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Hühnerhaltung

Bruderhahn erfordert noch viel Überzeugungsarbeit beim Verbraucher

Mit der Aufzucht von Bruderhähnen baut sich Lorenz Ann einen eigenen Betriebszweig in Schleswig-Holstein auf.
Lorenz Märtl
am Dienstag, 04.10.2022 - 10:32

In nicht einmal vier Jahren muss für jede Bioland-Legehenne ein Bruderhahn aufgezogen werden. Die Mast kann man auslagern. Aber die Vermarktung läuft noch schleppend – auch weil die Verbraucher aufgeklärt werden müssen.

Ideal für die Schlachtung kleinerer Geflügelbestände: das Schlachtmobil, das auf den Betrieb kommt.

Ab dem 31.12.2026 muss jeder Bioland-Legehenne ein kopfäquivalenter Bioland-Bruderhahn gegenübergestellt sein – nur dann darf die Vermarktung der Eier mit dem Hinweis „Bioland Ei mit Bruderhahnaufzucht“ erfolgen, besagt die Vermarktungsrichtlinie. Bei dieser Kennzeichnung für Eier beträgt die Mindestmastdauer der Bruderhähne 70 Tage. Bei der diesjährigen Bioland-Geflügeltagung standen deshalb Modelle der Bruderhahnaufzucht und deren Vermarktung im Mittelpunkt.

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Weil viele Betriebe entweder aus Platzmangel, wegen fehlender Infrastruktur oder zu wenig Zeit ihre Hähne nicht selbst mästen können sieht Lorenz Ann darin die Grundlage für einen eigenständigen Betriebszweig. Mit seinem neu gegründeten Biohof in Fischbek im Kreis Stormarn in Schleswig-Holstein bewirtschaftet er momentan fünf Hektar Dauergrünland, auf dem zwei neue Mobilställe stehen. Auf den Weiden werden maximal 1000 Bruderhähne 14 bis 20 Wochen lang gemästet.

Für die Vertragspartner die Hähnchen mästen

Pionier auf diesem Sektor ist auch Ludger Engeln aus der Nähe von Papenburg, der als Vertragspartner die Bruderhähne von Bio-Gut Rosenthal übernimmt. Für die Aufzucht der Bruderküken hat der Milchkuh- und Käsebetrieb Engelnhof die Stallanlage einer benachbarten ehemaligen Entenmast gekauft. Um die Tiere entsprechend der Bioland-Richtlinien halten zu können hat Ludger Engeln mit seinem Team den konventionellen Stall aufwändig umgebaut.

Die größte bauliche Herausforderung war dabei die Aufteilung des 1236 m2 großen Stall in zwei separate Bereiche für Vor- und Hauptaufzucht mit jeweils 4800 Tieren.

Im Wintergarten, der als Kaltbereich angelegt ist, können die Tiere fressen und sich beschäftigen. Der beheizte Warmbereich dient als Rückzugs- und Ruhebereich. „Dank des großen Stalls und der zahlreich vorhandenen Pick- und Scharrmöglichkeiten kommt es kaum zu Auseinandersetzungen“, berichtet Ralf Gerke, der für den Bereich verantwortlich ist.

Nach 50 Tagen dürfen die Bruderküken den großzügig bemessenen Grünauslauf nutzen. „Es ist schön zu sehen, dass die Stallanlage den Bedürfnissen der Tiere gerecht wird. Im Außengehege können sich die Hähne unter Bäumen und Sträuchern verstecken, das würden sie in ihrem natürlichen Lebensraum auch machen“, sagt Ludger Engeln. „Die Fütterung erfordert viel Augenmaß und Erfahrung, aber wir machen von Durchgang zu Durchgang Fortschritte um die Ergebnisse zu verbessern“, berichtet Gerke. Nach 100 Tagen Mast lässt das Bio-Gut Rosenthal die Hähne schlachten und deren Fleisch zu Convenience-Produkten verarbeiten.

