Narkosemethoden

Ferkelkastration: Jetzt neuen Weg umsetzen

Isofluran Narkose
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Andrea Tölle
am Dienstag, 08.10.2019 - 11:43

Teilnehmer einer Fachtagung finden bei einer Vorführung in der Praxis einen anderen Weg tierfreundlicher als die Inhalationsnarkose.

Auf einen Blick

  • Im Gegensatz zu Deutschland sieht man den vierten Weg in der EU durchaus positiv.
  • Länder wie Norwegen und Schweden praktizieren die Lokalanästhesie schon länger und haben gesellschaftlich kein Akzeptanzproblem.
  • Als die Isofluran-Narkose vor zehn Jahren in der Schweiz eingeführt wurde, waren die Diskussionen sehr ähnlich wie sie jetzt in Deutschland sind.
  • Wenn man nur den Fasergehalt in der Ration erhöht, hat das keinen Einfluss aufs Schwanzbeißen.

6. Süddeutsches Schweineforum

Tierarzt

Kastration war eines der Themen beim 6. Süddeutschen Schweineforum der Firma MSD in Kitzingen. Hierzu zeigten Dr. Anja Rostalski, TGD Bayern, und Dr. David Rossbroich, Tierärzte Wonsees, Wege der Kastration in Theorie und Praxis. Rostalski erläuterte, dass die Lokalanästhesie in Deutschland nach diversen Studien bezüglich ihrer Wirksamkeit und Tierfreundlichkeit als durchgefallen gilt und deshalb wissenschaftlich nicht weiter verfolgt wird. Als einziges Lokalanästhetikum im Nutztierbereich zugelassen ist Procain, das als ältestes und am wenigsten potentes Lokalanästetikum gilt. Procain gibt es seit 1905. Die Umwidmung anderer Wirkstoffe ist in Deutschland nicht möglich, weil Procain eine gültige Zulassung für die Infiltrations- und Leistungsanästhesie beim Schwein hat.

Derzeit legal und praktisch einsetzbar ist der „3 ½.“ Weg. Hier erfolgt die lokale Betäubung mit Procain durch den Tierarzt. Der Vorteil ist der Tierschutz unter der derzeit bestmöglichen Schmerzausschaltung. Nachteile sind die zeitliche Bindung durch die Koordination mit dem Hoftierarzt und die Kosten bedingt durch die Dauer der Anwesenheit des Hoftierarztes. Diesen Weg begleitet die Ringgemeinschaft Bayern. Um mehr Informationen über die örtliche Betäubung durch den Tierarzt mit anschließender Kastration durch den Landwirt zu bekommen fordert sie ihre Mitglieder auf, den „3 ½.“ Weg schon jetzt umzusetzen. Nur so kann man Erfahrungen sammeln und herausfinden, ob ausreichend Tierärzte bereit sind und zur Verfügung stehen. Inzwischen gibt es einige Tierärzte, die darüber erstaunt sind. wie gut das funktioniert.

In der EU sieht man den vierten Weg positiv

Sauenhaltung

Im Gegensatz zu Deutschland sieht man den vierten Weg in der EU durchaus positiv. In der EU werden in der Castrum-Studie alle derzeit in Europa praktizierten Verfahren zur Anästhesie und Analgesie (Schmerzlinderung/Aufhebung der Schmerzempfindung) vergleichend bewertet. Dabei kommt die Lokalanästhesie mit Lidocain mit und ohne Analgesie am besten weg. Der Einsatz durch den Landwirt ist laut Castrum-Studie nach dem Erwerb der notwendigen Fachkenntnis durch eine Schulung möglich.

QS: Der 4. Weg ist für Importferkel erlaubt

Tierarzt

Länder wie Norwegen und Schweden praktizieren die Lokalanästhesie bei der Ferkelkastration schon länger und haben gesellschaftlich kein Akzeptanzproblem. 2018 stieg auch Dänemark zunächst freiwillig, seit 1. Januar 2019 verpflichtend in den 4. Weg ein, nachdem über QS das Signal kam, dass die Methode für Import-Ferkel akzeptiert wird.

In Schweden erfolgt die Injektion von je 5,0 ml Lidocain 2 % plus Sperrkörper pro Seite mit einer feinen Kanüle (0, 8 x 16 mm) in den Hoden. Zusätzlich wird Meloxicam zur nachoperativen Schmerzausschaltung verabreicht. Die Kastration erfolgt nach ein bis drei Minuten.

