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Rindfleischproduktion

Bulle säuft über 11.000 Liter pro Tag

Tränke
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 16.06.2021 - 15:03

Es ist erstaunlich, wie einfach Meinung manipulierbar ist. Ein kleiner Einblick in die Trickkiste.

Mir kann keiner ein X für ein U vormachen. Wer sich zur Schicht der kritischen Denker zählt, ist meist besonders gefährdet. Der Werkzeugkasten der Manipulationstechniken ist riesig und zielt besonders auf die ab, die gerne mit Zahlen jonglieren oder sich für die Besserwisser halten. Fehlt Praxiswissen, kann die Suche nach der Wahrheit, dem Echten oder Tatsächlichen nämlich schnell in die falsche Richtung führen. Dabei kommen eigentlich immer die gleichen Techniken zum Einsatz.

    Wenn Dinge aus dem Zusammenhang gerissen werden

    Manipulation

    Der Prototyp der Manipulation ist, die Dinge aus dem Zusammenhang zu reißen. Das heißt, die Betroffenen haben durchaus Detailwissen, wenden es aber verkehrt an, weil sie auf eine falsche Fährte gelockt werden.

    Das nennt sich dann Dekontextualisierung.

    Ein Beispiel gefällig? „Ein Kilo Rindfleisch verbraucht rund 15.000 l Wasser.“ Einfach einmal umgerechnet auf das Schlachtgewicht und -alter würde sich daraus ergeben, dass eine Bulle über 10.000 l Wasser am Tag saufen müsste. Bei einem Schlachtgewicht von 410 kg für einen Jungbullen kommt bei 15.000 l/kg Rindfleisch eine Wassermenge von 6,15 Mio. l zusammen. Verteilt auf 550 Tage Mastdauer ergibt das 11.182 l/Tag. Das geht auf keine Kuhhaut.

    Damit ist klar, die Zahl von 15.000 l/kg Fleisch muss sich auf andere Weise erklären. Die Lösung liegt in dem Begriff „virtuelles Wasser“. Dessen geistiger Vater ist der englische Geograf John Anthony Allan. Er hat in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Modell dazu entworfen. Pionierarbeit bei der Berechnung der konkreten Werte haben die Wissenschaftler Mekonnen und Hoekstra geleistet. Sie erstellten das Standardwerk “ The green, blue and grey water footprint of farm animals and animal products“. Datiert ist es auf das Jahr 2010.

        Was der Titel der Studie bereits aussagt

        Der Titel "Der grüne, blaue und graue Wasserfußabdruck von Nutztieren und tierischen Produkten" gibt bereits Aufschluss über wichtige Eigenschaften des Modells.

