Zuchtwert

Braunvieh: Hornlosvererber gewinnen an Bedeutung

Stefan Schweiger, LfL Tierzucht, Grub
am Donnerstag, 15.04.2021 - 15:45

Zuchtwertschätzung: Die Einführung der Single-Step-Methode wirbelt die Bestenliste der Braunviehvererber durcheinander.

Geprüfter-Vererber-VISOR P_MR

Auch beim Braunvieh gibt es viele Änderungen in der Zuchtwertschätzung. Durch die Einführung der Single-Step-Methode konnten, unter Einbeziehung der genomischen Daten aus der Kuhlernstichprobe, die Sicherheiten vieler Zuchtwerte zum Teil deutlich erhöht werden. Dies ist eine qualitative Verbesserung der Zuchtwertschätzung. Das Erhöhen der Streuung von 12 auf 15 Punkte und die Verschiebung der Bezugsbasis sind jedoch nur methodische Änderungen (siehe S. 29). Das führt unter anderem zu höheren Gesamtzuchtwerten (GZW). Diese sind jedoch nicht durch verbesserte Leistungen zu erklären, sondern beruhen nur auf statistischen Umstellungen.

Für eine weitere Neuerung bei dieser ZWS steht der Bulle Visor P*S. Denn er ist der erste natürlich hornlose Braunviehbulle, der die Liste der geprüften Vererber anführt. Der Viper-Sohn kann nach seiner ersten Zuchtwertschätzung als geprüfter Bulle einen GZW von 139 erreichen. Dank positiver Inhaltsstoffe (+0,10 % Fett und +0,09 % Eiweiß) kommt er bei mittlerer Milchmenge von +547 kg auf einen Milchwert (MW) von 121. Starke Werte für Nutzungsdauer 111 und Fitness 118 lassen langlebige, robuste Kühe erwarten. Dafür sprechen auch der gute Töchterfruchtbarkeitswert von 115 und seine guten Gesundheitszuchtwerte. Diese Zuchtwerte können jetzt durch die Verwendung der Single-Step-Methode für alle Bullen geschätzt werden und sollten auch zukünftig bei der Bullenauswahl Berücksichtigung finden.
Im Exterieur zeigen sich die ersten Visor-Töchter als mittelrahmige Tiere mit guten Becken. Die Fundamente sind optimal gewinkelt mit einer straffen Fessel. Er kann auch durch die Vererbung hochangesetzter und gut aufgehängter Euter überzeugen. Für die Anpaarung sollte allerdings die leicht unterdurchschnittliche Melkbarkeit von 96 beachtet werden.
Deutliche Veränderungen gab es für den letztmaligen Listenführer Erwin. Er verliert -325 kg Milch zum Dezember. Durch einen deutlich verbesserten Fettgehalt auf sehr hohe +0,39 % kann er trotz der hohen Verluste in der Leistung immer noch einen MW von 120 (-4) erreichen. Eine deutliche Verbesserung gab es im maternalen Fruchtbarkeitswert auf sehr gute 117. Leider bleibt sein Befruchtungswert schlecht mit einem Wert von -14 %.

Hamburg bleibt stabil

Sehr stabil in seinen einzelnen Zuchtwerten zeigt sich Hamburg. Wie bei seinem Vater Hacker sind seine Stärke im Bereich Fitness und Funktion. Berücksichtigen sollte man bei ihm ebenfalls den schwachen Befruchtungswert von -5 % und im Exterieur die sehr weit innen platzierten Zitzen.
Anders die Entwicklung bei Vip. Er gewinnt jetzt in der Milchmenge (+109 kg), gibt jedoch in den Inhaltsoffen zum Teil deutlich ab. Dies führt zu einem verringerten Milchwert von -2 Punkten. Zu beobachten bleibt die Entwicklung im Töchterfruchtbarkeitswert der aktuell bei 91 (-10) liegt.
Weiterhin fester Bestandteil unter den Top-Ten-Bullen ist der mischerbig hornlose Bulle Vespa P*S. Bei hoher Milchmenge (+935) und guter Melkbarkeit (124) sollte er immer wieder in der Besamungsentscheidung bedacht werden. Mit Visor P*S und Vespa P*S sollte sich auch der Anteil der Besamungen mit natürlich hornlosen Bullen bei der Rasse Brown Swiss weiter erhöhen lassen.
Ein weiterer Neuling bei den geprüften Vererbern kommt mit Jakarta ins Angebot. Seine Stärken liegen mit Fitness 113 und Nutzungsdauer 121 wiederum im Bereich Funktionalität. Im sehr ausgeglichenen Exterieur (Gesamtnote 114) gilt es auch bei Jakarta die Strichplatzierung hinten (116) zu beachten.
Für die Bullen Vanpari, Brilliant, Veritas und Hirsch ergab diese Zuchtwertschätzung in den Einzelzuchtwerten nur geringe Veränderungen.

Genomische Jungvererber

Die größten Verbesserungen für die geomischen Vererber sind nach dieser ZWS neben den Gesundheitszuchtwerten die höheren Sicherheiten der Bullen über viele Zuchtwerte. So kann ein GJV, der bereits einen geprüften Vater besitzt, eine Sicherheit von ca. 75 % im GZW erreichen. Dies war vorher unter anderem die Grenze mit der ein Bulle als geprüfter Vererber eingestuft wurde.
Der Amorie-Sohn Austria steht nun an der Spitze der genomischen Bullen. Mit einer sehr hohen Milchmengenvererbung von +1443 kg gehört er zu den besten Leistungsvererbern. An Nummer zwei folgt mit Duster P*S wiederum ein natürlich hornloser Bulle, der wie sein Vater David Pp* der Hornloszucht weiter Auftrieb geben wird. Über alle Bullen sollte jedoch weiterhin der Grundsatz eines ausbalancierten Einsatzes gelten um den bestmöglichen Zuchtfortschritt zu ermöglichen.