In Dänemark werden je 0,5 ml Procain 2 % bzw. 4 % plus Sperrkörper mit einer feinen Kanüle 0,5 x 15 ml in den Hoden gespritzt. Zusätzlich wird Meloxicam zur nachoperativen Schmerzausschaltung verabreicht. Die Kastration erfolgt nach fünf bis zehn Minuten.
Neben dem dänischen Weg em­pfiehlt der Schweinegesundheitsdienst die lokale Betäubung:

  •     Auswahl eines Präparates mit Sperrkörper-Zusatz,
  •     Injektion des Lokalanästhetikums beiderseits mit einer feinen atraumatischen Kanüle bzw. sehr kurzer Kanüle in den Hodensack,
  •     Gabe eines Schmerzmittels zur nachoperativen Schmerzausschaltung intramuskulär,
  •     Einwirkzeit für Procainpräparate mindestens 40 bis 45 Minuten zur Infiltration.

Tierschützer skeptisch bei der Isoflurannarkose

Tierarzt

Über die Erfahrungen mit der Isofluran Narkose in der Schweiz sprach Dr. Dolf Kümmerlen von der Universität Zürich. „Als die Isofluran-Narkose vor zehn Jahren in der Schweiz eingeführt wurde, waren die Diskussionen sehr ähnlich wie sie jetzt in Deutschland sind“, sagte der deutsche Tierarzt, der seit 2003 in der Schweiz lebt. Die Bevölkerung und die Behörden akzeptierten keine  Kastration ohne Betäubung und setzten eine Frist zur Umsetzung dieser Vorgabe. Händler und Handel wollen keine Impfung gegen Ebergeruch. Die Isoflurannarkose wird in der Schweiz als Übergangsphase gesehen, nicht als Mittel der Wahl. „Da das Einschieben in die Inhalationsmaske für die Tiere Stress ist, sind Tierschützer skeptisch“, sagte Kümmerlen und bedauert, dass bei 15 % der kastrierten Tiere der Schmerz nicht vollständig ausgeschaltet sei. Denn Isofluran schaltet nur in hoher Dosis den Schmerz aus, ansonsten verstärkt es den Schmerz. Deshalb soll man 20 Minuten vor der Kastration Metacam geben. Neben dem Stress beim Einschieben in die Maske und den Schmerzen, die 15 % der Ferkel haben, ist Nachbluten ein Problem. Damit es weniger blutet sollte man den Samenstrang quetschen, riet Kümmerlen.

Zur Arbeitsplatzsicherheit meinte der Wissenschaftler: „Es gibt Landwirte, die sagen, dass sie Kopfschmerzen bekommen.“ Es gibt bisher keine Anzeichen, dass evtl. ein Zusammenhang zwischen der Arbeit mit dem Narkosegerät und Alzheimer besteht. „Bis heute hat man kein Risiko nachweisen können“, sagte Kümmerlen. Der Einsatz der Narkosegeräte wurde von der Schweizer Unfallversicherungsanstalt (SUVA) geprüft. Trotz dieser Probleme sei die Akzeptanz bei den Landwirten sehr hoch. Über 90 % der Betriebe haben ein Inhalationsgerät. Am Anfang gab es einen einmaligen Fonds zur Finanzierung der Narkosegeräte, der sehr zu Akzeptanz beigetragen hat. 

Ein wichtiger Unterschied zu Deutschland ist allerdings, dass die Schweiz nicht in der EU ist und man den Markt etwas abschotten kann. Der Import von Schweinefleisch ist so geregelt, dass der heimische Markt geschützt ist. Im LEH wird viel mit Labeln gearbeitet. Doch auch in der Schweiz gilt, dass generell viel nach Tierwohl gerufen aber dann nicht so viel Fleisch gekauft wird.

Zuchtziel höhere Ferkelaufzuchtrate

Dennoch achtet man in der Schweiz auf die artgerechte Haltung. So haben 50 % der Stallungen einen Auslauf und die Schwänze werden seit zehn Jahren nicht mehr kupiert. Das klappt gut, doch wenn etwas nicht funktioniert, z. B. wenn Mykotoxine im Futter sind, dann kann es zu Schwanzbeißen kommen. Seit 2013 ist jederzeit Beschäftigung vorgeschrieben. Seit 2007 ist die Kastenhaltung verboten und die Gruppenhaltung von Muttersauen Pflicht. Die Erdrückungsverluste sind zwar von 12 auf 15 % angestiegen aber nur zwei bis drei Jahre lang. Dann hat man auf vorsichtigere Sauen gesetzt. Das hieß strenge Selektion, denn 20 bis 25 % der Sauen waren für diese Haltung nicht geeignet. „Als Zuchtziel will man nicht die Zahl der lebend geborenen Ferkel erhöhen sondern die Ferkelaufzuchtrate. Das kann man dann auch besser kommunizieren“, erklärte Kümmerlen.

