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Tiergesundheit

Fluchtbereit selbst im Schlaf

Sven und Peggy Morell
am Freitag, 27.05.2022 - 09:00

Pferde schlafen über den ganzen Tag verteilt, tief aber meist bei Nacht. Wie wirken sich Einstreu und Licht auf den Schlaf aus?

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Pferde verbringen nur wenig Schlaf im Liegen, dafür können sie einen Großteil ihres Ruhebedürfnisses im Stehen decken. Die einzelnen Schlafstadien im Überblick:

  • Dösen im Stehen: Im Stehen sind Hals und Kopf gesenkt, die Ohren sind entspannt. Die Unterlippe hängt locker, die Augen sind meist halb geschlossen. Typisch ist zudem ein angewinkeltes, auf der Zehe ruhendes Hinterbein. Dieses sogenannte „Schildern“ wird durch die „Spannsägenkonstruktion“ der Hinterbeine ermöglicht: Zwei Sehnen spannen den Unterschenkel zwischen Oberschenkel und Sprunggelenk ein, dadurch sind Knie und Sprunggelenk nur gleichzeitig bewegbar. Pferde können ihre Kniescheibe „festhaken“, wodurch zwangsläufig auch das Sprunggelenk fixiert wird. Damit ist es Pferden möglich, im Stehen ohne Kraftaufwand und ohne Einknicken des Beines zu schlafen. So können sie durchaus auch in kurze Tiefschlafphasen fallen.
  • Liegen in Brust-Bauchlage: Diese Liegeposition wird auch Sternallage genannt. Das Pferd liegt auf Bauch und Brust, die Beine sind unter dem Körper angewinkelt, der Kopf ist frei oder die Lippe wird auf dem Boden aufgesetzt. In der Regel sind die Augen geschlossen.
  • Liegen in Seitenlage: Das Pferd liegt auf der Seite, Kopf und Hals sind flach auf dem Boden abgelegt. Die Beine sind meist ausgestreckt, mitunter auch angewinkelt. In diesem Stadium geben die Vierbeiner oft Grunz- oder Stöhngeräusche von sich, auch Zuckungen sind normal. Da diese Schlafposition viel Platz beansprucht, ist ein ausreichend großes Flächenangebot enorm wichtig.

Bedeutung des Schlafes

Pferde schlafen zwar über den Tag verteilt, der Tiefschlaf findet jedoch in der Regel hauptsächlich zwischen Mitternacht und dem frühen Morgen statt. Die tägliche Schlafdauer beträgt ungefähr sieben Stunden, wobei etwa zwei bis drei Stunden liegend verbracht werden, davon lediglich circa eine halbe Stunde in Seitenlage. Schlaf ist für das Fluchttier Pferd gefährlich, denn es ist in dieser Zeit eine leichte Beute. Daher ist das Schlafverhalten darauf ausgerichtet, bei einem Angriff trotzdem fliehen zu können: Im Stehen ist das Lossprinten schnell möglich, in Bauchlage sind die Beine schon angewinkelt, die Pferde können rasch aufspringen. Und selbst das Schlafen in Seitenlage ist auf Fluchtbereitschaft optimiert, denn die Weckschwelle ist in dieser Phase niedrig.

Dr. Miriam Baumgartner hat sich in ihrer Dissertation „Liegeverhalten von Pferden im Offenlaufstall auf unterschiedlichen Bodenmaterialien“ 2012 an der Ludwig-Maximilians-Universität München eingehend mit dem artgemäßen Liegeverhalten von Pferden beschäftigt. „Der Schlaf dient sowohl der Wiederherstellung körperlicher Funktionen als auch der Informationsaufbereitung im Gehirn“, erklärt die Tierärztin.

„Aus einem Mangel an REM-Schlaf resultieren bei allen getesteten Tierarten ein abnormes Verhalten und ein reduziertes Lernvermögen“, warnt sie. „Meidet ein Pferd, sich niederzulegen, treten während dem Schlafen im Stehen plötzlich REM-Phasen auf. Deshalb knickt es mit den Vorderbeinen ein, wacht dadurch meist ruckartig auf, bevor es gänzlich hinfällt und wieder aufsteht.“ Typisch für derartige Vorkommnisse seinen Abschürfungen an den Beinen.

Ist dicke Einstreu besser?

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Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen darüber, welchen Einfluss bestimmte Bedingungen auf den Pferdeschlaf beziehungsweise auf die verschiedenen Schlafphasen haben. Daniela Amiouny hat sich in einer Studie der Bedeutung von Einstreuhöhe und Nachtlicht angenommen. Zehn Pferde wurden dabei über vier Wochen (fast) rund um die Uhr mittels Infrarotkamera beobachtet. Vier Schlafphasen wurden visuell bestimmt: Seitenlage, Brust-Bauchlage (jeweils REM und NREM) sowie Dösen im Stehen.

