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Sauenhaltung

Gruppensäugen gegen Stress

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Lorenz Märtl
am Montag, 20.12.2021 - 10:37

Bekannte Gruppen von trächtigen Sauen und abgesetzten Ferkeln fördern das Tierwohl. Das ist ein Grund, warum das Konzept des Ferkelerzeugers Florian Hoenmans-Leurs beim „Preis der Tiergesundheit“ ausgezeichnet wurde.

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Abgesehen davon, dass er in der momentanen Situation überhaupt keinen neuen Stall bauen würde, ist Florian Hoenmans-Leurs aus Kempen am Niederrhein bis auf ein paar Kleinigkeiten im Schutzbereich zufrieden mit dem 2020 umgesetzten System, das auf eine frühe Sozialisation der Ferkel durch Gruppensäugen setzt.

Das Konzept wurde bei dem vom MSD Tiergesundheit ausgelobten „Preis der Tiergesundheit“ mit einem 3. Preis bedacht – dotiert mit 8000 €, die der junge Betriebsleiter dafür verwenden will „um die Qualität, die wir für die Ferkelerzeugung geschaffen haben auch auf den Mastbetrieb auszuweiten.“ Im Rahmen einer Online-Veranstaltung der Landwirte-Akademie, organisiert von MSD Tiergesundheit, präsentierte der innovative Schweinehalter das Haltungssystem und berichtete über seine Erfahrungen.

Für Florian Hoenmans-Leurs, der zusammen mit seinen Eltern einen Ferkelerzeugerbetrieb mit 320 Sauen im teilgeschlossenen System bewirtschaftet, stehen Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere an oberster Stelle. Um den Ferkeln einen optimalen Start zu bieten, entschied er sich beim Stallneubau im letzten Jahr dazu, den Abferkelbereich auf das System des Gruppensäugens umzustellen. Dabei leben immer acht Muttersauen mit ihren 100 bis 120 Ferkeln in einer Art Rotte zusammen. „Weil die Sozialisierung der Ferkel nicht erst beim Absetzen, sondern schon in der Säugephase stattfindet, haben die Tiere deutlich weniger Probleme mit Beißereien und Rangkämpfen, was den Stress in der Gruppe deutlich mindert“, berichtet Hoenmans-Leurs.

Der Neubau wurde gründlich geplant

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Den Neubau des Sauenstalls hat sich die Familie lange und gründlich überlegt, um konventionell markt- und konkurrenzfähig, aber gleichzeitig flexibel für künftige Anforderungen an Haltung und Vermarktung zu bleiben. Die ausführliche Planungsphase begann schon während des Studiums von Florian Hoenmans-Leurs.

Nach der Besichtigung verschiedener Haltungskonzepte in ganz Deutschland wurde im November 2017 das Emissionsgutachten in Auftrag gegeben, die finale Plangenehmigung erfolgte im Oktober 2019, Baubeginn war Ende November und voll funktionsfähig war der Neubau für 320 Sauen inkl. Ferkelaufzucht im August 2020.

Die Ausführung erfolgte als Dach-Decke-Stall mit Lichtbändern in der Decke über dem Laufbereich der Tiere, Wandventilen, Zentralabsaugung und Erdwärmetauscher, ein Aspekt, der dem Schweinehalter hinsichtlich einer optimierten Klimaregulierung zum Wohl der Tiere besonders wichtig war. So konnte man sich sowohl den Einbau technisch aufwendiger Kühlsysteme sparen als auch erheblich Energie einsparen. Die im Außenbereich verlegten Drainagerohre sorgen im Winter für Wärme und im Sommer für Kühlung. Selbst bei 38 Grad Außentemperatur wurden 30 Grad im Stall nicht überschritten.

Deck-Warteställe reduzieren Stress

Eine weitere Besonderheit des Stalls sind die integrierten Deck-Warteställe statt eines separaten Deckzentrums, was für eine Reduzierung des Umstallstresses sorgt und keine wiederholte Gruppenneubildung erfordert. Jeder Sau stehen drei Quadratmeter zur Verfügung, eine Lösung der Fünf-Quadratmeter-Problematik ist ohne großen Aufwand möglich.
Die Selbstfang-Fress-Liegebuchten verfügen über Salon-Türen, das Tier/Fressplatz-Verhältnis von 1:1 erlaubt die Fütterung in Konditionsklassen und eine optimale Tierkontrolle. Als untereinander bekannte 8er- bzw. 16er-Gruppen wechseln die Sauen in den Abferkelstall, was verminderten Stress durch den Wegfall der Gruppenneubildung bedeutet.
In den Abferkelstall sind klassische Abferkelbuchten (2,4 x 1,8 m) mit Ferkelschutzkorb eingebaut. Das Einstallen findet sieben Tage vor Geburtstermin statt, die Türen zum Gruppen-Bewegungsraum (3,6 x 8 m) bleiben geöffnet und die Muttersauen können sich bis 48 Stunden vor der Geburt frei bewegen, bevor sie fixiert werden. Die Geburt selbst wird von Vater und Sohn intensiv überwacht, Nachtschichten im Fünf-Wochen-Rhythmus inbegriffen. Ein Einsatz, der sich angesichts der geringen Saugferkelverluste von nur 8 % bis zum Tag des Freilaufs lohnt.

