Tiergesundheit

Genug zu tun? - Schweine wollen beschäftigt sein

Schweinehaltung
Dr. Christina Jais, LfL, Landtechnik und Tierhaltung
am Freitag, 21.06.2019 - 11:33

Schweine wollen ihre Umgebung erkunden und nach Nahrung suchen. Bleibt dieses Bedürfnis unbefriedigt, kann das im Verhalten zu Schwanz- und Ohrenbeißen oder Flankensaugen führen.

Das  Angebot  attraktiver, hochwertiger Beschäftigungsmöglichkeiten ist ein wesentlicher Baustein dafür, das Auftreten von Schwanz- und Ohrenbeißen bei Schweinen zu verringern. Daher fordert die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, dass jedes Schwein ständig Zugang zu untersuch-, beweg- und veränderbarem Beschäftigungsmaterial haben muss (§ 26). 
Deswegen ist es nur folgerichtig, das Beschäftigungsangebot im Rahmen der Risikoanalyse zu bewerten. Die Analyse ist Teil des nationalen Aktionsplans Kupierverzicht und muss zusammen mit der Tierhaltererklärung erstmals bis zum 1. Juli 2019 für jeden Betrieb vorliegen. Über den Aktionsplan Schwanzkupieren waren bereits in Wochenblatt 14/2019 und 24/2019 Artikel, weitere werden folgen.

Im Rahmen der Risikoanalyse sind folgende vier Fragen zu beantworten:

  1. Welche Beschäftigungsmaterialien werden eingesetzt?
  2. Welche Eigenschaften weisen diese Beschäftigungsmaterialien in der Summe auf?
  3. Wie viele Tiere beschäftigen sich mit den Materialien?
  4. Wie ist die Gesamteinschätzung zum Beschäftigungsmaterial?

Formular zur Risikoanalyse

SChwein beschäftigen

Im Folgenden soll nun an einem Beispiel erläutert werden, wie das Formular zur Risikoanalyse in Punkt 2.1 Beschäftigung ausgefüllt werden kann.

Frage 1: „Welche Beschäftigungsmaterialien/-objekte werden (parallel) eingesetzt?“

Angenommen, ein Betrieb führt die Risikoanalyse für die Ferkelaufzucht durch und setzt hier bei den älteren Tieren (Aufzuchtferkel in der Regel am Ende der Aufzucht) in allen Buchten Naturseile (aus Baumwolle o. ä. Materialien) und Holz ein, das an einer Kette befestigt ist. Beide Beschäftigungsangebote stehen permanent in der Bucht zur Verfügung. Die älteren Tiere sind unter A2 einzutragen. Ältere Tiere sind im jeweiligen Produktionsabschnitt Aufzucht oder Mast die Tiere, die sich am Ende der Aufzucht oder der Mast befinden. Geht man bei A2-Tieren in der Mast von einer Beurteilung in der Woche vor dem Schlachttermin aus, ist das Alter von den Vermarktungsstrukturen (u. a. angestrebtes Schlachtgewicht) abhängig.

Bei den jüngeren Tieren, also Tieren, die sich am Anfang der Aufzucht oder der Mast befinden (Saugferkel: i. d. R. in der Woche vor dem Absetzen,  Aufzuchtferkel: i. d. R. am Anfang der Aufzucht), die unter A1 einzutragen sind, gibt es ebenfalls das an einer Kette befestigte Holz. Statt der Baumwollseile wird aber morgens und abends jeweils eine kleine Menge Luzernecobs in einer Trogschale gegeben, die bis zur nächsten Befüllung meist wieder leer ist. In der Risikoanalyse wird diese Situation folgendermaßen erfasst (Abb. 1: Beschäftigung) 

Eingesetzte Materialien

Schwanzbeißen

Frage 2: „Summe der Eigenschaften der eingesetzten Materialien je Abteil“
Hier werden vier Eigenschaften unterschieden: essbar, kaubar, untersuchbar, beweg- und bearbeitbar. Was damit genau gemeint ist und welche Beschäftigungsmaterialien welche Eigenschaften aufweisen, wird in Kapitel 3 der Risikoanalyse auf S. 12 erklärt (Abb. 2: „Beschäftigungsmaterialien haben unterschiedliche Eigenschaften“).

