Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Tiergesundheit

Ist Eisen ein Superfood für Krankheitserreger?

Dr. Ingrid Lorenz, TGD
am Freitag, 27.05.2022 - 10:00

Ist es sinnvoll, neugeborene Kälber mit Eisen zu versorgen, um Blutarmut zu verhindern? Oder leistet es Vorschub für Bakterien?

Kälber-Sammelbox-Neugeboren-Eisen_MR

Immer wieder liest oder hört man die Empfehlung, neugeborene Kälber (analog zum Vorgehen bei Ferkeln) mit Eisen zu versorgen, da sonst die Gefahr besteht, dass die Kälber eine Blutarmut entwickeln und dadurch schlechter wachsen.

Diese Einschätzung hat kein wissenschaftlich gut gesichertes Fundament. Außerdem wird durch dieses Vorgehen ein wichtiger Schutzmechanismus der Natur außer Kraft gesetzt, sodass zu befürchten ist, dass Krankheiten wie Durchfall und Lungenentzündung dadurch eher Vorschub geleistet wird.

In Kolostrum und Milch aller Säugetiere ist Eisen nur in sehr geringen Konzentrationen enthalten. Dies ist vor allem im Kolostrum auffällig, da praktisch alle anderen wichtigen Mengen- und Spurenelemente hier in hohen Konzentrationen vorkommen. Ist der Natur hier ein Fehler unterlaufen, den der Mensch ausbügeln muss? – Nein, denn man weiß mittlerweile, dass die meisten Bakterien und viele andere Krankheitserreger Eisen zur Vermehrung brauchen.

Zum Beispiel kann man bei infizierten Menschen durch Eisengaben ruhende Malaria-, Brucellose- oder Tuberkuloseerkrankungen wieder zum Ausbruch bringen. Eine Studie mit Kindern in einem ostafrikanischen Malariagebiet musste abgebrochen werden, weil die Kinder, die Eisen erhielten, ein wesentliches erhöhtes Risiko hatten, zu sterben oder schwer zu erkranken. Auch kennt man seit etwa 20 Jahren ein enzymähnlich wirkendes Protein (Hepcidin), das im Falle einer Infektion im Körper den Eisengehalt des Blutes nach unten reguliert, um den Infektionserregern das „Futter“ zu entziehen.

Ein weiterer Hinweis, dass der niedrige Eisengehalt in der Milch kein Irrtum der Natur ist, stellt die antibakteriell wirksame Substanz Lactoferrin dar, die ebenfalls in Kolostrum und Milch enthalten ist. Auch die antibakterielle Wirkung von Lactoferrin beruht darauf, dass den Bakterien das für die Vermehrung notwendige Eisen entzogen wird.

Löst Eisengabe Durchfall aus?

In einer vom Tiergesundheitsdienst Bayern durchgeführten Untersuchung zu den Risikofaktoren für Neugeborenendurchfall bei Kälbern wurde ein Zusammenhang zwischen Neugeborenendurchfall als Bestandsproblem und der Verabreichung von Eisen kurz nach der Geburt gefunden.

Natürlich bedeutet dieser statistische Zusammenhang nicht notwendigerweise, dass die Eisengabe Durchfall auslöst. Aber in Anbetracht der oben beschriebenen Mechanismen ist es durchaus denkbar, dass vor allem die Verabreichung von eisenhaltigen Präparaten über das Maul quasi als Brandbeschleuniger für die Vermehrung der Durchfallerreger im Darm wirkt.

Eisen in recht hohen Konzentrationen ist in der Regel in sogenannten Kälberboostern und Vollmilchaufwertern enthalten. Diese Präparate sollten daher nicht in den ersten drei Lebenswochen, in denen das Risiko für Durchfallerkrankungen am höchsten ist, angewandt werden. Auch Milchaustauscher hat einen höheren Eisengehalt als Milch, sodass darauf erst umgestellt werden sollte, wenn die Risikophase für Neugeborenendurchfall vorüber ist.

In einer weiteren Untersuchung aus den letzten beiden Jahren hat sich gezeigt, dass die Eisensupplementierung nach der Geburt in den ersten drei Lebenswochen keine Verbesserung der Blutwerte mit sich bringt. Wenn den Kälbern ab der ersten Lebenswoche Wasser, Kälberstarter und Raufutter (oder noch besser Kälber TMR) zur freien Aufnahme zur Verfügung stehen, ist auch danach nicht mit einer eisenmangelbedingten Anämie zu rechnen. Bestehen aus irgendeinem Grund Zweifel, dass die Kälber ausreichend eisenreiches Festfutter aufnehmen, kann nach der dritten Lebenswoche eine Eiseninjektion verabreicht werden.