Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Schweinehaltung

Die Intelligenz der Schweine nutzen

ChristophBecker_JAWORR_03
Helga Gebendorfer
am Dienstag, 26.04.2022 - 10:34

Schweinehalter müssen sich um das Thema Tierwohl kümmern. Davon ist Christoph Becker überzeugt und tut genau das. Ein Erfahrungsbericht.

Was müssen die Schweinehalter selbst tun, damit sie auch in Zukunft Schweine halten können? Diese grundsätzliche Frage treibt Christoph Becker aus Reddingen in Niedersachsen um. Seit geraumer Zeit beschäftigt er sich mit dem Tierschutzgedanken – auch mit Ringelschwänzen. Der 36-Jährige referierte beim Seminar des Wissensnetzwerks Kupierverzich, aber sonst bewirtschaftet er einen Betrieb mit 120 ha Ackerfläche, 100 ha Forst, einer 420 kW Biogasanlage mit zwei Nahwärmekonzepten in eigenständiger GmbH & Co.KG sowie Schweinemast. Sein Betrieb beteiligte sich bereits bei verschiedenen Projekten: Tierschutzlabel von 2012 bis 2020, Initiative Tierwohl 2015 Ringelschwanzprämie 2016, MuD-Projekt von 2018 bis 2020 und seit 2021 Fokus Tierwohl.

„Das Schwein ist das intelligenteste Nutztier, das wir halten. Wir können das nutzen“, meint der Landwirt und fügt hinzu, dass Schweine intelligenter eingeschätzt werden als Hunde oder dreijährige Kinder. Das birgt Potenzial, um vieles zu vereinfachen. Dazu ist es nötig, sich wirklich mit den Schweinen zu beschäftigen und sich in die Tiere zu versetzen, um zu wissen, wie sie denken und fühlen. An dieser Stelle wies Becker darauf hin, dass Schweine normalerweise 80 % ihrer aktiven Zeit dazu nutzen, um zu wühlen und erkunden. Weil sie nicht schwitzen, suhlen sie sich ab 15 bis 20 °C.

Kein Nutztier ist so schlau wie das Schwein

Ein Faktor auf dem Weg zu Ringelschwänzen ist die Buchtenstrukturierung. „Dabei gilt es, nicht ein Kriterium gesondert zu betrachten, sondern alles als Ganzes zu sehen“, betont der Schweinehalter, der in seinem Stall mit Baujahr 1998 als allererstes die Lüftung ins Visier nahm. Er hinterfragte die Zugluft und kam zu dem Schluss: Schweine mögen Zugluft überhaupt nicht.

Mit Analyse und Verstand den Stall verbessern

Diese ist allerdings nicht generell schlecht, sondern nur, wenn die Schweine nicht ausweichen können. Also: Die Luftführung ist ein entscheidendes Gestaltungselement im Stall. „Man braucht nicht neu bauen, um den Tieren etwas Gutes zu tun“, sagt er. So empfiehlt er, bei der Strukturierung vorsichtig vorzugehen und diese zuerst in einer Bucht auszuprobieren.

Bei der Umsetzung in seinem Maststall mit Türganglüftung ging er folgendermaßen vor: Es wurden in der Bucht im ersten Schritt Stichwände eingezogen, sodass vorne ein Fressbereich und hinten ein Liegebereich entstand. Zur Nachbarbucht wurde ein Gitter eingebaut, an dem die Tiere abkoten. Für eine weitere Optimierung folgte im zweiten Schritt dann die Umwandlung von drei Buchten in eine Großbucht und die Verlegung von Futter- und Strohautomat nach hinten in die Liegebucht.