Bei der Einstreuhöhe konnte in der Studie eindeutig ein Zusammenhang zur Liegedauer festgestellt werden: Die Pferde, die auf nur 5 cm Stroh standen, legten sich deutlich kürzer hin als die mit tiefer Einstreu (15 cm Stroh). Der REM-Schlaf in Seitenlage betrug lediglich durchschnittlich 21 Minuten (15 cm Einstreu: 30 Minuten), das Liegen in Brust-Bauchlage (NREM) 34 Minuten (15 cm Einstreu: 53 Minuten). Im Gegenzug erhöhte sich bei den Pferden mit geringer Einstreuhöhe das Dösen im Stehen auf knapp 3,5 Stunden verglichen mit 3 Stunden. Keine eindeutigen Unterschiede gab es beim REM-Schlaf in Brust-Bauchlage.

Stört Licht den Schlaf?

Grundsätzlich ist es so, dass bei Säugetieren die Bildung des Schlafhormons Melatonin durch Lichteinwirkung unterdrückt wird, für blaues Licht gilt das sogar unabhängig von der Dosis. Bei dem Versuch von Daniela Amiouny erfolgte die nächtliche Beleuchtung mit 180 Lux. Zum Vergleich: Für die indirekte Beleuchtung im Wohnzimmer werden in der Regel 300 Lux empfohlen, eine Vollmondnacht kommt auf weniger als 1 Lux. Die nächtliche Helligkeit wirkte sich insbesondere auf den REM-Schlaf in Seitenlage aus: Die Vierbeiner waren nur 36 Minuten in dieser Schlafphase, und somit 8 Minuten kürzer als die Vergleichsgruppe ohne Nachtlicht. Beim REM-Schlaf in Bauchlage und dem Dösen im Stehen konnte kein signifikanter Unterschied beobachtet werden.

Was Daniela Amiouny auch betont: Das Schlafverhalten von Pferden ist sehr individuell. So gab es drei Pferde, die zwar nachts alle sowohl in NREM- als auch REM-Schlaf fielen, tagsüber hingegen konnten bei einem Pferd ebenfalls beide Schlaftypen beobachtet werden.

Miriam Baumgartner zählt in ihrer Dissertation noch einige weitere Faktoren auf, die das Schlafverhalten unserer Schützlinge beeinflussen:

  • Pferde müssen sich sicher fühlen, damit sie sich hinlegen.
  • Jüngere Pferde verbringen mehr Zeit in Bauch- und Seitenlage als ältere.
  • Die zur Verfügung stehende Fläche beeinflusst die Ruhedauer. Auf kleinen Flächen dösen Pferde kürzer – das gilt für Einzelboxen, Liegeflächen in Offenställen und Ausläufe.
  • Pferde sind wählerisch, was den Untergrund angeht: Trocken und weich sollte die Fläche sein, zudem sauber.
  • Bei der Einstreu sind sich die Experten nicht einig: Es gibt Studien, die beobachteten, dass Pferde auf Stroh länger auf der Seite liegen als auf Spänen. Andere Studien konnten hier keine Unterschiede feststellen.

Daniela Amiouny kommt in ihrer Studie zu dem Schluss, dass sich Pferde länger zum Schlafen hinlegten, wenn das Licht aus und die Einstreu üppig war. Ihr Fazit: Schon kleine Dinge können große Unterschiede beim Wohlergehen der Pferde machen. Nun dürfte es in den meisten Ställen nachts sowieso dunkel sein, bei der Einstreudicke jedoch gibt es sicherlich in vielen Fällen noch Luft nach oben.

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Schlafphasen im Überblick

Der Schlaf von Pferden wird in REM-Schlaf (rapid-eye-movement sleep) und NREM (non-rapid-eye-movement sleep) aufgegliedert. Dr. Miriam Baumgartner erklärt die Unterschiede:

Der REM-Schlaf wird auch paradoxer Schlaf (PS) oder Schlaf des Körpers genannt. Bei Pferden dauert er pro Tag etwa 30 Minuten, allerdings nicht am Stück, sondern aufgeteilt in mehrere Abschnitte von nur wenigen Minuten. Wie der Name schon vermuten lässt, sind schnelle Augenbewegungen für dieses Schlafstadium typisch. Die Herzfrequenz ist unregelmäßig, ansonsten gibt es nur wenig Muskelaktivität, der Körper kommt zur Ruhe. In dieser Phase sind Träume möglich. REM-Schlaf geht mit dem Verlust der Kontrolle über die Motorik einher, er ist daher nicht im Stehen möglich, wohl aber in Bauch- und Seitenlage. Fohlen und Jungtiere benötigen mehr REM-Schlaf als erwachsene Tiere.

NREM-Schlaf wird auch als ruhiger Schlaf beziehungsweise Schlaf des Geistes bezeichnet. In diesem Stadium sind die Augenbewegungen deutlich langsamer, die Herzfrequenz sinkt. Die Einteilung erfolgt wiederum in vier Stufen, die in etwa die Tiefe des Schlafes widerspiegeln: von Stufe 1 (Einschlafen) über leichten Schlaf (Stufe 2) bis hin zu Tiefschlaf (Stufen 3 und 4). Non-REM-Schlaf ist sowohl im Stehen und Liegen möglich, Pferde verbringen täglich etwa drei Stunden in dieser Schlafphase.