Pferdefütterung

Das Heu muss zur Herde passen

Pferd
Mag. Caroline Rezabek, Tierärztin
am Mittwoch, 08.01.2020 - 13:49

Heu ist ein häufiger Konfliktpunkt: Einsteller wünschen sich rund um die Uhr Heu für ihre Vierbeiner, Stallbetreiber sehen die Kosten. Dazu kommt, dass die meisten Pferde zu dick sind und durch die Überfütterung erkranken.

Zwischen Stallbetreiber und Einsteller gibt es nicht selten Konflikte bezüglich der Fütterung ihrer Pferde. Pferdebesitzer wünschen sich oft kurze Fress­pausen, da Pferde in der Natur ca. 14 bis 18 Stunden täglich mit der Futtersuche und -aufnahme verbringen. Vor allem in Offenställen wird daher auf einen 24-stündigen freien Zugang zu Heu gesetzt.

Meistens werden ganze Rundballen mit engmaschigen Heunetzen überspannt, um die Fressdauer zu verlängern. Werden zu enge Maschen verwendet, kann dies sehr frustrierend für die Pferde sein und einen Stressfaktor darstellen. Eine lose Fütterung großer Heumengen führt im Vergleich zu kürzeren Fresszeiten und oft auch zum Verstreuen des übrig gebliebenen Heus.

Dabei ist Heu nicht gleich Heu, wie man an Beispielrationen von Freizeitpferden mit zwei verschiedenen Sorten Heu (einer „mageren“ und einer „energiereichen“) sehen kann. Die gefressene Futtermenge wurde bewusst relativ niedrig gewählt: 
Heu A enthält 5,4 MJ/kg; Heu B enthält 7,8 MJ/kg. (Durchschnitt 2019:  7,2 MJ/kg.)

Beispiel A: Shetty, 15 Jahre, 150 kg, Energiebedarf: 22,3 MJ, angenommene gefressene Futtermenge bei 24 Stunden freiem Heuzugang: 5 kg Heu.

  • Heu A: 27 MJ – hier frisst das Pony täglich 4,7 MJ zu viel.
  • Heu B: 39 MJ – hier frisst das Pony täglich 16,7 MJ zu viel.

Beispiel B: Warmblut, 600 kg, 11 Jahre, Energiebedarf: 63,04 MJ, angenommene gefressene Futtermenge bei 24 Stunden freiem Heuzugang: 13 kg Heu.

  • 13 kg Heu A: 70,2 MJ – das Warmblut frisst hier täglich 7,1 MJ zu viel.
  • 13 kg Heu B: 101,4 MJ – das Warmblut frisst täglich 38,36 MJ zu viel.

Beispiel C: Haflinger, 30 Jahre, 400 kg, Energiebedarf: 46,5 MJ, Probleme beim Kauen, angenommene gefressene Futtermenge bei 24 Stunden freiem Heuzugang: 5 kg Heu.

  • 5 kg  Heu A: 27 MJ – der Haflinger bekommt 19,5 MJ zu wenig.
  • 5 kg Heu B: 39 MJ – der Haflinger bekommt 7,5 MJ zu wenig.

Die drei Beispielpferde haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse und für keines ist die Ration optimal.

  • Beispiel A: Das Shetty erhält deutlich zu viel Energie.
  • Beispiel B: Wäre das Warmblut ein Sportpferd im Training, würde sein Energiebedarf steigen und 24 Stunden Zugang zu Heu A könnte passend sein. Es ist also entscheidend, welches Heu verfüttert wird.
  • Beispiel C: Alte Pferde haben oft schon stark abgenützte Zähne, mit denen sie das Heu nicht mehr richtig mahlen können. Trotz 24 Stunden Zugang zu Heu könnte dieser Haflinger zu mager sein und eingeweichte Heucobs brauchen.

Hält man sein Pferd im Offenstall, ist eine optimale Zusammenstellung der Herde Grundvoraussetzung für eine gesunde Fütterung. Eine Gruppe muss nicht nur charakterlich harmonisieren, sondern auch von den Fressbedürfnissen her sehr ähnlich sein. Durch Stress um Rangordnungsstreitereien am Futterplatz können rangniedere Pferde zu kurz kommen.

Für die Berechnung und Gestaltung der Ration ist es eine Heuanalyse von Vorteil, denn ohne können nur grobe Schätzungen gemacht werden. Die Folge der Fütterung über dem Bedarf ist eine Gewichtszunahme bis hin zur Verfettung.

