Rechtliche Vorgaben

Ferkelaufzucht: Das Kupieren gut begründen

Ferkelhaltung
Dr. Bettina Maurer, Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz, München
am Freitag, 05.04.2019 - 10:56

Seit 1. Juli gilt der nationale Aktionsplan Schwanzkupieren bei Schweinen. Betroffen sind alle Produktionsstufen also Ferkelerzeuger, Aufzüchter und Mäster. Fürs Kupieren muss man künftig die Unerlässlichkeit nachweisen.

Auf einen Blick

  • Laut EU-Recht müssen vor dem Schwanzkupieren Maßnahmen getroffen werden, um Schwanzbeißen zu vermeiden.
  • Der nationale Aktionsplan Schwanzkupieren sieht für alle Produktionsstufen, d.h. Ferkel­erzeuger, Aufzüchter und Mäster, ein schrittweises Vorgehen vor.
  • Zunächst sind Bissverletzungen zu erfassen und anhand einer betriebsindividuellen Risikoanalyse fortlaufend Optimierungsmaßnahmen zu treffen.
  • Bei kupierten Tieren muss künftig anhand einer Tierhalter-
  • erklärung die Unerlässlichkeit nachgewiesen werden.
  • Nach zwei Jahren wird der Aktionsplan evaluiert.

Weitere Infos zum Aktionsplan, die Tierhaltererklärung und Dokumentationshilfen stehen unter www.aktionsplan-kupierverzicht.bayern.de.

Für das Kupieren gelten strenge rechtliche Vorgaben

Es gibt noch keine sicheren Tipps, was gegen Schwanzbeißen und Kannibalismus hilft, obwohl schon viel geforscht wurde. Sicher ist bisher nur, dass es dafür viele verschiedene Ursachen gibt. Daher wird in Deutschland und in den meisten anderen EU-Mitgliedstaaten, den Ferkeln routinemäßig der Schwanz in den ersten Lebenstagen gekürzt. Für das Kupieren gelten strenge rechtliche Vorgaben.

Die europäische Richtlinie über den Schutz von Schweinen und das deutsche Tierschutzgesetz gestattet den Eingriff bei unter vier Tage alten Ferkeln nur im Einzelfall, wenn es für die vorgesehene Nutzung des Tieres zu dessen Schutz unerlässlich ist. Diese Unerlässlichkeit muss derjenige, der Schwänze kupiert (Ferkelerzeuger) oder das Kupieren veranlasst (Aufzüchter/Mäster) glaubhaft nachweisen können. Das EU-Recht sieht außerdem vor, dass vor dem Kupieren andere Maßnahmen ergriffen werden müssen, um Schwanzbeißen zu vermeiden. Dies geht soweit, dass ungeeignete Unterbringungsbedingungen oder Haltungsformen geändert werden müssen. Die EU-Kommission hat die Mitgliedstaaten aufgefordert, das geltende Recht in diesem Sinne konsequent umzusetzen. Deutschland und andere EU-Staaten wurden aufgefordert, einen Aktionsplan für den Ausstieg aus dem Kupieren vorzulegen.

Schrittweise vorgehen

Die Agrarminister der Bundesländer haben dem „Aktionsplan von Deutschland zur Einhaltung der Rechtsvorschriften in Bezug auf das Schwänzekupieren beim Schwein“ im September 2018 zugestimmt. Damit wird für den Tierhalter Rechtsicherheit geschaffen, unter welchen Bedingungen das Kupieren zulässigerweise erfolgt. Der Aktionsplan sieht ein schrittweises Vorgehen vor. Zunächst sind Beißverletzungen zu erfassen und basierend auf einer betriebsindividuellen Risikoanalyse fortlaufend Optimierungsmaßnahmen zu treffen, um das Risiko von Schwanzbeißen zu reduzieren (Option 1). Vor dem eigentlichen Kupierverzicht ist eine Phase der Erprobung mit kleinen Gruppen unkupierter Tiere vorgesehen (Option 2). Betriebe mit unkupierten Tieren sind vom Aktionsplan nicht umfasst.

Für jede Stufe umsetzen

Ferkelaufzucht

Um bei kupierten Tieren zukünftig die Unerlässlichkeit nachzuweisen, müssen die Tierhalter eine Tierhaltererklärung vorhalten sowie diese im Handel mit den Tieren in Kopie mitlaufen lassen. Der Aktionsplan gilt für alle Produktionsstufen, d. h. Ferkelerzeuger, Aufzüchter und Mäster sind gleichermaßen erfasst. Ein Betrieb mit mehreren Produktionsstufen muss den Aktionsplan für jede Stufe getrennt umsetzen.

Option 1 Risikoanalyse: Wer weiterhin Ferkel kupiert oder kupierte Tiere hält, hat bis zum 1. Juli eine betriebs­individuelle Risikoanalyse durchzuführen. Diese legt den Fokus auf mögliche Ursachen für Schwanzbeißen und umfasst mindestens sechs Themenbereiche: Beschäftigungsmaterial, Stallklima, Tiergesundheit, Ressourcenverfügbarkeit, Ernährung und Hygiene. Die Risikoanalyse muss für jede Produktionsstufe getrennt durchgeführt und dokumentiert werden. Je nach Ergebnis der Analyse leitet der Betrieb Optimierungsmaßnahmen ein und dokumentiert diese nachvollziehbar.