        1. Es unterscheidet drei Wasserfraktionen:
          • grün = Niederschläge und natürliche Bodenfeuchte,
          • blau = künstliche Bewässerung und
          • grau = in seiner Verwendung beeinträchtigtes Wasser, z. B. Schmutzwasser.
        2. Je nach Fraktion spaltet sich der Weg, den das Wasser nimmt, in positive und negative Pfade für den Erhalt des Wassers. Es ergeben sich also unterschiedliche Fußabdrücke.
          • Grün: Niederschläge sickern in den Boden ein oder fließen oberflächlich ab und speisen damit das Grundwasser und die Oberflächengewässer. Außerdem tränken sie den Boden. Im durchwurzelten Bodenraum können Pflanzen dann das Wasser aufnehmen. Für die Pflanzen ist der Großteil des Wassers nur ein „durchlaufender Posten“. Sie entziehen ihm die Nährstoffe und geben es dann über ihre Spaltöffnungen auf der Blattunterseite an die umgebende Luft ab. Damit bilden Pflanzen einen riesigen, bodennahen Verdunstungskörper. Je nach Wuchshöhe dehnt er sich in den dreidimensionalen Raum aus.
            In der Atmosphäre steigt der Wasserdampf hoch, kondensiert in höheren Schichten zu Wolken und kommt dann als Regen wieder auf den Boden zurück. Pflanzen spielen damit über ihre Verdunstung (Transpiration) als Boden-Atmosphäre-Pumpe eine zentrale Rolle im Wasserkreislauf.
            Verbunden mit der Transpiration ist eine Abkühlung der Bodenoberfläche. Sie ist damit ein wichtiger Partner im Kampf gegen den Klimawandel, verstärkt natürlich durch die Fähigkeit der Pflanzen, CO2 abzubauen. Sowohl beim Speisen von Grund- und Oberflächenwasser als auch bei der Pflanzentranspiration verbleibt das Wasser in seinem natürlichen Kreislauf.
          • Blau: Bei der künstlichen Bewässerung wird das Wasser aus dem Grund- oder Oberflächenwasser entnommen. Ja nach Regenerationsfähigkeit des Wasserkörpers kann das neutral bis negativ sein. Sinkt der Grundwasserspiegel oder fehlt aus Flüssen entnommenes Wasser im flussabwärts gelegenen Bereich, hat das ökologische Folgen oder gefährdet die Versorgung von Menschen.
          • Grau: Verwertungsformen, die die Wasserqualität beeinträchtigen, zählen natürlich zu den negativen Pfaden. Eine wichtige Unterscheidung ist dabei, inwieweit das Wasser zurückgewonnen werden kann. Rotes Wasser aus der Aluminiumherstellung ist toxisch. In Gülle enthaltenes Wasser ist genussuntauglich, kann bei richtiger Ausbringung auf Flächen aber den Nährstoffkreislauf schließen und über die Bodenfilterung oder die Pflanzentranspiration auf natürlichem Wege wieder in den Kreislauf zurückgelangen.
        3. Die Studie der Wissenschaftler widmet sich Nutztieren und deren Produkten. Mittlerweile gibt es den virtuellen Wasserfußabdruck für nahezu alle Alltagsgegenstände, wie Autos oder Kleidung. Allerdings handelt es sich dabei immer um Wirtschaftsgüter, also Handelsprodukte. Theoretisch ließe sich auch ein Wasserfußabdruck für die Gazelle in der Serengeti ermitteln, der sich nicht stark vom Rind unterscheiden dürfte. Das interessiert aber im Modell nicht, weil seine Wurzeln in der Ökonomie liegen und nur wirtschaftlich verwertbare Erzeugnisse berücksichtigt werden.

        Amerikanische Intensivmast kommt mit einem Viertel aus

        Virtuelles Wasser

        Die ökonomischen Wurzeln sind dem Modell durchaus anzumerken, beispielsweise wenn es um die Effizienz der Faktorverwertung geht. Je intensiver eine Produktion betrieben wird, desto effizienter wird der Faktor, in vorliegenden Fall Wasser, verwertet.

        In ihrer Studie berücksichtigen Mekonnen und Hoekstra die Produktionsformen Weidehaltung, Intensivmast und eine Mischform. Außerdem berechnen sie aus den Einzelwerten einen gewichteten Mittelwert.

        Es zeigen sich enorme Unterschiede zwischen den Varianten. Dazu einige Spitzenwerte: Für Weidehaltung in Äthiopien schlagen 100.967 Liter pro kg Rindfleisch zu Buche, für die Intensivmast in den USA 3.856.

        Der vielzitierte Wert von 15.415 Liter an virtuellem Wasser/kg Rindfleisch stellt das weltweite Mittel dar. Er schlüsselt sich folgendermaßen auf (Angaben in l/kg Rindfleisch):

        Globaler Durchschnittswert für den Wasserfußabdruck nach Produktionsformen

        Produktionssystem

        Weide

        Gemischt

        Intensiv

        Gewichtetes Mittel

        Green

        21121

        14803

        8849

        14414

        Blue

        465

        508

        683

        550

        Grey

        243

        401

        712

        451

        Summe

        21829

        15712

        10244

        15415

        Die deutschen Zahlen lauten.