Daraus können ernsthafte gesundheitliche Probleme entstehen: EMS (Equines Metabolisches Syndrom) und Insulinresistenz, Hufrehe und eine erhöhte Belastung von Bändern, Sehnen und Gelenken. Die stark rationierte, oft nur zweimal tägliche Fütterung, hat ebenso gesundheitliche Folgen, wenn die Fresszeiten oft nur zwei bis drei Stunden dauern und die Pausen sehr lange sind. Psychischer Stress, Magengeschwüre, Holzfressen, Koppen und andere Verhaltensstörungen können die Folge sein.

Die Heilung solcher Folgekrankheiten sowie der Gewichtsabbau bei Pferden sind wesentlich schwieriger und auch teurer als eine Prävention. Daher ist eine an den Bedarf angepasste Fütterung sehr wichtig. 

Tipps für längere Fresszeiten

Es ist eine Illusion, dass ein Pferd in freier Wildbahn 24 Stunden frisst. Wildpferde bewegen sich während der Futtersuche 30 bis 50 km am Tag und nehmen meist energieärmere Nahrung auf, als das hier hergestellte Heu. Um einen 24-stündigen Zugang zu Heu gewährleisten zu können, ohne das Pferd verfetten zu lassen, bräuchte man ein sehr energiearmes Heu. Nur selten hat man in der Pferdehaltung für alle Pferde das optimale Raufutter zur Verfügung. Eine möglichst lange Fresszeit ohne Überversorgung ist das Ziel. Nachfolgend einige Ideen, die in Boxen- und Offenstallhaltung umgesetzt werden können:

  • Rationierte Fütterung: Mehrere kleine Portionen (mindestens 4 bis 5) lose oder auch in Heunetzen anbieten. Die richtige Maschenweite der Heunetze ist dabei entscheidend, für die meisten Pferde sind 4 bis 5 cm ideal. Kleinere Maschenweiten empfehlen sich meist nur für kleine Ponys. Alternativ können auch Futtertröge mit Netzrahmen bespannt werden.
  • Einen Teil der Ration lose füttern, einen Teil im Heunetz: Der erste Hunger kann in einer natürlichen Fress­haltung am Boden durch loses Heu gedeckt werden. Heunetze können von den Pferdebesitzern selbst befüllt werden, was den Arbeitsaufwand für den Stallbetreiber vermindert.
  • Futterstroh als Heuersatz: Ein Drittel der Heuration kann durch gutes Futterstroh ersetzt werden, um den Energiegehalt zu senken. Eine reine Strohfütterung würde allerdings zu Verstopfungen und Mineral­stoffmangel führen.
  • Äste füttern: Ungiftige dünne Äste und Zweige mit Blättern werden von Pferden sehr gern gefressen und dienen als gesunde, natürliche Beschäftigung, welche lange Fresspausen unterbrechen kann. Das können z. B. Äste von Weiden, Birken, ungespritzen Obstbäumen, Linden, Haselnuss und Himbeeren sein.
  • Bewegung steigern: Die meisten Freizeitpferde bewegen sich zu wenig. Ein sinnvolles Training, welches Kondition und Muskeln aufbaut ist der beste Weg um Verfettung vorzubeugen.
  • Bewegungsanreize schaffen: Genügend Platz zum Traben und Galoppieren, Spielgefährten, Unterteilungen durch Baumstämme oder das Abstecken von Gängen und eine auseinanderliegende Futter- und Tränkestelle im Auslauf können Pferde motivieren, sich selbst mehr zu bewegen.
  • Maulkorb auf der Weide: Bei dieser Fressbremse muss auf eine gute Qualität und Passform, sowie auf nicht zu große Öffnungen der Platte geachtet werden, idealerweise mit einer zahnfreundlichen Einlageplatte. Das Benutzen muss vom Pferd geübt werden und ist abhängig von der Grashöhe. Maulkörbe schränken allerdings die Fellpflege und soziale Interaktionen ein und können bei Dauernutzung zu Zahnschäden führen. Jedoch können sie eine Alternative beim Abspecken sein, um das Pferd mit der gewohnten Herde (länger) auf die Weide stellen zu können.
  • Heuautomaten: Verkäufliche Heuautomaten, auch für einzelne Boxen, sind relativ teuer. Eine günstige Alternative können selbstgemachte Automaten sein, hierfür finden sich sehr viele Anleitungen und Ideen im Internet. Durch die automatische Fütterung sinkt der Arbeitsaufwand, da die Automaten meist nur einmal täglich befüllt werden müssen und Pferde sogar Nachts eine Ration erhalten.

Die Bedürfnisse des Pferdes können je nach Rasse, Alter, Training und Gesundheitszustand sehr unterschiedlich sein. Die vorgeschlagenen Ideen sollen der Inspiration dienen und sind durch ein gemeinsames Engagement im Stall leicht umzusetzen, zum Wohle der Pferde.