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Interview

Fleischrinder: Große Rassenvielfalt und meist kleine Betriebe

Erika-Sauer-Vorsitzende-Fleischrinderverband_MR
Max Riesberg
Max Riesberg
am Mittwoch, 10.08.2022 - 11:12

Erika Sauer, Vorsitzende des Fleischrinderverbands Bayern (FVB), spricht im Wochenblatt über die Herausforderungen für die Mutterkuhhalter, die Landestierschau und Potenziale in der Wertschöpfungskette.

Frau Sauer, der Fleischrinderverband kann sich entgegen aller Trends über wachsende Mitgliederzahlen freuen. Wie ist die bayerische Mutterkuhhaltung derzeit aufgestellt?

Man muss ein bisschen unterscheiden zwischen Mutterkuhhaltung und Fleischrinderzucht. Der FVB ist ja in erster Linie Zuchtverband und als solcher können wir gerade bei den in Bayern geförderten einheimischen bedrohten und den extensiven Rassen Zuwächse verzeichnen. Aber erfreulicherweise finden auch Haltungsbetriebe mehr und mehr zum Verband. Wir sehen uns vor allem auch als Interessenvertreter für das Haltungsverfahren insgesamt und setzen uns vehement für bessere Rahmenbedingungen ein. Dass die Kollegen das durch ihre Mitgliedschaft zunehmend honorieren, freut uns sehr.

Als interessante Alternative in der Rinderhaltung wird die Mutterkuhhaltung in der öffentlichen Wahrnehmung endlich ernstgenommen. Welche Trümpfe gilt es hier weiter gezielt auszuspielen?

Mutterkuhhaltung und Fleischrinderzucht müssen sich den gesellschaftlichen Anforderungen daran, wie Tiere zu halten und Fleisch zu erzeugen ist, nicht erst mühsam anpassen. Weidehaltung mit ihrem Plus für Artenvielfalt (Stichwort: Lebensraum Kuhfladen), extensive Grünlandnutzung, Tierwohl, muttergebundene Aufzucht, Regionalität, Transparenz, Lebensmittel mit Gesicht und Geschichte – all das ist bei uns so selbstverständlich, dass es vielleicht noch zu wenig herausgestellt wird. Aber wir sind auf einem guten Weg.

Und welchen besonderen Schwierigkeiten sehen sich die meist im Nebenerwerb geführten Betriebe gegenüber?

Unsere Trümpfe sind gleichzeitig auch unser Dilemma. Denn die Betriebe sind kleinstrukturiert (durchschnittliche Betriebsgröße in Bayern 9,5 Kühe), werden eben ganz überwiegend im Nebenerwerb geführt, das breite Rassespektrum von 30 Rassen und ihren Kreuzungen führt zu unterschiedlichen Qualitäten – nicht besser oder schlechter, aber anders. Verbraucher und Lebensmittelhandwerk haben sich aber über viele Jahrzehnte an fast schon industriell-einheitliche Ware gewöhnt. Viele gut gemeinte Vermarktungsprojekte setzen daher viel zu weit oben an. Unsere kleinen Betriebe bleiben da auf der Strecke, können nicht beliefern. Sie müssen sich selber um ihre Vermarktung kümmern, und um die Werbung, und um die Kundengewinnung, und um die Schlachtung, und um die Veredelung, und um die Logistik. Mindestens fünf Jobs für einen Nebenbei-Betrieb – trotz großer Begeisterung für das, was man tut – das ist fast nicht zu schaffen, wenn wir ehrlich sind. Darüber hinaus gibt es aber leider auch die „alten“ Problemfelder, von komplizierten Verwaltungsverfahren beim Bau von Schlacht-, Verarbeitungs- und Vermarktungseinrichtungen bis hin zur Prämiengestaltung, die nicht nur Mutterkuhhalter, sondern auch die anderen Weidehalter und extensiven Grünlandnutzer grad arg in Bedrängnis bringt – besonders im Zusammenhang mit der steigenden Flächenkonkurrenz durch die Energieerzeugung. Dass gleichzeitig Beratungskapazitäten verloren gehen, macht die Sache zusätzlich schwierig.

Die Pioniere der Fleischrinderzucht in Bayern wurden damals in den Jahren nach 1961 noch belächelt, hatten Mühe, neben den eingeführten Milchrassen die „Exoten“ von der Insel oder aus Frankreich zu etablieren. Heute stehen 29 Rassen im bayerischen Herdbuch. Gerade in der aktuellen Phase des Umbruchs, der Neuorientierung in den bayerischen Betriebsstrukturen und der geänderten öffentlichen Wahrnehmung könnte der Betriebszweig Mutterkuhhaltung mehr liefern als nur idyllische Bilder für Cover und Tourismuswerbung. Highlights waren in den Jahren natürlich die großen Landestierschauen, die Teilnahmen am ZLF, die großen Lehrfahrten und die Märkte gemeinsam mit den Kollegen aus Baden-Württemberg. Was mich für den FVB aber besonders freut, ist die Tatsache, dass wir hoch engagierte und motivierte Mitglieder haben, die für die gemeinsame Sache kämpfen.

Zunächst wünsche ich mir, dass sich immer motivierte, positiv denkende Leute finden, die bereit sind voranzugehen und den Karren zu ziehen und – ganz wichtig – dass diese auch immer Freunde finden, die diesen Karren auch schieben und mithelfen. Und dann wünsche ich mir, dass es uns irgendwann gelingt, denen, die für die Rahmenbedingungen sorgen, zu erklären, wie Mutterkuhhaltung, wie extensive Grünlandnutzung zur Erzeugung eines wertvollen Lebensmittels funktioniert, funktionieren kann, damit wir von der Wertschätzung auch zu einer besseren Wertschöpfung kommen.

In erster Linie freuen wir uns auf 170 angemeldete Tiere aus 16 Rassen. Besondere Highlights im Schauprogramm sind bestimmt die Züchtersammlungen, die zeigen wie viel Know-How unsere Züchter bei ihrer alltäglichen Arbeit beweisen. Aber auch auf die Hütevorführungen von Herbert Sehner mit seinen Bordercollies an Finnschafen darf man gespannt sein. Natürlich eifern auch die Jungzüchter ihrem Vorführwettbewerb entgegen. Für die Kinder bieten die Moosbacher Vereine Ponyreiten, Kinderschminken und eine Hüpfburg.

Fünf Jobs sind für einen Nebenbei-Betrieb – trotz großer Begeisterung für das, was man tut – fast nicht zu schaffen.