Berglandwirtschaft

Wann geht’s auf den Berg?

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Siegfried Steinberger, LfL Tierernährung, Grub
am Donnerstag, 06.05.2021 - 10:04

Obwohl sich der April dieses Jahr von seiner kühlen Seite gezeigt hat, sind viele Almen bereits großflächig schneefrei. Nur an den Nordseiten finden sich noch größere Schneereste. Jetzt gilt es, den Almauftrieb rechtzeitig zu planen.

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Ein rechtzeitiger Alm- oder Alpauftrieb mit ausreichend Vieh zu Beginn der Vegetationszeit sichert eine qualitativ hochwertige Futterqualität über die gesamte Weidesaison hinweg. Denn das frühe Beweiden und eine gleichzeitige Koppelführung ermöglichen es, zeitlich begrenzt einen hohen Weidedruck auf die Fläche auszuüben. Dadurch werden viele Almunkräuter, wie Blaubeere, Besenheide, Hahnenfußgewächse, Farne, Weißer Germer, Ampfer, Alpenkreuzkraut und viele andere, im sehr frühen Entwicklungsstadium gefressen und in ihrer Entwicklung stark gehemmt.

Eine konsequente Umsetzung dieser Maßnahme führt letztlich zu weniger Problempflanzen. Außerdem fördert der frühzeitige Austrieb die Narbendichte wertvoller Gräser und Kräuter und reduziert so ganz allgemein Trittschäden und Erosion.

Zu den sich immer mehr ausbreitenden Problempflanzen gehört auch das Borstgras (sog. Bürstling). Es wird ab Beginn der Blüte vom Weidevieh verschmäht, und so kann es auf den Weiden mächtige, modrig riechende Streuauflagen bilden. Ein früher Verbiss jedoch hindert den Bürstling daran, Blütenstände zu entwickeln. Dadurch werden fortwährend über den Almsommer hinweg frische Blätter ausgebildet.

Koppelwirtschaft für gutes Futters

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Mittels Koppelwirtschaft können diese Weidebereiche mehrmals im Jahr mit frischem Aufwuchs bei guter Futterqualität abgeweidet werden. Das Foto links zeigt einen frischen zweiten Aufwuchs nach vorangegangenem, intensivem Verbiss zu Vegetationsbeginn.

Gut zu erkennen sind auch noch die Streureste des Aufwuchses aus dem Vorjahr, welcher nicht gefressen wurde. Diese werden im Laufe des Sommers kompostieren und in den Folgejahren nicht mehr vorhanden sein, da der neue Aufwuchs nun gefressen wird.

Auf vielen Almen ist vor allem in den Randbereichen eine zunehmende Verstrauchung zu beobachten. Besonders Blaubeeren breiten sich mancherorts massiv aus.

Mehrmalige Beweidung gegen Verstrauchung

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Um die Verstrauchung zu vermeiden, ist eine zeitgerechte, mehrmalige Beweidung während des Sommers bestens geeignet, um diesem Überhandnehmen Einhalt zu bieten bzw. eine Reduzierung der Blaubeerpflanzen zu erreichen. Der frische Austrieb der Beeren ist noch weich, leicht säuerlich und wird vom Vieh problemlos gefressen.

Nach dem Umtrieb (Koppelung) müssen die Pflanzen ein zweites Mal mit einem Neuaustrieb beginnen. Aufgrund fehlender Assimilationsfläche über die Blätter erfolgt der Wiederaustrieb aus den Wurzelreserven. Dies schwächt die Pflanzen enorm. Ein Koppelumtriebssystem ermöglicht es, nun mehrmals im Jahr den frischen Austrieb analog zum Frühjahr abzufressen. Somit ist die Pflanze ständig gezwungen, ihre Reservestoffe zu verbrauchen, und kann keine neuen anlegen. In Folge kümmern die Blaubeerpflanzen und in Kombination mit dem Vertritt durch die Tiere sterben sie letztlich ab.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Auftrieb?

