Milchviehhaltung

Erfolgreicher Weidestart: Nie zu spät austreiben

Kühe-Weide
Siegfried Steinberger, LfL Tierernährung Grub
am Donnerstag, 01.04.2021 - 12:11

Für den erfolgreichen Start in die Weidesaison empfiehlt sich die Einhaltung altbewährter Regeln. Denn die Erkenntnisse zur Weidewirtschaft sind keineswegs neu, sondern werden von Weidespezialisten seit je her empfohlen.

Bereits in einer Niederschrift eines Vortrages zur professionellen Weidehaltung, welcher im Jahr 1908 (Autor: K. Schneider, Gutsbesitzer Domäne Kleeberg und Rittergut Obbach) für die Provinz Schlesien in Breslau gehalten wurde, sind die damaligen Empfehlungen festgehalten. Dabei sind Übereinstimmung mit den heute international gültigen Empfehlungen auffallend und gleichsam beeindruckend:

20. Mai ist zu spät

„Die meisten Anfänger im Weidebetrieb und besonders die Genossenschaften und Weidevereinigungen machen den großen Fehler, dass sie im Frühjahr die Weiden zu spät beschicken. So kenn ich eine ganze Anzahl von Genossenschaftsweiden in wärmeren Lagen, welche erst Mitte oder am 20. Mai besetzt werden. Man fürchtet meistens, das Vieh erkälte sich, wenn es früher ausgetrieben wird und das Futter sei noch nicht ausreichend. Nachher schießt aber in der Regel das Weidefutter so rasch in die Höhe, dass die aufgetriebenen Weidetiere es nicht bewältigen können. Es wird dann entweder sehr viel Futter zertreten oder es muss mehr Futter zu Heu gemäht werden als der Weide nützlich ist. Bei einem zu späten Auftrieb schadet man einerseits der Produktionskraft der Weide und andererseits beeinträchtigt man die Nutzleistung der Weidetiere, sei es hinsichtlich ihres Wachstums und der Gewichtszunahme bei Jungvieh und Fettvieh oder Milchergiebigkeit beim Melkvieh.
Der Weide schadet ein zu später Austrieb insofern, als die Weidegräser dann Zeit haben, ihre Samentriebe emporzutreiben. Dadurch werden sie aber verhindert, viel Blätter zu entwickeln. Die Grasnarbe wird infolgedessen nicht dicht genug. Jede Graspflanze sorgt zuerst für die Erhaltung ihrer Art durch die Bildung des Blütentriebes. Wird dieser frühzeitig durch Weidevieh abgebissen, dann wird dadurch die Pflanze veranlasst, an ihrem Wurzelhals neue blätterreiche Seitentriebe zu bilden, wodurch die Narbe immer dichter wird und mehr zartes blätterreiches Futter entsteht. Alle Maßregeln im Weidetrieb müssen darauf hinzielen, einen möglichst dicht geschlossenen Rasen zustande zu bringen. Und dazu hilft ein frühzeitiger Austrieb sehr viel. Kommen Weidegräser zum Blühen oder gar zur Samenbildung, so liefern sie nicht halb so viel Weidefutter als wenn dies verhindert wird.
Die Weideregel lautet also: So früh als möglich austreiben! Ein bestimmter Tag für den Auftrieb lässt sich natürlich nicht angeben, weil je nach Witterungsverhältnissen die Weide in einem Jahr früher austreibt als in anderen. Man kann nur kurz sagen, sobald die Weide grün genug ist und das Vieh die ersten Grasspitzen zu fassen vermag, soll man mit der Weide beginnen, ohne Rücksicht auf die herrschende Witterung.“

Kühe haben in der Regel genug zu fressen

Erstaunlicherweise ist das Wissen des frühzeitigen Verbisses hinsichtlich Bestockung und Wiederaustrieb vor 100 Jahren bereits vorhanden gewesen. Umso bedenklicher ist die Tatsache, dass wir heute mit den gleichen Vorurteilen kämpfen wie die Fachleute früherer Zeit. Es besteht immer die Befürchtung, dass die Tiere zu wenig zu fressen haben und die Weide überfordert wird. Das Gegenteil ist der Fall. Außerdem muss man berücksichtigen, dass durch den Klimawandel die Vegetation heute erheblich früher beginnt. Wichtig ist ein standortbezogenes Handel und etwas Mut. Denn man kann nie zu früh austreiben – nur zu spät!