        Wasserfußabdruck für Rindfleisch aus Deutschland nach Produktionsformen

        Produktionssystem

        Weide

        Gemischt

        Intensiv

        Gewichtetes Mittel

        Grün

        11083

        9911

        5014

        6675

        Blau

        130

        126

        123

        138

        Grau

        1015

        990

        854

        900

        Gesamt

        12229

        11027

        5991

        7712

        Über die Intensivmast lässt sich im Vergleich zur extensiven Weidehaltung die angerechnete virtuelle Wassermenge in etwa halbieren. Das gilt sowohl für Deutschland als auch für den globalen Durchschnittswert. Ähnliches trifft auf andere Länder zu. Mit der Intensivierung sinkt in der Regel die virtuelle Wassermenge, mit der Extensivierung steigt sie.

        Das lässt sich über den Ertrag erklären. Mit steigenden Düngermengen und verstärktem Pflanzenschutz steigen die Erträge. Mit höheren Erträgen können mehr Tiere pro Flächeneinheit gemästet werden, wodurch eine höhere Fleischleistung pro Flächeneinheit erzielt wird. Die Niederschläge bleiben davon unberührt. Sie können als Konstante betrachtet werden. Damit verteilen sich die Niederschläge bei höherer Intensität auf eine größere Fleischmenge beziehungsweise der Wassereinsatz pro erzeugter Einheit sinkt. Das ist die aus der Ökonomie bekannte klassische Mengendegression.

        Dies ist unter anderem für die Einschätzung des Biolandbaus von Bedeutung. Er kommt beim Wasserverbrauch unterm Strich schlechter weg. Erntet ein Ökobauer beispielsweise 40 dt/ha Winterweizen und sein konventioneller Kollege 80 dt/ha, so ergeben sich über das Umlageverfahren bei einem Niederschlag von 700 mm pro Jahr (entspricht 7 Mio. l Wasser) für den Ökoweizen 1750 l/kg und für den konventionellen 850 l/kg Weizen.

        Aus ökologischer Sicht wäre natürlich eine extensive Bewirtschaftungsform der Favorit. Dies legt wieder offen, dass es sehr wichtig ist, unter welcher Prämisse man an die Sache herangeht. Ein ökonomisches Modell für die Beurteilung von ökologischen Belangen heranzuziehen, reißt die Dinge aus ihrem Zusammenhang. Es findet also eine Dekontextualisierung statt. Wer das Zahlenwerk des virtuellen Wassers heranzieht, sollte sich darüber im Klaren sein. Unter Umständen redet er einer Intensivproduktion das Wort, obwohl er eine extensive favorisiert.

        Ein Blick in die Grafik offenbart noch ein interessantes Detail. Blaues und graues Wasser bleiben über die Produktionsformen hinweg annähernd konstant. Die große Bewegung gibt es beim grünen Wasser. Was an sich wiederum logisch ist. Die Niederschläge in einer Region sind eine kaum beeinflussbare Größe. Die Produktionsform ist hingegen steuerbar. Mais auf dem Acker und Rinder im Stall versprechen mehr Kilo pro Flächeneinheit als die Tiere auf der Weide grasen zu lassen. Damit ist wieder ein auseinanderdriften zwischen Ökologie und der über das Modell des virtuellen Wassers abgebildeten Ökonomie zu beobachten. Das ließe sich aber in gewisser Weise bereinigen, indem nur blaues und graues Wasser berücksichtigt werden, was sowieso die sinnvollere Variante wäre, weil Niederschläge und damit das grüne Wasser ohnehin im Naturkreislauf verbleiben.  

        Länderunterschiede: Deutschland ist ein Gunststandort

        Virtuelles Wasser

        Die Modellierung der Zahlen erfolgt länderbezogen. Zu den Grundüberlegungen Allans zählt, den weltweiten Handel unter Berücksichtigung des in einem Produkt eingeschlossenen Wassers, zu optimieren. Das macht nur Sinn, wenn es starke Länderunterschiede gibt. Und dem ist so.

