkosemittel: Isofluran).

Verbraucher sind skeptisch gegenüber Eberfleisch

Von den rund 55 Mio. Schweineschlachtungen, die jährlich in der Bundesrepublik anfallen, sind derzeit nicht einmal 10 % solche, bei denen Eber an die Haken kommen. Deren Schlachtungen konzentrieren sich auf wenige Schlachtunternehmen.

Das spiegelt die Bedürfnisse der Mehrheit der Verbraucher: Sie lehnen Fleisch von unkastrierten männlichen Schweinen ab und gehen auf Nummer Sicher, wenn es darum geht, dass das Schweinefleisch auf ihrem Teller von einwandfreier Qualität ist. Die weitaus überwiegende Menge der Schlachtkörper von männlichen Schweinen, die in den Kühlräumen der Schlachtunternehmen hängen, wird in Deutschland auch in Zukunft solche von Kastraten sein.

Die Erzeugung und Schlachtung von Ebern ist zudem mit zusätzlichen Erschwernissen verbunden: Unter anderem sind Schlachteber in getrennten Chargen von den anderen Schlachtschweinen anzuliefern und zu schlachten. Auch ist jeder Schlachtkörper eines Ebers von einer speziell ausgebildeten Person intensiv zu „beschnüffeln“. Schon geringe Anzeichen von Geruchsabweichungen haben das Verwerfen des Schlachtkörpers zur Folge. Tatsächlich erweisen sich erfahrungsgemäß 5 bis 8 % der Eberschlachtkörper als auffällig und müssen in der Tierkörperbeseitigungsanlage entsorgt werden. Dazu kommen höhere Verluste im Stall: Eber sind aggressiver und rauflustiger als Kastraten.

Immunokastration in Australien

Unter anderem in Australien hat sich die Immunokastration in erwähnenswertem Umfang etablieren können. Im Alter von zwei bis drei Monaten und ein zweites Mal vier Wochen vor dem Schlachten bekommen die männlichen Ferkel je eine Injektion eines spezifischen Proteins in die Halsmuskulatur verabreicht. Dieses regt die Bindung von Antikörpern gegen das gonadotrope Releasehormon (GnRH) an. Durch die Bindung dieser Antikörper an das Hormon wird dieses inaktiv, sodass im Weiteren der Impuls zur Produktion der Geschlechtshormone und des Pheromons Androstenon fehlt. Dieser Effekt tritt erst zwei Wochen nach der zweiten Impfung ein. Bis dahin sind die Tiere in ihrer Entwicklung völlig normale Jungeber. Tests haben allerdings ergeben: Die Zahl der Schlachtkörper mit Geruchsabweichungen entspricht bei immunokastrierten männlichen Mastschweinen in etwa der von unkastrierten.

Aus Japan, das beachtliche Mengen an Fleisch aus Australien, darunter auch das von immunokastrierten Jungebermast importiert, kommen Meldungen, es würden sich zunehmend Konsumenten über unangenehme Gerüche beschweren, die vom Schweinefleisch ausgehen. In Japan ist der Tischgrill weit verbreitet. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich die Gäste beschweren, wenn ihnen diese Gerüche am Esstisch die Nase hinaufgehen. Auch in Deutschland werden der Immunokastration nur geringe Chancen eingeräumt, dass sie in größerem Umfang als taugliche Alternative zur operativen Kastration zum Einsatz kommt – nicht zuletzt auch deshalb, weil Vorbehalte der Verbraucher gegen diesen Eingriff in das Erbgut erwartet werden.

Kastration unter Vollnarkose

Bleibt noch die Kastration unter Vollnarkose mit dem Anästhetikum Isofluran. Dazu sind spezielle Geräte entwickelt und von der DLG zertifiziert worden. Auch wurden zu ihrer Beschaffung Zuschüsse gewährt. In diesen Geräten werden die Ferkel, die zur Kastration anstehen, fixiert. Ihr Rüssel wird in eine Maske gesteckt, durch die das Isofluran zugeführt wird. Die Ferkel werden also gezwungen, das Narkosegas einzuatmen, bis sie bewusstlos werden.