Die Risikoanalyse ist im Jahresabstand erneut durchzuführen mit Festlegung der nächsten Optimierungsmaßnahmen.
Erfassung von Schwanz- und Ohrverletzungen: Zudem muss das tatsächliche Vorkommen von Schwanz- und Ohrenverletzungen erhoben werden. Ein Kupieren ist nur dann als unerlässlich anzusehen, wenn über 2 % der Tiere innerhalb eines Jahres entsprechende Bissverletzungen aufweisen. Die Beißbefunde können stichprobenweise zweimal jährlich oder kontinuierlich erfasst werden. Mittelfristig sollen Mäster Rückmeldungen der Schlachtbefunde nutzen können. Zur einfacheren Handhabung sind im Aktionsplan Muster für die Risikoanalyse und die Erfassung der Schwanzverletzungen enthalten. Diese Unterlagen können im Internet heruntergeladen werden.

Kontrollgruppe halten

Option 2 des Aktionsplans unkupierte Kontrollgruppe: Betriebe, die keine Probleme mit Schwanzbeißen haben, können langsam in den Kupierverzicht einsteigen und zunächst eine sog. „Kontrollgruppe“ unkupierter Tiere halten, um Erfahrungen zu sammeln. In Mastbetrieben muss diese Gruppe mind. 1 % der Tierplätze ausmachen. Die unkupierten Tiere sind dauerhaft zu kennzeichnen, z. B. über ein andersfarbiges Teilstück der Ohrmarke. Beim LKV können hierfür Ohrmarken mit farbigem Rückteil bezogen werden. Bei der unkupierten Kontrollgruppe sind ebenfalls Ohr- und Schwanzverletzungen zu erheben und ggf. geeignete Optimierungsmaßnahmen zu ergreifen, wenn Probleme auftreten. Eine Risikoanalyse für den Betrieb und Befunderfassung bei den kupierten Tieren ist nicht erforderlich.

Die Tierhaltererklärung dient als Nachweis der Unerlässlichkeit des Eingriffs. Die Tierhaltererklärung muss ab dem 1. Juli vorgehalten und bei Kontrollen der Behörde vorgelegt werden können. Aus der Erklärung geht hervor, ob für den Betrieb die Option 1 des Aktionsplanes oder die Option 2 gefahren wird. Die Tierhaltererklärung kann schon jetzt verwendet werden, allerdings ist zu beachten, dass sie jeweils nur für ein Jahr gültig ist. 

Option 1 des Aktionsplans: Ist für den Betrieb (bzw. Produktionsstufe) das Kupieren unerlässlich (da bei mehr als 2 % der Tiere Bissverletzungen auftreten), so bestätigt der Tierhalter dies auf der Erklärung unter Ankreuzen der Nr. 1 (Risikoanalyse durchgeführt und geeignete Optimierungsmaßnahmen eingeleitet) und Nr. 2a (Schwanzbeißprobleme vorhanden). Gibt dieser „2a-Betrieb“ seine kupierten Tiere an einen anderen Betrieb ab, der keine Beißprobleme hat („2b-Betrieb“), so dient die Kopie der Tierhaltererklärung dem Abnehmerbetrieb als Nachweis, dass das Kupieren unerlässlich war.

Hat der Betrieb selbst keine Probleme mit Schwanzbeißen, erhält aber Tiere aus einem Betrieb, der Beißprobleme hat und deshalb kupieren muss, so ist in der Tierhaltererklärung die Nr. 1 und die Nr. 2b anzukreuzen („2b-Betrieb“). Das gleiche gilt, wenn z. B. der Ferkelerzeuger zwar unter 2 % Schwanz- und Ohrverletzungen feststellt, aber für einen Abnehmerbetrieb mit Beißproblemen die Tiere kupiert. D.h. ein „2b-Betrieb“ benötigt vom vor- bzw. nachgelagerten „2a-Betrieb“ dessen Tierhaltererklärung als Nachweis.

Option 2 des Aktionsplans: hält der Betrieb zu jedem Zeitpunkt eine Gruppe unkupierter Schweine als Kontrollgruppe, so wird auf der Tierhaltererklärung lediglich die Nr. 3 angekreuzt. Die Tierhaltererklärung dient dann als Nachweis der Unerlässlichkeit des Kupierens für den Anteil der kupierten Tiere. Betriebe, die kupierte Tiere aus dem Ausland beziehen, benötigen eine Bescheinigung des Lieferbetriebes, dass für diesen das Kupieren unverzichtbar ist. Lässt sich eine derartige Bescheinigung nicht beschaffen, so ist hierüber das zuständige Veterinäramt zu informieren. 

Der Aktionsplan sieht vor, dass ein Betrieb („2a-Betrieb“), in dem nach zwei Jahren immer noch bei mehr als 2 % der Tiere Schwanzbeißen auftritt, der Behörde einen schriftlichen Maßnahmenplan zur Risikominimierung vorzulegen hat. Nach zwei Jahren wird der Aktionsplan unter Federführung des Bundes und Beteiligung der Länder,  Forschungseinrichtungen und Vertreter der Landwirtschaftsverbände einer Evaluierung unterzogen.