        Für Australien weist das Standardwerk 15.182, für Brasilien 19.488, für China 13.688, für Indien 16.547, für Russland 17.220, für Saudi-Arabien 23.900 und für die USA 14.191 Liter virtuelles Wasser für ein kg Rindfleisch aus, um einige wichtige Fleischerzeuger zu nennen.  Der deutsche Wert beläuft sich auf 7.712, der für Äthiopien auf 34.182 Liter pro kg Rindfleisch. Dabei handelt es sich um die gemittelten Werte der verschiedenen Produktionsformen.

        Das gewichtete Mittel ist in Deutschland damit halb so hoch wie der globale Durchschnitt. Damit zählt Deutschland zu den Gunststandorten. Es kommt im weltweiten Ländervergleich mit verhältnismäßig wenig Wasser in der Rindfleischerzeugung aus. Damit wäre Deutschland prädestiniert für die Rindfleischproduktion.

        Anrechnung der Niederschläge schlägt ins Kontor

        Fütterung

        In ihrer Studie führen Mekonnen und Hoekstra aus, dass die weltweite Tierproduktion etwa 2.422 Gm³ Wasser pro Jahr benötigen. Das sind gewaltige Mengen. Interessant ist die Aufschlüsselung mit 87,2% grünem, 6,2% blauem, 6,6% grauem Wasser.

        Ein Drittel dieser Menge entfällt laut Studie auf den Rindfleischsektor, weitere 19 % auf den Milchviehsektor. Der größte Teil der Gesamtmenge an Wasser (98 %) bezieht sich auf den Wasserfußabdruck des Rinderfutters. Tränkewasser für die Tiere, Brauchwasser und Futtermischwasser machen nur 1,1%, 0,8% bzw. 0,03% aus.

        Der unmittelbar durch die Rinderhaltung verbrauchte Wasseranteil ist mit 2 % somit marginal. Ins Kontor schlägt vor allem das Futter. Damit sorgen im Modell des virtuellen Wassers die Pflanzen für den großen Mengeninput. Maßgeblich hierfür ist die Anrechnung der Niederschläge auf die Kulturen. So weisen nicht nur Nutztiere sondern auch Pflanzen immense Werte auf:

        Dazu ein kleiner Auszug aus "The green, blue and grey water footprint of crops and derived crop products" von M.M. Mekonnen und A.Y. Hoekstra vom Dezember 2010.

        Wasserfußabdruck von pflanzlichen Produkten (l/kg)

        Produkt

        Grün

        blau

        grau

        gesamt

        Weizen

        1277

        342

        207

        1827

        Reis mit Spelzen

        1146

        341

        187

        1673

        Reis, geschält

        1488

        443

        242

        2172

        Mais

        947

        81

        194

        1222

        Sorghum

        2857

        103

        87

        3048

        Buchweizen

        2769

        144

        229

        3142

        Bohnen, getrocknet

        3945

        125

        983

        5053

        Kichererbsen

        2972

        224

        981

        4177

        Linsen

        4324

        489

        1060

        5874

        Cashew Nüsse

        12853

        921

        444

        14218

        Kaffee, grün

        15249

        116

        532

        15897

        Kaffee, geröstet

        18153

        139

        633

        18925

        Kakaobohnen

        19745

        4

        179

        19928

        Kakaopaste

        24015

        5

        218

        24238

        Kakaobutter, Fett und Öl

        33626

        7

        305

        33938

        Kakaopulver

        15492

        3

        141

        15636

        Schokolade

        16805

        198

        193

        17196

        Grüner und schwarzer Tee

        7232

        898

        726

        8856

        Chili und Pfeffer, trocken

        5869

        1125

        371

        7365

        Vanilleschoten

        86392

        39048

        1065

        126505

        Zimt

        14853

        41

        632

        15526

        Nelken

        59834

        30

        1341

        61205

        Muskatnuss

        30683

        2623

        1014

        34319

        Apfel, frisch

        561

        133

        127

        822

        Apfel, getrocknet

        4678

        1111

        1058

        6847

        Baumwollsamen

        2282

        1306

        440

        4029

        Baumwolle, Textil

        5384

        3253

        1344

        9982

        Die Zahlen veranschaulichen: Eine Tasse Kaffee und ein Stück Schokolade dazu, hinterlassen im virtuellen Wasserfußabdruck eine deutliche Spur. Selbst wer sich vegan ernährt, kann dadurch beachtliche virtuelle Wasserwerte erzielen.