ChristophBecker_JAWORR_01

Denn das zweite Gestaltungelement ist das Futterangebot, wobei sich Becker die Frage stellte: Wo ist das Futter bzw. welche Chance habe ich das Angebot in die zugluftfreie Zone zu bringen? Seine Beobachtung: Die Schweine unterscheiden nicht zwischen Fress-, Aktivitäts- und Liegebereich. Diese werden tageszyklisch genutzt. „Es muss nur der Kotbereich getrennt werden“, stellte er fest und versucht, die Tiere dazu zu bringen, dass sie immer an der gleichen Stelle koten. Inzwischen liegen seine Tiere auf Platten, die durchgängig sauber sind. Den Kotbereich legten sie selbst am Trenngitter zur Nachbarbucht an – ein Abgrenzungsverhalten der zwei Herden. Der Schweinehalter empfiehlt, sofern zulässig und möglich, den Fress- und Liegebereich abzudunkeln. Im dunkleren Bereich legen sich die Tiere lieber hin, im hellen koten sie lieber ab. Praktische Lösung: Lampe mit Brett davor, im Kotbereich mit LED-Lampen ausleuchten.

Der Ferkelerzeuger legt den Grundstein

„Wir haben seit vier Jahren Erfahrungen mit unkupierten Schwänzen und sind relativ gut unterwegs“, teilt Becker mit. Die Prozentzahl intakter Schwänze schwankt auf seinem Betrieb meist zwischen 80 und 90 %. Und es gibt keine hochgradigen Verletzungen.

„Der Ferkelerzeuger legt den Grundstein, um einen Ringelschwanz zu machen. Er ist entscheidender als der Mäster. Das Verhältnis ist etwa 70:30“, betonte der Landwirt, der hinzufügte, dass beide als Einheit agieren müssen. In seinem 2015 neu gebauten Sauenstall entschied er sich für Bewegungsbuchten, Kotschieber, Dach gleich Decke etc. Auch beim Flatdeck wurden viele neue Ansätze umgesetzt wie Balkon, Raufutter und drei Futterlinien.

Am besten ist, jede Prämie mit zu nehmen

„Beschäftigung hilft, ist aber nicht alles“, meint Becker. Auf seinem Betrieb realisiert er überall Strohausläufe und es gibt mittlerweile ein Platzangebot von mindestens 1,5 m² sowie mindestens vier verschiedene Beschäftigungsmaterialien. „Alles zusammen führte dazu, dass das Schwanzbeißen deutlich vermindert, aber nicht komplett abgestellt wurde“, fasst er die Situation zusammen.

„Mit einem Strohauslauf spielen wir in einer anderen Liga“, bemerkt der Schweinehalter und verweist auf die bessere Außenwirkung beim Verbraucher. Eine Genehmigung dafür ist regionsabhängig, aber nicht immer ein Problem. „Probieren Sie es einfach und lassen Sie sich nicht entmutigen“, fordert er die Zuhörer auf.

Zum Schluss machte Becker eine ökonomische Betrachtung und verwies darauf, dass sich in den Anforderungen Überschneidungen ergeben. „Darum kann es die Kombination ausmachen: Tierschutzlabel, Initiative Tierwohl, Ringelschwanzprämie usw.“, meint er. Am besten sei, alles mitzunehmen.

Er selbst bekommt knapp 2 € Festpreis pro kg Schlachtgewicht ohne Maske (Tierschutzlabel 12 Cent Aufschlag vorher). „Damit sind wir sehr zufrieden. Das ist ein Riesenabstand zu konventionellen Betrieben“, informiert Becker. Hinzu kommen noch 16,50 € pro Tier durch die Ringelschwanzprämie hinzu. „Das macht fast 50 000 € aus, wobei ich die Hälfte an den Ferkelerzeuger durchreiche“, verriet er. Sehr erfreulich zeigt sich im Betrieb Becker seit einem Jahr mit 80 €/100 kg Zuwachs der Verlauf der Direktkosten freien Leistungen. „Das ist sehr positiv, aber es geht weiter. Ich glaube, wir wissen, was auf uns zukommt. Das Fahrwasser wird in Zukunft nicht leichter“, blickte er in die Zukunft.