Der Alm- bzw. Alpauftriebszeitpunkt richtet sich ausschließlich nach dem aktuellen Vegetationsstand und den vorherrschenden Witterungsverhältnissen. Der viel zitierte Satz zum rechtzeitigen Auftrieb „die Alm muss unten grün, in der Mitte braun und oben weiß sein“ gilt allerdings nur in Ausnahmejahren. Für Jahre mit sehr viel Altschnee und kühler Witterung im Frühjahr trifft dies zu.

In der Regel werden die Almen und Alpen auf Grund der geringen Höhenunterschiede und als Folge der Klimaerwärmung jedoch relativ gleichmäßig grün. Ausnahmen sind schattseitige Hänge oder größere Schneeverfrachtungen im Winter. Der Auftrieb hat zu erfolgen, wenn die Gunstlagen einen Aufwuchs gebildet haben und weite Teile der Alm bzw. Alp beginnen zu ergrünen. Almen bzw. Alpen, welche einen geringen Höhenunterschied innerhalb der Weiden aufweisen, sind zu bestoßen, sobald die Senken in den Weiden grün geworden sind.

Vorbereitet sein, wenn die Vegetation explodiert

Vor allem sollten beim Ergrünen der Flächen bereits die notwendigen Zäunungen, Tränkekontrollen etc. durchgeführt werden. Die Erfahrungen zeigen jedes Jahr, das plötzlich die Vegetation förmlich explodiert und man einem früheren Auftrieb nachtrauert.
Wird, wie vielfach zu beobachten, so lange gewartet, bis die gesamte Weidefläche bzw. auch die Buckel/Hügel grün geworden sind, ist für das ankommende Vieh das Futterangebot viel zu üppig. Die Tiere können selektieren und werden die zuerst abgefressenen Bereiche immer wieder aufsuchen und so überweiden. Der Rest der Weide wird überständig und nicht mehr gefressen. Dadurch werden in den meisten Jahren viele Alm- und Alpweiden im August braun.
Wird eine Koppelumtriebsweide zu spät bestoßen, wird man spätestens bei der Beweidung der zweiten Koppel feststellen, dass diese viel zu spät abgefressen und somit verlassen werden kann. Auch hier wird die dritte/vierte Koppel überständig und bei unzureichender Futterqualität nicht mehr gefressen. All diese Empfehlungen laufen aber ins Leere, wenn nicht ausreichend Vieh aufgetrieben wird, welches den vorhandenen Aufwuchs auch frisst.
Entgegen vielfacher Empfehlungen, einen entsprechenden Weiderest auf der Alm bzw. Alp zu belassen, ist für eine nachhaltige Almerhaltung der gewachsene Aufwuchs von den Tieren abzuweiden. Nur so ist es möglich, über den Verbiss der Tiere die Alm- und Alpweiden nachhaltig offen zu halten.

Aus Futternot heraus entstanden

Ständige Schwend- und Rodungsmaßnahmen sind Folge eines unzureichenden Weidemanagements und nicht von Dauer. Eine ordnungsgemäße Weidewirtschaft – rechtzeitiger Auftrieb, ausreichend Vieh und Koppelwirtschaft – sichert den Erhalt dieser wertvollen Kulturlandschaft. Über Jahrhunderte hinweg wurde nach diesen Grundsätzen, zum Teil aus Futternot heraus, gewirtschaftet und so wurde dieses schützenswerte Juwel erst erschaffen. Heutzutage haben wir bei Futterüberschuss ein Luxusproblem.
Auch wenn aktuell die kühle Witterung einen späteren Auftriebszeitpunkt möglich erscheinen lässt, werden auch in diesem Jahr diejenigen Alm- und Alpbauern belohnt, die rechtzeitig zu Vegetationsbeginn ihre Alm oder Alp bestoßen. Denn: Wer im Frühjahr rechtzeitig ausreichend Vieh auftreibt, hat bis in den Herbst hinein noch eine grüne Alm.