        Mais zählt zu den besten Wasserverwertern.

        Die für die Tiere ermittelten Werte ergeben sich aus den üblichen Veredelungsfaktoren, also welche Mengen an Futter ein Tier benötigt, um ein kg Fleisch zu erzeugen. Bringt ein Schwein mit 3 kg Weizen ein kg Fleisch auf die Waage, hat es 3 kg Weizen/kg Fleisch x 1827 l/kg Weizen also 5481 l/kg Fleisch aus dem Futter auf der Wasserbilanz stehen. Das macht dann den Löwenanteil aus.

        Auch für Futterpflanzen rechnen die Autoren der Studie anteilig blaues und graues Wasser an. Dadurch sinkt der Anteil des grünen Wassers für den globalen Mittelwert von Rindfleisch auf 94 %. Dennoch stellen damit die über die Futterpflanzen angerechneten Niederschläge den Mammutanteil dar. Die Einordnung des Wasserfußabdrucks für Rindfleisch steht und fällt damit, wie das Niederschlagswasser einzustufen ist beziehungsweise dessen Verwertung durch die Pflanzen.

          Vergleich mit Industrieprozessen hinkt

          Virtual Water

          Durch die Anrechnung der Niederschläge weisen nahezu sämtliche landwirtschaftlichen Produkte relativ hohe Summenwerte auf. Das lässt so machen Unternehmenschef aus der Industrie mit Begeisterung in die Hände klatschen und auf das Modell aufspringen. Die Vergleiche sind hinlänglich bekannt, etwa dass in einer Batterie nur 4.000 l Wasser stecken, also in etwa so viel wie in einem 250-g-Steak. Die Relationen kippen aber sofort, wenn gleichwertige Wasserkategorien gegenübergestellt werden, das heißt bei Industrieprodukten in der Regel die blaue und graue Kategorie.

          Deshalb gilt es bei der Verwendung des Wasserfußabdruck nach grünem, blauem und grauem Wasser einiges zu beachten:

          • die Unterscheidung in grünes, blaues und graues virtuelles Wasser,
          • nationale Unterschiede,
          • Unterschiede durch die Produktionsform.

          Modell für den internationalen Wasserhandel

          Virtual Water

          Der Anwendungsbereich des Modells liegt ursprünglich in der Ökonomie, indem es Wirtschaftsgüter mit Wassermengen bepreist. Es sollte Wasser international handelbar machen, ohne dass es physisch transportiert werden muss. Bewegt werden stattdessen Waren oder Dienstleistungen, in die das Wasser eingebettet ist, also das Kilo Rindfleisch, das für seine Herstellung eine gewisse Wassermenge erfordert hat.

          Das sollte zum einen eine ökonomische Antwort auf die Ungleichverteilung des Süßwassers auf dieser Welt sein. Zum anderen eine Lösung für den unterschiedlichen Wasserbedarf in den Ländern bei der Herstellung einzelner Produkte liefern. Für wasserarme Länder könnte es sinnvoller sein, Güter, die in der Herstellung viel Wasser erfordern, zu importieren und dafür andere Waren zu produzieren oder sich das Wasser für den menschlichen Konsum zu sparen. Zum Beispiel: Wüstennationen, die Erdöl haben, kaufen Rindfleisch aus den USA, bezahlen mit Geldern aus der Erdölförderung und sparen sich ihr Wasser. Damit findet die Wasserwirtschaft auf einer monetären Ebene statt.

