Kälberaufzucht

Demeter definiert Mindeststandards für kuhgebundene Aufzucht

Kalb
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Freitag, 04.09.2020 - 10:51

Landwirte der Demeter Heumilch-Bauern haben gemeinsame Mindeststandards für den Umgang mit Kälbern auf Milchviehbetrieben formuliert.

Die Mindeststandards sollen als Orientierungshilfe für Betriebe dienen, die Kälber als „Bruderkälber“, „Kälber aus kuhgebundener Aufzucht“ oder ähnlich vermarkten. Zu den Standards gehören etwa die Bio-Zertifizierung des Betriebs, die Versorgung aller Kälber auf einem Betrieb mit der Milch dort gehaltener Kühe, gemeinsame Zeit von Kühen und Kälbern, Saug-Möglichkeiten für Kälber an Kuheutern, ein Mindestverbleib der Kälber auf dem Hof von drei Monaten sowie Umstellungsmöglichkeiten für die Betriebe.

Die männlichen Kälber mit aufziehen

Weil die klassische Marktwirtschaft die Landwirte zu möglichst niedrigen Kosten zwingt, sehen Demeterbauern zwei Probleme:

  • Um keine Milch für den Verkauf zu verlieren, trennen Landwirte die Kälber früh von der Kuh und ernähren sie über Saugeimer mit Ersatzmilch.
  • Jedes zweite Kalb ist männlich und gibt naturgemäß keine Milch. Viele davon werden oft nach wenigen Wochen verkauft, mangels Alternativen teils an konventionelle Mastbetriebe mit zuweilen langen Transportwegen.

„Das ist nicht nur im Hinblick auf das Tierwohl ein Problem, sondern auch insgesamt zu kurz gedacht“, ist Für Demeter-Landesvorständin und Initiatorin der Bruderkalbinitiative Anja Frey ist das zu kurz gedacht.

Milchmarkt entlasten

„Wenn Kälber bei der Kuh saugen dürfen, reduziert das die vermarktbare Milchmenge und entlastet so den übersättigten Milchmarkt“, erklärt Demeter-Landwirt Rolf Holzapfel, Mitbegründer der Erzeugergemeinschaft Demeter Heumilch-Bauern. „Die kuhgebundene Kälberhaltung ermöglicht zudem, dass die Bruderkälber auf den Höfen bleiben und als hochwertiges Bruderkalbfleisch vermarktet werden können“, beschreibt er weitere Chancen für diesen Ansatz, bei dem Milch, Kuh und (Bruder-)Kalb gemeinsam gedacht werden.

Wertschätzende Preise erforderlich

Doch eine solch ganzheitliche Milchwirtschaft erfordert wertschätzende Preise. Die kuhgebundene Kälberaufzucht erfüllt nach Ansicht von Anja Frey die Erwartungen vieler Konsumenten an die wesensgemäße Tierhaltung. Wenn künftig mehr Landwirte dabei mitmachen sollen, müssten die Produkte aus dieser Art der Haltung auch nachgefragt werden – und zwar zu einem Preis, in dem sich der höhere Aufwand widerspiegele, fordert Frey.

Vermarktungsstrukturen sind bereits im Aufbau; sowohl Verarbeiter wie die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch-Hall als auch Großhändler wie Bodan oder Naturkostkontor Willmann sowie regionale Metzgereien und Hofläden bieten bereits Fleisch von Bruderkälbern an. „Das bisherige Feedback der Kunden ist phänomenal“, berichtet Rolf Holzapfel. „Deswegen müssen wir mit sinnvollen Standards weiter voranschreiten und zeigen, dass Bio-Landwirtschaft Lösungen für Probleme anbietet, vor denen die gesamte Landwirtschaft steht.“

Auf den erhobenen Zeigefinger verzichten

Dabei wird aber explizit kein Anspruch erhoben, dass die muttergebundene Kälberaufzucht als Richtlinie für alle Demeter-Betriebe gelten soll. „Nachhaltige Entwicklung funktioniert nicht durch einen erhobenen Zeigefinger. Sie braucht Zeit, Investitionen und vor allem auch einen Absatzmarkt“, unterstreicht der geschäftsführende Demeter-Landesvorstand Tim Kiesler.

Gleichzeitig appellierte er an die Politik: „Nachhaltiges Handeln darf nicht nachteiliges Wirtschaften bedeuten. So lange es das Niedrigpreis-orientierte Milchsystem erfordert und das Gesetz es erlaubt, Kälber durch ganz Europa zu transportieren, so lange haben Betriebe, die sich um eine regionale und wesensgemäße Aufzucht kümmern, einen Wettbewerbsnachteil. Das muss sich ändern.“