Der Gesetzgeber wird voraussichtlich ausschließlich Isofluran als Betäubungsmittel bei der Ferkelkastration durch den Landwirt zulassen. Doch gerade dieses Narkosemittel ist unter Fachleuten sehr umstritten. Wie die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) klarstellt, ist eine gesundheitliche Gefährdung der Personen, die die Betäubung der Ferkel mit Isofluran vornehmen, durchaus gegeben. Es ist nicht mit Sicherheit auszuschließen, dass die Personen, die bei der Kastration der Ferkel anwesend sind, mit dem Narkosegas in Kontakt kommen. In einer Betriebsanweisung führt die SVLFG unter dem Titel „Gefahren für Menschen und Umwelt“ unter anderem für das leicht flüchtige Gas Isofluran an:

  • Kann Atemwege und Schleimhäute reizen.
  • Kann beim Einatmen das Herz-Kreislaufsystem und das zentrale Nervensystem schädigen.
  • Einatmen hoher Dampfkonzentrationen kann zu Schläfrigkeit, Benommenheit oder Bewusstlosigkeit führen.

Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln

Unter „Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln“ heißt es in der Betriebsanweisung der SVLFG:

  • Gute Be- und Entlüftung des Arbeitsraumes (3- bis 5-facher Luftwechsel pro Stunde) vorsehen.
  • Darf nur durch unterwiesenes Personal (Sachkunde) unter Beachtung der Sicherheitsbestimmungen gelagert und transportiert werden.
  • Aus hygienischen Gründen Schutzhandschuhe tragen.
  • Nicht rauchen, essen oder trinken.
  • Einatmen von Dämpfen und Hautkontakt vermeiden.
  • Behälter an einen gut gelüfteten Ort aufbewahren. Nicht zusammen mit Lebens- und Futtermitteln lagern.

Unter „Verhalten bei Unfällen“ ist in der Betriebsanweisung angeführt:

  • Bei Gefährdung durch Freisetzen von Isofluran ist der Gefahrenbereich sofort zu verlassen.
  • Zum Wiederbetreten der Unfallstelle ist eine Vollmaske mit AX-Filter sowie Augen-, Haut- und Körperschutz zu tragen.
  • Bei einem Brand können Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Fluorwasserstoff und Chlorwasserstoff freigesetzt werden.
Unter „Erste Hilfe“ weist die SVLFG-Betriebsanweisung an:
  • Bei Augenkontakt mindestens 10 Minuten spülen, für ärztliche Behandlung sorgen.
  • Bei Hautkontakt Haut unter fließendem Wasser mit Seife reinigen.
  • Beim Verschlucken Mund ausspülen, für ärztliche Behandlung sorgen.

Schutzhinweise belegen Gefährdungspotenzial

Diese Betriebsanweisung zeigt, dass Isofluran als Narkosegas bei der Kastration männlicher Ferkel doch nicht so unproblematisch ist, wie ist das BMEL darstellt.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass für die Anwendung von Isofluran als Narkosegas ein gesonderter Sachkundenachweis gefordert wird. Die SVLFG weist aber darauf hin: Der ab dem 1. Januar 2021 vorgeschriebene Sachkundenachweis für Personen, die die Kastration der Ferkel vornehmen, deckt den Schulungsaspekt „Arbeits-und Gesundheitsschutz“ nicht ab. Seine Grundlage findet sich dagegen im Tierschutzgesetz.
Die Betäubung der Ferkel mit Isofluran enthält also ein erhebliches Gefahrenpotenzial für Personen, die die Ferkel kastrieren. Davon, dass es auch die Gesundheit und das Wohlbefinden der Ferkel beeinträchtigt, ist auszugehen. Dazu liegen allerdings keine gesicherten Daten vor.