          Ansatz in wissenschaftlichen Kreisen nicht unumstritten

          Amazonas

          Dieser Ansatz ist in wissenschaftlichen Kreisen nicht unumstritten. „Virtuelles Wasser ist eine durch und durch neoliberale Form der Wassermodellierung – sie reduziert globale Wasserströme auf Warenströme in der Hoffnung, den Handel zur Lösung von Wasserkrisen zu nutzen. Sogar Wasserscheiden sind zu Märkten geworden“, kritisieren die Wissenschaftler Kaitlin Stack Whitney und Kristoffer Whitney vom Rochester Institute of Technology, USA in dem Artikel  „Natural Resources Management in the Wake of Neoliberalism“. Und selbst unter akademischen Forschern gebe es unterschiedliche Meinungen darüber, wie virtuelles Wasser gemessen oder interpretiert werden könne.

          Und noch eine klare Ansage machen die Wissenschaftler: „Mit der Erfindung des virtuellen Wassers … verwandelt Allan Wasser in flüssiges Kapital, ein austauschbares Gut, das durch internationalen Handel optimiert werden kann, ohne ökologischen und politischen Kontext.“

          Dies ist ein wichtiger Aspekt. Viele glauben im Modell des virtuellen Wassers ein Werkzeug zur ökologischen Beurteilung gefunden zu haben. Das kommt Wirtschaftskreisen sehr gelegen. Sie befeuern fleißig diese Einschätzung. Auch Umweltschutzkreise nutzen gerne die imposant erscheinenden Zahlen aufgrund ihrer schieren Größe.

          Sie erzeugen dadurch aber eine Verzerrung der Realität, denn das Modell bietet keinen ökologischen Kontext, wie die beiden genannten Wissenschaftler betonen. Es liegt hier also eine klassische Form der Dekontextualisierung vor, bei der Ökonomie und Ökologie wild durcheinandergewürfelt werden. Die Ökonomen wird es freuen, wenn sie die Maßstäbe in der Ökologie setzen dürfen.

          Wald ist "Spitzenverbraucher" bei Wasser

          Wasserfußabdruck

          Wie schwierig das Modell des Wasserfußabdrucks zu interpretieren ist, zeigt auch das Einfügen des Waldes in dieses Modell. Dessen Wasserverdunstung macht 45 bis 58 % des gesamten Dampfflusses vom Land in die Atmosphäre aus. Er setzt damit riesige Wassermengen um. Nach dem Modell des virtuellen Wasser ist er damit ein Großverbraucher. Aber genau das macht ihn so wertvoll, weil wichtige ökologische Leistungen damit verbunden sind.

          Die Studie The water footprint of wood for lumber, pulp, paper, fuel and firewood geht auf den Wasserkonsum von Wäldern ein und ermittelt den Wasserfußabdruck für die Holznutzung. Dabei nimmt sie auch ökologische Kriterien mit in die Kalkulation auf. Dadurch schneiden tropische Wälder in der Regel besser ab als diejenigen in gemäßigten Breiten.

          Aber auch hier kommt letztendlich die Nutzungsintensität mit ins Spiel. Den schlechtesten Wert hat Japan, weil die Wälder hohe Verdunstungsraten haben, aber nur wenig Holz eingeschlagen wird. Damit ergibt sich eine kuriose Situation: Die CO2-Senken-Leistung und der Wasserfußabdruck verhalten sich im japanischen Beispiel gegenläufig. Das zeigt, wie schwierig nackte Zahlen zum Wasserverbrauch einzuordnen sind.

          Worin der Haken liegt

          Wer den Wasserverbrauch für ein Kilogramm deutsches Rindfleisch mit 15.415 l beziffert, liegt um den Faktor 2 falsch.

          Wichtiger als der Zahlenwert an sich, dürfte aber noch die Einschätzung sein, ob der Begriff "Verbrauch" überhaupt zutreffend ist. Wenn dem so wäre, hätten es sich die Autoren der Studie "The green, blue and grey water footprint of farm animals and animal products" viel einfacher machen können und statt den drei Kennwerten, aufgegliedert nach Nationen und Produktionsgrößen, nur einen berechnen können und dazu den Titel "The waste of water" vergeben können. Ganz so einfach ist die Sache aber dann doch nicht, denn virtuelles Wasser und physikalischer Verbrauch sind nicht einfach 1:1 gleichzusetzen.

          Aus der Studie geht hervor, dass 98 % des für Rindfleisch veranschlagten Wassers auf die pflanzliche Futterbasis zurückgeht. Damit ist die entscheidende Frage, woher beziehen die Futterpflanzen ihr Wasser und was stellen sie damit an?

          Die Vegetation, so viel ist klar, ist Teil eines Kreislaufsystems. Die Nutzpflanzen saugen das Regenwasser auf, entziehen ihm die Nährstoffe und geben es an die sie umgebende Atmosphäre wieder ab. Durch die Sonneneinstrahlung erwärmt sich die bodennahe Luft, steigt auf und der darin enthaltene Wasserdampf kondensiert in kälteren Schichten zu Wolken, die wieder abregnen.

          Dazu ein einfaches Gedankenspiel: Angenommen der Landwirt hört auf, die Fläche fällt brach. Auf die Niederschläge hat das keinen Einfluss. Sie fallen nach wie vor. Und auf der Fläche werden nach wie vor Pflanzen wachsen, die das Regenwasser nutzen. Der vorher beschriebene Kreislauf läuft also weiter. Der Großteil des "Wasserverbrauchs" im Modell des virtuellen Wassers besteht damit unverändert fort. Es erfolgt lediglich keine Anrechnung mehr auf ein Nutztier.

          Das Modell des virtuellen Wassers bildet den natürlichen Kreislauf nicht ab. Es bilanziert nach dem Kaufmannsprinzip: Es gibt das zu fertigende Produkt Rindfleisch, dessen Kosten sich danach bemessen, wieviel Wasser virtuell darin eingeschlossen ist. John Arthur Allen interessierten dabei vor allem, welche Länder billiger produzieren können. In der Studie von Mekonnen und Koestra zeigte sich zusätzlich, dass auch die Produktionsformen großen Einfluss auf die Kosten haben.

          Logikbrüche und Widersprüche vorprogrammiert

          Wer das ökonomische Modell für ökologische Beurteilungen heranziehen will, wird deshalb immer wieder auf Widersprüche treffen, etwa bei der Produktionsintensität. So schneiden im Modell des virtuellen Wassers intensive Produktionsformen besser ab, obwohl Ökologen extensive Formen befürworten. Ökonomie und Ökologie schlagen eben nicht immer im gleichen Takt. Wer ökologische Fragen mit einem ökonomischen Modell beantworten will, hat den falschen Kontext gewählt (Dekontextualisierung).

          Dennoch gibt es eine Reihe von NGOs, die die Zahlen gerne für ökologische Aussagen heranziehen. Die Begründung lautet dann häufig, dass das Modell alle verfügbaren Wasserquellen in eine Gesamtbilanz einbezieht und damit ein vollumfängliches Bild liefert. Das stimmt natürlich in gewisser Weise. Mehr Einrechnen als dies im Modell des virtuellen Wassers geschieht, geht kaum. Daraus resultieren auch die großen Zahlen. Bei oberflächlicher Betrachtung werden die Knackpunkte auch nicht offensichtlich, weil das kaufmännische Bilanzieren dem in einer Industriegesellschaft dominierende Denken in linearen Ketten entspricht. Diese Sichtweise klammert aber den ökologisch bedeutsamen Kreislaufgedanken aus und der ist eben die Grundlage der nachhaltigsten Systeme.

          Wer dennoch das umfangreiche und durchaus imposante Zahlenwerk für ökologische Fragen nutzen will, dürfte am besten fahren, wenn er die grüne Wasserfraktion außen vorlässt, denn die bleibt in den natürlichen Wasserkreislauf eingebunden. Mit blauem und grauem Wasser stehen damit die weniger umweltverträglichen Anteile im Fokus.