Auch bei den Eidgenossen verdoppeln sich die Betriebsgrößen, aber mit wesentlich geringeren Zahlen. So werden mittlerweile durchschnittlich 45 Sauen pro Betrieb gehalten, vor zehn Jahren waren es noch durchschnittlich 20 Sauen pro Betrieb. Dadurch sind die Betriebe häufig zu klein, um einen Mäster zu bedienen. Deshalb gibt es Sammelfahrten. Die Schlachtpreise bewegen sich zwischen 4 und 7 Franken/kg. Der Preis pro Mastferkel beträgt 6,30 bis 12,40 €. Die Subventionen betragen 2400 €/ha. 

Die Tiergesundheit ist in der Schweiz sehr hoch. Es gab vor Jahren eine Flächensanierung zu Enzootischer Pneumonie und Actinobacillus Pleuropneumoniae (APP). Die Flächensanierung der Enzootischen Pneumonie der Schweine (EP) war 2004 abgeschlossen. Nun tritt EP nur noch bei ein bis zwei Betrieben pro Jahr auf. Diese Betriebe werden dann gesperrt. Bei Schlachthofbefunden zeigen 90 % der Lungen mittlerweile keine Veränderungen mehr. Die Schweiz ist auch frei von PRRS. Es gab nur einen Ausbruch vor drei Jahren durch eingeführtes Sperma. Räude ist ebenfalls selten.

Versuchsergebnisse aus Schwarzenau

Carina Ebert

Dr. Wolfgang Preißinger von der LfL stellte zwei aktuelle Versuchsergebnisse aus Schwarzenau vor: 

  1. 1. Beifütterung faserreicher Futtermittel bei nicht kupierten Ferkeln: Hier gab es in der ersten Gruppe eine Extravorlage von Rohfaser auf dem Boden, in extra Trögen, über Raufen. In der zweiten Gruppe wurde das Hauptfutter über die Spotmix gegeben, die Cobs über einen Trog. In der dritten Gruppe gab es melassierte Trockenschnitzel statt Cobs. Die erste Gruppe hatte mit Cobs höhere Zunahmen aber auch einen höheren Futterverbrauch. Die zweite Gruppe hatte ebenfalls mit Cobs höhere Zunahmen und höhere Leistung. Der Futteraufwand war mehr oder weniger gleich. In der dritten Gruppe hatten viele Tiere Hirnhautentzündung. Die Trockenschnitzel wurden separat gegeben. In der vierten Gruppe hatten die Tiere um 90 g höhere tägliche Zunahmen aber auch einen deutlich höheren Futterverbrauch. „Die Versuche wurden durchgeführt, weil Christina Jais immer einen positiven Effekt von Rohfaser aufs Schwanzbeißgeschehen hatte“, meinte Preißinger und weiter: „Wenn man nur den Fasergehalt erhöht, hat das keinen Einfluss aufs Schwanzbeißen. Ich bin aber trotzdem ein Fan davon, weil mehr Faser gut fürs Wohlbefinden und für die Gesundheit ist.“ Die Bucht in Schwarzenau ist nicht strukturiert, sondern relativ kahl gehalten. Trotzdem gab es positive Effekte.
  2.  Ferkelfütterung: Druckhydrothermisch behandelter Körnermais und Sojaextraktionsschrot. Hier gab es eine Abruffütterung, weil man damit gut Futtervergleichstests durchführen kann. Soja- und Maisextraktionsschrot schmeckten laut Preißinger hervorragend. Dies schienen auch die Ferkel in Phase I zu meinen. „Das ist also eine Komponente im Absetzfutter“, meinte der Fütterungsexperte.

Carina Ebert vom LVFZ Schwarzenau berichtete über aktuelle Themen in der Versuchsanstalt. So werden neue Stallungen gebaut, ein Deck- und Wartestall, ein Pigport und ein Ferkelaufzuchtstall. Auch die bisherigen Bewegungsbuchten wurden umgebaut. „Hier kamen die Bewegungsbuchten der zweiten Generation rein, die am Markt erhältlich sind. Aber keine hat die erforderlichen 5 m² Bewegungsfläche für die Sau“, meinte Ebert und verwies auf die anstehenden Versuche:

  •     Arbeitsmanagement: Wie leicht lässt sich der Ferkelschutzkorb öffnen und schließen?
  •     Wie gut kann man Ferkel und Sau behandeln?

Ebert riet außerdem, den Futternapf vorne am Gang und nicht hinten in der Bucht anzubringen. Denn an den Futternapf müsse man jeden Tag.

Dr. Astrid Pausenberger, MSD Tiergesundheit, berichtete, dass sich die Twoshotlösung großer Beliebtheit erfreut. „Ich würde nie allen Betrieben empfehlen alle drei Impfstoffe auf einmal einzusetzen. Es gibt Betriebe, bei denen es funktioniert und welche, bei denen es nicht funktioniert“, meinte die Tierärztin.