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Klimaschutz

Futtermittel: Reststoffe gezielt verfüttern

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Helga Gebendorfer
am Donnerstag, 17.02.2022 - 11:16

Bei der BAT-Jahrestagung waren sich die Referenten darin einig, dass es weiterhin Tierhaltung in Deutschland geben wird. Damit kann man Abfälle aus der menschlichen Nahrungsmittelproduktion verwerten und Emissionen senken.

Mobilstall 2

"Wir brauchen keine radikale Wende, sondern ein konsequentes Weiter“, sagte Dr. Annette Freibauer von der LfL bei der digitalen Jahrestagung der Bayerischen Arbeitsgemeinschaft Tierernährung (BAT). Ihr Thema lautete „Klimaneutralität – was kommt auf Futter und Fütterung zu?“.

Die geforderte Halbierung der Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft aus der Tierhaltung und Düngung einschließlich Futterbau ist laut Freibauer ambitioniert, aber machbar – wenn die Konsumenten mitziehen und die Landwirtschaft deutliche Produktionsänderungen schafft.

Alleine durch technische Maßnahmen zur Erhöhung der Stickstoffnutzungseffizienz, Einsatz von Wirtschaftsdüngern statt nachwachsenden Rohstoffen in Biogasanlagen, Maßnahmen im Stall, Güllelager und Herdenmanagement können bis zu 20 oder 25 % der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen reduziert werden. Darüber hinaus sind strukturelle Anpassungsmaßnahmen und eine Anpassung der Tierbestände nötig.

Futterressourcen verlagern sich

Gleichzeitig sollen der Sektor Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft, also Wald, langlebige Holz- (und Nawaro-) Produkte sowie Böden eine Netto-Senke werden. Dies bedeutet, nasse Nutzungsformen für aktuell entwässerte Moorböden zu entwickeln und zusätzliche nachwachsende Rohstoffe in langlebigen Produkten zu nutzen oder Pflanzenkohlenstoff langfristig z. B. in Form von Pflanzenkohle festzulegen. Durch weniger fleischproduzierende Tiere und Anpassungen im Ackerbau ließen sich je nach Stringenz der Umsetzung zusätzlich zwischen 15 und 40 % der landwirtschaftlichen Methan- und Lachgasemissionen einsparen.

Die Wissenschaftlerin erklärte, dass sich die Futterressourcen verlagern vom gezielten Ackerfutteranbau zu nicht menschlich verwertbaren Pflanzenteilen und Reststoffen und ins Grünland. „Die menschliche Ernährung wird verstärkt pflanzliches statt tierischem Eiweiß nutzen“, blickte sie in die Zukunft und fügte hinzu, dass Speiseleguminosen, aber auch die für die Bodenfruchtbarkeit wichtigen Fruchtfolgeglieder Kleegras oder Luzerne, verstärkt angebaut werden. Zudem müssen Reststoffe aus der Nahrungsmittelproduktion gezielt als Futter eingesetzt werden.

Nutztiere und Wirtschaftsdünger schließen den Nährstoffkreislauf

Zentral für die Schließung der Nährstoffkreisläufe im gesamten Ernährungs- und Agrarsektor ist laut Referentin eine bessere Nährstoffnutzung organischer Dünger und eine bessere Rückführung von Reststoffen in den landwirtschaftlichen Kreislauf. Ohne Nutztiere und Wirtschaftsdünger lassen sich die Nährstoffkreisläufe nicht effizient schließen. Gleichzeitig erfordert eine nährstoff-ausgeglichene Handelsbilanz, dass Futter weitestgehend aus heimischen Ressourcen stammt und nicht importiert wird.

„Die geänderte Futterbasis bedeutet nicht grundsätzlich weniger Tiere, sondern die richtigen Tiere, insbesondere Wiederkäuer und solche, die Nicht-Nahrungsmittel gut verwerten und als Dünger aufwerten“, betonte Freibauer. Sie machte darauf aufmerksam, dass Wirtschaftsdünger außerdem für resiliente, fruchtbare Böden sorgen, die erosivem Starkregen standhalten und einen guten Wasserrückhalt und Wasserspeicherung in der Fläche bieten.

Agroforstflächen als Weide nutzen

Laut Freibauer wird die Grünlandfläche in Deutschland um ca. 400.000 Hektar auf Kosten von Acker wachsen. Eine weitere Option für Kohlenstoffsenken sind Agroforstsysteme, die verstärkt mit der Tierhaltung integriert werden und als Weidefläche oder Futter z. B. für Ziegen genutzt werden könnte.

Die Wiedervernässung und nasse Nutzung organischer Böden ist ebenso ein wesentlicher Hebel für Klimaschutz und eine Netto-Senke im LULUCF-Sektor. Dies führt zur Extensivierung eines großen Teils dieses Grünlands auf ca. zwei Schnitte oder extensive Beweidung und Futter mit geringeren Energie- und Proteingehalten.

Es braucht Wiederkäuer und Grünlandverwerter

Künftig werden Monogastrier (Lebewesen mit nur einem Magen) als Reststoffverwerter vom Acker und aus der Nahrungsmittelproduktion genutzt werden. Dies bedeutet vermutlich eine deutlich reduzierte Schweine- und Geflügelmast. Je stärker die Futtergrundlage mit nachwachsenden Rohstoffen und vielleicht Pflanzenkohle als langfristige Kohlenstoffsenke konkurriert, umso mehr werden die knappen Futterressourcen für die Legehennen und Eier eingesetzt werden, die weiterhin Teil der menschlichen Ernährung sind.

Um die Futterressourcen im Grünland möglichst hochwertig und robust zu gestalten, werden sich die Nutzungsstrategien standortabhängig differenzieren müssen. So wäre denkbar, energie- und nährstoffreiche Pflanzenteile separat oder als Hochschnitt zu ernten und gezielt als Cobs einzusetzen. Überbetriebliche Nutzungskonzepte fürs Grünland erlauben die bestmögliche Nutzung gestaffelter Mahd-Intensitäten. „Das Futter ändert sich, daher werden sich auch die Tiere anpassen müssen“, meinte Freibauer. Die richtigen Tiere werden an die Futterbasis angepasste Rassen und Leistungsniveaus mit kombinierten Produktionszielen wie Milch plus Fleisch, Eier plus Fleisch sein. Alternativen zum Rind im Grünland sind Pferd, Hase, Weideente, Weidegans.