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Eiweißfutter

Fische füttern mit gemästeten Maden

Pionierarbeit
Ariane Haubner, Rinderzucht
Ariane Haubner
am Dienstag, 23.08.2022 - 08:55

Pionierarbeit leistet die Familie Stier aus Bärnau. Sie sind die ersten Teichwirte in Bayern, der ihre Fische mit Larven aus der eigenen Insekten-Mastanlage füttern.

Betriebsleiter

Eine der ersten Praxisanlagen des Startups Farminsect liefert seit Mai diesen Jahres Futter in Form von Larven der Schwarzen Soldaten für die Fischzucht Stier in Bärnau. Dem Betrieb im Landkreis Tirschenreuth widmete die InnoTour des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten ihren sechsten und letzten Stopp.

Die InnoTour-Teilnehmer zeigten sich beeindruckt von der Innovationskraft, die seit Gründung des Fischereibetriebs vor etwas über 30 Jahren ausgeht. Betriebsnachfolger Josef Stier zeigte die Entwicklung des Unternehmens auf, die Vater Alfred letztlich schon seit seiner Kindheit gemeinsam mit seinem Großvater angeschoben und kontinuierlich vorangetrieben hat. Der neueste Entwicklungsschritt ist die Investition in eine eigene Insektenmastanlage am Betrieb.

Eine der größten Fischzuchten

Individuelle Klimakammer: Sie ist etwas kleiner als der Standart. Pro Jahr können hier rund 100 Tonnen Maden erzeugt werden.

Die Fischzucht Stier gehört heute zu den größten Fischzuchten und Teichwirtschaften in Bayern und vermarktet ihre Produkte auf verschiedene Art und Weise. Betrieben werden aktuell rund 300 Produktionseinheiten an verschiedenen Standorten. Neben der klassischen Teichwirtschaft mit Karpfen und Forellen gehört seit 2018 auch eine moderne Indoor-Kreislaufanlage mit Bruthaus und Holzvergaser (2019) zur Ausstattung des Betriebes.

Insgesamt werden 28 Fischarten vom Betrieb Stier gezüchtet bzw. herangezogen. Seit 2019 gehören auch acht Becken zur Garnelenproduktion zum Unternehmen – pro Jahr lassen sich damit rund 2,5 t bayerische Garnelen produzieren.

Alte Methode führt zu neuer Idee

Mast der Insekten am Betrieb Stier:Im „Insektenstadl“, findet die Mast der Larven statt. In den Silos wird die Weizenkleie zur Fütterung gelagert.Das Befüllen mit neuem Substrat erledigt ein Roboter. Dieser Arbeitsschritt erfolgt sofort nach dem Entleeren der Kisten.Die Klimakammer am Betrieb Stier ist etwas kleiner als der Standard und auf dessen Bedarf abgestimmt. Pro Jahr können hier rund 100 t Maden erzeugt werden.

Schon seit 2016 beschäftigt sich Alfred Stier nach einer Infoveranstaltung in Norwegen mit der Idee, Insekten an Fische zu verfüttern. Zurück zu den Wurzeln, bzw. zurück zur natürlichen Nahrungsquelle der Fische, diese eigentlich schon althergebrachte Methode der Fischfütterung (früher wurden Schlachtreste über den Teichen aufgehängt, um Fliegen anzulocken und ihre Eier abzulegen), reizte den innovativen und national wie international bestens verknüpften Alfred Stier seitdem.

2020 kam schließlich der erste Kontakt mit Farminsect zustande und bereits Mitte Mai 2022 konnte die erste Charge Insektenjunglarven in die Mast genommen werden.

Die Mastanlage wurde speziell an die Bedürfnisse des Betriebes Stier angepasst und ist mit derzeit rund 100 t jährlichem Output kleiner dimensioniert als die Farminsect-Standardanlage mit etwa 300 t. Insgesamt werden am Betrieb Stier pro Woche rund 10 t Futter angemischt. Die wöchentlich rund 1,5 bis 2 t anfallenden Larven werden lebend über die Futterautomaten dosiert. „Für ein Kilo Fischzuwachs werden rund 1,4 Kilo Larven benötigt, das ist vergleichbar zum Fischmehl“, betont Alfred Stier.

Maden werden an allen Fischarten getestet

Das Befüllen mit neuem Substrat erfolgt sofort nach dem Entleeren der Kisten.

Schon kurz nach Beginn der Larvenfütterung konnte festgestellt werden, dass die Forellen die Maden gut annehmen. Nach und nach sollen nun alle Fischarten und später auch die Indooranlagen mit den Insektenlarven getestet werden. Wissenschaftlich begleitet wird dieser Akzeptanz-Test an den verschiedenen Fischarten unter anderem durch die das Institut für Fischerei der LfL in Starnberg.

Es gibt noch viel zu klären. Beispielsweise auch, wie gut sich die Larven über eine Woche im Kühlanhänger zwischenlagern lassen und ob ihr Futterwert in diesem Zeitraum erhalten bleibt oder eventuell abnimmt, denn aktuell gibt es nur einen Erntetag pro Woche, jeweils donnerstags. Gefüttert werden die Larven derzeit mit angesäuerter und Wasser versetzter Weizenkleie und Mineralfutter. Der Bezug erfolgt aus zwei Hochsilos neben dem extra errichteten „Insektenstadel“ in Holzbauweise.

Eine Flüssigfütterungsanlage mischt das Substrat automatisch. Lediglich die Junglarven müssen in diesem System per Hand von einem Mitarbeiter zudosiert werden. Die Klimakammer wird mit der Abwärme eines Holzvergasers, der noch weitere Anlagen am Betrieb versorgt, auf die richtige Temperatur von rund 30 °C gebracht.

Doch kaum ist die Anlage am Laufen, werden weitere Ideen geboren. Statt oder neben der Fütterung von Nebenprodukten aus der Müllerei, plant Stier, auch Biertreber einzusetzen und führt bereits Gespräche mit Münchner Großbrauereien.

Schlachtreste verfüttern?

Ein weiteres heißes Eisen wäre für den Unternehmer auch die Verfütterung von Schlachtresten aus der Direktvermarktung sowie der Reste aus den Trommelfiltern der mechanischen Reinigung der Indoor-Kreislaufanlage. Hier sind eiweiß- und energiereiche Futterreste, aber auch Kot der Jungfische enthalten. Für Stier wäre es die perfekte Kreislaufwirtschaft, aber in Europa ist im Gegensatz zu manch anderen Ländern auf der Welt der Einsatz von Kot oder Gülle in der Fütterung von Insekten (weil Nutztiere) noch nicht erlaubt.

Zumindest was die Schlachtreste anbelangt, ist Stier überzeugt, dass man mittelfristig etwas bewegen könnte und will sich auch aktiv dafür einsetzen. Man müsse sich halt um seine Belange kümmern und dürfe sie nicht Anti-Lobbyisten überlassen, die dann alles verhindern, so Stiers Einstellung. Natürlich hat der findige Unternehmer auch schon einen Plan, was er mit dem Substratrest aus der Larvenmast anstellen will. Thermisch aufbereiten, zu 5 kg abpacken und über Baumärkte als Dünger verkaufen.