Wolfsabwehr

Herdenschutzhunde - Ärger ist vorprogrammiert

Herdenschutzhund
Johann Fruth, Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger
am Dienstag, 01.10.2019 - 15:39

Herdenschutzhunde sollen Weidetiere vorm Wolf schützen. Hier wird noch übersehen, dass Probleme wie Angriffe auf Wanderer und Hunde auftreten werden. Und was ist, wenn sich Herdenschutzhunde mit Wölfen paaren?

Weidetierhalter sehen die Rückkehr des Wolfes mit Argwohn. Sie fürchten um ihre Bestände und dass sich die Wölfe daran bedienen. Manche sehen sich veranlasst, durch die Anschaffung von Herdenschutzhunden Vorsorge gegen Wolfsattacken zu treffen. Aufgabe der Herdenschutzhunde ist es, bei der Herde zu verbleiben und diese gegen umherziehende oder beutesuchende Wölfe zu verteidigen. Der Einsatz eines einzigen Hundes ist hierbei wenig erfolgsversprechend. Für eine wirksame Verteidigung gegen Übergriffe durch Wölfe sollten mindestens zwei oder mehr Hunde bei der Herde verbleiben.

Die Aufgabe von Herdenschutzhunden ist es, eigenverantwortlich das Vieh und das Anwesen des Bauern zu schützen und zu verteidigen. Die Hunde sind eindeutig molossoider Prägung, wie zum Beispiel auch Cane Corso, Fila Brasileiro, Dogo Argentino oder Rottweiler, die bereits alle in der bayerischen Kampfhundeverordnung aufgelistet sind. Von den klassischen Herdenschutzhunden ist einzig der Mastin Espanol unter § 1 Abs. 2 der Kampfhundeverordnung gelistet. Zu den geläufigen Herdenschutzhunderassen wie z. B. Akbash, Kangal (Anatolien), Owtscharka (Kaukasus), Do Khyi (Tibet), Polski Owczarek (Tatra) kommen noch unzählige nicht näher definierter Herdenschutzhunde verschiedener  Landschläge hinzu, für deren Ein­fuhr, Haltung, Zucht und Ausbildung es keinerlei gesetzliche Reglementierung gibt.

Herdenschutzhunde werden über 90 cm Schulterhöhe groß und erreichen ein Gewicht von bis zu 100 kg (zum Vergleich: Rottweilerrüden erreichen bis zu 70 cm Schulterhöhe und bis zu 60 kg Gewicht). 
Ihre ausgeprägte Standorttreue zu Vieh und Hof sowie ihre kompromiss­lose Bereitschaft, ihr angestammtes Territorium zu verteidigen, werden ausdrücklich hervorgehoben. Dabei bleibt aber unerwähnt, dass diese Hunde selbständig entscheiden und keinen Unterschied zwischen einem streunenden Wolf oder einem Hund mit Halter, möglicherweise auch einem Urlauber oder Freizeitsportler, machen. Sie erledigen ihre Aufgabe immer mit dem gleichen Ziel und dem gleichen Ergebnis.
 

Schutzhunde zeichnen sich durch hohe Wehrbereitschaft aus

Vom Erscheinungsbild und hinsichtlich ihrer Herkunft lässt sich der Herdenschutzhund  nur sehr unzureichend beschreiben, da er aus vollkommen unterschiedlichen, meist sehr entlegenen Regionen Europas und Asiens stammt. Je nach klimatischen, geologischen und sonstigen äußeren Bedingungen (Ernährung, Aufgabe, Viehbestand) entwickelten sich eine Fülle unterschiedlichster Landschläge, die selbst regional von Tal zu Tal bzw. zwischen Gebirgsregion und Flachland differieren.

Neben ihrer Größe, Masse und Robustheit zeichnen sie sich durch einen sehr niedrigen Domestikationsgrad und eine sehr hohe Wehrbereitschaft aus. Sie müssen nicht eigens für ihre Aufgabe und Verwendung ausgebildet werden, sondern erfüllen ihre Pflicht instinktiv im Rudel. Ihre Lernbereitschaft und ihre Bereitschaft, sich unterzuordnen, sind im Vergleich zu den modernen und hoch entwickelten Hütehunden (Border Collie, Australian Sheperd), den Gebrauchshunden (Malinois, Schäferhund), den Jagdhunden (Weimaraner, Deutsch Drahthaar, Münsterländer), den Apportierhunden (Labrador, Golden Retriever) oder den sonstigen modernen Züchtungen bewusst reduziert.

Die sozialen Bedürfnisse der Herdenschutzhunde sind nicht auf menschliche Nähe und Aufmerksamkeit ausgerichtet, sondern beschränken sich auf den Schutz ihres Territoriums mit Ziegen, Schafen, Eseln oder Rindern.

Angriffe sind kaum vorhersehbar

Ein höchst problematischer  Auswuchs des niedrigen Domestikationsgrades sind ein nur vermeintlich sehr ausgeprägtes Phlegma, mangelnde Führigkeit  und eine stark reduzierte Körpersprache insbesondere mit fehlenden Warnfunktionen. Ihr drolliges Aussehen mit einem langen Zottelfell und ihr stoischer Ausdruck verleiten den Laien sich in höchste Gefahr zu begeben.

Die Hunde drohen nicht vor Angriffen, sondern bleiben statisch und wirken auch im Vorfeld von Angriffen nahezu apathisch. Ihre Attacken finden dann explosiv und final statt. Nicht selten richtet sich die Aggression dieser Hunde nicht nur gegen Wölfe, sondern auch gegen Menschen, bisweilen auch gegen den Hundehalter und dessen Familie.