Schwanzbeißen

Essbar bedeutet, dass das Beschäftigungsmaterial gefressen werden kann, es einen ernährungsphysiologischen Wert hat und günstig auf die Verdauung wirkt. Es soll getrennt von der Kraftfuttergabe angeboten werden. Hierzu zählen zum Beispiel Heu, Stroh, Luzerne in loser und gepresster Form, aber auch andere Fasermixe und Presslinge. Kaubar ist ein Beschäftigungsmaterial, wenn das Schwein, etwa wie auf Seilen, darauf herumbeißen kann. Materialien, in denen das Schwein wühlen kann, werden untersuchbar genannt. Das gilt etwa für Sägespäne. Wenn die Schweine ein Beschäftigungsangebot z.B. durch Beißen in der Form verändern und seine Position ändern können, wie etwa Holz an einer Kette, dann ist dieses Beschäftigungsangebot beweg- und bearbeitbar.

Bei den älteren Ferkeln (A2) des Beispielbetriebs decken die vorhandenen Beschäftigungsangebote – Naturseile und Holz an der Kette – nur drei dieser vier Merkmale ab. Keines der beiden Materialien ist essbar. Bei den jüngeren Ferkeln (A1) erfüllen dagegen bereits die Luzernecobs alle vier Eigenschaften (Abb. 3).

Beschäftigungsmaterial akzeptiert?

Schwanzbeißen

Frage 3: „Wie  viel Prozent der Tiere nutzen das Beschäftigungsmaterial je Abteil (Momentaufnahme)?“

Im Abteil der älteren Ferkel (A2) befinden sich acht Buchten mit je 25 Tieren. Der Landwirt beobachtet die Ferkel im Zuge des abendlichen Kontrollgangs, da die Tiere am Nachmittag aktiver sind. Er betrachtet jede Bucht einen Augenblick lang und zählt die Tiere, die sich an den genannten Materialien beschäftigen. In Bucht 1 beißt ein Ferkel am Holz, drei weitere ziehen an den Naturseilen, usw. Über alle acht Buchten hinweg zählt er fünf Ferkel am Holz und 23 Tiere an den Naturseilen, insgesamt also 28 Tiere, die sich mit den angebotenen Beschäftigungsmaterialien gleichzeitig beschäftigen. Das entspricht 14 % der insgesamt 200 Tiere im Abteil.

Bei den  jüngeren Ferkeln (A1) weist das Abteil ebenfalls acht  Buchten mit jeweils 25 Tieren auf. Als der Landwirt das Abteil abends betritt, gibt er frische Luzernecobs in die dafür vorgesehenen Trogschalen und beobachtet dann das Beschäftigungsverhalten Bucht für Bucht. Über alle acht Buchten hinweg zählt er sechs Ferkel am Holz und 48 Tiere an den Schalen mit Luzernecobs. Die zusammen 54 Ferkel entsprechen 27 %  aller Tiere im Abteil (Abb. 4).

Einschätzung zum Beschäftigungsmaterial

Schwanzbeißen

Frage 4: „Einschätzung zum Beschäftigungsmaterial insgesamt je Abteil“
Hier ist die subjektive Einschätzung des Landwirts, auch unter Berücksichtigung der zu den Fragen 1 bis 3 gegebenen Antworten, gefragt. Zusätzlich bietet es sich an, das Verhalten der Tiere mit in die Bewertung einzubeziehen (Abb. 5). Im Beispiel wirken sowohl die jüngeren wie auch die älteren Tiere ruhig. Es sind keine Anzeichen von Ohren- oder Schwanzbeißen zu beobachten, auch benagen sich die Ferkel nicht an Bauch oder Flanke.  Lediglich in einer Bucht (Bucht 6) mit älteren Ferkeln (A2) ist solches Verhalten zu erkennen, es gibt einzelne Tiere, die deutlich gerötete bis offene Stellen in der Flanke aufweisen.

Der Landwirt beschließt, als Gegenmaßnahme in dieser Bucht die Anzahl der Naturseile zu erhöhen und zugleich die alten, schon etwas abgekauten, auszutauschen (Abb. 6).

Aus der schon genannten Tabelle zur Erläuterung der Risikoanalyse  ist leicht zu erkennen, dass Beschäftigungsmaterial umso wertvoller ist, je mehr Eigenschaften es besitzt.  
Sowohl Praxisbetriebe wie auch Versuche, etwa der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft am Lehr,- Versuchs- und Fachzentrum für Schweinehaltung in Schwarzenau, bestätigen immer wieder, dass gerade essbare Angebote wie Heu, Stroh, Luzerne, lose oder gepresst, vorbeugend und heilend gegen Schwanz- und Ohrenbeißen wirken.

Diese Materialien eignen sich also hervorragend, um einen Beißausbruch zu beenden. Sie sollten in jedem Betrieb in guter Qualität vorrätig sein und zumindest im Notfall schnell eingesetzt werden können. Dafür sind dann auch die entsprechenden Raufen, Körbe oder Tröge bereitzuhalten.