Die Vermarktung ist zeitaufwändig

Dass es mit der Aufzucht des Bruderhahns alleine nicht getan ist, sondern auch die Vermarktung organisiert sein will verdeutlichte Anna Ostermeier vom Hasenberghof in Adelsried. Aus dem urspünglich im Nebenerwerb geführten konventionellen Milchviehbetrieb wurde nach der Aussiedlung 2017 ein reiner Legehennenbetrieb mit zweimal 3000 Tieren, der auf Selbstvermarktung setzt und neben Eiern und Suppenhühnern auch Dinkel im Angebot hat. Aus den Anfangs verschiedenen Vermarktungswegen hat sich zwischenzeitlich der Hofladen, der eigentlich nicht geplant war, als die beste Möglichkeit etabliert, vor allem wegen der Bruderhähne.

Für Anna Ostermeier war von Anfang an klar dass diese zu ihrem ganzheitlichen Konzept gehören. Gemästet werden sie bei Partnerbetrieben und nach der Schlachtung kommen sie zur Vermarktung auf den Hasenberghof zurück wo sie anfangs im Ganzen und tief gefroren in den Verkauf kamen. Seit Ende letzten Jahres sind auch Einzelteile wie Brust oder Keule und Hackfleisch im Verkauf, wobei sich gezeigt hat, dass der direkte Kontakt zu den Kunden im Hofladen Gold wert ist. Denn in Sachen Öffentlichkeitsarbeit gibt es beim Bruderhahn noch Überzeugungsarbeit . „Die Vermarktung an den Endkunden ist zeitaufwändig und anstrengend“, berichtet Ostermeier, und weiter: „Denn aus deren Sicht ist das Thema Hahn und Henne und wie das funktioniert ganz weit weg.“ Die Eier würde zwar jeder kennen, „aber der Bruderhahn bleibt ein erklärungsbedürftiges Produkt.“

Ausser im Hofladen läuft das Geschäft mit dem Bruderhahnfleisch nach wie vor schleppend. „Da gibt es nichts zu beschönigen“, berichtet sie und vermisst den Schub, der eigentlich durch die Naturkostläden gehen sollte. Die Gastronomie sei da pfiffiger, „die probieren Neues aus und bewerben es auch toll, auch wenn es im Lockdown schwierig war.“ Gerade hier sehe sie für die Zukunft Potential. Und sie ist der festen Überzeugung: „Wer einmal einen Bio-Bruderhahn gekauft hat, der kauft sicher wieder einen.“

Derzeit bindet der Bau des neuen Wohnhauses mit Hofladen viel Kraft und Energie, aber im Hinterkopf reifen bereits neue Pläne, „denn auch die Aufzucht der Bruderhähne würde zu uns als Direktvermarkter passen.“

Mit Schlachtmobilen zusammenarbeiten

Ein weiteres Problem, das im Zusammenhang mit der Vermarktung der Bruderhähne auftaucht, ist die Schlachtung, wenn es vor allem um kleinere Tierbestände geht und und für den einzelnen Betrieb der Aufwand für ein Schlachthaus, die Einrichtung und die Veterinärauflagen oft zu aufwendig sind. Man benötigt einen Sachkundenachweis zum Betäuben und Schlachten von Geflügel, Hygieneschulung, Belehrung nach dem Infektionsgesetz und zahlreiche Auflagen für die Einrichtung. In solchen Fällen sind mobile Anlagen zur Geflügelschlachtung eine Lösung, worüber Axel Hilckmann, Fachberater für ökologische Geflügelhaltung aus Wittlich informierte. Zwischenzeitlich gibt es deutschlandweit 16 solcher Schlachtmobile.

Ein festes eigenes Schlachthaus passt dagegen in die ganzheitliche Wirtschaftsweise des Geflügelhofs von Jens Bodden in Goch am Niederrhein. Er züchtet Tiere, die an die Bedingungen des Ökolandbaus angepasst sind, zieht die geschlüpften Küken (weiblich und männlich) selbst auf, vermarktet die Eier der Legehennen, schlachtet die Hähne und Hennen nach einem lebenswerten Leben ohne Höchstleistung um sie dann regional zu vermarkten. Das Schlachthaus war deswegen die perfekte Ergänzung.

Wöchentlich werden zwischen 200 und 300 Tiere geschlachtet. Auch Jens Bodden bestätigt, dass im Hinblick auf die Vermarktung der Bruderhähne noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss.