Fundament der Schweine-Erzeugung

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Andrea Tölle
am Freitag, 24.08.2018 - 09:23

Weitblick bewiesen schon vor 30 Jahren die Gründer der EGZH. Und noch mehr vor 20 Jahren als die Einführung der Basiszucht das bisherige züchterische Denken auf den Kopf stellte. Die Basiszucht hat sich als Erfolgsmodell bewährt.

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Züchter, ohne Euch geht nichts“, sagte Vorsitzender Manfred Wieser bei der Feier zum 30-jährigen Bestehen der Erzeugergemeinschaft und Züchtervereinigung für Zucht- und Hybridschweine in Bayern (EGZH) im Kompetenzzentrum in Grub. Die Jubiläumsfeier fand im Anschluss an die Mitgliederversammlung statt. Amtschef Hubert Bittlmayer vom bayerischen Landwirtschaftsministerium gratulierte: „30 Jahre sind eine tolle Leistung. Schon 1988 gab es Diskussionen, ob der Zusammenschluss der richtige Weg ist. Aber so kann man die Synergieeffekte züchterisch nutzen. Das Ziel war schon damals, wettbewerbsfähig und leistungsfähig zu bleiben.“

Am 26. Juli 1988 haben zukunftsorientierte Verantwortliche die EGZ als Nachfolgeorganisation der sieben regionalen Schweinezuchtverbände in Bayern gegründet. „Kritiker haben der Organisation damals nur eine kurze Lebenszeit zugestanden, jetzt nach 30 Jahren können wir mit Stolz auf die sich prächtig entwickelnde Organisation blicken“, sagte Wieser. Mit der Einführung des Basiszuchtkonzeptes 1996 sowie des Sauenplaners der EGZH wurde die züchterische Arbeit erleichtert und verbessert. Stephan Neher, Vorstandsvorsitzender der Ringgemeinschaft Bayern, erklärte, dass seit Bestehen der EGZH diese mit der Ringgemeinschaft Tür an Tür eng und sehr gut zusammenarbeitet.

Verlässliche Lösungen sind dringend nötig

Bittlmayer erwähnte, dass man schon 1997 in die Basiszucht eingestiegen sei, um die damaligen Markterfordernisse besser zu berücksichtigen. Ein neues Thema ist z. B. Tierwohl. „Das ist aber nichts, was den NGOs in den letzten fünf Jahren eingefallen ist“, betonte der Amtschef. Denn wenn man z. B. auf das Zuchtziel Mütterlichkeit setzt, kann man züchterisch seinen Beitrag dazu leisten. Bittlmayer wies auf weitere Herausforderungen wie Haltung der Sauen im Deckzentrum, Schwanzkupieren und Neuregelungen bei der Ferkelproduktion hin. Man müsse die Fragen, die in der Schweinehaltung noch offen sind, klären und dann einen Konsens herstellen. Die Landwirte bräuchten praktikable, verlässliche Lösungen. Wenn man z. B. den Leuten erklärt, dass die drei Wege, die bei der Ferkelkastration vorgeschlagen werden, nichts sind, dann versteht das auch der Dümmste. „Wir kämpfen darum den vierten Weg hinzuzubekommen. Das Problem muss gelöst werden. Sonst werden viele Betriebe die Schweinehaltung beenden“, warnte der Experte vom Landwirtschaftsministerium.

Die Schweden und die Dänen schlafen nicht

Zum Thema Kastration ergänzte BBV-Präsident Walter Heidl, dass zum Einsatz von Isofluran von der Berufsgenossenschaft ein Papier vorliege, das auf die Gefahren hinsichtlich des Arbeitsschutzes hinweist. Und auch die Ebermast sei keine Lösung. Mittlerweile seien alle ernüchtert, die damals meinten, die Ebermast wäre das Patentrezept. Und die Befürworter von Improvac argumentieren unter anderem damit, dass ein Ferkel nach einer Kastration nicht mehr ganz sei. „Das sagen ausgerechnet die Tierschutzverbände, die tausende Hunde und Katzen kastrieren, um sie der Haltungsform Wohnung anzupassen“, wunderte sich Heidl. Und die Konkurrenz schlafe nicht, denn die Dänen, die weiterhin den deutschen Markt beliefern wollen, haben Procain erlaubt (Wochenblatt 31/2018). Die Schweden gestatten den Einsatz von Lidocain. „Wir wollen das Problem lösen, von mir aus auch mit Sachkundenachweis“, betonte der BBV-Präsident. Und Amtschef Bittlmayer meinte: „Früher waren wir ein Export- jetzt sind wir ein Importland. Die regionale Produktion mit Ferkeln aus Dänemark funktioniert aber nicht.“

Die Schweinezucht ist in bäuerlicher Hand

„Wir brauchen die bayerische Zucht, weil die auf die Gegebenheiten in Bayern eingehen kann. Das macht ein weltweit agierendes Unternehmen nicht. Auch im GQ Bayern gibt es Chancen für die bayerische Zucht“, ergänzte Stephan Neher von der Ringgemeinschaft. Genau damit liegt man bei der EGZH auf dem richtigen Weg: Die EGZH bildet das Fundament der Schweineerzeugung in Bayern. „Für unsere Schweinehalter hat es einen großen Wert, dass die bayerische Schweinezucht – anders als in vielen anderen Regionen – nach wie vor in bäuerlicher Hand ist und vom Freistaat durch Zuchtleitung, Leistungsprüfung und Zuchtwertschätzung wertvolle Unterstützung erfährt“, betonte Walter Heidl. Mit ihrer konsequenten Ausrichtung auf die Bedürfnisse des bayerischen Marktes und unter Anwendung von modernen Methoden wie der genomischen Selektion behauptet sich die EGZH erfolgreich in dem intensiven, heute vielfach von kommerziellen Zuchtunternehmen geprägten Wettbewerb in der Schweinezucht. Zukünftig werden auch Muttereigenschaften und die Nutzungsdauer sowie eine gute Tiergesundheit einen größeren Stellenwert einnehmen. Wenn die bayerische Herdbuchzucht offensiv auf diese neuen Anforderungen eingeht, werde sie auch zukünftig gut im Wettbewerb bestehen können.

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Wichtige Punkte in den letzten 30 Jahren waren z. B. 1992 die Einführung des MHS-Tests für Mutterrassen, der damit den Halothantest und den CK-Test ablöste. Der Tierversicherungsvertrag mit der VTV wurde neu verhandelt und die Entscheidungsquoten neu festgelegt. 1993 wurden auf dem Staatsgut Almesbach bei der Rasse Pietrain erstmals MHS-mischerbige Tiere gefunden. Mit diesem sensationellen Fund beginnt die langsame, sehr schwierige Stresssanierung der Rasse.

1994 begann ein neues Zeitalter in der Zuchtwertschätzung: Man verabschiedet sich von der Indexberechnung und favorisiert die präzise BLUB-Zuchtwertschätzung, die zum 1. Januar 1995 eingeführt wurde. Daraufhin wurden 1995 die Erzeugungs- und Qualitätsregeln, die Vermarktungsregeln und die Gebührenordnung neu beschlossen. Im September 1994 brach die zweite Schweinepestwelle in Niederbayern aus, was zu erheblichen Vermarktungseinbußen führte. Glücklicherweise waren keine EGZH-Zuchtbetriebe von Keulungsmaßnahmen betroffen. Bezüglich der Aujezkischen Krankheit (AK) wurde 1995 festgelegt, dass ab dem 31. März 1996 keine AK-positiven Tiere mehr in den EGZ-Zuchtbetrieben stehen durfte. Keulung und Impfung führten hier zur Freiheit.

Ende der 1990er-Jahre stieg die Nachfrage nach Hybridsauen aufgrund der Heterosiseffekte in Fruchtbarkeit und Fitness verstärkt an. Aufgrund des Bedarfs der Ferkelvermarkter (Frankenhyb) nach einheitlicheren Partien, entschloss sich die EGZH zum Aufbau eines Basiszuchtkonzeptes unter der Regie des damaligen Zuchtleiters Dr. Herbert Bleicher, um die Produzenten von Hybridsauen mit einheitlichen Bestandssauen zu versorgen. Dieses Konzept wurde aufgrund der steigenden Nachfrage in Form der Bayernhybriden dann auf ganz Bayern ausgeweitet.

Die Basiszucht bringt einheitliche Sauen

Der Basisbetrieb wurde zunächst auf die Produktion einheitlicher Jungsauen ausgerichtet, auf die der damalige Ringberater Richard Ruckdeschel ein besonderes Augenmerk hatte. 1996 wurde mit dem Betrieb Schmidt in Rottlersreuth der erste DL-Basiszuchtbetrieb gefunden. Mehrere Vermehrungszuchtbetriebe im niederbayerischen Raum, die teilweise im arbeitsteiligen System zusammenarbeiten, wurden vertraglich an das Basiszuchtkonzept angegliedert. Nur diese Betriebe durften dann ihre Kreuzungsjungsauen unter dem geschützten Namen „Bayernhybriden“ verkaufen. Prof. Kai-Uwe Götz von der LfL betonte: „Die Einführung der Basiszucht war eines der bedeutendsten Projekte meiner Karriere. Damals hat es das züchterische Denken in Bayern auf den Kopf gestellt. Aber durch den Erfolg der EGZH wurde die Kreuzungssau Mitte der 90er-Jahre wichtiger als der Eber. Mittlerweile bereitet die Eberzucht leider Sorgen.“

2004 wurde das Konzept über eine Sperma-Umlage stärker zur Sicherung der Mutterrassen-Ebernachzucht für die bayerischen Besamungsstationen ausgerichtet. Diese wurde 2013 nochmals erweitert und zuletzt 2016 mit der Einführung der genomischen Selektion im One-Step-Verfahren intensiviert. Bayern hat beim Schwein als einziges Bundesland dieses Verfahren einführen können. In der Rinderzucht ist es weltweit Standard.

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Die KB-Eberprüfung in der Basiszucht läuft nach einem fixen Schema anhand festgelegter Besamungsquoten. Noch bevor die Ergebnisse der Leistungsprüfungsanstalt feststehen, werden die in den Betrieben erhobenen Anomalien- oder Zitzenvererbungen erfasst. Die Erhebung der Anomalien, wie sie in Bayern geschieht, ist eine einmalige Sonderleistung der Besamungsstationen, des LKV und der Zucht in Bayern. In einem Alter von 180 Tagen stehen dann die Ergebnisse der Leistungsprüfungsanstalten für die Nachkommen eines Prüfebers fest. Die parallel aufgestellten Vollbrüder bilden nach erfolgter Typisierung und Eigenleistungstest den Pool für die nächste Ebergeneration. Hierdurch wird das Generationsintervall verkürzt und der Zuchtfortschritt erhöht. Zusätzlich werden der Anteil der zuchttauglichen Jungsauen sowie Sondermerkmale wie die Fundamentausprägung oder das Verhalten ermittelt. Zielrichtung in der Basiszucht ist es ja auch, sogenannte „Sauenmacher“ zu erhalten, die sich durch eine hohe Selektionsrate bei ihren Töchtern hervorheben. Aktuelle Ergebnisse an den Mastprüfanstalten hinsichtlich der sogenannten Auftreibungen oder Bursitiden bestätigen, dass die intensive Vorselektion der Basiszuchteber auch zu einem deutlich geringeren Auftreten von Auftreibungen bei Nachkommen dieser Eber an den Stationen führt. Zudem zeigen die Leistungsergebnisse des LKV, dass die Bayernhybriden seit Jahren in der Nutzungsdauer die bayerische Spitze darstellen.

Zuchtfortschritt durch Genotypisierung

Sowohl in der Basiszucht der EGZH als auch in anderen EGZH-Zuchtbetrieben werden zur Erzeugung der nächsten Generation die Remonte-Tiere genotypisiert. Hierdurch kann man bereits bei einem Ferkel die Fruchtbarkeit mit der gleichen Sicherheit erreichen, für die man zuvor zwei Würfe abwarten musste. Da sich Geschwister deutlich unterscheiden können, steigert dies den Zuchtfortschritt enorm. Die bayerischen Besamungsstationen stellen über Bedarf Prüfeber ein. Dies verursacht zwar Kosten, erhöht aber den Selektionsdruck auf die geprüften Eber. Damit steigt zwangsläufig die Qualität der an den Stationen verfügbaren Eber deutlich an.

Ein Beitrag über die 20-jährige Erfolgsgeschichte der Basiszucht folgt in einer der nächsten Ausgaben. tö