Schnell ins Ferkelnest und an die Zitzen

Während der Geburt (durchschnittlich 14,5 lebend geborene Ferkel, Tendenz steigend) wird das Augenmerk darauf gelegt, dass die Ferkel schnell ins warme Ferkelnest und an das Gesäuge gelangen. Nach dem Einkürzen der Nabelschnur gönnt man den Ferkeln fünf Tage Ruhe, bevor die obligatorische Behandlung erfolgt: Eisenspritze, Ohrmarke und Kastration der männlichen Tiere.
Wenn zwei Tage später die Wunden abgeheilt sind, werden die Schieber der jeweils acht Ferkelnester, die zu einer Sauengruppe zählen, geöffnet. 100 bis 120 Ferkel wuseln durcheinander und können sich so bereits früh aneinander gewöhnen. Einen Tag später werden auch die Kastenstände der Sauen geöffnet, das Gruppensäugen startet.
Die Tiere machen einen sehr entspannten Eindruck. Der Landwirt sieht die Vorteile im flexiblen System mit konventionellen Buchten, dem großen Bewegungsraum für das einzelne Tier, der guten Zugänglichkeit durch einfache Aufstallung und niedrige Buchtenwände, die frühe Gewöhnung der Ferkel an das künftige Fütterungssystem und die anderen Ferkel, und ohne großen Aufwand ist auch ein eventuell notwendig werdender Außenklimareiz durch den Einbau einer Tür zu gewährleisten.
Als Nachteile gegenüber der Einzelhaltung nennt Hoenmans-Leurs Fremdsäugen und leichtes Auseinanderwachsen sowie eine erhöhte Anzahl an Gelenkentzündungen, die er auf 10 bis 15 Ferkel unter 1000 beziffert.

Ferkel bleiben nach der Trennung im Abferkelstall

Nach 28 Tagen Säugezeit erfolgt die Trennung von den Muttersauen. Während diese umgestallt werden, verbleiben die Ferkel für weitere vier Wochen zur Aufzucht im Abferkelstall. Die Fütterung erfolgt über die Flüssig-Beifütterungsanlage und bodentiefe Futterautomaten der Sauen, zu denen sie schon von Anfang an freien Zugang hatten. Nach einer Woche wird die Flüssig-Fütterung abgesetzt.
Mit acht Wochen Lebensalter haben die Ferkel ein Gewicht zwischen 19 und 21 kg und werden als sich kennende Gruppe an den Mäster verkauft. Jene Ferkel, die Nachholbedarf haben, werden im Reste-Flatdeck nachgezogen und wandern in der Regel in den eigenen Maststall.

Die Vorteile überwiegen auch bei der Aufzucht

Für Florian Hoenmans-Leurs überwiegen auch bei der Aufzucht im Abferkelstall die Vorteile: reduzierter Absetzstress, bekannte Fütterungstechnik, Buchtenstruktur und Buchtengenossen, Arbeitsreduzierung, Waschwasserreduktion sowie schnelles Wachstum. Die Kehrseite der Medaille sind die leicht erhöhten Baukosten gegenüber einem separaten Flatdeck. Auf den Ferkelplatz könne man es nicht herunterrechnen, „aber bei unserem System kommen wir pro Sauenplatz auf rund 5500 Euro netto.“
Der Praktiker verweist auf den „erhöhten Kontrollaufwand und die strikte Einhaltung des Rhythmus.“ Für das Waschen bis zur nächsten Aufstallung bleiben genau zwei Tage Zeit. Das Aufstallen wie auch das Absetzen pro 80 Sauen ist in jeweils 30 Minuten erledigt. Auf die Frage zur Arbeitszeit antwortet er, „dass man bei einem neuen Stall euphorisch und motiviert ist, aber langfristig möchte ich pro Sau und Jahr unter zehn Stunden kommen.“