Will der Weidetierhalter einen effektiven Schutz seiner Herde, ist es mit einem einzigen Hund nicht getan. Nur im Rudel entfalten die Herdenschutzhunde eine wirksame Wehrhaftigkeit und sind in der Lage, Wölfe zu vertreiben oder fernzuhalten. Im Rudel stehen die Hunde aber nicht mehr in der Hand des Halters, sondern entwickeln ein Höchstmaß an unberechenbarer Eigendynamik, die durch Ausbildung oder Lernverhalten nicht zurückgefahren werden kann.

Dieses geballte Potenzial an territorialer Aggression kann nicht zuverlässig kontrolliert werden.  Der Freizeitdruck in vielen bayerischen Regionen ist derart hoch, dass lebensbedrohliche Konfrontationen mit Wanderern, Freizeitsportlern und Urlaubern vorprogrammiert sind.

Die Frage der Haltung und Beherrschung wird ausgeblendet

Die Frage der Haltung und Beherrschung dieser Hunde wird bislang  vollkommen ausgeblendet. Grundsätzlich regelt der Gesetzgeber nur sehr vage, dass hierzu eine ausbruchssichere Unterbringung und ein geeigneter Hundeführer erforderlich sind.  Es steht außer Frage, dass hierfür weder minderjährige Kinder, noch die Großmutter als geeignete Hundeführer in Frage kommen. Selbst ein gestandenes Mannsbild dürfte mit einem 90-Kilo-Koloss an der Leine überfordert sein. Zwei oder mehr Hunde sind auch von mehreren Personen nicht mehr beherrschbar.

Hohes Haftungsrisiko

Hinsichtlich der Haftung birgt diese Hundehaltung zusätzlich ein immenses Risiko für den Halter. Der Gesetzgeber unterscheidet in § 833 des Bürgerlichen Gesetzbuches ganz klar zwischen der Haltung von Luxustieren (§ 833 Satz 1) und Berufstieren (§833 Satz 2), die dem Erwerbe des Tierhalters dienen.

Sollten im Haftungsfall Versicherer oder Gerichte zu dem Ergebnis kommen, dass es sich bei der Haltung von Herdengebrauchshunden durch einen Nebenerwerbslandwirt um eine Luxustierhaltung handelt, muss der Hundehalter den Nachweis erbringen, dass er alle im Umgang („Verkehr“) erforderlichen Pflichten erfüllt hat. Dies wird ihm in der Regel nicht gelingen, wenn es bereits zu einem Personenschaden gekommen ist. Lediglich im Falle der Berufstiere (z. B. Arbeitspferd, Rückpferd oder Diensthunde der Polizei) ist aufgrund der gesetzlichen Umkehr der Beweislast der Geschädigte zum Nachweis verpflichtet, dass der Hundehalter gegen Sorgfaltspflichten verstoßen hat.

Grundsätzlich ist bei Verstößen gegen Halterpflichten mit Personenschaden auch ein Strafverfahren gegen den Hundehalter die Regel. Zusätzlich ist die Gemeinde verpflichtet, als Sicherheitsbehörde den Schutz der Öffentlichkeit vor gefährlichen Hunden zu gewährleisten. Unter Umständen kann, bzw. muss die Gemeinde die Wegnahme der Hunde oder deren Tötung anordnen.

Kurze Weidephase

Sollte nunmehr im Zuge einer überhitzten Wolfsdebatte die Anschaffung von Herdenschutzhunden durch Schafhalter zunehmen, ist zu befürchten, dass hierdurch Probleme entstehen, die derzeit nicht ansatzweise erkannt werden.

Die Weidephase mit dem Einsatz der Hunde erstreckt sich auf wenige Monate von Sommer bis zum Spätherbst. In dieser Zeit herrscht in den bayerischen Urlaubsregionen und Naherholungsgebieten abseits der Städte ein hoher Freizeitdruck. Die Hunde in dieser Zeit ohne Aufsicht bestimmungsgemäß bei der Herde zu belassen, wäre trotz Absicherung durch einen Weidezaun hoch riskant.

Die Menschen erkennen nicht die Gefahr, in die sie sich durch eine Annäherung begeben. Übergriffe auf Menschen oder fremde Hunde sind zu erwarten. Es ist ferner nicht davon auszugehen, dass ein Hundehalter, unerwünschtes oder eskalierendes Verhalten dieser Hunde selbst bei entsprechender Beaufsichtigung abstellen kann.

In der weidefreien Zeit von Spätherbst bis Frühsommer sind die Herdenschutzhunde ohne Aufgabe. Dann ist unerwünschtes und unkontrollierbares Aggressionsverhalten durch die mangelnde Beschäftigung zu befürchten. Nicht bedacht wurde auch, dass sich Herdenschutzhunde mit Wölfen paaren können. Welchen Status genießen die erzeugten Hybriden? Unterliegen sie dem Naturschutz, dem Jagdrecht oder gilt das Tierschutzrecht? Es könnte eine problematische Mischung aus Kaniden entstehen, die das Wolfsproblem weit in den Hintergrund rücken lässt.

Weidetierhalter wären gut beraten, sich in erster Linie Gedanken über ein sicheres Zaunmanagement zu machen. In einigen Betrieben funktioniert die zusätzliche Haltung von Herdenschutzhunden reibungslos, wenn geeignete Hunde angeschafft werden und ein geordneter Betriebsablauf gewährleistet ist. Dies ist jedoch mit einem immensen finanziellen Aufwand, einem erhöhten Arbeitsaufwand und einem entsprechenden Haftungsrisiko verbunden.